Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren

Part 13

Chapter 133,736 wordsPublic domain

„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer gewissen Spannung in der Miene.

„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.

„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“

Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel, dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ... schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“

Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen Gedanken bestätigte, der ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir fern, einen Stein auf sie zu werfen.“

In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel, für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war, da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht, Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“

„Was ist sie hier?“

„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“

„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“

„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die Hand geben?“

„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“

Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der sie getauft und eingesegnet hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie, während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“

„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“

„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen reichlich.“

Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.

Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“

Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde. Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren, bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten, ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer Welt von Feinden die Stirn zu bieten.

In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht .... Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen, wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....

Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....

Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?

Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon, verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.

Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und ... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.

Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen. Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.

Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten. Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.

Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek, der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr Herz zu nehmen.

Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch, als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte, überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als Gefangener aufzufinden war.

Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer. Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... -- -- --

Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.

Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen seine Vorgesetzten nicht zu denken.

Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg errungen hatte.

20. Kapitel

Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen, daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese Sperre zu durchbrechen.

Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag, um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.

Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster. Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz vorwärts.

In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.

Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten .... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her. Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien, zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert Meter laufend zurücklegen.

In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche, warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.

Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an: „Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen, vielleicht kann er doch noch was aussagen.“

Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.

„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er vernehmungsfähig werden wird ....“

Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.

„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum Auditeur.“

Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt. Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.

Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt. Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt. Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ ihn einschlafen.

Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte, wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll .... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche Hände und in deutsche Pflege.

Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch verbunden.

So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm, durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....

Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich mit Franz teilte.

Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde. Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.

Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat, ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert, der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und Unterstützung wartete.

Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters, kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.

Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.

„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten? Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie noch een Arm hatten?“ ...

Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker. Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen, und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.

Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen Ständen das Vaterland verteidigten.

Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde, bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein Schlemmerleben führen könnten.

Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.

Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um den Ausbruch des Krieges zu verhindern.

„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind und nich die Macht dazu hatten.“

So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen Recht ....

Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg, wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein Auge gekostet.

Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief, drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände gereicht .....

Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.

Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach. Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den Verlauf des Krieges.

Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen. Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert hatten, denn nicht Frieden?