Der Neuen Gedichte: Anderer Teil
Part 2
Und sie schweigen, weil die Scheidewände weggenommen sind aus ihrem Sinn, und die Stunden, da man sie verstände, heben an und gehen hin.
Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten: plötzlich ist es alles gut. Ihre Hände liegen im Konkreten, und das Herz ist hoch und könnte beten, und die Augen schauen ausgeruht
auf den unverhofften, oftentstellten Garten im beruhigten Geviert, der im Widerschein der fremden Welten weiterwächst und niemals sich verliert.
AUS DEM LEBEN EINES HEILIGEN
Er kannte Ängste, deren Eingang schon wie Sterben war und nicht zu überstehen. Sein Herz erlernte, langsam durchzugehen; er zog es groß wie einen Sohn.
Und namenlose Nöte kannte er, finster und ohne Morgen wie Verschläge; und seine Seele gab er folgsam her, da sie erwachsen war, auf daß sie läge
bei ihrem Bräutigam und Herrn; und blieb allein zurück an einem solchen Orte, wo das Alleinsein alles übertrieb, und wohnte weit und wollte niemals Worte.
Aber dafür, nach Zeit und Zeit, erfuhr er auch das Glück, sich in die eignen Hände, damit er eine Zärtlichkeit empfände, zu legen wie die ganze Kreatur.
DIE BETTLER
Du wußtest nicht, was den Haufen ausmacht. Ein Fremder fand Bettler darin. Sie verkaufen das Hohle aus ihrer Hand.
Sie zeigen dem Hergereisten ihren Mund voll Mist, und er darf (er kann es sich leisten) sehn, wie ihr Aussatz frißt.
Es zergeht in ihren zerrührten Augen sein fremdes Gesicht; und sie freuen sich des Verführten und speien, wenn er spricht.
FREMDE FAMILIE
So wie der Staub, der irgendwie beginnt und nirgends ist, zu unerklärtem Zwecke an einem leeren Morgen in der Ecke, in die man sieht, ganz rasch zu Grau gerinnt,
so bildeten sie sich, wer weiß aus was, im letzten Augenblick vor deinen Schritten und waren etwas Ungewisses mitten im nassen Niederschlag der Gasse, das
nach dir verlangte. Oder nicht nach dir. Denn eine Stimme, wie vom vorigen Jahr, sang dich zwar an und blieb doch ein Geweine; und eine Hand, die wie geliehen war, kam zwar hervor und nahm doch nicht die deine. Wer kommt denn noch? Wen meinen diese vier?
LEICHEN WÄSCHE
Sie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch als die Küchenlampe kam und unruhig brannte im dunkeln Luftzug, war der Unbekannte ganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,
und da sie nichts von seinem Schicksal wußten, so logen sie ein anderes zusamm, fortwährend waschend. Eine mußte husten und ließ solang den schweren Essigschwamm
auf dem Gesicht. Da gab es eine Pause auch für die zweite. Aus der harten Bürste klopften die Tropfen; während seine grause gekrampfte Hand dem ganzen Hause beweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste.
Und er bewies. Sie nahmen wie betreten eiliger jetzt mit einem kurzen Huster die Arbeit auf, so daß an den Tapeten ihr krummer Schatten in dem stummen Muster
sich wand und wälzte wie in einem Netze, bis daß die Waschenden zu Ende kamen. Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmen war rücksichtslos. Und einer ohne Namen lag bar und reinlich da und gab Gesetze.
EINE VON DEN ALTEN
PARIS
Abends manchmal (weißt du, wie das tut?) wenn sie plötzlich stehn und rückwärts nicken und ein Lächeln, wie aus lauter Flicken, zeigen unter ihrem halben Hut.
Neben ihnen ist dann ein Gebäude, endlos, und sie locken dich entlang mit dem Rätsel ihrer Räude, mit dem Hut, dem Umhang und dem Gang.
Mit der Hand, die hinten unterm Kragen heimlich wartet und verlangt nach dir: wie um deine Hände einzuschlagen in ein aufgehobenes Papier.
DER BLINDE
PARIS
Sieh, er geht und unterbricht die Stadt, die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle, wie ein dunkler Sprung durch eine helle Tasse geht. Und wie auf einem Blatt
ist auf ihm der Widerschein der Dinge aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein. Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge es die Welt in kleinen Wellen ein:
eine Stille, einen Widerstand--, und dann scheint er wartend wen zu wählen: hingegeben hebt er seine Hand, festlich fast, wie um sich zu vermählen.
