Der Mord am Polizeiagenten Blau

Part 1

Chapter 13,352 wordsPublic domain

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –

HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD

BAND 3

VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN

DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU

VON EDUARD TRAUTNER

VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN

EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

EINLEITUNG.

Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist; nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.

Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute bekannt werden mag: – und dies berechtigt den Versuch, den Fall zu erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen, das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie begleitet.

– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß, Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und: wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!

Nun war des letzten Dezenniums Ablauf so rasch und hat so brutal mit uns gehandelt, daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher zu denken. Natürlich wissen wir alle Viel und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel, daß dessen Last uns ängstigte und nicht mehr tragbar war. Da setzten wir an Stelle der Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach ihrem Propagandawert ausgewählt! Und machten die Gegenwart uns dadurch erträglich ... Wir haben eine tote Vergangenheit; nicht etwa, daß sie leer wäre; nur: sie ward nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen mit unseren Formulierungen zu ... und eiferten uns in die Berechtigung unserer Ziele.

Doch, – die Schufte sind selten; häufiger sind schon die Hanswurste, und die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt berechtigten Anspruch darauf, für gute Bürger und gute Patrioten zu gelten. Und: man wird auf der ganzen Erde zusammen nicht so viel Mut finden, um nur ein Drittel eines Volkes zu den Verbrechern zu machen, die sie gegenseitig sich schimpfen. Wer also nicht bereit sein will, in politischen Dingen des Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht, muß das Bild all der Jahre wecken: ohne Betrachtung der politischen Lage der breiten Massen und ihrer Gestaltung unter dem Einfluß des Nachkrieges ist es unmöglich, dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit überhaupt Möglichkeit ist, durch dieses Dunkel zu dringen, denn:

In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt, sind die letzten Enden und Fäden verborgener Bestrebungen eben erkennbar; man sieht in der aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen und weiß, daß im Lebenden, irgendwo hinter dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn. Aber es ist unmöglich, diesen Spuren zu folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen, dann kommt das Uferlose. Die Ganzheit entzieht sich stumm und unfaßbar jeder Betrachtung.

DER BODEN.

Die Außenseiter.

Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft fand im Urteile der Betrachter das eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten Anforderungen nicht genüge. Der nächste Satz war, daß sie notdürftig funktioniere. Darüber hinaus zeigten sich die Verschiedenheiten, trennten sich die Wege: die einen betonten das Wort „funktionieren“, während die anderen das „notdürftig“ rot unterstrichen.

Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand mechanischer Vorstellungen erörtern, – aber unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik geformt und für deren Bedürfnisse durchgebildet: So vergleicht man die Gesellschaft mit einer riesigen und sehr komplizierten Maschine.

Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft aus einer Unzahl Einzelmenschen mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß sie nicht alle Menschen umfaßt: außerhalb stehen andere, die in anderen Gesellschaften organisiert sind, und solche, die kaum irgendwo zugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen, die sich berühren und in manchem durchdringen: es braucht schon Gewalt, um eine allein zu betrachten. Doch auch an der einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht nur, daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln; auch die Gruppen von Menschen, die Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer Struktur, ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit für das Ganze. So ist auch dieses einer dauernden Umbildung unterworfen, die oftmals das Schwergewicht zwischen den einzelnen Sphären (z. B. Landwirtschaft, Wehrmacht, Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert und für immer verschiebt.

Die Mittelpunkte der Konsolidierung und Kristallisation sind selbständig und suchen vielfach unabhängig voneinander den Bau zu durchdringen; ein Ringen um die Hegemonie findet statt, und neben den Tendenzen, die auf Befestigung zielen, laufen Prozesse der Auflösung und der Rückbildung einher: Dies erfordert eine angemessene Beweglichkeit der einzelnen Elemente und bedingt besonders an den Berührungszonen der einzelnen Gebiete eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges. Nur so kann der Organismus die starke Reibung dort und hier die lose Verknüpfung ertragen.

