Der Moloch

Chapter 22

Chapter 223,513 wordsPublic domain

Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?

Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn. Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl, dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist, wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht das Bessere wieder!

Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper. Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde? Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!

Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor, gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind niederreißenden Schicksalsmächte.

Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.

Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan, kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie, »da sind Sie also auch mein Freund.«

Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.

Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin, rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka, denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte, erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.

In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade, wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«

Sechzigstes Kapitel

Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.

Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze. Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.

An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft, durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige, halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen empor.

Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft. Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.

_Ende_

Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien. Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage. Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:

Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.

Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:

Die Juden von Zirndorf

Roman. Neubearbeitete Ausgabe

Geh. M. 4.–, geb. M. 5.–

Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der Handlung die vollkommenste Objektivität.

(Neue Zürcher Zeitung)

Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen Literatur der letzten Jahre.

(Arbeiterzeitung, Wien)

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.–, geb. M. 7.50

Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.

(Die Zukunft)

Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster Erkenntnis der menschlichen Natur sei.

(Berliner Tageblatt)

Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt. Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman – damit kann man das Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.

(Die Zeit, Wien)

Der niegeküßte Mund – Hilperich

Novellistische Studien. Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–

In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.

(Die Zeit, Wien)

Alexander in Babylon

Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.

(Neue Freie Presse, Wien)

Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen Romane alten Stiles.

(Kreuzzeitung, Berlin)

... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat.

(Berner Bund, Bern)

»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert worden. Babylon – das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene, unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden Persönlichkeit. Und wie er’s getan, das ist bewunderungswürdig.

(Neue Hamburger Zeitung)

... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar finsteren Verhängnisses.

(Düna-Zeitung, Riga)

Die Schwestern

Drei Novellen. Dritte Auflage.

Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–

In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen, Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines vermummten Bluffers.

Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet. Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die »Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die »Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna, Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur ein Meister dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt; daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig wieder auftauchender Menschen festzuhalten.

(Allgemeine Zeitung, München)

Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um es nicht mehr zu vergessen.

(Hannoverscher Kurier)

Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob Wassermanns.

(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)

Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein paar alte, goldtonige Gemälde vor uns.

(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen., S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.« S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben. S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«, S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?« S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt: