Der Neffe als Onkel Lustspiel in drei Aufzuegen. Aus dem Franzoesischen des Picard

Part 3

Chapter 33,694 wordsPublic domain

Oberst. Bleib, Hallunke!--Wahrlich, meine Frau (hier macht Champagne eine Bewegung des Schreckens) ist die Närrin nicht, für die ich sie hielt--und einen solchen Schelmstreich sollte ich so hingehen lassen?--Nein, Gott verdamm' mich, wenn ich nicht auf der Stelle meine volle Rache dafür nehme.--Es ist noch nicht so spät. Ich eile zu meinem Notar. Ich bring' ihn mit. Noch heute Nacht heirathet Lormeuil meine Tochter--Ich überrasche meinen Neffen--er muß mir den Heirathscontract seiner Base noch selbst mit unterzeichnen--Und was dich betrifft, Hallunke-Champagne. Ich, gnädiger Herr, ich will mit unterzeichnen--ich will auf der Hochzeit mit tanzen, wenn Sie's befehlen.

Oberst. Ja, Schurke, ich will dich tanzen machen!--Und die Quittung über die hundert Pistolen, merk' ich jetzt wohl, habe ich auch nicht der Ehrlichkeit des Wucherers zu verdanken.--Zu meinem Glück hat der Juwelier Bankerott gemacht--Mein Taugenichts von Neffe begnügte sich nicht, seine Schulden mit meinem Gelde zu bezahlen; er macht auch noch neue auf meinen Kredit.--Schon gut! Er soll mir dafür bezahlen! --Und du, ehrlicher Gesell, rechne auf eine tüchtige Belohnung.--Es thut mir leid, daß ich meinen Stock nicht bei mir habe; aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. (Ab.)

Champagne. Ich falle aus den Wolken! Muß dieser verwünschte Onkel auch gerade jetzt zurückkommen und mir in den Weg laufen, recht ausdrücklich, um mich plaudern zu machen--Ich Esel, daß ich ihm auch erzählen mußte--Ja, wenn ich noch wenigstens ein Glas zu viel getrunken hätte--Aber so!

Zehnter Auftritt.

Champagne. Franz Dorsigny. Frau von Mirville.

Fr. v. Mirville (kommt sachte hervor und spricht in die Scene zurück). Das Feld ist rein--du kannst herauskommen--es ist Niemand hier als Champagne.

Dorsigny (tritt ein).

Champagne (kehrt sich um und fährt zurück, da er ihn erblickt). Mein Gott, da kommt er schon wieder zurück! Jetzt wird's losgehen! (Sich Dorsigny zu Füßen werfend.) Barmherzigkeit, gnädiger Herr! Gnade--Gnade einem armen Schelm, der ja unschuldig--der es freilich verdient hätte-Dorsigny. Was soll denn das vorstellen? Steh auf! Ich will dir ja nichts zu Leide thun.

Champagne. Sie wollen mir nichts thun, gnädiger Herr-Dorsigny. Mein Gott, nein! Ganz im Gegentheil, ich bin recht wohl mit dir zufrieden--da du deine Rolle so gut gespielt hast.

Champagne (erkennt ihn). Wie, Herr, sind Sie's?

Dorsigny. Freilich bin ich's.

Champagne Ach Gott! Wissen Sie, daß Ihr Onkel hier ist?

Dorsigny. Ich weiß es. Was denn weiter?

Champagne. Ich hab' ihn gesehen, gnädiger Herr. Ich hab' ihn angeredet--ich dachte, Sie wären's; ich hab' ihm alles gesagt, er weiß alles.

Fr. v. Mirville. Unsinniger! was hast du gethan?

Champagne. Kann ich dafür? Sie sehen, daß ich eben jetzt den Neffen für den Onkel genommen--ist's zu verwundern, daß ich den Onkel für den Neffen nahm?

Dorsigny. Was ist zu machen?

Fr. v. Mirville. Da ist jetzt kein anderer Rath, als auf der Stelle das Hans zu verlassen.

Dorsigny. Aber wenn er meine Cousine zwingt, den Lormeuil zu heirathen-Fr. v. Mirville. Davon wollen wir morgen reden! Jetzt fort, geschwind! da der Weg noch frei ist! (Sie führt ihn bis an die hintere Thür, eben da er hinaus will, tritt Lormeuil aus derselben herein, ihm entgegen, der ihn zurückhält und wieder vorwärts führt.)

Eilfter Auftritt.

Die Vorigen. Lormeuil.

Lormeuil. Sind Sie's? Ich suchte Sie eben.

Fr. v. Mirville (heimlich zu Dorsigny). Es ist der Herr von Lormeuil. Er hält dich für den Onkel. Gib ihm so bald als möglich seinen Abschied.

Lormeuil (zur Fr. v. Mirville). Sie verlassen uns, gnädige Frau?

Fr. v. Mirville. Verzeihen Sie, Herr von Lormeuil. Ich bin sogleich wieder hier. (Geht ab, Champagne folgt.)

Zwölfter Auftritt.

Lormeuil. Franz Dorsigny.

Lormeuil. Sie werden sich erinnern, daß Sie mich mit Ihrer Fräulein Tochter vorhin allein gelassen haben?

Dorsigny. Ich erinnere mich's.

Lormeuil. Sie ist sehr liebenswürdig; ihr Besitz würde mich zum glücklichsten Manne machen.

Dorsigny. Ich glaub' es.

Lormeuil. Aber ich muß Sie bitten, ihrer Neigung keinen Zwang anzuthun.

Dorsigny. Wie ist das?

Lormeuil. Sie ist das liebenswürdigste Kind von der Welt, das ist gewiß! Aber Sie haben mir so oft von Ihrem Neffen Franz Dorsigny gesprochen--Er liebt Ihre Tochter!

Dorsigny. Ist das wahr?

Lormeuil. Wie ich Ihnen sage, und er wird wieder geliebt!

Dorsigny. Wer hat Ihnen das gesagt?

Lormeuil. Ihre Tochter selbst

Dorsigny. Was ist aber da zu thun?--Was rathen Sie mir, Herr von Lormeuil?

Lormeuil. Ein guter Vater zu sein.

Dorsigny. Wie?

Lormeuil. Sie haben mir hundertmal gesagt, daß Sie Ihren Neffen wie einen Sohn liebten--Nun denn, so geben Sie ihm Ihre Tochter! Machen Sie Ihre beiden Kinder glücklich.

Dorsigny. Aber was soll denn aus Ihnen werden?

Lormeuil. Aus mir?--Man will mich nicht haben, das ist freilich ein Unglück! Aber beklagen kann ich mich nicht darüber, da Ihr Neffe mir zuvorgekommen ist.

Dorsigny. Wie? Sie wären fähig, zu entsagen?

Lormeuil. Ich halte es für meine Pflicht.

Dorsigny (lebhaft). Ach, Herr von Lormeuil! Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig!

Lormeuil. Ich verstehe Sie nicht.

Dorsigny. Nein, nein, Sie wissen nicht, welch großen, großen Dienst Sie mir erzeigen--Ach, meine Sophie! Wir werden glücklich werden!

Lormeuil. Was ist das? Wie?--Das ist Herr von Dorsigny nicht--War's möglich-Dorsigny. Ich habe mich verrathen.

Lormeuil. Sie sind Dorsigny, der Neffe? Ja, Sie sind's--Nun, Sie habe ich zwar nicht hier gesucht, aber ich freue mich, Sie zu sehen. --Zwar sollte ich billig auf Sie böse sein wegen der drei Degenstiche, die Sie mir so großmüthig in den Leib geschickt haben-Dorsigny. Herr von Lormeuil!