Wo immer man eine Bevölkerungsgruppe abtastet, wird man an ihren Grenzen finden, daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt in andere Gruppen überfließt. Dort, an den Grenzschichten, findet man diese elastischen und beweglichen Elemente. Im Inneren der Gesellschaft füllen sie als Zwischenhändler, Kommissionäre usw. vorhandene Lücken aus und überbrücken sie; an den freien Außenflächen aber vermögen sie sich zu entfalten und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten, oder entwickeln sich zu Feinden und Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse gelagert sind und je nach dem, was die bestehende Form mit diesen Gliedern anzufangen weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht gerade von diesen Zonen aus neue und umwälzende Mittelpunkte zur Geltung bringt.

Darum ist auch eine andere Betrachtung der Gesellschaft möglich: im Gegensatz zu den starren und durchkonstruierten Teilen der Maschine stellt jenes schmiegsame Milieu das Bewegliche, Gärende und so das Lebendige dar, das zeugt und stirbt. Man kann also das Geordnete als gegeben und nicht weiter anregend statistisch aufnehmen: in den Zwischenschichten aber das fruchtbare und fortbildende Element untersuchen: den Ausgangspunkt der Entwicklung – und vielleicht besteht der wesentliche Teil praktischer Innenpolitik im Versuch der Erkenntnis und richtigen Voraussicht, im Auffangen der so bedingten Verschiebungen. –

Der Sprachgebrauch wird diese abseits des stabilen Kreislaufs wirksamen Existenzen als Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist demnach kein aus der Bahn geschleudertes Individuum, sondern ein der Gesellschaft und jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft notwendiges Milieu. Zwangsläufig wird der einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil, weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen weniger geneigt und von ihnen abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die vorhandene Lücke von irgendwoher ihn ansaugt. Selbstverständlich wird eine gewisse Auslese der Charaktere stattfinden, aber ebenso sehr erwartet das Milieu den Menschen! Die Idee der Gesellschaft allein setzt schon als gegeben den Außenseiter; die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle, die er zu spielen hat, und so, wie sie der vorhandenen Lage entspricht, wird jener fördernd oder auflösend oder erneuernd wirken.

Aber, was stetig sich ändert, verschiebt und anpaßt, wird nie der Idee entsprechen; bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen, Härten und Stöße nicht ausschließt: sondern aushalten muß. Diese Erschütterungen möglichst bald abzufedern – im Interesse des Ganzen – ist nötig und die Wirklichkeit ist nicht wählerisch in den Mitteln.

Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes für die weitere Gestaltung des Ganzen.

* * * * *

Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische: von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern, die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern, Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit für sich, die hier nicht in Betracht kommt.

Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde) herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes zu wiederholen.

Der Krieg.

Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.

Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen. Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen alle waren im Strom.

Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt, denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden ergriffen hätte!

Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man zuviel Soldat war!).

Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich, daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem, zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen Folgen mußten furchtbar sein! –

[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]

Wir müssen siegen!

Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhr große öffentliche Versammlung im Harmoniesaale

Wir fordern: Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!

Wir wollen: den Frieden der Sicherheit, den Frieden, der unserer Toten wert ist!

Wir verlangen: Rückerstattung der Kriegskosten, militärische und industrielle Sicherungen, besonders der Westfront, koloniale Berichtigungen!

Wir fordern unsern Platz auf der Welt!

Durchhalten! Aushalten! Maul halten!

Wir müssen siegen!

Deutsche Vaterlandspartei. Der Ortsvorstand.

Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders die Truppe, trug den Krieg wie einen Beruf: sie wälzte Verantwortung auf die Höheren ab, erfüllte stumm ihre Pflicht und schonte sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der Front, die man nicht immer lobend erwähnte, blieb bei aller lokalen Verlottertheit kein Appell ohne Wirkung; man war nicht mehr begeistert, wie in jenem August; und mußte nicht unbedingt an der Spitze sein: doch war man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte zu geben.

Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit! Sicher, die Kriegswirtschaft arbeitete mit ungeheuren Verlusten und Spesen, aber sie funktionierte und – wenn man tausendmal manches hätte ändern und bessern können: ohne die Versteifung und Verstählung um einen einzigen Kern ging es nicht! Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und ehern _eine_ Maschine war, ohne Reibung und ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler Ausgang unmöglich.

Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist für die Einheitlichkeit der nationalen Bewegung beweisend, daß Widerspruch gegen den Krieg erst dann weitere Kreise zog, als Männer an exponierten und orientierten Plätzen die Möglichkeit des Sieges verneinten und jedes weitere Opfern als unnütz und die Lage verschlimmernd zu erkennen glaubten; und hier fand der entscheidende Bruch in der Psyche während des Krieges statt: die einen sagten: „Wir können nicht zurück!“ und bissen die Zähne ineinander; die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“ und schwiegen; und warteten auf den besseren Augenblick. _Beide fühlten sich schuldig._

1918.

Die Begeisterung jenes heißen Augusts war mit den Jahren ernster Gefaßtheit gewichen; 1918 wandelte sie sich in beengenden Druck. Man wußte, daß man nicht siegen konnte; man wußte, daß die leichten Möglichkeiten zum Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel unwiederbringlich vorüber war und fühlte sich angstvoll und unfrei. Jedenfalls, die Verantwortlichen taten nichts, einen Ausweg zu finden: wie gelähmt folgten sie der Entwicklung, und selbst die erkannte Wahrheit vermochte keinen Entschluß zu reifen.

Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten Gruppen: die einfachen Soldaten und die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten Arbeiter, das hungernde Volk! Gerade die Masse dieser Unverantwortlichen – die gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg – gerade dieses Vertrauen forderte entscheidende Tat ... Aber man war schon zu weit! So hofften die einen auf allgemeine Zermürbung, die anderen bangten vor der erkannten Gefahr; beide hielten sich dadurch aufrecht, daß sie ihre individuelle Pflicht erfüllten.

Dabei war das System nur für den Sieg gebaut! Jede andere Lösung war unerträglich; das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt! Die ganze Maschine des Staates war derart überkonstruiert und versteift, daß sie die geringste Abweichung weder ertragen, noch überstehen konnte; sie mußte springen. –

Man spricht von Unterwühlung der Front und nennt die paar Streiks, die paar Meutereien, nennt die wenigen Namen, die während des ganzen Krieges ungehört widersprochen hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst wollte, dann mußte man siegen; für den Fall, daß der Sieg ausbleiben würde, war nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt, dann war keine _Aussicht_, zu siegen. Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben verloren und war dadurch verloren, daß er zu lange Möglichkeit zeigte, gewonnen zu werden.

Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden; und vor der Größe dieser Tragik wird alles belanglos, was man an Fehlern nach links und rechts aufdecken kann. Man erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges so lange verzögert worden, bis man den Waffenstillstand in wenigen Stunden haben _mußte_.

Aber, während periphere (koloniale) Kriege im Verlustfalle gleichgültig sind, im Gewinnfalle höchstens mit der Krönung des siegreichen Feldherrn enden, enden zentrale (Erschöpfungs-) Kriege im Verlustfall mit dem Sturz des Systems. Um die bestehende Ordnung zu erhalten, mußten die verantwortlichen Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden Systems, alles versuchen, um den Krieg nicht offensichtlich zu verlieren. – Doch er war schon verloren!

Der November.

Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.

Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder Schande; doch:

Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem Falle krachte der ganze Mechanismus des Bestehenden in einem Augenblick völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.

So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen, so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern und Soldaten.

Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüber herzufallen, erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.

Die Patrioten.

Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter- und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die – zu erhalten suchten!

Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten, möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten. Aber weiter vermochten sie nichts.

Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte einschneidende Maßnahmen zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich, mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das ganze Feld zu entflammen! –

Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation _dieses_ Krieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht haben, ein Phänomen der Geschichte.

Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, daß ihnen die Errichtung einer neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung des alten Systems war derart völlig und katastrophal, daß weder in Handel noch in Produktion, weder in Verwaltung noch in den Gebieten der öffentlichen Sicherheit irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont war. Es mußte alles neu aufgebaut werden.

Die Gegner.

In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen (dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des desorganisierten Einzelnen überwunden werden.

Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß: die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.

Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen sein: aber in einem Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte; nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.

Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt und durchgesetzt.