Chapter 6
Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr, daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts. Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung, daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen, Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt, müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht ein Ende.«
Das war am 5. Februar.
Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von ihm Besitz genommen.
Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand, ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor, als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt, von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge. »Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.
Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen? Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden. Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe Frau?«
Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den Knien liegenden gefalteten Hände.
Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht, Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«
Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.
Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war, als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.
Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.
Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?
Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.
Siebzehntes Kapitel
Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden, müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter, Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen. Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte: »Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste durch die Spalten der geschlossenen Türe.
Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte, freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge, erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab ihr zu denken.
Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte. Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte, wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte. Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.
»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?«
Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes Wort zu finden.
»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.
»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie von ihm?«
Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und Unwirkliches.
»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.«
»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog.
»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd. »Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich ist alles.«
Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.
Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder, als er gekommen war.
Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr, den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten sich.
Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und der Assistenzarzt war abgereist.
Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.
Von Elasser hörte man nichts.
Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus, und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen? Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag? Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen? Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie tief.
Achtzehntes Kapitel
Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die Frau Mutter nichts?«
»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.
Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.
»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle übrigen zu ersetzen.
Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des Klosters – hat es ein Ende?«
Elasser vermochte nichts zu erwidern.
»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.
»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.
Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller. Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos; Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete. Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.
Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern. Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold, indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.
Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile! mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum selbständig hörenden Ohr geworden.
Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie können sonst nicht leben.
Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen, seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.
Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm auf.
Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer. Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei, während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben; Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.
Neunzehntes Kapitel
Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung. Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft, überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit begann sie indes zu schlafen.
Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.
Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte nicht zu rühren.
Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen. Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«
Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«
Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man muß einen Verwalter mieten.«
»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.
Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit erfaßt.
»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«, begann Arnold.