Part 8
»Und ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind . . . Daran können Sie das menschenunwürdige und überaus gefährliche System einer Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur für den Klassenkampf um materielle Vorteile drillt, sie in allen Städten jährlich in dreihundertfünfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von Resolutionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie . . . geistig zu befreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlußfähigkeit für das Gute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur der Hauptführer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptführer zum Verräterchen zu werden, und die . . . organisierten, denkunfähigen Massen schwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie ihm in den Protest gefolgt wären . . . Die Geistigkeit ist verurteilt, untätig am Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke besteht nicht der geringste bewußte Kontakt. Und selbst der Tod der Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten geistesverwandten Gefühlsprotest auslösen. Nur der Magen protestiert. Das ist Materialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem Kriege für eine Leberwurst, für drei Mark Wochenlohn mehr, für eine Wohnung mit Dampfheizung, für das Aufrücken in die ungeistige bürgerliche Lebenshaltung, oder für das Verharren in ihr hingegeben worden. Materialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter, über den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeebürger und über den Kapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter zum ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges . . . Dieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dummheit kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.«
»Und deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den Gashahn zu öffnen, wenn die Einberufung kommt?«
»Es gäbe noch etwas anderes: ich könnte (>weg von meinem Werke, weg von meinem Werke<) den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den Sprung ins blutnasse Volk machen und, gleich den vielen dunklen Volksexistenzen, die vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und deshalb protestierend auf die Straße steigen konnten, zusammen mit den, vor Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern, die noch leben, unter beständiger Todesgefahr versuchen, das wegzureden, was seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . . Der dritte Weg, den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreißt, existiert für mich nicht. Da das tiefste Wort von Jesus Christus: >Jede Sünde kann euch vergeben werden, nur die Sünde wider den Geist nicht<, sich mit meiner Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernenhof gehen, oder ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernährungsamt . . . Ich bin mit einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und kann zur Not in ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch einstimmen. In ein Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich nicht einstimmen; denn ich bin kein Sozialdemokrat.«
Das Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger Heiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.
Und entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke angelangt, seine Frau begrüßte.
Die scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verändert; die Spitzenkrause schmückte noch ihren kindlich-dünnen Hals. Und in ihren Augen stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode gehören.
Behutsam führte er seine schon schwangere Frau in den niedrigen, schiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche in einem war.
Und sah plötzlich, daß auf dem weißgescheuerten Küchentisch, den er auch als Schreibtisch benutzte, wieder ein Stellungsbefehl lag.
Der ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen seiner Situation, riß ihn sofort auf die reine Fläche, wo alle Dinge und Gedanken im schärfsten Lichte stehen, so daß keinerlei Ausflucht, Vorspiegelung, Selbstbelügung mehr möglich ist.
Da fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in sein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz Gottes, als er dachte:
>Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und das höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das >Reine Ich< und eine menschliche Gemeinschaft, für die er als Reines Ich handeln, leben und auch sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so lange zustreben, solange er mit der Korruption, der Lüge, dem Zwange, dem Ungeiste unablässig kämpft. In dem Moment, da er eine Handlung begeht, die zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie gebrochen. Der Mensch, der für eine, für seine Idee kämpft und stirbt, ist groß, denn er kämpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im Kampfe um sein Reines Ich. Der Mensch, der sich zwingen läßt, zu handeln, zu kämpfen, zu sterben für eine Idee, die zu dem Streben nach seinem Ich im Widersprüche steht, ist der Ärmste der Armen; denn er verliert das Kostbarste, das einzige, das der Mensch in Wahrheit besitzen kann: verliert sein Ich, verliert sich, ist nicht mehr, wird von den andern, die selbst nicht sind, besessen.<
In Gedanken las er das Wort >Stellungsbefehl<.