EINE WELKE
Leicht, wie nach ihrem Tode trägt sie die Handschuh, das Tuch. Ein Duft aus ihrer Kommode verdrängte den lieben Geruch,
an dem sie sich früher erkannte, Jetzt fragte sie lange nicht, wer sie sei (:eine ferne Verwandte), und geht in Gedanken umher
und sorgt für ein ängstliches Zimmer, das sie ordnet und schont, weil es vielleicht noch immer dasselbe Mädchen bewohnt.
ABENDMAHL
Ewiges will zu uns. Wer hat die Wahl und trennt die großen und geringen Kräfte? Erkennst du durch das Dämmern der Geschäfte im klaren Hinterraum das Abendmahl:
wie sie sich's halten und wie sie sich's reichen und in der Handlung schlicht und schwer beruhn. Aus ihren Händen heben sich die Zeichen; sie wissen nicht, daß sie sie tun
und immer neu mit irgendwelchen Worten einsetzen, was man trinkt und was man teilt. Denn da ist keiner, der nicht allerorten heimlich von hinnen geht, indem er weilt.
Und sitzt nicht immer einer unter ihnen, der seine Eltern, die ihm ängstlich dienen, wegschenkt an ihre abgetane Zeit? (Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)
DIE BRANDSTÄTTE
Gemieden von dem Frühherbstmorgen, der mißtrauisch war, lag hinter den versengten Hauslinden, die das Heidehaus beengten, ein Neues, Leeres. Eine Stelle mehr,
auf welcher Kinder, von Gott weiß woher, einander zuschrien und nach Fetzen haschten. Doch alle wurden stille, sooft er, der Sohn von hier, aus heißen, halbveraschten
Gebälken Kessel und verbogne Tröge mit einem langen Gabelaste zog,-- um dann mit einem Blick, als ob er löge, die andern anzusehn, die er bewog
zu glauben, was an dieser Stelle stand. Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm so seltsam: phantastischer als Pharao. Und er war anders, wie aus fernem Land.
DIE GRUPPE
PARIS
Als pflückte einer rasch zu einem Strauß: ordnet der Zufall hastig die Gesichter, lockert sie auf und drückt sie wieder dichter, ergreift zwei ferne, läßt ein nahes aus,
tauscht das mit dem, bläst irgendeines frisch, wirft einen Hund, wie Kraut, aus dem Gemisch und zieht, was niedrig schaut, wie durch verworrne Stiele und Blätter, an dem Kopf nach vorne
und bindet es ganz klein am Rande ein; und streckt sich wieder, ändert und verstellt und hat nur eben Zeit, zum Augenschein
zurückzuspringen mitten auf die Matte, auf der im nächsten Augenblick der glatte Gewichteschwinger seine Schwere schwellt.
SCHLANGENBESCHWÖRUNG
Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörer die Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt, so kann es sein, daß er sich einen Hörer herüberlockt, der ganz aus dem Tumult
der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife, die will und will und will und die erreicht, daß das Reptil in seinem Korb sich steife und die das steife schmeichlerisch erweicht,
abwechselnd immer schwindelnder und blinder mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst--; und dann genügt ein Blick: so hat der Inder dir eine Fremde eingeflößt,
in der du stirbst. Es ist, als überstürze glühender Himmel dich. Es geht ein Sprung durch dein Gesicht. Es legen sich Gewürze auf deine nordische Erinnerung,
die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte, die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft; von böser Freude steilen sich die Schäfte, und in den Schlangen glänzt das Gift.
SCHWARZE KATZE
Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle, dran dein Blick mit einem Klange stößt; aber da an diesem schwarzen Felle wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:
wie ein Tobender, wenn er in vollster Raserei ins Schwarze stampft, jählings am benehmenden Gepolster einer Zelle aufhört und verdampft.
Alle Blicke, die sie jemals trafen, scheint sie also an sich zu verhehlen, um darüber drohend und verdrossen zuzuschauern und damit zu schlafen. Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt, ihr Gesicht und mitten in das deine: und da triffst du deinen Blick im geelen Amber ihrer runden Augensteine unerwartet wieder: eingeschlossen wie ein ausgestorbenes Insekt.
VOR-OSTERN
NEAPEL
Morgen wird in diesen tiefgekerbten Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen unten dunkel nach dem Hafen drängen, hell das Gold der Prozessionen rollen; statt der Fetzen werden die ererbten Bettbezüge, welche wehen wollen, von den immer höheren Balkonen (wie in Fließendem gespiegelt) hängen.