Lormeuil. Zum Glück sind sie nicht tödtlich, also mag's gut sein. Ihr Herr Onkel hat mir sehr viel Gutes von Ihnen gesagt, Herr von Dorsigny, und weit entfernt, mit Ihnen Händel anfangen zu wollen, biete ich Ihnen von Herzen meine Freundschaft an und bitte um die Ihrige.

Dorsigny. Herr von Lormeuil!

Lormeuil. Also zur Sache, Herr von Dorsigny--Sie lieben Ihre Cousine und haben vollkommen Ursache dazu. Ich verspreche Ihnen, allen meinen Einfluß bei dem Obersten anzuwenden, daß sie Ihnen zu Theil wird--Dagegen verlange ich aber, daß Sie auch Ihrerseits mir einen wichtigen Dienst erzeigen.

Dorsigny. Reden Sie! Fordern Sie! Sie haben sich ein heiliges Recht auf meine Dankbarkeit erworben.

Lormeuil. Sie haben eine Schwester, Herr von Dorsigny. Da Sie aber für Niemand Augen haben, als für Ihre Base, so bemerkten Sie vielleicht nicht, wie sehr Ihre Schwester liebenswürdig ist--Ich aber--ich habe es recht gut bemerkt--und daß ich's kurz mache--Frau von Mirville verdient die Huldigung eines Jeden! Ich habe sie gesehen, und ich-Dorsigny. Sie lieben sie! Sie ist die Ihre! Zählen Sie auf mich!--Sie soll Ihnen bald gut sein, wenn sie es nicht schon jetzt ist--dafür steh' ich. Wie sich doch alles so glücklich fügen muß!--Ich gewinne einen Freund, der mir behilflich sein will, meine Geliebte zu besitzen, und ich bin im Stand, ihn wieder glücklich zu machen.

Lormeuil. Das steht zu hoffen; aber so ganz ausgemacht ist es doch nicht--Hier kommt Ihre Schwester! Frisch, Herr von Dorsigny--sprechen Sie für mich! Führen Sie meine Sache! Ich will bei dem Onkel die Ihrige führen. (Ab.)

Dorsigny. Das ist ein herrlicher Mensch, dieser Lormeuil! Welche glückliche Frau wird meine Schwester!

Dreizehnter Auftritt.

Frau von Mirville. Franz Dorsigny.

Fr. v. Mirville. Nun, wie steht's, Bruder?

Dorsigny. Du hast eine Eroberung gemacht, Schwester! Der Lormeuil ist Knall und Fall sterblich in dich verliebt worden. Eben hat er mir das Geständniß gethan, weil er glaubte mit dem Onkel zu reden! Ich sagte ihm aber, diese Gedanken sollte er sich nur vergehen lassen--du hättest das Heirathen auf immer verschworen--Ich habe recht gethan, nicht?

Fr. v. Mirville. Allerdings--aber--du hättest eben nicht gebraucht, ihn auf eine so rauhe Art abzuweisen. Der arme Junge ist schon übel genug daran, daß er bei Sophien durchfällt.

Vierzehnter Auftritt.

Vorige. Champagne.

Champagne. Nun, gnädiger Herr! machen Sie, daß Sie fort kommen. Die Tante darf Sie nicht mehr hier antreffen, wenn sie zurückkommt-Dorsigny. Nun, ich gehe! Bin ich doch nun gewiß, daß mir Lormeuil die Cousine nicht wegnimmt. (Ab mit Frau v. Mirville.)

Fünfzehnter Auftritt.

Champagne allein.

