Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 13
Der Mutterhof empfing seine junge Herrin in voller Tätigkeit. Der aufgebaute Zaun leuchtete ihr mit den vielen neueingesetzten Holzteilen förmlich entgegen. Die von der Sturmflut weniger bedrängten Warfbohlsgenossen hatten sich eingefunden, um an allen Ecken und Enden zu helfen, und Maren Holgers begrüßte die Nachbarn mit dankbarem Handschlag. Dann eilte sie ins Haus. Auch hier hatte man die Zeit gut genutzt. Alle Stuben unten waren tüchtig durchheizt und sauber, die Säuglinge schliefen in zwei Wiegen. Erstaunt sah Maren, daß Tanten Frauke ihr nie benutztes Heiligtum für Akkes Kind hergegeben hatte. Mutter Holgers schlief übermüdet von der unruhigen Nacht einen tiefen Erschöpfungsschlaf, und Ohm Rickert ging bastelnd, rauchend und philosophierend im ganzen Gewese umher.
»Allens im Lot«, sagte er nickend. Und setzte ritterlich hinzu: »Eben meint ich noch, jetzt müßt büschen Sonne kommen, damit das hier wieder durch und durch trocken und warm wird. Und süh so, -- da kommt auch schon Nichte Maren.«
Und doch war es Maren, als sähe der Alte wie verlegen an ihr vorbei. Da ging sie in den Wohnpesel des Mutterhofs, um nach Onnen und Karen zu sehen, fand aber nur Karen fest schlafend auf dem Sofa. Und Onnens Kammer ausgeräumt. Sie ging nach dem Jungteil und fand es leer und unordentlich. Und lief nach Tanten Fraukes Altenteil, und sah Frauke Holgers über ein Bett geneigt, in dem Onnen noch immer schlummerte. Bei Marens Eintritt drehte sich Tanten Frauke um und war mit raschen Schritten bei ihr. »Wie müde du aussiehst, meine Maren ... Und ich kann dir keine Ruhe und keine Freude bringen.«
»Edlef?« fragte Maren. Und eine Flamme schlug ihr ins Gesicht, weil sie zuerst und immer nur an ihn gedacht. Und sie sah doch, daß hier ein Schwerkrankes lag -- ihr kleiner, guter Onnenschwager.
»In Onnen scheint eine ernste Krankheit zu stecken.« Tanten Frauke ging mit zartem Takt über Marens Frage hinweg. »Er schläft seit heut morgen fast ununterbrochen. Nur ein paar Minuten war er halbwach ..., als Edlef Abschied nahm ...«
Maren taumelte. »Edlef ... nahm Abschied ...?«
»Ja, Maren, mein Deern. Er läßt dich grüßen. Er bekam ein Telegramm. Hat alles noch geordnet, so gut es ging. Er übergibt dir den Mutterhof. So sei er in guter Hand.«
Auch Tanten Frauke sah an Maren vorbei. Ganz bewußt. Und ganz ruhig sprach sie. Als sei diese Abreise nicht für ein ganzes Jahr vor sich gegangen, sondern etwas Alltägliches.
Und all ihre Gedanken, all ihr Feinempfinden, all ihre große Liebe zu Maren schienen eine Mauer um das junge Weib zu bauen, die es schützen sollte vor Neugier und wehtuendem Mitleid.
Mit tastenden Schritten ging Maren an Onnens Bett und sah still auf den Schläfer nieder. Nach einer Weile schlug dieser die Augen auf. Er schien Maren nicht gleich zu erkennen, aber dann festigte sich sein Blick. »Du!« sagte er mit schattenhaftem Lächeln. »Einen schönen Gruß ... Wenn ich nicht mehr so müde bin, soll ich dich beschützen, Marenschwester ... Edlef läßt dir sagen: _Gott behüt!_«
Da kniete Maren am Bette nieder und ihr Kopf sank auf die fieberheiße Hand des Knaben. Und sie weinte, wie sie nie in ihrem tapferen Leben geweint hatte. --
Tanten Frauke ging sacht aus der Tür. Draußen nahm sie einen Holzstuhl, stellte ihn vor die Tür und setzte sich darauf. Und hielt treue Wacht, bis sich ein verzweifelndes Menschenkind durchgerungen hatte. --
* * * * *
Auf Hallig Likamp lag Schnee.
