Part 9
Das vierte Bett in der dunklen Reihe, von der Rückwand aus gezählt, quält den Stabsarzt. Mit diesem vierten Bett hat er Unglück. Entweder sterben ihm die Inhaber des vierten Bettes unter der Säge, oder sie führen sich ganz besonders wild auf.
>Wieder das vierte Bett<, denkt der Stabsarzt, krank vor Überarbeitung, wirft einen Blick auf das Bein, das noch im Mittelgang liegt und die tadellose Ordnung stört. Dann einen Blick zur niedrigen Decke. >Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht.< Und sägt vorsichtig und mit Kraft den Oberarmknochen knapp unterm Schulterblatt durch.
Der Soldat auf dem Operationstisch, ein uniformierter Knabe, hat nur eine blutnasse Hose an. Der Oberkörper ist mager. Schmale Brust. Unausgewachsen. Der Knabe ist bewußtlos. Die blauen Lippen sind fest aufeinandergepreßt. Nur beim rechten Mundwinkel ist ein kleines, ganz rundes Loch offen geblieben, wie bei einem total erschöpften Wettläufer, der durch einen Mundwinkel die Luftmassen hinausstößt.
Manchmal schreien und stöhnen gleichzeitig alle Verwundeten wilder auf, als würden in dieser Sekunde alle Wunden von einem bösen Weltgeist betastet. Dann werden die Mittel angewandt.
Es werden verschiedene Mittel angewandt, um den Schmerz erträglicher zu machen. Der eine hat gefunden, daß der Schmerz geringer wird, wenn er die Zunge herausstreckt, mit all seiner Kraft die Zunge so weit wie nur irgend möglich herausstreckt. Noch einen Millimeter weiter. Er hockt aufgerichtet im Strohsack, die Zunge lang und blau gebläkt, und keucht.
Ein anderer kann sich nur helfen, wenn er »Uu!« schreit. Er hat das Alphabet durchprobiert. E hilft ihm nicht. I hilft ihm nicht. Nur U. Er brüllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen: »Uu!«
Der Stabsarzt sägt.
Einer muß, die Muskeln angespannt, den Arm senkrecht emporrecken und die Luft zurückhalten, so lange zurückhalten, bis der Schrei als wildansteigendes »O!« aus seinem Munde herausplatzt. Das hilft ihm.
Der Stabsarzt sägt.
Langsam und unaufhörlich schwingt einer den Oberkörper hin und her. Wenn er das nicht tut, kann er den Schmerz nicht aushalten.
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Einer schlürft, als habe er einen zu heißen Bissen im Munde.
Bewegung bei der Tür: zwei Amputationsbedürftige werden hereingetragen.
»Ganz unmöglich! Kein Platz!« Dabei sägt er weiter, ein dünnes Handgelenk durch.
Die Bahrenträger bleiben stehen. Ratlos.
»Tragt sie hinüber in den >Tanzsaal<.«
»Zu Befehl! Aber in den Tanzsaal haben wir eben sechs getragen. Man hat uns hierher geschickt. Der Tanzsaal ist überfüllt.«
»Uu . . . . . . . . . .!«
»Hier auch! Voll! Voll! Alles voll! Kein Platz mehr!«
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Der Oberkörper kreist langsam und ununterbrochen.
Es wird Platz gemacht: die Strohsäcke werden noch enger zusammengeschoben, so daß auch die Zwischenräume von zwanzig Zentimetern nicht mehr da sind. Ein einziges, langes, genau ausgerichtetes, brüllendes, stöhnendes, wimmerndes, ordentliches Schmerzenslager.
Als wild ansteigendes »O!« platzt der Schrei aus dem Munde heraus, während die Bahrenträger gehen.
Die Zunge bläkt lang und blau. Warmer, dicker Gestank.
Die Metzgerküche ist nur eine kleine Nebenabteilung vom immer vollen >Tanzsaal<, der fünfmal mehr Strohsäcke faßt als die Metzgerküche.
>Und wieviel >Tanzsäle< gibt es in Europa? Wie viele, in denen erste Hilfe gewährt wird? Und wie viele, in denen solche liegen, die in Schmerzen auf die Heilung warten? Wie viele Schmerzenslager gibt es knapp hinter der Front? Und wie viele in allen Städten und Städtchen des Heimatlandes? Wie viele in Rußland, Frankreich, England, Italien? Wie viele Schmerzenslager gibt es in Europa?
Für was, für wen leiden diese Millionen ihre Schmerzen? Warum müssen Millionen Menschenbeine, Millionen Arme abgesägt werden? Für was wird gekämpft und ermordet? Und verstümmelt und gesägt und gelitten? Für was ist dieser Krieg? Für was?< denkt der Stabsarzt und schneidet erst sauber und exakt ein Pfund Menschenfleisch aus einem Oberschenkel heraus, bevor er zu sägen beginnt. >. . . Viel zu niedrig für ein Kino.< Farben kreisen vor seinen Augen.
Den Gekreuzigten in der Metzgerküche ist es ganz gleichgiltig, ob sie knapp hinter der Front, oder in der Heimatstadt, oder gefangen im Feindesland, oder in einem indischen Urwald sich winden, »Uu« schreien, »O«, die Zunge bläken, fein wie neugeborene Katzen wimmern. Und wer den Krieg gewinnt, das ist ihnen so gleichgiltig wie der Schneefall von vorgestern.
>Der Bürgermeister irgend eines kleinen Dorfes soll ganz allein den Weltkrieg gewinnen, wenn dadurch meine Schmerzen nur um einen Grad geringer werden. Und wenn ich mein Bein wieder hätte<, denkt der plötzlich ganz schmerzlos und gefährlich still liegende, zwanzigjährige Dichter, der schon entschwebt, >mein weißes, langes, hunderttausend Kilometer langes Bein mit dem herrlichen Knie wieder hätte, würde ich das Leben lieben so ewig wie . . . die Sonne
tönt, nach alter Weise, In Brudersphären Wettgesang, Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang.<
>Mein Bein! das heißt, wenn ich mein Bein wieder hätte, wäre ja überhaupt gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht möglich. Krieg gibt es nicht. Krieg ist Einbildung. Ist Lüge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.< »Die Wahrheit«, sagt er laut und deutlich in die Metzgerküche hinein. Und schließt die Augen.
Fünf Minuten später wird er tot hinausgetragen.
Frisches Stroh. Frische Leintücher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung. Eine Fußsohle ragt über den Rand des Gliederkübels heraus.
Der andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack: »Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.«
Die Augen des jungen, kräftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos und wütend. Er hat keinen rechten Arm mehr. Mächtiger Brustkasten. Gesundes Blut. Mächtige Muskeln, gewölbt, glatt. Wie geölt. Er weiß, daß er alles überstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und grübelt in seine Zukunft hinein: >Ein Tübelloch werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr schlagen . . . Künstlicher Arm? . . . Ist Scheiße. Mit einem künstlichen Arm schlägt keiner ein Tübelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein; warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das Bein!<
Im ersten Bett der Fensterreihe, bei der Tür, liegt ein junger Offizier, der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, über sich windende, brüllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich zwischen dessen Verzweiflungsgrübelei als gedachte Gegenreden hinein: >Wenn nur ein Arm fehlen würde. Ein Arm! Ich würde mir einen weiten Mantel machen lassen. Weite Ärmel. Künstliche Hand in der Tasche. Und auf der Straße würde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen wäre es nicht so arg, lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und nur ein Bein.<
>Mir kann doch niemand weismachen, daß einer, der einen künstlichen rechten Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das alles.<
>Und reiten? Mit einem Bein?<
>Oder schmieden und schweißen kann . . .<
>Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.<
>. . . oder nieten, oder eine Schloßfalle feilen, die genau passen muß . . . mit einem künstlichen Arm? Ja, Scheiße . . . Warum fehlt nicht ein Bein? Ein Bein!<
>Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . . Alles ist aus.<
>Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschäft ist futsch.<
Beide haben während der letzten Tage alle Möglichkeiten abgegrübelt. Und plötzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, daß es sich im Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-, Schmiedenkönnen handelt, sondern nur um das schöne Bein, einzig und allein um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm, meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr reiten, und mögen sich die Weiber zweibeinige Männer nehmen, wenn ich nur mein schlankes Bein wieder hätte . . . Ich scheiße ja auf das ganze Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder hätte, wieder hätte, wieder hätte.
>Meinetwegen blind sein.< Beinahe gleichzeitig steigt diese Überlegung in beiden auf. >Nur das Bein, nur den großen, starken Arm wieder haben. In Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben<, denken sie tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. >Lieber blind sein.<
Und der neben dem Gliederkübel liegende blinde Soldat, dessen schwere Schenkelwunde überraschenderweise verheilte, so daß die Amputation nicht nötig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken: >Meinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie . . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer führt mich? . . . Und nie mehr eine Straße sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und und und . . .< Tausend Gegenstände stürzen vorbei. Zuletzt versucht er krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepäcknetz in einem Eisenbahnwagen aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schläft darüber ein. Und sieht sofort wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrüll, von ganz feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstürzt.