Da bin ich nun allein!--Freund Champagne, du bist ein Dummkopf, wenn du deine Unbesonnenheit von vorhin nicht gut machst--Dem Onkel die ganze Karte zu verrathen! Aber laß sehen! Was ist da zu machen?--Entweder den Onkel oder den Bräutigam müssen wir uns auf die nächsten zwei Tage vom Halse schaffen, sonst geht's nicht--Aber wie Teufel ist's da anzufangen?--Wart--laß sehen--(Nachsinnend.) Mein Herr und dieser Herr von Lormeuil sind zwar als ganz gute Freunde auseinander gegangen, aber es hätte doch Händel zwischen ihnen setzen können! Können, das ist mir genug! Davon laßt uns ausgehen--Ich muß als ein guter Diener Unglück verhüten! Nichts als redliche Besorgniß für meinen Herrn--Also gleich zur Polizei! Man nimmt seine Maßregeln, und ist's dann meine Schuld, wenn sie den Onkel für den Neffen nehmen?--Wer kann für die Aehnlichkeit--Das Wagestück ist groß, groß, aber ich wag's. Mißlingen kann's nicht, und wenn auch--Es kann nicht mißlingen--Im äußersten Fall bin ich gedeckt! Ich habe nur meine Pflicht beobachtet! Und mag dann der Onkel gegen mich toben, so viel er will--ich verstecke mich hinter den Neffen, ich verhelfe ihm zu seiner Braut, er muß erkenntlich sein--Frisch, Champagne, ans Werk--Hier ist Ehre einzulegen. (Geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

Oberst Dorsigny kommt. Gleich darauf Lormeuil.

Oberst. Muß der Teufel auch diesen Notar gerade heute zu einem Nachtessen führen! Ich hab' ihm ein Billet dort gelassen, und mein Herr Neffe hatte schon vorher die Mühe auf sich genommen.

Lormeuil (kommt). Für diesmal denke ich doch wohl den Onkel vor mir zu haben und nicht den Neffen.

Oberst. Wohl bin ich's selbst! Sie dürfen nicht zweifeln.

Lormeuil. Ich habe Ihnen viel zu sagen, Herr von Dorsigny.

Oberst. Ich glaub' es wohl, guter Junge! Du wirst rasend sein vor Zorn--Aber keine Gewalttätigkeit, lieber Freund, ich bitte darum! --Denken Sie daran, daß Der, der Sie beleidigt hat, meine Neffe ist--Ihr Ehrenwort verlang' ich, daß Sie es mir überlassen wollen, ihn dafür zu strafen.

Lormeuil. Aber so erlauben Sie mir-Oberst. Nichts erlaub' ich! Es wird nichts daraus!--So seid ihr jungen Leute! Ihr wißt keine andere Art, Unrecht gut zu machen, als daß ihr einander die Hälse brecht.

Lormeuil. Das ist aber ja nicht mein Fall. Hören Sie doch nur.

Oberst. Mein Gott! ich weiß ja! Bin ich doch auch jung gewesen! --Aber laß dich das alles nicht anfechten, guter Junge! du wirst doch mein Schwiegersohn! Du wirst's--dabei bleibt's!

Lormeuil. Ihre Güte--Ihre Freundschaft erkenn' ich mit dem größten Dank--Aber, so wie die Sachen stehen-Oberst (lauter) Nichts! Kein Wort mehr!

Zweiter Auftritt.

Champagne mit zwei Unteroffizieren. Vorige.

Champagne (zu diesen). Sehen Sie's, meine Herren? Sehen Sie's? Eben wollten sie an einander gerathen.

Lormeuil. Was suchen diese Leute bei uns?

Erster Unterofficier. Ihre ganz gehorsamen Diener, meine Herren! Habe ich nicht die Ehre, mit Herrn von Dorsigny zu sprechen?

Oberst. Dorsigny heiß' ich.

Champagne. Und dieser hier ist Herr von Lormeuil?

Lormeuil. Der bin ich, ja. Aber was wollen die Herren von mir?

Zweiter Unterofficier. Ich werde die Ehre haben, Euer Gnaden zu begleiten.

Lormeuil. Mich zu begleiten? Wohin? Es fällt mir gar nicht ein, ausgehen zu wollen.

Erster Unterofficier (zum Oberst). Und ich, gnädiger Herr, bin beordert, Ihnen zur Escorte zu dienen.

