Der Mord an der Jungfrau

Part 2

Chapter 21,461 wordsPublic domain

Und die Jungfrau sprach zum Greis, der jetzt nur noch bei ihr war:

»Vater, laß mich.«

Aber der schluchzte:

»Ich hab, dich gekannt, als du klein warst . . . . Ich bin sehr alt, und du allein unter den Lebenden hast mich lieb . . . .«

Plötzlich schwiegen sie.

Was marschierte da unten auf, so dröhnend auf den Fließen?

»Die Legionen!« rief der Alte.

Eine ungeheure Freude packte die beiden und zugleich bekümmerte sie etwas wie der Verlust einer Märtyrerkrone . . . . Die Barbaren, die im Sold des Kaiserreichs, warens, die mit den ehernen Helmen, die mit den klingenden Schwertern bei jedem Schritt . . . . Aber wie denn! Wie stellen sie sich auf? Schmach! Die Stadt, nur die Stadt beschützen sie! Und Serapis, den opfern sie den Fanatischen, die da anstürmen, den Grausamen unter ihren Tierfellen und mit ihren Piken!

Athene wiederholte:

»Laß mich Vater! Wie soll ich Weib vor einem Manne sterben!«

Der aber weinte nicht länger und rief gereckten Haupts:

»Linus wurde von wütigen Hunden zerrissen, aber Orpheus sang und bezauberte die wilden Tiere. Den geringsten ihrer frommen Schüler verlangt nach einem Gleichen!« Da hielt ihn das junge Mädchen nicht mehr zurück. So sollen denn Verse singen vor dem Tode der Enkelin Platos und Homers!

Von der Terrasse aus sah sie, wie der milde Greis dem Pöbel entgegenschritt. Jetzt tat der Alte den Mund auf -- und jetzt spaltete ein Stein die Stirn, dahinter der Genius thronte und sang. Und die Unbefleckte wandte den Blick ab von alldem und dem Volk, das in Tierheit watete, und tat die Augen hinauf zum Himmel, zu Gott Helios, der das unendliche Blau umschließt, darin nach dem Gang der Sternbilder die Seelen der Edelsten wandeln . . . .

Und schwere Balken rennen gegen das würmige Holz der Türen an und Stimmen heulen Mord und Mord.

So wie eine Priesterin feierlich-heiter an einem hohen Fest nach alten Riten die heiligen Vorschriften erfüllt, so wandte sich Athene gegen die Ferne und das heilige Land Hellas.

»Lebwohl du meine Mutter und du meine Mutter unserer Väter! Fromme zerstörte Feste Athen, eh du willst, daß ich dies Leben hingebe, grüße ich dich mit meinem letzten Hauch!«

»Du Süße meiner Jugend, du warst mir ruhmvoller Hort gegen das Gemeine, das Mittelmaß und alles Leid und du nur lehrtest mich die Seligkeit des Lächelns!«

»All dein Hohes sprachst du zu mir, all deinen Frieden sangst du mir, . . . . und nun du willst, daß ich dies Leben ausliefere, lehr' mich, Mutter, das alte Geheimnis, lehr' mich den simplen Tod.«

Und zu den Statuen Homers und Platos:

»Einstmals, da ich bei euch geträumt, erfuhr ich in meinem Herzen dies: schöner als eine schöne Tat, schöner noch sei ein schöner Gedanke. Und soll nun dennoch sterben. Schön ist der Leib, aber es tut besser, daß er leide denn der Geist. Hätt' ich von euch gelassen, wie hätte das ewig meine Seele betrübt! Und mein Tod jetzt kann euere Heiterkeit nicht verdunkeln, denn nur den Vorhof eueres Tempels soll mein verschüttetes Blut färben . . . .«

Und sie neigte sich nach den inneren Höfen, darin Tauben von Korn zu Korn sprangen; sah auf die Pflanzen, auf die Tiere und auf das Leben, das ihr nie etwas war, und diese letzte Sekunde schien ihr ein Köstliches.

Und sie tat einen Schleier über ihr Antlitz und erschien vor den Augen des Volks auf der hohen Treppe.

Die Menge flutete vor ihr zurück, denn ihr Schreiten war einer Göttin Schreiten, und keiner sah ihre Lippen von Blut leer. Und aber ihre Kräfte verließen sie vor ihrem Mut, und ohnmächtig stürzte sie auf die Steine.

Und wie die Kinnladen eines reißenden Tiers schloß sich der Pöbel neu . . . . die Gliedmaßen der Jungfrau zermalmt . . . . und unter ihren Helmen und unter ihren Adlern grinsten die Barbaren zu dem Blutraub und Mord und besudelten die Majestät des Kaiserreichs und das Bahrtuch der Antike.

Auf den Abend, während Alexandrien, die Verräterin der alten Jahrhunderte, sich in Fieberschrecken wälzte und schrie, wie mit dem Tode Ringende schrein oder Gebärende, lasen Amaryllis und Lucius die heiligen Gebeine der Jungfrau des Serapis auf.

So ließ unter den Fäusten Fanatischer und angesichts der Barbaren die letzte der Hellenen ihr Leben für ihren Glauben; und nur eine Dirne und ein Wüstling waren es, die ihre letzten Minuten ehrten. . . . Doch was verschlägt das dir, du unvergänglich Reine! weit über jenen blinden Pöbel siegte und viele kommende peinliche Jahrhunderte überdauerte dein heiliges Sterben, und die Enkelkinder jener, die zu deinem Märtyrertum grinsten, knien vor dir -- schamrot über ihre Väter -- und beten zu dir um Vergebung . . . . und das Dunkle und Wirre, das jene von einst gegen deine Heiterkeit aufreizte, drängt die Edelsten von heut', zum elfenbeinernen Turm zu flüchten und dein Leben und deine Lehre anzuschaun.

ARKADIA

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BUCHAUSSTATTUNG VON E. R. WEISS

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End of Project Gutenberg's Der Mord an der Jungfrau, by Maurice Barrès