Der Moloch

Chapter 20

Chapter 203,802 wordsPublic domain

»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«

»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«

»Weil ich nichts besitze.«

»Weil du nichts halten kannst.«

»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«

»Liebst du denn nicht deinen Mann?«

Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.

War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit Smaragden wie sie einen trug, damals ...?

Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.

»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.

Sie schwieg.

»Sprich doch!«

»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja lauter Krämer.«

Sie brach in Schluchzen aus.

Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste, was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange und drückte sanft seine Lippen darauf.

Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen Widerhall gefunden.

Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener Waldstationen.

Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte, gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche, Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden Mantel des Abends, die Millionen.

Reich sein, reich sein, dachte Arnold.

Dreiundfünfzigstes Kapitel

Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor. Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.

Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.

»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er.

»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold.

»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie sich ausgelebt?«

»Ein böses Wort, lieber Freund.«

»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«

»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«

»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings halte ich mich meistens an das Nützliche.«

»Sie sind eine harmonische Natur.«

»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen, denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät, und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«

Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,« sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre, Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.

Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.

Arnold blieb schweigend stehen.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.

»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden, hatte aber jede Unbefangenheit verloren.

»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.«

Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«

»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie.

Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring, lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt Ohnmacht über mich«, sagte er.

»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna leise.

Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner Mutter verheiratet.«

»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und habe kein Kind.«

»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.«

Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er trat zwei Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß ich es schon vorher wußte?«

Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.«

Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge. Das ist es.«

Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck. »Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie. »Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?«

Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.«

»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, die nennt man Moral.«

Arnold schwieg.

»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg. Willst du mir Gesellschaft leisten?«

»Morgen abend –?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer.

Vierundfünfzigstes Kapitel

Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle, fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war. Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, und das war Arnold.

Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter, zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort; in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald, welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich erwartet wurde.

Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war, lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot. Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß, aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt durch die verödenden Straßen.

Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los; er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.

Fünfundfünfzigstes Kapitel

Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.

Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen Augen einer Wachsfigur.

»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.

»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es ist nichts, beruhige dich nur.«

»Hast du denn nicht geschlafen?«

Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert; um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«

»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten Verfassung ...«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«

Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält aus.

»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.

»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam, sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«

Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.

»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold, und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen darauf.

Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.

Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers. »Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«

Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten zu können.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst zugegen.«

Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum soll er nicht wissen, daß ich da bin?«

Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«

Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht geantwortet.«

»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in gesellschaftlichem Ton.

Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold waren wieder allein. Sie schwiegen lange.

»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«

Arnold antwortete nicht.

»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«

»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.

Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.