Oberst. Aber wohin will mich der Herr eskortieren?

Erster Unterofficier. Das will ich Ihnen sagen, gnädiger Herr. Man hat in Erfahrung gebracht, daß Sie auf dem Sprung stünden, sich mit diesem Herrn zu schlagen, und damit nun-Oberst. Mich zu schlagen! Und weswegen denn?

Erster Unterofficier. Weil Sie Nebenbuhler sind--weil Sie Beide das Fräulein von Dorsigny lieben. Dieser Herr hier ist der Bräutigam des Fräuleins, den ihr der Vater bestimmt hat--und Sie, gnädiger Herr, sind ihr Cousin und ihr Liebhaber--O wir wissen alles!

Lormeuil. Sie sind im Irrthum, meine Herren.

Oberst. Wahrlich, Sie sind an den Unrechten gekommen.

Champagne (zu den Wachen). Frisch zu! Lassen Sie sich nichts weis machen, meine Herren! (Zu Herrn von Dorsigny.) Lieber, gnädiger Herr! werfen Sie endlich Ihre Maske weg! Gestehen Sie, wer Sie sind! Geben Sie ein Spiel auf, wobei Sie nicht die beste Rolle spielen!

Oberst. Wie, Schurke, das ist wieder ein Streich von dir-Champagne. Ja, gnädiger Herr, ich hab' es so veranstaltet, ich leugn' es gar nicht--ich rühme mich dessen--Die Pflicht eines rechtschaffenen Dieners habe ich erfüllt, da ich Unglück verhütete.

Oberst. Sie können mir's glauben, meine Herren! Der, den Sie suchen, bin ich nicht; ich bin sein Onkel.

Erster Unterofficier. Sein Onkel? Gehn Sie doch! Sie gleichen dem Herrn Onkel außerordentlich, sagt man, aber uns soll diese Aehnlichkeit nicht betrügen.

Oberst. Aber sehen Sie mich doch nur recht an! Ich habe ja eine Perrücke, und mein Neffe trägt sein eigenes Haar.

Erster Unterofficier. Ja, ja, wir wissen recht gut, warum Sie die Tracht Ihres Herrn Onkels angenommen--Das Stückchen war sinnreich; es thut uns leid, daß es nicht besser geglückt ist.

Oberst. Aber, mein Herr, so hören Sie doch nur an-Erster Unterofficier. Ja, wenn wir Jeden anhören wollten, den wir festzunehmen beordert sind--wir würden nie von der Stelle kommen--Belieben Sie, uns zu folgen, Herr von Dorsigny! Die Postchaise hält vor der Thür und erwartet uns.

Oberst. Wie? was? die Postchaise?

Erster Unterofficier. Ja, Herr! Sie haben Ihre Garnison heimlich verlassen! Wir sind beordert, Sie stehenden Fußes in den Wagen zu packen und nach Straßburg zurückzubringen.

Oberst. Und das ist wieder ein Streich von diesem verwünschten Taugenichts! Ha, Lotterbube!

Champagne. Ja, gnädiger Herr, es ist meine Veranstaltung--Sie wissen, wie sehr ich dawider war, daß Sie Straßburg ohne Urlaub verließen.

Oberst (hebt den Stock auf). Nein, ich halte mich nicht mehr-Beide Unterofficiere. Mäßigen Sie sich, Herr von Dorsigny!

Champagne. Halten Sie ihn, meine Herren! ich bitte--Das hat man davon, wenn man Undankbare verpflichtet. Ich rette vielleicht Ihr Leben, da ich diesem unseligen Duell vorbeuge, und zum Dank hätten Sie mich todt gemacht, wenn diese Herren nicht so gut gewesen wären, es zu verhindern.

Oberst. Was ist hier zu thun, Lormeuil?

Lormeuil. Warum berufen Sie sich nicht auf die Personen, die Sie kennen müssen?

Oberst. An wen, zum Teufel! soll ich mich wenden? Meine Frau, meine Tochter sind ausgegangen--meine Nichte ist vom Complott--die ganze Welt ist behext.

Lormeuil. So bleibt nichts übrig, als in Gottes Namen nach Straßburg zu reisen, wenn diese Leute nicht mit sich reden lassen.

Oberst. Das wäre aber ganz verwünscht-Erster Unterofficier (zu Champagne). Sind Sie aber auch ganz gewiß, daß es der Neffe ist?

Champagne. Freilich! Freilich! Der Onkel ist weit weg--Nur Stand gehalten! Nicht gewankt!

Dritter Auftritt.

Ein Postillon. Vorige

Postillon (betrunken). He! Holla! Wird's bald, ihr Herren? Meine Pferde stehen schon eine Stunde vor dem Hause, und ich bin nicht des Wartens wegen da.

Oberst. Was will der Bursch?

Erster Unterofficier. Es ist der Postillon, der Sie fahren soll.

Postillon. Sieh doch! Sind Sie's, Herr Hauptmann, der abreist?--Sie haben kurze Geschäfte hier gemacht--Heute Abend kommen Sie an, und in der Nacht geht's wieder fort.

Oberst. Woher weißt denn du?

Postillon. Ei! Ei! War ich' s denn nicht, der Sie vor etlichen Stunden an der Hinterthür dieses Hauses absetzte? Sie sehen, mein Capitän, daß ich Ihr Geld wohl angewendet--ja, ja, wenn mir Einer was zu vertrinken gibt, so erfüll' ich gewissenhaft und redlich die Absicht.

Oberst. Was sagst du, Kerl? Mich hättest du gefahren? Mich?

Postillon. Sie, Herr!--Ja doch, beim Teufel, und da steht ja Ihr Bedienter, der den Vorreiter machte--Gott grüß' dich, Gaudieb! Eben der hat mir's ja im Vertrauen gesteckt, daß Sie ein Herr Hauptmann seien und von Straßburg heimlich nach Paris gingen.-Oberst. Wie, Schurke? Ich wäre das gewesen?

Postillon. Ja, Sie! Und der auf dem ganzen Wege laut mit sich selbst sprach und an Einem fort rief: Meine Sophie! Mein liebes Bäschen! Mein englisches Cousinchen!--Wie? haben Sie das schon vergessen?

Champagne (zum Oberst). Ich bin's nicht, gnädiger Herr, der ihm diese Worte in den Mund legt--Wer wird aber auch auf öffentlicher Poststraße so laut von seiner Gebieterin reden!

Oberst. Es ist beschlossen, ich seh's, ich soll nach Straßburg, um der Sünden meines Neffen willen-Erster Unterofficier. Also, mein Herr Hauptmann-Oberst. Also, mein Herr Geleitsmann, also muß ich freilich mit Ihnen fort, aber ich kann Sie versichern, sehr wider meinen Willen.

Erster Unterofficier. Das sind wir gewohnt, mein Capitän, die Leute wider ihren Willen zu bedienen.

Oberst. Du bist also mein Bedienter?

Champagne. Ja, gnädiger Herr.

Oberst. Folglich bin ich dein Gebieter.

Champagne. Das versteht sich.

Oberst. Ein Bedienter muß seinem Herrn folgen--du gehst mit mir nach Straßburg.

Champagne (für sich). Verflucht!

Postillon. Das versteht sich--Marsch!

Champagne. Es thut mir leid, Sie zu betrüben, gnädiger Herr--Sie wissen, wie groß meine Anhänglichkeit an Sie ist--ich gebe Ihnen eine starke Probe davon in diesem Augenblick--aber Sie wissen auch, wie sehr ich mein Weib liebe. Ich habe sie heute nach einer langen Trennung wieder gesehen! Die arme Frau bezeigte eine so herzliche Freude über meine Zurückkunft, daß ich beschlossen habe, sie nie wieder zu verlassen und meinen Abschied von Ihnen zu begehren. Sie werden sich erinnern, daß Sie mir noch von drei Monaten Gage schuldig sind.

