Chapter 4
»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln. Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch mehr wissen?«
Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.
Zwölftes Kapitel
Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung, trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich; der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.
Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!«
Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen, niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem noch verborgenen Feuer.
»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er, schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift uns.«
Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert.
»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!«
Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.
Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte, gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite, brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief, als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich suchend danach zurück.
Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.
Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der »Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber, aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend seinen Weg fortsetzte.
Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.
»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst gewesen.«
»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.
»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind wird Ihnen zurückgegeben werden.«
Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem Bericht des Lehrers begriff er nicht.
»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort, »aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.«
»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.
Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie, lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.«
Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde blickend, schüttelte er den Kopf.
»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg. »Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten #Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei –«
»Was heißt das?« unterbrach Arnold.
»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ... anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder zusammen.
»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben sollten.
»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir beide werden es nicht erleben.«
Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.
Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.
»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst dabei ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders von mir.«
Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.
»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging.
Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck. Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß.
Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.
Elasser
Dreizehntes Kapitel
Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände, tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter, kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.
Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen, und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.
Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er, ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile, Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose Natalie.
Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen, stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch mehr als Liebe.
Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm; eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen, nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang, daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.
Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden, aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen, vergessen dürfe.
Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.
Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen. Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene, als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.
Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken. Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.
Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb gekommen?«
Arnold bejahte.
»Zu viel Umstände,« spottete Beate.
»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete Arnold trocken.
Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte. Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.
Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.« Damit schlug sie die Türe zu.
Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.