Chapter 8
Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe, bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren, beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen. Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht, Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.
Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin. Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte, wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern, Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang. Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite. Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.
Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand, drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege; jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.
»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die Schulter.
Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll ich’s anfangen?«
»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen abbringen, ganz im Gegenteil.«
»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig dazwischen.
»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt. Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast. Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust, sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes. Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden. Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch sinnlos.«
Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.
»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«
Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.
Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«, sagte er. »Man kann beides tun.«
»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten. Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«
Sie gaben einander die Hand.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe, Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.
»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz hübsch.« Ein köstliches Aber.
Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.
Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel, geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen, gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen, als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre Kinder die wunderbarsten auf der Erde.
Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.
Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff, sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.
»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,« sagte Natalie.
Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane. Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh. Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein, das ist das einzige.«
»Idiot«, murmelte Natalie.
Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie gelassen und erwartungsvoll anschaute.
Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«
»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.
Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem Lächeln abseits.
Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich, schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe. Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.
Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.
»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.
»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten. Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft, gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.
»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie, die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.
»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.
»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ...
»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«
So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren können.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete, dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer, Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich.
Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt, ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.«
Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß, verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren. Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn sie einen andern sich langweilen sehen.«
Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an.
Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte er mit offenbarer Geringschätzung.
»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit unschlüssiger Selbstironie.
»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«, sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra spielte mit ihrer Uhrkette.
Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was reden sie?
Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte sie, mit den Augen zwinkernd.
Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen. Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener nichtigen Menschen.
»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet.
»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl frostig.
»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.«
»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte.
»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.
»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm.
»Kommen Sie«, sagte Natalie.