Und ein kalter Nordost fauchte. Es war niemand unterwegs, den sein Beruf nicht unbedingt hinaustrieb. Eisblumen glitzerten an jeglichen Scheiben, und die Beilegeöfen verlangten viel Speisung, um die Stuben einigermaßen behaglich zu machen.
Manne Wögens ging nach der Postwarf, um seine Briefe abzuholen und ein Paket, das ihm angekündigt war. An der Anlegestelle des Postschiffes wehte ein dunkelblauer Schleier. Nachdem er das festgestellt, ging er ein wenig rascher zu und half der Aussteigenden.
»Hier«, sagte Nomine Holgers lachend.
Sie hielt ihm ein Postpaket hin. »Ich habe es für Sie ausgesucht in den anderthalb Stunden des langweiligen Kreuzens.«
»Wie überaus freundlich!« lächelte er überhöflich. »Und daß wir uns im Advent treffen, genau am Jahrestag wie beim letztenmal! Wissen Sie, daß Sie ein Jahr lang nicht hier waren? Und weiß der Mutterhof, daß Sie kommen?«
»Nein. Wir Holgers sind allem Brimborium und aller Sentimentalität abhold. Das wissen Sie ja.«
»Das steht doch nicht so ganz fest. Aber allerdings bei Ihnen persönlich habe ich diese Überzeugung. Sie sind einwandfrei unsentimental, Fräulein Doktor.«
Nomine errötete. Höchst überflüssig, wie sie bei sich selbst feststellte. Aber es berührte sie wunderlich, da der Lehrer ihr zum erstenmal den Titel gab.
»Haben wir den gleichen Weg?« fragte sie fast verlegen. Und als er ihr sagte, daß er sie nach dem Mutterhof geleiten wolle, nahm sie das Gespräch wieder auf.
»Ich allein erscheine Ihnen ohne Gefühlsduselei??? Und Sie sind doch der beste Freund der Ahne.«
»Eben darum. Bei ihr konnte ich tiefer schürfen. Und fand viel von ›Brimborium‹ und von dem, was Sie mit dem Schlagwort ›Sentimentalität‹ abtun.«
»Da wissen Sie in der Tat mehr als ich. Und meine Mutter? Erscheint sie Ihnen auch sentimental?«
»Jedenfalls hat sich Frau Holgers innerlich und äußerlich so verändert, daß Sie Ihre Mutter kaum wiedererkennen. Bleibt also noch Tanten Frauke. Nun, bei ihr werden Sie mir selbst zugeben, daß sie, gottlob (so sage ich), viel Brimborium zu eigen hat. Und Ihre jungen Geschwister, Fräulein Doktor? Klein-Karen lebt in einer köstlichen Puppen- und Märchenwelt, und Onnen???«
»Ja, den haben Sie mir gründlich verdorben«, fuhr es Nomine zornig heraus.
Eine dunkle Röte jagte über Manne Wögens Stirn. Nach kurzer Pause fragte er schier gleichgültig: »Wie wollen Sie das begründen?«
»Onnen ist etwas Besonderes ...« sagte sie heftig.
»Seltsam, daß Ihnen das nicht entgangen ist bei dem Studium und der Doktorarbeit ...«
Sie sah ihn böse an. »Ich meine, ein Schulmeister sollte einem den Fleiß nicht gar so verübeln.«
»Wenn der Fleiß so rücksichtslos ist wie der Ihre, Fräulein Doktor, dann verüble ich ihn allerdings. Er ist Ihr schwerster Fehler und Ihr größter Feind.«
»Ach nein, der sind _Sie_, Manne Wögens. Das wird mir von Mal zu Mal klarer.«
»Ich staune über Ihre Menschenkenntnis, Fräulein Doktor.«
Sie sah das wunderliche Zucken in seinem Gesicht, und wußte nicht recht, was sie daraus folgern sollte. »Onnen war ganz _mein_ Junge«, nahm sie das Thema wieder auf. »Und es war mir der liebste Gedanke, daß er mein ›Amanuensis‹ würde. Nun haben Sie ihn zum ›Halligburschen‹ gestempelt ...«
»Das war Onnen _immer_. Ein Bodenständiger -- einer, dem die Heimatflucht das größte Verbrechen dünkt, wenn er’s auch noch gar nicht in Worte faßt. Ich habe an Onnen nichts gemodelt, nur befestigt. Und Sie, Fräulein Doktor, begingen einfach den Fehler, die Rechnung ohne den Wirt zu machen.«
»Den Fehler kann ich noch beseitigen. Ich werde mich in diesen Ferien ganz nur Onnen widmen. Brieflich ist die Verständigung schwer mit solch einem trotzigen Feuerkopf. Aber durch persönlichen Einfluß ...«
»Den haben Sie nicht mehr, Fräulein Doktor ...«
Nomine Holgers blieb plötzlich stehen. »Daß ich nicht lache, Manne Wögens ...«
»Da gibt’s nichts zu lachen«, sagte er schroff. »Onnen gehört auch gar nicht mehr _Ihnen_.«
»Das sind ja überwältigende Neuigkeiten. Darf ich fragen, in wessen Besitz mein leiblicher Bruder übergegangen ist? Doch sicher in den Ihren ...«
»Sie irren, Fräulein Doktor. Er gehört jetzt meiner Schwester Maren. Sie hat ihn allein und mit eigener schwerer Lebensgefahr in fast drei Monaten aus Typhus und Diphtheritis gesund gepflegt.«
Wie Keulenschläge fielen seine Worte.
»Onnen? Maren?« stammelte Nomine, »davon weiß ich nichts ...«
»Sie haben ein Jahr lang nicht geschrieben, sind ein Jahr lang nicht auf der Hallig gewesen«, klang es hart. »Als uns Onnen sterben wollte, schrieb ich an Sie. Schier wider meinen Willen aus einem inneren Zwange heraus ...«
»Ich habe nichts erhalten.«
»Nein, der Brief kam zurück. Adressat verzogen, unbekannt wohin ...«
»Ich war auf Reisen, _mußte_ mich erholen ...«
Der Trotz erhob sich wieder in ihr, sie wehrte sich gegen Manne Wögens unbarmherzige Aufrichtigkeit.
»Ja, ich weiß. Sie hatten Ihre neue Adresse niemand hinterlassen. Das ist bequem, Fräulein Doktor, aber es befremdet Leute, die noch mitten im ›Brimborium‹ stehen ...«
Sie warf beleidigt den Kopf zurück. »Erzählen Sie weiter«, gebot sie kurz. »Sie haben ja gewiß noch den ganzen Sack voll schöner Neuigkeiten, Manne Wögens. Oder nicht?«
»Neuigkeiten? Ja! Schön? Nein! Aber so reichlich, daß ich fürchte, ich komme nicht zu Ende, bis wir den Mutterhof erreicht haben.«
»So unartig also war’t ihr Halligleute, während ich nur ein Jahr fort war?« versuchte Nomine zu scherzen.
»Ja, wir Halligleute -- Fräulein Doktor scheint sich überhaupt nicht mehr dazu zu rechnen -- erlaubten uns _sehr_ unartig zu sein, über die Gebühr unartig, -- Gott, was haben wir alles angestellt ...!«
Nomine Holgers sah ihn prüfend an. Die sonderbar bittere Art seiner Berichterstattung befremdete sie. Es war kein Humor mehr dabei.
»Das scheint mir so«, sagte sie bedeutungsvoll. »Sie tragen ja noch den Arm in der Binde. Haben Sie gerauft?«
»Mit dem Tode, ja. Aber er war stärker als wir alle.«
»Manne Wögens, Sie sind wirklich unausstehlich. Was soll diese ganze Art? Wenn es Scherz sein soll ..., Sie pflegten früher geschmackvoller zu scherzen.«
Er lachte grell und bitter auf. Und dann faßte er mit seiner gesunden Rechten ihr Handgelenk und hielt es wie in einem Schraubstock fest. Zornig blitzten seine Augen sie an. Sie wollte sich losreißen, aber er zwang sie stehenzubleiben.
»Was ficht Sie an, Manne Wögens?« rief sie böse.
