Der Moloch

Chapter 12

Chapter 123,568 wordsPublic domain

Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.

Er ging hin.

Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder, Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«

Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.

Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«

Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er und runzelte die Stirn.

»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.

»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.

»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und sie schluchzte weiter.

Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos und widerwärtig.

»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. »Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«

Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.

Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit besteht?«

Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. »Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas gesagt? Wann denn?«

»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«

»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«

»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«

Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie doch.«

»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu wissen –«

»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«

»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.«

»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten, ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.«

In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß, mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt, intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus, schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.

»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist. Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung, Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.

»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe.

Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid geworden.«

Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.

Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden, ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück. Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.

Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende, staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena Hoffmann aufzusuchen.

Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran, warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete: »Zweihundertfünfzig Fenster.«

Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte er.

Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.

»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold neugierig.

»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?«

»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«

»Kennen Sie das Mädchen näher?«

»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches kleines Ding.«

Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.

Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.

»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich.

»Ja, er ist gekommen.«

»Finden Sie ihn sympathisch?«

»Sehr sympathisch.«

»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem korrumpierten Land eben bringen kann.«

»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«

»Ja, ungefähr.«

»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.«

»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.«

»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.«

Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als zu hohen Ämtern.«

»Ach, dann bin ich versöhnt.«

»Ja, aber es gibt Gefahren.«

»Gefahren?«

»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine anspruchsvollen Freundschaften haben.«

»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.«

»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.«

»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz nicht arm werden, soviel es auch gibt.«

»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt hat, dann wird es aufgebraucht.«

»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.«

»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist er nichts wert.«

Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu Tetzner.«

»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch.

Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.

Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du, Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.«

Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir etwas auf.«

»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.

Fünfunddreißigstes Kapitel

In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und läßt auf sich warten.«

Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr, schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens interessiert mich Ansorge viel mehr.«

Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie. »Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du, du schläfst bei Tag und Nacht.«

Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast du denn die Fahrkarten bestellt?«

Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen. Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm. Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.

»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch. Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.

»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau Beate, aber es hat seinen Grund.«

Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.

»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten. Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.

Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor Angst.

»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«

Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.

Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht, ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.

Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates, anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu verdächtig.

Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie nicht so geschwind wieder loslassen.«

»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,« erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.

»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse auf den Teller.

»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«

»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu naiv dazu.«

Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.

»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht, ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist für mich eher angenehm als verstimmend.«

Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die Teller.

»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen sah.«

Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?« fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich vielleicht.«

»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«

Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche Blässe hervor.

»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander halten. Das ist alles.«

Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen. Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes, geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg, und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor. Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe, wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?«

Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück, als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an. Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«

Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte kalte Hand.

Sechsunddreißigstes Kapitel