Der bärtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den Sanitäter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: »Pst!«
»Nun, was denn?«
»Es mußte also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich in der Wade.«
Der Sanitäter hat gehört, daß es Reflexgefühle gibt. Er sagt beruhigend: »Das sind nur Reflexschmerzen.«
Des Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im Gliederkübel.
»Aber die Wade zieht und brennt und reißt . . . So, nur Reflexschmerzen?« fragt er noch einmal und steigt zu kirchturmhohem Glück empor; denn jetzt weiß er ja ganz bestimmt, daß er sein Bein noch hat. Und sinkt beseligt in Ohnmacht.
Aus der er wieder erwachen wird.
Der fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenkörper doppelt. >Und wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht. Und wenn ich den Arm erst morgen früh abnehme, stirbt der Mann sicher.< Der Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie ein leicht Angetrunkener.
Der Stabsarzt schneidet und denkt: >Krieg<.
Er denkt: >Dieses Wort >Krieg< offenbart den gedankenlosen Menschen nicht den billionsten Teil von der unmeßbaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit dem Worte >Krieg< bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie der Atemzug eines Säuglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes >Krieg<, ist ein Taifun, der Schiffe und Städte und Inseln verschlingt, nur der Atemzug eines Säuglings . . . >Krieg< ist ein Wort von fünf Buchstaben. Und wenn es ohne e geschrieben würde, hätte es nur vier Buchstaben<, denkt der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.
Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel über Staatenbevölkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als >Minimalzahl< zehn Millionen Gefallene angegeben sind.
»Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr behutsam und vorsichtig«, flüstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen frei, »die Minimalzahl von fünf Millionen Amputierten.«
»Uu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!«
Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, übersieht mit einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen Hauptadern, den für die Säge freigelegten Knochen. >Sieht aus wie eine Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen sind so blau. Himmelblau . . . Und draußen donnern die Geschütze. Donnern seit drei Jahren die Geschütze. Warum? Wann wird man darüber nachzudenken beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir in die Metzgerküche herein.<
Er betrachtet die Sägezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf sind. >Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.< Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. >Das Leben schrumpft ein . . . Minimalzahl fünf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag, seit drei Jahren, von früh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sägen, sägen, sägen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben würde, hieße es: Segen . . . Säge ich Arme, Beine, Hände ab. Sägte fünf Millionen Beine, Arme, Hände ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.<
Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen, setzt die Säge an, sägt und rechnet: >Siebzig Zentimeter lang ist ein Menschenbein. Der Arm nur sechzig.<
>Die Länge der abgeschnittenen Hände, Arme, Beine ineinander gerechnet, ergibt -- vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein --, eine Minimaldurchschnittslänge von fünfzig Zentimeter für das amputierte Glied. Fünf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslänge von je fünfzig Zentimeter ergeben zweimillionenfünfhunderttausend Meter . . . sind gleich zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied.<
»Uu . . . . . . . . .!«
>Der Herr segne und behüte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht leuchten über euch. Segen, Segen . . . sägen, sägen, absägen. Zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied absägen . . . Bei der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefügt, als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und -- vorbei an Dörfern, Städten, vielen Dörfern, bergauf, bergab, Flußläufe, Wälder, Felder entlang -- flach nach Berlin zurück und herum, bis die Hände der zwei letzten Arme die Hände der zwei ersten Arme fassen können . . . Ein Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenhände verstärkt und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.<
»Uu . . . . . . . . .!«
>Wer fährt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz aufs Haupt?< grübelt der sägende, fiebernde Stabsarzt. >Wer? Wer setzt ihn auf? Will ihn am düsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?<
Der Spalt klafft; der Knochen ist durchgesägt. Er rückt das Bein bis ans Ende des Operationstisches, so daß der Soldat plötzlich ein kurzes und ein sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abgesägt. Sieht Farben: Rot, das in Violett übergeht und zu einer gelbumrandeten, giftgrünen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke steht: >Die Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, daß dieser Krieg kam, müssen an Ketten gelegt werden.<
Plötzlich weiß er mit lautlos donnernder Gewißheit: >Werden an Ketten gelegt werden<, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit hinunter.
Bewegung bei der Tür: acht Krankenträger marschieren hintereinander herein, mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille Männer liegen, ein brüllender und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten, verdreht am Rumpfe hängt. Die Ferse steht nach oben.
Der Stabsarzt sagt sehr ruhig: »Hier ist kein Platz mehr.«
Der bärtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unerträgliche Schmerzen im Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer glücklich. Schiebt die Hand vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die Schmerzen und greift doch kein Bein.
»Diesmal müßt ihr die Leute in den Tanzsaal hinübertragen.«
Der blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, bläkt die Zunge lang und blau und keucht. Sein Nachbar kreist den Oberkörper, langsam und ununterbrochen. Der O-Schrei platzt.