»Der _Zorn_, Prinzessin Nomine. Ein Jahr lang haben Sie sich nicht um Ihre Heimat und um uns gekümmert. Ein Jahr lang haben wir hier in Kümmernis und Herzenssorgen gelebt, und Sie haben nicht danach gefragt. Meiner Maren wollten und sollten Sie eine Schwester sein; haben Sie Ihr Wort gehalten? Alle Brücken zur Heimat hatten Sie hinter sich abgebrochen. Warum? Aus kaltherziger, eigensüchtiger Bequemlichkeit. Und wie wollen Sie vor Gott bestehen, wenn er Sie nach Melenke fragt?«
Nun hatte sie sich mit einem Ruck losgerissen.
»Sie überschreiten Ihre Befugnisse, Herr Lehrer Wögens. Ich sitze nicht mehr auf der Schulbank. Trotzdem will ich Ihnen Antwort geben. Ernste Arbeit für meinen künftigen Beruf ist nicht kaltherzige Bequemlichkeit. Allerdings, ich wollte nicht _unnütz_ gestört werden. Und des Heimatballastes etwas ledig werden. Aber ich habe zweimal an Melenke geschrieben und sie nach Kiel eingeladen. War auch ganz im Anfang bei ihr in Hamburg. Aber ihre Umgebung war für mich unwürdig ... Und dann ... nahm mich allerdings das Bauen meines Doktors _ganz_ in Anspruch ...«
»Und damit war die Schwester völlig aus Ihrem Gedächtnis entschwunden? Ich kann’s mir denken ...«
»Warum examinieren Sie mich?« fuhr sie wieder auf. »Ich verbitte mir’s. Ich habe einmal Ohm Rickert in Husum getroffen. Noch vor zwei Monaten. Und habe ihn nach Melenke gefragt. Da sah er mich an, als hätte ich chaldäisch gesprochen. Und hatte es sehr hilde und rief mir nur zu, es gehe ihr gut, es gehe ihr am besten von uns allen.«
Wieder lachte Manne Wögens kurz auf. »Sieh so, -- der Ohm Rickert. Ja, das ist ein Humorist und Philosoph.«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, bemerkte Nomine Holgers ärgerlich. »Es wird das beste sein, ich lasse Sie hier stehen und stapfe allein durch den Schnee zum Mutterhof. Da wird mir ja alles offenbar werden, worüber Sie so krampfhaft orakeln.«
Er sah sie seltsam forschend von der Seite an, und einen Augenblick wollte das Mitleid heiß in ihm aufwallen, wie sie so ahnungslos neben ihm schritt.
Aber da schürzte ihr Mund sich schon wieder. »Daß Sie doch immer schelten und schulmeistern müssen, Manne Wögens. Ich hatte mich wahrhaftig auch auf _Sie_ gefreut. Aber nun ist alle Freude fort. Und dabei will ich doch nur die paar Weihnachtstage bleiben, will dann ins Ausland gehen in den ersten Tagen des neuen Jahres. Könnten Sie nicht aus diesem Grunde ein bißchen netter sein?«
Sie blieb nun stehen, und wieder sahen sie sich in die Augen.
»Wie schrecklich blaß und elend er mit einemmal aussieht«, dachte sie. »Und warum trägt er mir alles so nach? Was habe ich denn so Böses getan?«
»Ich habe nie Anlage zum ›Nettsein‹ gehabt«, entgegnete er ruhig.
Da flog ein häßliches Wort ihm zu. »Philister!!!«
Unbewegt und ernst stand er vor ihr, und sah in seiner hochaufgerichteten, stattlichen Größe auf sie nieder. Allen Zorn, allen bitteren Unmut zwang er jetzt mannhaft zurück. Und sah nur das junge Menschenkind vor sich, das all der furchtbaren Wahrheit im Mutterhof ahnungslos entgegenging. Er bewegte die Lippen und formte die Worte, die sie schonend vorbereiten sollten ...
»Um Gottes willen,« rief sie, »nur keine Moralpredigt mehr. Ich hab genug für alle Ferien davon. Gö Dai, Manne Wögens ...«
Nomine Holgers gönnte ihm nicht einen einzigen Blick mehr. Sie wandte sich und lief noch ein Stück den Deich entlang, und stieg dann die Steinstufen zur Großwarf empor.
Und Manne Wögens stand still auf derselben Stelle und sah ihr nach. Als wolle er dort Wurzel schlagen, wie die Bonnestave zu seinen Füßen.
