Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren
Part 2
Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor -- der Name Sefczyk bedeutet verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt worden -- hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu liefern brauchten.
Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie studiere.
Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..
Franz machte eine rühmliche Ausnahme.
Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne sank.
Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.
Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus Jahr ein Versuche anstellte.
So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und seiner Mitschüler. Damals -- heute soll es ja anders sein -- gab es ein Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.
So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da gefragt werden kann, weiß ich alles.“
Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners abholen.
Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. Da -- oben -- wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.
Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde von sich geben.
„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze -- -- Alle standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“
Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten. Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.
Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!
Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, daß sein erster Blick darauffallen mußte.
Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.
Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die Bauernfrauen.
Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war. Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“
Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine ~contradictio in adjecto~, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“
Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „~Mi fili~, mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“
4. Kapitel
Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der Kiefern.
Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.
Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.
Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam. Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen. Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister, können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“
„Ich bitte darum, Herr Major.“
Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“
Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“
Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ. Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“
„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“
„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht, wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“
„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“
„Wir erwarten und hoffen es ....“
„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“
„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß man Ostpreußen so schutzlos läßt.“
„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den Reichstag zum Deuwel jagen.“
„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur Weichsel aufgegeben werden soll.“
„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.
Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein. Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu teilen, sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“
„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.
„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren gehen!“
„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die Gläser gefüllt hatte.
„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“
„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“
„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau, wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“
„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“
„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“
„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚~propter barbam et staturam~‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb und die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei einem Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem Auge. Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen. Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte. Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“
„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus. „Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“
„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“
Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger Mann.
„Mein Sohn Walter, ~stud. jur.~“, stellte der Forstmeister ihn vor. Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den Grinda her, ich habe mit ihm zu sprechen.“
Der junge Mann verschwand.
Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“
Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von deinen Künsten abfragen.“
Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem Gesicht, kniff verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen, Forstmeister.“
„Weshalb denn nicht?“
„Es sind mir zuviel Ohren da.“
„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der Major ein.
Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.
„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.
„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.
Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“
„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren heranwachsenden Söhnen gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der Ferien ....“
Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.
„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre Mitteilungen beanspruchen.“
Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.
„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“
„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht das 1. Finnländische Dragonerregiment.“
„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht, Grinda?“
„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles Vertrauen.“
„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.
Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major den Kopf.
Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe lagen.
In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr anzugeben wußte, die Hand.
„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um neuere Nachrichten zu holen?“
„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“
„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen Lebensabend genießen können.“
„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal wagen.“
Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.
„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.
„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte der Grünrock brummig.
Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten Generalstab zu verfassen.
Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter, die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein lockeres Leben geführt.