Der Neffe als Onkel Lustspiel in drei Aufzuegen. Aus dem Franzoesischen des Picard

Part 4

Chapter 4 1,462 words Public domain Markdown

Fr. v. Dorsigny. Da ist ja Champagne! Der kann uns allen aus dem Traume helfen.

Champagne. Ich, gnädige Frau?

Fr. v. Mirville. Ja, du! Mit dir allein hat der Onkel ja gesprochen, wie er abreiste.

Champagne. Das ist wahr! Mit mir allein hat er gesprochen.

Dorsigny. Nun, so sage nur, warum verreiste er so plötzlich?

Champagne. Warum? Ei, er mußte wohl! Er hatte ja Befehl dazu von der Regierung.

Fr. v. Dorsigny. Was?

Champagne. Er hat einen wichtigen geheimen Auftrag, der die größte Eilfertigkeit erfordert--der einen Mann erfordert--einen Mann--Ich sage nichts mehr. Aber Sie können sich etwas darauf einbilden, gnädige Frau, daß die Wahl auf den Herrn gefallen ist.

Fr. v. Mirville. Allerdings! Eine solche Auszeichnung ehrt die ganze Familie!

Champagne. Euer Gnaden begreifen wohl, daß er sich da nicht lange mit Abschiednehmen aufhalten konnte. Champagne, sagte er zu mir, ich gehe in wichtigen Staatsangelegenheiten nach--nach Sanct Petersburg. Der Staat befiehlt--ich muß gehorchen--beim ersten Postwechsel schreib' ich meiner Frau--was übrigens die Heirath zwischen meinem Neffen und meiner Tochter betrifft--so weiß sie, daß ich vollkommen damit zufrieden bin.

Dorsigny. Was hör' ich! mein lieber Onkel sollte-Champagne. Ja, gnädiger Herr! er willigt ein.--Ich gebe meiner Frau unumschränkte Vollmacht, sagte er, alles zu beendigen, und ich hoffe bei meiner Zurückkunft unsere Tochter als eine glückliche Frau zu finden.

Fr. v. Dorsigny. Und so reiste er allein ab?

Champagne. Allein? Nicht doch! Er hatte noch einen Herrn bei sich, der nach etwas recht Vornehmem aussah-Fr. v. Dorsigny. Ich kann mich gar nicht drein finden.

Fr. v. Mirville. Wir wissen seinen Wunsch. Man muß dahin sehen, daß er sie als Mann und Frau findet bei seiner Zurückkunft.

Sophie. Seine Einwilligung scheint mir nicht im geringsten zweifelhaft, und ich trage gar kein Bedenken, den Vetter auf der Stelle zu heirathen.

Fr. v. Dorsigny. Aber ich trage Bedenken--und will seinen ersten Brief noch abwarten.

Champagne (beiseite). Da sind wir nun schön gefördert, daß wir den Onkel nach Petersburg schicken.

Dorsigny. Aber, beste Tante!

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen. Der Notarius.

Notar (tritt zwischen Dorsigny und seine Tante). Ich empfehle mich der ganzen hochgeneigten Gesellschaft zu Gnaden.

Fr. v. Dorsigny. Sieh da, Herr Gaspar, der Notar unsers Hauses.

Notar. Zu Dero Befehl, gnädige Frau! Es beliebte Dero Herrn Gemahl, sich in mein Haus zu verfügen.

Fr. v. Dorsigny. Wie? Mein Mann wäre vor seiner Abreise noch bei Ihnen gewesen?

Notar. Vor dero Abreise! Was Sir mir sagen! Sieh! sieh doch! Darum hatten es der gnädige Herr so eilig und wollten mich gar nicht in meinem Hause erwarten. Dieses Billet ließen mir Hochdieselben zurück--Belieben Ihro Gnaden es zu durchlesen. (Reicht der Frau von Dorsigny das Billet.)

Champagne (leise zu Dorsigny). Da ist der Notar, den Ihr Onkel bestellt hat.

Dorsigny. Ja, wegen Lormeuils Heirath.

Champagne (leise). Wenn wir ihn zu der Ihrigen brauchen könnten?

Dorsigny. Still! Hören wir, was er schreibt!