* * * * *
_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._
»Wer tief verwundet ist von den Geschossen des Schicksals, der mag auf die majestätischen Höhen der Berge und die ungebändigten Wogen schauen und lernen, daß man mit der Weichheit nicht durchkommt, und daß Kraft die Losung des Lebens ist.«
Dies Wort holte ich mir heut aus meiner Bücherei. Eine Bestätigung der tiefen Wahrheit, die mir schon lange der tägliche Anblick der salzen See gegeben hatte. --
Hart sind alle Halligleute.
Der Kampf mit den Elementen gibt ihnen seinen Stempel.
Kaum eine halbe Stunde duckte sie die Sturmflut.
Gleich waren sie wieder aufgesprungen, hatten sich gereckt, und ihre starken Arme tilgten in kraftvoller Entschlossenheit die Spuren der Vernichtung. --
Nur mein alter Nachbar Luersen ist liegengeblieben.
Der Stoß war zu derb, den ihm das Schicksal gab. Aber da ihm die Vernunft abhanden kam, wurde zugleich sein Los gemildert. Er wiegt das Kissen und ist glücklich.
Die Beerdigung der sechs Leichen bedeutete eine Läuterung für die ganze Hallig.
Sechs Särge predigten lauter als Pastor Ephraim Licht. Und Lars Larsen auf der Königswarf, der all sein Lebtag mit Peter Luersen verfeindet war, lud uns zum Mahl in sein Haus. Und veranstaltete dann eine Sammlung, zu der er selbst den größten Betrag stiftete. Die liegt nun als hübsche, runde Summe auf der Kreissparkasse. Für Akke’s kleines Mädchen. Wir haben es Anni genannt.
Und ich mußte richtig kämpfen um meinen Pflegling Luersen. Da war auch nicht einer in der Gemeinde, der ihn nicht zu sich nehmen wollte. Aber er wurde _mir_ zugesprochen. Weil es den Unglücklichen trotz der Verblödung noch nach seinem verwüsteten Hause zieht, das neben dem meinen liegt. -- Irgendwo im äußersten Winkel des kranken Gehirns muß eine Erinnerung schlummern. Wird sie wach, dann läuft er mir plötzlich fort und lehnt sich an den morschen Birnbaum in seinem ehemaligen Gärtchen. Und wiegt sein Kissen und horcht nach dem Hause hin. Und kehrt wieder heiter zu mir zurück. -- Gestern besuchte ich Maren und nahm Luersen mit nach dem Mutterhof. Aber dort war er unruhig und strebte fort. Da nahm Maren seine Hand und führte ihn an die Wiege zu seinem Enkelkind. Hieß ihn sich setzen und legte ihm das kleine Mädchen in den Arm. Paßte sorglich auf, daß er’s nicht fallen ließ. Er sah darauf nieder und hielt die Arme steif und ruhig. Ließ es sich auch wieder abnehmen und beobachtete, wie es in die Wiege zurückgelegt wurde. Darauf nahm er sein Kissen und schaukelte es heftig. --
Nur des Nachts darf meine Magd dies Kissen waschen. Er ist ganz außer sich und weint kläglich, wenn er es nicht früh an seinem Lager findet.
Ein aufgeweckter Mann war einst Peter Luersen. Ich selbst holte mir von ihm manchen Rat. Und die Insulaner wandten sich in verzwickten Angelegenheiten an ihn.
Er legte Mehdebücher an und half den Warfbohlsgenossen bei den Berechnungen, wobei er einen Mathematiker von Fach beschämen konnte. Er las gern gute Bücher. Meine zerlesenen habe ich alle an ihn abgegeben, und da war er nun wieder der geborene Buchbinder und legte die schönsten Deckel darum. Und nie kam er ohne ein paar Bücher vom Husumer Markt zurück, die er sich von einem »fliegenden Händler« erstand. Sein Gärtchen war mit das sauberste und schönste auf der Hallig. Sein Birnbaum trug am reichlichsten. Weil er immer Neues ausdachte, um die Frucht zu fördern.