»Zu Befehl! Aber der Tanzsaal ist überfüllt.«
»Uu . . . . . . . . .!«
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
»Uu . . . . . . . . .!«
»Drüben beim Tanzsaal ist ein großes Klosett; legt die Leute ins Klosett.«
Der mit Glück, Schmerzen und Zuversicht ausgefüllte bärtige Bauer wundert sich über seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so entsetzlich wehtut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt immer ins Leere. Tastet den wütenden Schmerz der ganzen Länge nach ab und hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand hält.
»Auch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.«
»Uu . . . . . . . . .!«
Der Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit, und innerlich erleuchtet von der Gewißheit: >Werden alle an Ketten gelegt werden<, sagt weich: »Meine Kollegen dürfen halt das Klosett nicht benützen; sie müssen hinters Haus gehen.«
Der bärtige Bauer winkt: »Pst!«
»Das sind nur Reflexschmerzen«, beruhigt der Sanitäter.
Ein Lächeln wächst in der Metzgerküche, wächst im Gesicht des ersten Bahrenträgers: »Nicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es liegen zehn Kranke im Klosett . . . Überall. Ganz überfüllt.«
Welcher Mensch weiß, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich, daß er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mußte, in das Blut des Herrn hineingelacht hat.
Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sägt. Er meckert, brüllt, winselt, lacht in allen Tongraden. Und sägt.
Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hält, sagt: >Bitte, abstellen. Stellt nur ab.<
Der bärtige Bauer sieht plötzlich wie ein Christus aus, schlägt, den Blick noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurück, senkt den Blick. Und sieht, daß da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist. Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glück herunter, kommt ins Bett zu hocken und schaut. Sieht den großen, weißen Verbandstumpf an, der knapp unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er gleitet in die Ohnmacht hinein.
Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den Mittelgang.
»Ja aber! Ja aber!« schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt das ganz lose hängende Bein vom Rumpfe. »Ja aber! Ja aber! Der Mann . . .« >verblutet ja<, will er sagen, und sagt: ». . . ist ja schon tot.«
Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. »Ist verblutet . . . Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen«, sagt der Stabsarzt, reicht dem Sanitäter das Bein. Und wird plötzlich zur Karussellachse der Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grün herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der bärtige Bauer, der Gliederkübel. Die Geschütze donnern. Die lang und blau gebläkte Zunge gleitet vorbei und verlängert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorwärts, unbegreiflich schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.
»Uu . . . . . . . . .!«
* * * * *
Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine Schußverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshände sich in kraftlose, durchsichtige Krankenhände verwandelt haben, mit Amputierten, mit Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz langsam vorwärts in die heimatliche Landschaft hinein. Frühherbst.
»Zweiundzwanzig«, sagt das Kind, das an der Landstraßenschranke steht und dem Zuge nachsieht.
Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender mitgezählt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in den übereinander befestigten Betten.
Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fühlen die Sonne und sehen die Finsternis.
Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wänden entlang. Genügend viel Sitzplätze. Aber alle Irren hocken am Boden, in einem dreifachen Kreise, und lachen, lächeln, schwätzen, schweigen, schütteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.
Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die Sanitätssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die während der Reise verendet sind. Der letzte Wagen füllt sich allmählich.
Niemand weiß den Grund, auch der Stabsarzt weiß nicht, weshalb die Irren, die kurz vorher noch lachend und schwätzend in dreifachem Kreise am Boden gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wänden entlang auf der Bank sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle Hände liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.
Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreißigjähriger Mensch, in dessen ernstem Gesicht noch die Züge früheren Geistes zu sehen sind, steht auf, streckt ein geöffnetes, leeres Streichholzschächtelchen dem Stabsarzt hin und sagt: »Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schächtelchen zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.«
»Ja, das stimmt«, sagt der Stabsarzt, der in vielen >Metzgerküchen< und >Tanzsälen< drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht plötzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub verlangt und erhalten hat.
Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzüge nicht. Nach seiner Meinung sind das herrschende europäische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der Lügenknäuel mitschuld am Kriege.
>Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich nicht: >Weil ich überarbeitet bin<, sondern ich sage zu ihm: >Ich habe drei Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesägt; jetzt habe ich die Absicht, dafür zu wirken, daß Soldatenbeine nicht mehr abgesägt werden. Dazu muß ich ins Land zurück.<
In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lächeln, lachen, schweigen, schwätzen. Einer schreit lustig und ausdauernd »Bö!« zur Wagendecke empor. Dabei schließt er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln und der gespitzte Mund wird klein und rund. »Bö!«
Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fährt, in der Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am Boden.
Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den Kameraden, für den er geläutet hat.