Fr. v. Dorsigny (liest). "Haben Sie die Güte, mein Herr, sich noch diesen Abend in mein Haus zu bemühen und den Ehekontrakt mit zu bringen, den Sie für meine Tochter aufgesetzt haben. Ich habe meine Ursachen, diese Heirath noch in dieser Nacht abschließen--Dorsigny."

Champagne. Da haben wir's schwarz auf weiß! Nun wird die gnädige Frau doch nicht mehr an der Einwilligung des Herrn Onkels zweifeln?

Sophie. Es ist also gar nicht nöthig, daß der Papa Ihnen schreibt, liebe Mutter, da er diesem Herrn geschrieben hat.

Fr. v. Dorsigny. Was denken Sie von der Sache, Herr Gaspar?

Notar. Nun, dieser Brief wäre deutlich genug, dächt' ich.

Fr. v. Dorsigny. In Gottes Namen, meine Kinder! Seid glücklich! Gebt euch die Hände, weil doch mein Mann selbst den Notar herschickt.

Dorsigny. Frisch, Champagne! Einen Tisch, Feder und Tinte; wir wollen gleich unterzeichnen.

Achter Auftritt.

Oberst Dorsigny. Valcour. Vorige.

Fr. v. Mirville. Himmel! Der Onkel!

Sophie. Mein Vater!

Champagne. Führt ihn der Teufel zurück?

Dorsigny. Jawohl, der Teufel! Dieser Valcour ist mein böser Genius!

Fr. v. Dorsigny. Was seh' ich! Mein Mann!

Valcour (den ältern Dorsigny präsentierend). Wie schätz' ich mich glücklich, einen geliebten Neffen in den Schooß seiner Familie zurückführen zu können! (Wie er den jüngern Dorsigny gewahr wird.) Wie Teufel, da bist du ja--(Sich zum ältern Dorsigny wendend.) Und wer sind Sie denn, mein Herr?

Oberst. Sein Onkel, mein Herr.

Dorsigny. Aber erkläre mir, Valcour-Valcour. Erkläre du mir selbst! Ich bringe in Erfahrung, daß eine Ordre ausgefertigt sei, dich nach deiner Garnison zurück zu schicken--Nach unsäglicher Mühe erlange ich, daß sie widerrufen wird--ich werfe mich aufs Pferd, ich erreiche noch bald genug die Postchaise, wo ich dich zu finden glaubte, und finde auch wirklich-Oberst. Ihren gehorsamen Diener, fluchend und tobend über einen verwünschten Postknecht, dem ich Geld gegeben hatte, um mich langsam zu fahren, und der mich wie ein Sturmwind davon führte.

Valcour. Dein Herr Onkel findet es nicht für gut, mich aus meinem Irrthum zu reißen; die Postchaise lenkt wieder um, nach Paris zurück, und da bin ich nun--Ich hoffe, Dorsigny, du kannst dich nicht über meinen Eifer beklagen.

Dorsigny. Sehr verbunden, mein Freund, für die mächtigen Dienste, die du mir geleistet hast! Es thut mir nur leid um die unendliche Mühe, die du dir gegeben hast.

Oberst. Herr von Valcour! Mein Neffe erkennt Ihre große Güte vielleicht nicht mit der gehörigen Dankbarkeit; aber rechnen Sie dafür auf die meinige.

Fr. v. Dorsigny. Sie waren also nicht unterwegs nach Rußland?

Oberst. Was Teufel sollte ich in Rußland?

Fr. v. Dorsigny. Nun, wegen der wichtigen Commission, die das Ministerium Ihnen auftrug, wie Sie dem Champagne sagten.

Oberst. Also wieder der Champagne, der mich zu diesem hohen Posten befördert. Ich bin ihm unendlichen Dank schuldig, daß er so hoch mit mir hinaus will.--Herr Gaspar, Sie werden zu Hause mein Billet gefunden haben; es würde mir lieb sein, wenn der Ehekontrakt noch diese Nacht unterzeichnet würde.

Notar. Nichts ist leichter, gnädiger Herr! Wir waren eben im Begriff, dieses Geschäft auch in Ihrer Abwesenheit vorzunehmen.