Von all diesen Gaben ist nun nichts geblieben. Nichts als die Vaterliebe. Und von dieser nur die Erinnerung an seine Erstgeburt, seine Akke. Man könnte sich darüber vergrübeln, wenn das Leben nicht so viel Arbeit für uns hätte. --
Neulich versuchte ich bei Luersen wieder einige Gedanken zu wecken. Er war mir in seiner gesunden Zeit ein eifriger Mitarbeiter an meinem Buche. Brachte mir jedes Pflänzchen, von dem er glaubte, es sei noch nicht in mein Bereich gekommen, brachte mir seltsame Steinfunde, und stöberte wertvolle alte Halligaufzeichnungen auf. Ganz andächtig konnte er dann von Zeit zu Zeit in meinem Manuskript blättern und nachlesen. So gab ich es ihm auch neulich einmal wieder in die Hand. Preislich und dickleibig ist’s schon geworden. Es drängt dem Ende entgegen bei aller Fülle des Stoffes, der noch vorliegt. Aber Peter Luersen hielt das weiße Bündel kaum in der Hand, da fing er auch an es zu schaukeln:
»Slaap, slaap, min Zockerpopp, Morgen früh weck ik di op.«
Alles dünkt ihm »Akke«. Das Kind Akke, das noch gut und rein war und dem Vater zulieb lebte. --
Wir sind nun schon weit im Februar drinnen. Haben auch schon oft wieder mit dem Wasser gekämpft, aber nicht so hart wie im letzten Herbst. Doch schaue ich jedesmal mit Bangen nach der Nordseite von Likamp. Hierhin öffnen sich die Mündungstrichter unserer Priele. Edlef hat mir gezeigt, wie die Natur selbst schützend eingreift. Ein zäher Lehm lagert dort, wo die Gefahr am größten lauert. An ihm findet die wühlende See hartnäckigen Widerstand. Aber für die Ewigkeit ist sein Lagern nicht berechnet. Edlef plant einen Steinschutzdamm mit Zuhilfenahme von Faschinen. Und bei der arg bedrängten Kirchwarf denkt er an Betonversenkung. Von Mal zu Mal raubt die salzen See bei Sturmflut etwas von der Landzunge zwischen Kirchpriel und freier See. Dem muß Einhalt geboten werden. Edlef verspricht sich viel von seinem Aufenthalt in Hamburg. Ihn hat schon immer die Regulierung der Unterelbe interessiert, nun ist er mitten drin im Studium des einschlägigen Materials. Das will er dann für die Sicherung und Eindeichung von Hallig Likamp verwenden.
Viele Insulaner stellen sich lau zu all den großzügigen Plänen. Das ist tief bedauerlich. Ich verliere leicht die Geduld so viel Kurzsichtigkeit gegenüber. So viel Gescheite und ernste Männer, denen unsere Hallig lieb ist, beschäftigen sich mit der Insel. Sie haben jedem Verständigen einleuchtende Grundsätze aufgestellt, auf denen wir unbedingt aufbauen müssen. -- Ich versammle jetzt öfters die Halligleute im Schulhause und halte kleine Vorträge, berate sie auch nach bestem Wissen und Gewissen. Besonders die gerechte Lastenverteilung an Arbeit und Kosten ist schwer, aber auch hier haben Sachverständige die Wegweiser gestellt: »Wer den meisten Vorteil an der Landerhaltung hat, der hat auch am meisten zu leisten.« --
Edlef schreibt mir verhältnismäßig oft, weil er weiß, welch rege Anteilnahme ich seinen Plänen entgegenbringe, die alle das Wohl der Hallig im Auge haben.
Aber nur ganz sachlich schreibt er mir. Von Maren enthalten seine Briefe nichts. Er selbst schickt nur Postkarten nach dem Mutterhof. In seinem Verhältnis zu Maren ist etwas verschüttet, was nicht wieder gehoben werden kann. So meint Maren. Gott verhüte, daß sie recht hat.
