Chapter 15
Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden, fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder, seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des Gemüts kam über ihn.
Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein. Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht aufzuheulen.
Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig, daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde geöffnet.
Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena –? Wie –?« Mit geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.
Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe, nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war, der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena verlegen und mitleidig.
»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-, Herzmüdigkeit.«
Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund, legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender Begierde selbst zerstört.
Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.
Einundvierzigstes Kapitel
Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie. Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.
In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor den Kopf zu stoßen.
Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. Doch was mochte ihn bewegen?
Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen. Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln, wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und faul zumute gewesen.
Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«
»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.
»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch gute Bücher verdorben.«
»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne herunterziehen können.«
»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.
Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre Hand fest.
»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen kannst.«
Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«
»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben aufhören, zu überlegen.«
Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend, daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.
Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn, unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann. Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.
Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.«
»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein wichtiges Examen steht bevor ...«
Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas anderes wollen als ich.«
»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise, indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel verzog.
Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen, was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.
»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das ist schlecht ...«
»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.
In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren Mund fast sprengen wollte.
Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er, als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete sich aufmerksam und lächelte zerstreut.
Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen. Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel, helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.
Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«
Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl. Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst. Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«
Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast besinnungslos.
Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon, und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten. Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle. Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.
Alexander Hanka
Zweiundvierzigstes Kapitel
Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit hinaus in die Vorstadt.
»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal. »Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«
»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«
»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.
Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun, und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.
Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel, aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen Abwesenheit gerüstet habe.
Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war, wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien zu haben.«
Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst im Himmel.
Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus, als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«
Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle. Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn es dir recht ist.«
»Gewiß.«
Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«
Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues, scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.
Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.
Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten, Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.
Dreiundvierzigstes Kapitel
Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen. Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise Glucksen des Wassers in den Wiesen?
Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens, als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges Kompliment.