Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 15

Chapter 153,776 wordsPublic domain

Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus. Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt, ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte, dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen. Und sie gab sich damit zufrieden.

Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die Kratzbürste, sondern die freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte, durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu gewinnen hoffte, ahnte er nicht.

Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen wäre.

„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester schon einig?“

„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei ihr klopfen?“

Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht vor Tod und Teufel gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich tue ich dir den Gefallen.“

„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort für mich einzulegen.“

Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte, ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“

„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“

„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“

Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“

„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“

„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“

„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt, und er wird ihn zu wahren wissen.“

„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“

Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.

„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“

„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar nicht“, erwiderte Emma heftig.

„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit kommst du bei mir nicht durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich vielleicht eingehen.“

In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die Kirche rein lassen.“

„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer richtigen Ehe.“

Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das junge Paar ab nach Berlin.

Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“

„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“

Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer, bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein. Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie nicht einmal zu ahnen.

23. Kapitel

Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle Strophe in das dünne Geläut der Glocken.

Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen sollte. Über dem Grabhügel häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.

Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag, den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“

Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte. Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine Frau würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu hören.

„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“

„Aber selbstverständlich, Rosumek.“

Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß.

„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“

Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht.

Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat dich lieb wie ihre eigene Tochter.“

Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz, ich kann nicht.“

„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’ du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“

Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut. Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte. Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“

Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ...

Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort, die ihr Herz wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.

„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“

Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde. Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja, Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem Kind gegenüber übernommen habe. Ich werde dir deinen Haushalt führen. Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie unterstellen kann?“

„Lotte, wie soll ich dir danken?“

„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. -- Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen? Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen, ich komme gleich nach ....“

„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.

„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich halte immer Wort.“

Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben hatte, anstatt die Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht .... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.

Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet. Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin stellen.

Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.

„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“

Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar gemütliche Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen. Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe. Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr gewohntes Leben fortsetzen kann.“

„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein.

„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ...

„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“

„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „+Die+ Episode meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“

Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor.

„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch nach uns seine Hände aus.“

„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend.

„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst gegründet.“

„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“

Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland gekämpft und geblutet.“

„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“

„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen Parteiorganisation, die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch angehöre.“

„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“

„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch werden wollen?“

„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“

„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf unserer Seite zu finden.“

„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“, fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben. Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung auseinanderzusetzen.“

Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande.

Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.

Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf. Das gab ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.

Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“

Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das dieser Jüngling mich führen wollte.“

Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte sich Lotte über Frau Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr führen?“

Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.

Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden. Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal, Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“

„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir wiedergegeben haben.“

„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“

„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“

„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“

„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig geheilt.“

24. Kapitel

Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr friedfertigen Genossin die Küche benutzen.

Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem Speicher. Da wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube abtreten mußte.

Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte, was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden.

Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger Mann sei, und begab sich zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf einem so verschiedenen Standpunkt standen.

„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen Bundesgenossen?“

„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit allen Kräften widersetzen muß.“

„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der Pastor freudig aus.