Aber vielfach erwähnt Edlef seinen Bruder Onnen. Er liebt ihn, ist ungeheuer stolz auf ihn und legt mir seine Förderung ans Herz. Mein Brief, der damals über Onnens Lebensgefahr berichtete und über Marens nimmermüde, Tag und Nacht währende Pflege hat ihn tief erschüttert. Er fand dankbare, begeisterte Worte über Marens selbstloses Verhalten, aber nur gegen mich. Maren selbst erhielt kein Wort darüber. -- --
Onnen durfte das Weihnachtsfest bei mir im Schulhaus verleben. Da sind wir uns noch näher gekommen, wenn das überhaupt möglich war. Merkwürdigerweise hat man Onnen nicht gesagt, daß seine Schwester Nomine zu Hause gewesen ist. Onnen war zwar noch recht angegriffen, aber der Besuch von Nomine hätte ja nichts Welterschütterndes für ihn bedeutet. Es ist mir ein völliges Rätsel, warum sie ihn nicht hat sehen wollen. --
So habe ich einen schönen, kleinen Tannenbaum für Karen und Onnen geschmückt, und Peter Luersen hat in die hellen Lichter hineingeschaut, doch ohne Erleuchtung für seinen armen Kopf. Gar nicht gekümmert hat er sich um meine jungen Gäste. Das Wiegenkissen ist ihm allstunds Gesellschaft genug.
Am Silvestertag kam dann Maren zu mir, um mir aus ihrem goldenen, treuen Schwesterherzen heraus ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Sie faßte das »Glück« gleich in ein paar Begriffe zusammen, in »Gesundheit«, »Gelingen meines Werkes« und »daraus entsprießendem Mammon«, der mir eine große, herrliche Reise ermöglichen soll. -- Ich war mit diesen Begriffen zufrieden. --
»Der Mutterhof hatte ein Krankes«, sprach Maren weiter zu mir. »Sonst wäre ich längst bei meinem einsamen Mannebruder gewesen.«
»Schon wieder ein Krankes?« fragte ich. »Du kommst nicht heraus aus dem Pflegen.«
»Hier war nichts Eigentliches zum Pflegen. Herz und Gemüt waren aus den Fugen, und der arme Mensch, der dazu gehörte, mußte sich selber helfen.«
Da wußte ich, wer die Kranke war. --
Nach einer längeren Pause strich mir Maren über den Scheitel und die Schläfen. Sie hatte sich auf die Armlehne meines alten Sorgenstuhles gesetzt und meinte sinnend: »Auch durch Nomines Schläfenhaare zieht sich ein weißer Streifen.«
»Unsinn!« begehrte ich auf. »Das Mädchen ist vierundzwanzig Jahre alt.«
»Aber in diesen Weihnachtsferien um ein Jahrzehnt, wenn nicht um mehr gereift ...«
Maren und ich verstanden uns ohne Worte. Ich fragte nicht, wie Nomine den Anblick des veränderten Mutterhofes aufgenommen und verwunden hatte, und erfuhr nicht, wie sich die Krankheit nannte, die sie niederzwang. Ich weiß nur, daß ihr einziger Ausgang nach dem Friedhof zu den beiden verschneiten Gräbern gewesen ist. Weiß auch, daß Nomine jetzt im Ausland weilt, und daß sie auf ihren Wunsch über die Heimathallig von Maren auf dem Laufenden erhalten wird.
So schlummert auch mein allzu lebendiger Groll nach und nach still ein. Aber äußerlich wird dieses letzte Wiedersehen noch eine größere Schranke denn vordem zwischen Nomine Holgers und mir errichtet haben.
Vielleicht werden wir uns jetzt jahrelang nicht wiedersehen. Sie wird ihr Staatsexamen machen und in eine neue Welt eintreten. Ich aber will weiter meine besten Kräfte aus der Heimat saugen, und ihr weiter mein Bestes geben.
* * * * *
Seit einiger Zeit geht ein ungut Gerücht um.
Ich habe Müh’ und Not, es vor Maren zu bergen.
Man hat Edlef Holgers und Akke, geborene Luersen, in Hamburg zusammen gesehen.
Warum sollen zwei Halligkinder sich nicht zufällig treffen können? Und wenn Edlef wirklich längere Zeit mit ihr zusammen gewesen ist, so ist das unvorsichtig, braucht aber keine Schlechtigkeit zu sein.
Wenn ich doch solche Zuträgereien von meiner Hallig verbannen könnte! Sie passen so gar nicht zu unserer Einsamkeit, zu der tiefen, besinnlichen Stille unserer Warfen!
Irgendeine fremde Eintagsfliege hat ein paar Staubkörner mit anderem unnützen Tand auf die Insel gebracht.