Chapter 19
Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut. Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle. Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig, unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer; er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung, Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß; offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag, ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte er seinen Vorsatz aus.
Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne, sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein Freund sei da.«
Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein Teurer, was führt Sie zu mir?«
»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«
Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm. »Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie gerade mich suchen«, sagte er.
»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«
Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen Lebensappetit?«
Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?«
Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher oder später wahnsinnig werden wird.«
»Und deshalb hängt sein Bild hier?«
»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen, der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.«
Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend über beieinander und trennten sich erst in der Nacht.
Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares Rechenexempel.
Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.
Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und der Idee.
Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen: »#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Schein.«
Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz? Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen.
Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.«
Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke –? fliehst du vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer fremden Wohnung niederlassen?
Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen? gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch! Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.«
Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand. Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß, es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.
Einundfünfzigstes Kapitel
Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert werden könne.
Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend, erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: »Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«
Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«
»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. Er ist ein gutmütiger Mensch.«
»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben könnte.«
Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.
»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«
Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.
Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!« sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen Kegeln emporblies.
»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben sieht.
»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen schädlich ist? Welche Widersprüche!«
Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne. »Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun, was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«, bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka müßte man es erfinden.«
Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere. Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«
»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden Blick und schob Hyrtl von sich weg.
»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so finster ...!«
Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – ach! Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben. Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben nicht, du Dummkopf.«
»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.
»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.«
Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von Hanka begleitet.
Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte: »Der gnädige Herr schläft noch.«
Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er: »Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!«
Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.
Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl. Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.
Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«
Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«
Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander. Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies Arnold zu sagen.
Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen. Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn küßte.
Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«, sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«
Hanka ging nach Hause.
Borromeo
Zweiundfünfzigstes Kapitel
Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf eine gleichgültige Zukunft.
Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen. Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, ein sicheres Auskommen.
Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, – ohne es zu wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.
Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder von der Kanzlei komme.
Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst. Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin gebraucht ...«
Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. »Hast du etwas vor?«
Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte skandierend.
Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch: »Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«
Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du bist sonderbar.«
Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«
»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau Anna gleichgültig hin.
»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«
»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«, entgegnete Anna Borromeo ruhig.
Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?« fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen, wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«
»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.
»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, sonst geht er zugrunde.«
»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«, sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke. Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß. Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort und mit Eilpost ab.
Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen italienischen Roman und las.
Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck.
Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die Achseln.
»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«
»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«
»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«
»Er war ein guter Freund.«
»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«
»Schlecht.«
»Du solltest Karriere machen.«
»Wozu? Es lockt mich nicht.«
»Du solltest reich sein.«
»Ich habe genug.«