Oberst. Sehr wohl! Man verheirathet sich zuweilen ohne den Vater; aber wie ohne den Bräutigam, das ist mir doch nie vorgekommen.

Fr. v. Dorsigny. Hier ist der Bräutigam! Unser lieber Neffe.

Dorsigny. Ja, bester Onkel! Ich bin's.

Oberst. Mein Neffe ist ein ganz hübscher Junge; aber meine Tochter bekommt er nicht.

Fr. v. Dorsigny. Nun, wer soll sie denn sonst bekommen?

Oberst. Wer, fragen Sie? Zum Henker! Der Herr von Lormeuil soll sie bekommen.

Fr. v. Dorsigny. Er ist also nicht todt, der Herr von Lormeuil?

Oberst. Nicht doch, Madame! Er lebt, er ist hier. Sehen Sie sich nur um, dort kommt er.

Fr. v. Dorsigny. Und wer ist denn der Herr, der mit ihm ist?

Oberst. Das ist ein Kammerdiener, den Herr Champagne beliebt hat, ihm an die Seite zu geben.

Neunter Auftritt.

Die Vorigen. Lormeuil mit seinem Unterofficier, der sich im Hintergrunde des Zimmers niedersetzt.

Lormeuil (zum Obersten). Sie schicken also Ihren Onkel an Ihrer Statt nach Straßburg? Das wird Ihnen nicht so hingehen, mein Herr.

Oberst. Sieh, sieh doch! Wenn du dich ja mit Gewalt schlagen willst, Lormeuil, so schlage dich mit meinem Neffen. und nicht mit mir.

Lormeuil (erkennt ihn). Wie? Sind Sie's? Und wie haben Sie's gemacht, daß Sie so schnell zurückkommen?

Oberst. Hier, bei diesem Herrn von Valcour bedanken Sie sich, der mich aus Freundschaft für meinen Neffen spornstreichs zurückholte.

Dorsigny. Ich begreife Sie nicht, Herr von Lormeuil! Wir waren ja als die besten Freunde von einander geschieden--Haben Sie mir nicht selbst, noch ganz kürzlich, alle Ihre Ansprüche auf die Hand meiner Cousine abgetreten?

Oberst. Nichts, nichts! Daraus wird nichts! Meine Frau, meine Tochter, meine Nichte, mein Neffe, alle zusammen sollen mich nicht hindern, meinen Willen durchzusetzen.

Lormeuil. Herr von Dorsigny! Mich freut's von Herzen, daß Sie von einer Reise zurück sind, die Sie wider Ihren Willen angetreten--Aber wir haben gut reden und Heirathspläne schmieden, Fräulein Sophie wird darum doch Ihren Neffen lieben.

Oberst. Ich verstehe nichts von diesem allem! Aber ich werde den Lormeuil nicht von Toulon nach Paris gesprengt haben, daß er als ein Junggesell zurückkehren soll.

Dorsigny. Was das betrifft, mein Onkel--so ließe sich vielleicht eine Auskunft treffen, daß Herr von Lormeuil keinen vergeblichen Weg gemacht hätte.--Fragen Sie meine Schwester.

Fr. v. Mirville. Mich? Ich habe nichts zu sagen.

Lormeuil. Nun, so will ich denn reden--Herr von Dorsigny, Ihre Nichte ist frei; bei der Freundschaft, davon Sie mir noch heute einen so großen Beweis geben wollten, bitte ich Sie, verwenden Sie allen ihren Einfluß bei Ihrer Nichte, daß sie es übernehmen möge, Ihre Wortbrüchigkeit gegen mich gut zu machen.

Oberst. Was? Wie?--Ihr sollt ein Paar werden--Und dieser Schelm, der Champagne, soll mir für alle zusammen bezahlen.

Champagne. Gott soll mich verdammen, gnädiger Herr, wenn ich nicht selbst zuerst von der Aehnlichkeit betrogen wurde.--Verzeihen Sie mir die kleine Spazierfahrt, die ich Sie machen ließ, es geschah meinem Herrn zum Besten.

Oberst (zu beiden Paaren). Nun, so unterzeichnet!