Der Moloch

Chapter 21

Chapter 213,809 wordsPublic domain

Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, – aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder Beziehung gut für dich sein.«

Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann nicht auf dem Land leben,« sagte er.

»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«

»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.

»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich gehe?«

»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige Art. Er zitterte am ganzen Körper.

»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.

Er schüttelte müde den Kopf.

»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.

Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«

Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.

Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle Färbung.

»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in diesem Augenblick in dem Manne vorging.

»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck. »Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ... dann will ich nach Podolin.«

Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das Zimmer.

Sechsundfünfzigstes Kapitel

»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,« sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach Podolin zu gehen.«

Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.

»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das Sofa.

Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.

Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe, sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße ging.

Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt. Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet aber auch nicht ab; sie schwieg.

So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das Gemüt.«

Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!

Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut, ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«

Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu träumen.

Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das Leben knüpfte.

Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge, forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo, der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts, nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.

Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.

In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen, erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen, waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab, schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert, selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.

Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu erhalten.«

Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer, stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.

Siebenundfünfzigstes Kapitel

Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße, viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.« Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.

Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer. Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.

Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!

Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer, dünkelhaft und lügnerisch.

Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so, ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den Zug.

Achtundfünfzigstes Kapitel

Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten, und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.

Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der Zeit ins Ewige hinaus.

Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen, worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück, bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie eine fabelhafte Bergkette.

Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme zeigte.

Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian inne.

Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte. Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen, um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«

Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre. Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.

Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei Geifer in den Bart rann.

Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst du mich nicht?« fragte er endlich.

»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«

Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte, wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den Raum.

Neunundfünfzigstes Kapitel

Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte, warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.

Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt. Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof, zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.

Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort, bezahlen!«