Aber heute hämmert an den Klopfern jeden Augenblick ein voll Bepackter, und sie schleppen immer neue Käufe; dennoch stehen strotzend noch die Stände. An der Ecke zeigt ein aufgehackter Ochse seine frischen Innenwände, und in Fähnchen enden alle Läufe. Und ein Vorrat wie von tausend Opfern
drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke, zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer aller Türen, und vor dem Gegähne der Melonen strecken sich die Brote. Voller Gier und Handlung ist das Tote; doch viel stiller sind die jungen Hähne und die abgehängten Ziegenböcke und am allerleisesten die Lämmer,
die die Knaben um die Schultern nehmen und die willig von den Schritten nicken; während in der Mauer der verglasten spanischen Madonna die Agraffe und das Silber in den Diademen von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter schimmert. Aber drüber in dem Fenster zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe und führt rasch in einer angemaßten Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.
DER BALKON
NEAPEL
Von der Enge, oben, des Balkones angeordnet wie von einem Maler und gebunden wie zu einem Strauß alternder Gesichter und ovaler, klar im Abend, sehn sie idealer, rührender und wie für immer aus.
Diese aneinander angelehnten Schwestern, die, als ob sie sich von weit ohne Aussicht nacheinander sehnten, lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;
und der Bruder mit dem feierlichen Schweigen, zugeschlossen, voll Geschick, doch von einem sanften Augenblick mit der Mutter unbemerkt verglichen;
und dazwischen, abgelebt und länglich, längst mit keinem mehr verwandt, einer Greisin Maske, unzugänglich, wie im Fallen von der einen Hand aufgehalten, während eine zweite, welkere, als ob sie weitergleite, unten vor den Kleidern hängt zur Seite
von dem Kinder-Angesicht, das das Letzte ist, versucht, verblichen, von den Stäben wieder durchgestrichen wie noch unbestimmbar, wie noch nicht.
AUSWANDERER-SCHIFF
NEAPEL
Denk, daß einer heiß und glühend flüchte, und die Sieger wären hinterher, und auf einmal machte der Flüchtende kurz, unerwartet, Kehr gegen Hunderte--: so sehr warf sich das Erglühende der Früchte immer wieder an das blaue Meer,
als das langsame Orangenboot sie vorübertrug bis an das große graue Schiff, zu dem, von Stoß zu Stoße, andre Boote Fische hoben, Brot,-- während es voll Flohn in seinem Schöße Kohlen aufnahm, offen wie der Tod.
LANDSCHAFT
Wie zuletzt, in einem Augenblick aufgehäuft aus Hängen, Häusern, Stücken alter Himmel und zerbrochnen Brücken, und von drüben her, wie vom Geschick, von dem Sonnenuntergang getroffen, angeschuldigt, aufgerissen, offen-- ginge dort die Ortschaft tragisch aus:
fiele nicht auf einmal in das Wunde, drin zerfließend, aus der nächsten Stunde jener Tropfen kühlen Blaus, der die Nacht schon in den Abend mischt, so daß das von ferne Angefachte sachte, wie erlöst, erlischt.
Ruhig sind die Tore und die Bogen, durchsichtige Wolken wogen über blassen Häuserreihn, die schon Dunkel in sich eingesogen; aber plötzlich ist vom Mond ein Schein durchgeglitten, licht, als hätte ein Erzengel irgendwo sein Schwert gezogen.
RÖMISCHE CAMPAGNA
Aus der vollgestellten Stadt, die lieber schliefe, träumend von den hohen Thermen, geht der grade Gräberweg ins Fieber; und die Fenster in den letzten Fermen
sehn ihm nach mit einem bösen Blick. Und er hat sie immer im Genick, wenn er hingeht, rechts und links zerstörend, bis er draußen atemlos beschwörend
seine Leere zu den Himmeln hebt, hastig um sich schauend, ob ihn keine Fenster treffen. Während er den weiten
Aquädukten zuwinkt herzuschreiten, geben ihm die Himmel für die seine ihre Leere, die ihn überlebt.
LIED VOM MEER
CAPRI. PICCOLA MARINA
Uraltes Wehn vom Meer, Meerwind bei Nacht: du kommst zu keinem her; wenn einer wacht, so muß er sehn, wie er dich übersteht: uraltes Wehn vom Meer, welches weht nur wie für Urgestein, lauter Raum reißend von weit herein.
O wie fühlt dich ein treibender Feigenbaum oben im Mondschein.
NÄCHTLICHE FAHRT
SANKT PETERSBURG
Damals als wir mit den glatten Trabern (schwarzen, aus dem Orloffschen Gestüt)--, während hinter hohen Kandelabern Stadtnachtfronten lagen, angefrüht stumm und keiner Stunde mehr gemäß--, fuhren, nein: vergingen oder flogen und um lastende Paläste bogen in das Wehn der Newa-Quais,
hingerissen durch das wache Nachten, das nicht Himmel und nicht Erde hat,-- als das Drängende von unbewachten Gärten gärend aus dem Ljetnij-Ssad aufstieg, während seine Steinfiguren schwindend mit ohnmächtigen Konturen hinter uns vergingen, wie wir fuhren--:
damals hörte diese Stadt auf zu sein. Auf einmal gab sie zu, daß sie niemals war, um nichts als Ruh flehend; wie ein Irrer, dem das Wirrn plötzlich sich entwirrt, das ihn verriet,
und der einen jahrelangen kranken gar nicht zu verwandelnden Gedanken, den er nie mehr denken muß: Granit-- aus dem leeren schwankenden Gehirn fallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.
PAPAGEIENPARK
PARIS
Unter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern, in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Ständern atmen die Ära und wissen von ihren Ländern, die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verändern.
Fremd im beschäftigten Grünen wie eine Parade, zieren sie sich und fühlen sich selber zu schade, und mit den kostbaren Schnäbeln aus Jaspis und Jade kauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.
Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mögen, während sich oben die höhnischen Vögel verbeugen zwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trögen.
Aber dann wiegen sie wieder und schläfern und äugen, spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen, zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.
DIE PARKE
I
Unaufhaltsam heben sich die Parke aus dem sanft zerfallenden Vergehn; überhäuft mit Himmeln, überstarke Überlieferte, die überstehn,
um sich auf den klaren Rasenplänen auszubreiten und zurückzuziehn, immer mit demselben souveränen Aufwand, wie beschützt durch ihn,
und den unerschöpflichen Erlös königlicher Größe noch vermehrend, aus sich steigend, in sich wiederkehrend: huldvoll, prunkend, purpurn und pompös.
II
Leise von den Alleen ergriffen, rechts und links, folgend dem Weitergehen irgendeines Winks,
trittst du mit einem Male in das Beisammensein einer schattigen Wasserschale mit vier Bänken aus Stein;
in eine abgetrennte Zeit, die allein vergeht. Auf feuchte Postamente, auf denen nichts mehr steht,
hebst du einen tiefen erwartenden Atemzug; während das silberne Triefen vor dem dunkeln Bug
dich schon zu den Seinen zählt und weiterspricht. Und du fühlst dich unter Steinen, die hören, und rührst dich nicht.
III
Den Teichen und den eingerahmten Weihern verheimlicht man noch immer das Verhör der Könige. Sie warten unter Schleiern, und jeden Augenblick kann Monseigneur
vorüberkommen; und dann wollen sie des Königs Laune oder Trauer mildern und von den Marmorrändern wieder die Teppiche mit alten Spiegelbildern
hinunterhängen, wie um einen Platz: auf grünem Grund, mit Silber, Rosa, Grau, gewährtem Weiß und leicht gerührtem Blau und einem Könige und einer Frau und Blumen in dem wellenden Besatz.
IV
Und Natur, erlaucht und als verletze sie nur unentschloßnes Ungefähr, nahm von diesen Königen Gesetze, selber selig, um den Tapis-vert
ihrer Bäume Traum und Übertreibung aufzutürmen aus gebauschtem Grün und die Abende nach der Beschreibung von Verliebten in die Avenün
einzumalen mit dem weichen Pinsel, der ein firnisklares aufgelöstes Lächeln glänzend zu enthalten schien:
der Natur ein liebes, nicht ihr größtes, aber eines, das sie selbst verliehn, um auf rosenvoller Liebes-Insel es zu einem größern aufzuziehn.
V
Götter von Alleen und Altanen, niemals ganzgeglaubte Götter, die altern in den gradbesehnittnen Bahnen, höchstens angelächelte Dianen, wenn die königliche Venerie
wie ein Wind die hohen Morgen teilend aufbrach, übereilt und übereilend--; höchstens angelächelte, doch nie
angeflehte Götter. Elegante Pseudonyme, unter denen man sich verbarg und blühte oder brannte,-- leichtgeneigte, lächelnd angewandte Götter, die noch manchmal dann und wann
das gewähren, was sie einst gewährten, wenn das Blühen der entzückten Gärten ihnen ihre kalte Haltung nimmt; wenn sie ganz von ersten Schatten beben und Versprechen um Versprechen geben, alle unbegrenzt und unbestimmt.
