Der Moloch

Chapter 16

Chapter 163,763 wordsPublic domain

Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief, verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen, kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen, stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#

Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein? Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte: schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige Selbstprüfung vor.

Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.

Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.

Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des Kubu?« fragte Arnold dagegen.

Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.

Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte: »Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn. Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu. Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu. Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht mitteilen konnte.

Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja, er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte. Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.

Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei solchem Wetter!«

»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?« fragte die Alte.

»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort, zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen möchte, der muß tanzen und springen.«

»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«, sagte Ursula.

Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«

Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«

Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer. Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen, denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«

»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es Ihnen?«

»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche muß man’s treiben.« Er lachte.

Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.

Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.

Vierundvierzigstes Kapitel

Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm auf.

Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.

»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden, sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen Ausdruck vollkommenen Ernstes.

Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?«

»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.«

»So? Was fehlt ihr denn?«

Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«

»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?«

Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«, antwortete er.

»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.«

Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«

»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend, sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu meiden.

»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug. Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht. Verzeihen Sie.«

Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte er stehen bleibend und sich verabschiedend.

Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka, als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen. Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet, die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes, dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun mineralisch leer.

Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war. Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten.

»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle, nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen.

Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte, setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.

Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der pflügende Bauer.

Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger, natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte, daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur, sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen erziehen.«

Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen, schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über sich erblickt.

Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das Ding, welches ihm das Herz auffraß.

Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.

Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns. Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«

Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen Vorsatz mit.

Fünfundvierzigstes Kapitel

Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.

Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange zu sehen war.

»Ich bin froh, nun geht’s wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb sind Sie so schlecht gelaunt?«

Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um zehn Perzent zurückgegangen.«

»Was werden Sie tun?«

»Ich muß verkaufen.«

»Und dann?«

»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, – Arbeit.«

Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.«

Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka. Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder nicht.

In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck, und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen Gewohnheiten entsteht.