Oberst. Dreihundert Stockprügel bin ich dir schuldig, Bube!

Erster Unterofficier. Herr Capitän, Sie haben kein Recht, Diesen ehrlichen Diener wider seinen Willen nach Straßburg mitzunehmen--und wenn Sie ihm noch Rückstände schuldig sind-Oberst. Nichts, keinen Heller bin ich ihm schuldig.

Erster Unterofficier. So ist das kein Grund, ihn mit Prügeln abzulohnen.

Lormeuil. Ich muß sehen, wie ich ihm heraus helfe--Wenn es nicht anders ist--in Gottes Namen, reisen Sie ab, Herr von Dorsigny. Zum Glück bin ich frei, ich habe Freunde, ich eile, sie in Bewegung zu setzen, und bringe Sie zurück, eh' es Tag wird.

Oberst. Und ich will den Postillon dafür bezahlen, daß er so langsam fährt als möglich, damit Sie mich noch einholen können--(Zum Postillon.) Hier, Schwager! Vertrink das auf meine Gesundheit--aber du mußt mich fahren-Postillon (treuherzig). Daß die Pferde dampfen.

Oberst. Nicht doch! nein! so mein' ich's nicht-Postillon. Ich will Sie fahren wie auf dem Herweg! Als ob der Teufel Sie davon führte.

Oberst. Hol' der Teufel dich selbst, du verdammter Trunkenbold! Ich sage dir ja-Postillon. Sie haben's eilig! Ich auch! Sei'n Sie ganz ruhig! Fort soll's gehen, daß die Funken hinauf fliegen. (Ab.)

Oberst (ihm nach). Der Kerl macht mich rasend! Warte doch, höre!

Lormeuil. Beruhigen Sie sich! Ihre Reise soll nicht lange dauern.

Oberst. Ich glaube, die ganze Hölle ist heute losgelassen. (Geht ab, der erste Unterofficier folgt.)

Lormeuil (zum zweiten). Kommen Sie, mein Herr, folgen Sie mir, weil es Ihnen so befohlen ist--aber ich sage Ihnen vorher, ich werde Ihre Beine nicht schonen! Und wenn Sie sich Rechnung gemacht haben, diese Nacht zu schlafen, so sind Sie garstig betrogen, denn wir werden immer auf den Straßen sein.

Zweiter Unterofficier. Nach Ihrem Gefallen, gnädiger Herr--Zwingen Sie sich ganz und gar nicht--Ihr Diener, Herr Champagne!

(Lormeuil und der zweite Unterofficier ab.)

Vierter Auftritt.

Champagne. Dann Frau von Mirville.

Champagne (allein). Sie sind fort--Glück zu, Champagne! Der Sieg ist unser. Jetzt frisch ans Werk, daß wir die Heirath noch in dieser Nacht zu Stande bringen--Da kommt die Schwester meines Herrn; ihr kann ich alles sagen.

Fr. v. Mirville. Ah, bist du da, Champagne? Weißt du nicht, wo der Onkel ist?

Champagne. Auf dem Weg nach Straßburg.

Fr. v. Mirville. Wie? Was? Erkläre dich!

Champagne. Recht gern, Ihr Gnaden. Sie wissen vielleicht nicht, daß mein Herr und dieser Lormeuil einen heftigen Zank zusammen gehabt haben.

Fr. v. Mirville. Ganz im Gegentheil. Sie sind als die besten Freunde geschieden, das weiß ich.