VI
Fühlst du, wie keiner von allen Wegen steht und stockt; von gelassenen Treppen fallen, durch ein Nichts von Neigung leise weitergelockt, über alle Terrassen die Wege, zwischen den Massen verlangsamt und gelenkt, bis zu den weiten Teichen, wo sie (wie einem Gleichen) der reiche Park verschenkt
an den reichen Raum: den Einen, der mit Scheinen und Widerscheinen seinen Besitz durchdringt, aus dem er von allen Seiten Weiten mit sich bringt, wenn er aus schließenden Weihern zu wolkigen Abendfeiern sich in die Himmel schwingt.
VII
Aber Schalen sind, drin der Najaden Spiegelbilder, die sie nicht mehr baden, wie ertrunken liegen, sehr verzerrt; die Alleen sind durch Balustraden in der Ferne wie versperrt.
Immer geht ein feuchter Blätterfall durch die Luft hinunter wie auf Stufen, jeder Vogelruf ist wie verrufen, wie vergiftet jede Nachtigall.
Selbst der Frühling ist da nicht mehr gebend, diese Büsche glauben nicht an ihn; ungern duftet trübe, überlebend abgestandener Jasmin
alt und mit Zerfallendem vermischt. Mit dir weiter rückt ein Bündel Mücken, so als würde hinter deinem Rücken alles gleich vernichtet und verwischt.
BILDNIS
Daß von dem verzichtenden Gesichte keiner ihrer großen Schmerzen fiele, trägt sie langsam durch die Trauerspiele ihrer Züge schönen welken Strauß, wild gebunden und schon beinah lose; manchmal fällt, wie eine Tuberose, ein verlornes Lächeln müd heraus.
Und sie geht gelassen drüber hin, müde, mit den schönen blinden Händen, welche wissen, daß sie es nicht fänden,
und sie sagt Erdichtetes, darin Schicksal schwankt, gewolltes, irgendeines, und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn, daß es ausbricht wie ein Ungemeines: wie das Schreien eines Steines--
und sie läßt mit hochgehobnem Kinn alle diese Worte wieder fallen, ohne bleibend; denn nicht eins von allen ist der wehen Wirklichkeit gemäß, ihrem einzigen Eigentum, das sie wie ein fußloses Gefäß halten muß, hoch über ihren Ruhm und den Gang der Abende hinaus.
VENEZIANISCHER MORGEN
RICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNET
Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer, was manchesmal uns zu bemühn geruht: die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,
sich bildet, ohne irgendwann zu sein. Ein jeder Morgen muß ihr die Opale erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale, und sie erinnern an die andern Male: dann gibt sie sich erst zu und fällt sich ein
wie eine Nymphe, die den Zeus empfing. Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre; sie aber hebt San Giorgio Maggiore und lächelt lässig in das schöne Ding.
SPÄTHERBST IN VENEDIG
Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder, der alle aufgetauchten Tage fängt. Die gläsernen Paläste klingen spröder an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt
der Sommer wie ein Haufen Marionetten kopfüber, müde, umgebracht. Aber vom Grund aus alten Waldskeletten steigt Willen auf: als sollte über Nacht
der General des Meeres die Galeeren verdoppeln in dem wachen Arsenal, um schon die nächste Morgenluft zu teeren
mit einer Flotte, welche ruderschlagend sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend, den großen Wind hat, strahlend und fatal.
SAN MARCO
VENEDIG
In diesem Innern, das wie ausgehöhlt sich wölbt und wendet in die goldnen Smalten, rundkantig, glatt, mit Köstlichkeit geölt, ward dieses Staates Dunkelheit gehalten
und heimlich aufgehäuft, als Gleichgewicht des Lichtes, das in allen seinen Dingen sich so vermehrte, daß sie fast vergingen. Und plötzlich zweifelst du: vergehn sie nicht?
und drängst zurück die harte Galerie, die wie ein Gang im Bergwerk nah am Glanz der Wölbung hängt; und du erkennst die heile
Helle des Ausblicks: aber irgendwie wehmütig messend ihre müde Weile am nahen Überstehn des Viergespanns.