Champagne. Nun, so habe ich's aber nicht gewußt. Und in der Hitze meines Eifers ging ich hin, mir bei der Polizei Hilfe zu suchen. Ich komme her mit zwei Sergeanten, davon der eine Befehl hat, dem Herrn von Lormeuil an der Seite zu bleiben, der andere, meinen Herrn nach Straßburg zurück zu bringen.--Nun reitet der Teufel diesen verwünschten Sergeanten, daß er den Onkel für den Neffen nimmt, ihn beinahe mit Gewalt in die Kutsche packt, und fort mit ihm, jagst du nicht, so gilt's nicht, nach Straßburg!

Fr. v. Mirville. Wie--Champagne! du schickst meinen Onkel anstatt meines Bruders auf die Reise? Nein, das kann nicht dein Ernst sein.

Champagne. Um Vergebung, es ist mein voller Ernst--Das Elsaß ist ein charmantes Land; der Herr Oberst haben sich noch nicht darin umgesehen, und ich verschaffe Ihnen diese kleine Ergötzlichkeit.

Fr. v. Mirville. Du kannst noch scherzen? Was macht aber der Herr von Lormeuil?

Champagne. Er führt seinen Sergeanten in der Stadt spazieren.

Fr. v. Mirville. Der arme Junge! Er verdient wohl, daß ich Antheil an ihm nehme.

Champagne. Nun, gnädige Frau! Ans Werk! Keine Zeit verloren! Wenn mein Herr seine Cousine nur erst geheirathet hat, so wollen wir den Onkel zurückholen. Ich suche meinen Herrn auf; ich bringe ihn her, und wenn nur Sie uns beistehen, so muß diese Nacht alles richtig werden. (Ab.)

Fünfter Auftritt.

Frau von Mirville. Dann Frau von Dorsigny. Sophie.

Fr. v. Mirville. Das ist ein verzweifelter Bube; aber er hat seine Sache so gut gemacht, daß ich mich mit ihm verstehen muß--Hier kommt meine Tante; ich muß ihr die Wahrheit verbergen.

Fr. v. Dorsigny. Ach, liebe Nichte! Hast du deinen Onkel nicht gesehen?

Fr. v. Mirville. Wie? Hat er denn nicht Abschied von Ihnen genommen?

Fr. v. Dorsigny. Abschied? Wie?

Fr. v. Mirville. Ja, er ist fort.

Fr. v. Dorsigny. Er ist fort? Seit wann?

Fr. v. Mirville. Diesen Augenblick.

Fr. v. Dorsigny. Das begreif' ich nicht. Er wollte ja erst gegen eilf Uhr wegfahren. Und wo ist er denn hin, so eilig?

Fr. v. Mirville. Das weiß ich nicht. Ich sah ihn nicht abreisen--Champagne erzählte mir's.

Sechster Auftritt.

Die Vorigen. Franz Dorsigny in seiner eigenen Uniform und ohne Perrücke.

Champagne. Da ist er, Ihr Gnaden, da ist er!

Fr. v. Dorsigny. Wer? Mein Mann?

Champagne. Nein, nicht doch! Mein Herr, der Herr Hauptmann.

Sophie (ihm entgegen). Lieber Vetter!

Champagne. Ja--er hatte wohl recht, zu sagen, daß er mit seinem Brief zugleich eintreffen werde.

Fr. v. Dorsigny. Mein Mann reist ab, mein Neffe kommt an! Wie schnell sich die Begebenheiten drängen!

Dorsigny. Seh' ich Sie endlich wieder, beste Tante! Ich komme voll Unruhe und Erwartung-Fr. v. Dorsigny. Guten Abend, lieber Neffe!

Dorsigny. Welcher frostige Empfang?

Fr. v. Dorsigny. Ich bin herzlich erfreut, dich zu sehen. Aber mein Mann-Dorsigny. Ist dem Onkel etwas zugestoßen?

Fr. v. Mirville. Der Onkel ist heute Abend von einer großen Reise zurückgekommen, und in diesem Augenblick verschwindet er wieder, ohne daß wir wissen, wo er hin ist.

Dorsigny. Das ist ja sonderbar!

Champagne. Es ist ganz zum Erstaunen!