EIN DOGE
Fremde Gesandte sahen, wie sie geizten mit ihm und allem, was er tat; während sie ihn zu seiner Größe reizten, umstellten sie das goldene Dogat
mit Spähern und Beschränkern immer mehr, bange, daß nicht die Macht sie überfällt, die sie in ihm (so wie man Löwen hält) vorsichtig nährten. Aber er,
im Schutze seiner halbverhängten Sinne, ward dessen nicht gewahr und hielt nicht inne, größer zu werden. Was die Signorie
in seinem Innern zu bezwingen glaubte, bezwang er selbst. In seinem greisen Haupte war es besiegt. Sein Antlitz zeigte wie.
DIE LAUTE
Ich bin die Laute. Willst du meinen Leib beschreiben, seine schön gewölbten Streifen: sprich so, als sprächest du von einer reifen gewölbten Feige. Übertreib
das Dunkel, das du in mir siehst. Es war Tullias Dunkelheit. In ihrer Scham war nicht so viel, und ihr erhelltes Haar war wie ein heller Saal. Zuweilen nahm
sie etwas Klang von meiner Oberfläche in ihr Gesicht und sang zu mir. Dann spannte ich mich gegen ihre Schwäche, und endlich war mein Inneres in ihr.
DER ABENTEURER
I
Wenn er unter jene, welche waren, trat: der Plötzliche, der schien, war ein Glanz wie von Gefahren in dem ausgesparten Raum um ihn,
den er lächelnd überschritt, um einer Herzogin den Fächer aufzuheben: diesen warmen Fächer, den er eben wollte fallen sehen. Und wenn keiner
mit ihm eintrat in die Fensternische (wo die Parke gleich ins Träumerische stiegen, wenn er nur nach ihnen wies), ging er lässig an die Kartentische und gewann. Und unterließ
nicht, die Blicke alle zu behalten, die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen, und auch die in Spiegel fielen, galten. Er beschloß, auch heute nicht zu schlafen,
wie die letzte lange Nacht, und bog einen Blick mit seinem rücksichtslosen, welcher war: als hätte er von Rosen Kinder, die man irgendwo erzog.
II
In den Tagen--(nein, es waren keine), da die Flut sein unterstes Verlies ihm bestritt, als war es nicht das seine, und ihn, steigend, an die Steine der daran gewöhnten Wölbung stieß,
fiel ihm plötzlich einer von den Namen wieder ein, die er vor Zeiten trug. Und er wußte wieder: Leben kamen, wenn er lockte; wie im Flug
kamen sie: noch warme Leben Toter, die er, ungeduldiger, bedrohter, weiterlebte mitten drin; oder die nicht ausgelebten Leben, und er wußte sie hinaufzuheben, und sie hatten wieder Sinn.
Oft war keine Stelle an ihm sicher, und er zitterte: Ich bin ---- doch im nächsten Augenblicke glich er dem Geliebten einer Königin.
Immer wieder war ein Sein zu haben: die Geschicke angefangner Knaben, die, als hätte man sie nicht gewagt, abgebrochen waren, abgesagt, nahm er auf und riß sie in sich hin; denn er mußte einmal nur die Gruft solcher Aufgegebener durchschreiten, und die Düfte ihrer Möglichkeiten lagen wieder in der Luft.
FALKEN-BEIZE
Kaiser sein heißt unverwandelt vieles überstehen bei geheimer Tat: wenn der Kanzler nachts den Turm betrat, fand er ihn, des hohen Federspieles kühnen fürstlichen Traktat
in den eingeneigten Schreiber sagen; denn er hatte im entlegnen Saale selber nächtelang und viele Male das noch ungewohnte Tier getragen,
wenn es fremd war, neu und aufgebräut. Und er hatte dann sich nie gescheut, Pläne, welche in ihm aufgesprungen oder zärtlicher Erinnerungen tieftiefinneres Geläut zu verachten, um des bangen jungen
Falken willen, dessen Blut und Sorgen zu begreifen er sich nicht erließ. Dafür war er auch wie mitgehoben, wenn der Vogel, den die Herren loben, glänzend von der Hand geworfen, oben in dem mitgefühlten Frühlingsmorgen wie ein Engel auf den Reiher stieß.
CORRIDA
IN MEMORIAM MONTEZ, 1830
Seit er, klein beinah, aus dem Toril ausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs, und den Eigensinn des Picadors und die Bänderhaken wie im Spiel
hinnahm, ist die stürmische Gestalt angewachsen--sieh: zu welcher Masse, aufgehäuft aus altem schwarzen Hasse, und das Haupt zu einer Faust geballt,