>. . . Wenn ich dieser Aufforderung, mich zu stellen -- wem stellen? ich habe mich nur mir selbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer menschlichen Gemeinschaft nur dann, wenn sie das Streben der Menschen nach ihrem Ich als berechtigt anerkennt und fordert -- wenn ich dieser Aufforderung folge, werde ich, zusammen mit einer Reihe von Menschen, vermutlich zuerst im Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz herrscht: >Du hast keine eigene Meinung zu haben<. Und der Grundsatz: >Macht und Gewalt stehen über Geist und Recht<. Ein Unteroffizier, ein Vorgesetzter -- nur das Reine Ich ist mein Vorgesetzter -- ein Unteroffizier, ein Mensch, der sich, der sein Selbst aufgegeben hat, also nicht mehr ist, ein Etwas wird im Auftrage derer, die ihn besitzen, sagen: >Das dürft ihr nicht tun; und das müßt ihr tun.< Ich werde also gezwungen, irgend etwas zu tun, oder nicht zu tun. Gezwungen! Das heißt: ich werde schlecht behandelt, eingesperrt, oder erschossen, wenn ich mich diesem Zwange nicht füge. Mit andern Worten: ich werde erschossen, wenn ich weiter gehe auf dem Wege, der zur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich führt . . . Ich werde erschossen, wenn ich mich bemühe, so zu sein, wie ich bin!<
Der Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers reglos am kalten Gasherd saß, vom Dunkel schon halb verschlungen.
»Weißt du, was Militarismus ist?«
Sie wollte antworten: >Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir haben, genommen, erschlagen wird.< Und sagte: »Du meinst die Schiffe, die Kanonen . . . die Rüstungen.« Sie konnte nicht weinen.
»Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld und Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was Militarismus ist. Gefährlich und tötlich ist der geistige Zwang, der negative Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfall erklären, was Militarismus ist.«
>Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir begreiflich zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzubringen<, fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwände zerflattern.
»Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen haben das berichtet:
Ein deutscher Soldat, der ein Stück der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah, wie ein Mensch über die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war, hörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen zu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn verwundete oder erschoß, das Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das war seine . . . Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese . . . Pflicht. Er wollte nicht schießen und . . . schoß. Sah, wie der Getroffene fiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Widerstand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen sein; aber die Disziplin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der einen Seite, repräsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und auf der andern Seite, gleichfalls repräsentiert durch diesen Soldaten, den Militarismus.«
Die Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.
»Du meinst«, sagte der Philosoph, »der Soldat hätte ja nur so zu tun brauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann sozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die Disziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen mit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, nicht zu . . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von seinen Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu werden. Dieses falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke herausgebildet hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen einen gutgezielten tötlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre; ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig . . . Dieser arme, bedauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt, trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.«
»Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.« Das hatten nur ihre Lippen gesprochen.
»Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was Militarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen Bauern zu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal, weshalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl, in dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entfernt liegende Dorf zu führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das heißt, sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehrlosen alten Mann zu erschießen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, und der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in einer Sprache, die der Soldat nicht versteht, und mit Tränen und Gebärden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der Soldat, während er neben dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen, hinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat für sich persönlich folgende Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten nieder, und dann erschoß er sich selbst . . . Jetzt meinst du vermutlich wieder: wenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem eigenen Ich, nicht zuließ, den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst zu erschießen, hätte er doch wenigstens nur sich selbst erschießen und den Alten laufen lassen sollen . . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin, wäre ja eine Pflichtverletzung und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des Zwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als gegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet empfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese erleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und den Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und können sich nicht vor ihm retten. Millionen andere -- nicht nur die Soldaten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl -- haben, zwar nicht vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen Selbst -- das Recht, im Dienste dieses Geistes zu kämpfen, Menschen zu ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben, nicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein Vaterland, für den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten zu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Geiste getränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total ertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen. Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich moralisch zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern denkunfähige, seelenlose, unverantwortliche Automaten, die funktionieren . . . Verstehst du jetzt, daß es sehr schwer sein wird, den Militarismus umzubringen?«
Er bekam keine Antwort; die Frau war ganz plötzlich, von einer Sekunde zur andern, eingeschlafen.
Unter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor Einsamkeit.
Erst Minuten später betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden, das den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.
Sie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren werden kann, dachte der Philosoph. Und wußte plötzlich: >Sie ist eingeschlafen, weil sie erkannt hat, daß sie selbst eines dieser Wesen ist, die zu eigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen durften.<
Wilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drückte des Philosophen Kopf auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar der Gedanke: >Für eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mitglieder zwingt, nicht zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein warnendes Gewissen zu haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Automaten zu sein, die, wenn sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos ausführen, eingesperrt oder erschossen werden, für eine solche Gemeinschaft zu handeln, ist ein Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben werden kann. Es bleibt die sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines Ich, diese Gemeinschaft zu bekämpfen und damit für die Möglichkeit zu arbeiten, daß einmal eine Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch . . . gut sein darf, in welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein für seine Handlungen moralisch verantwortliches Ich und als solches . . . gut, das bedeutet: für die Gemeinschaft sein kann.<
»Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.«
Der Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe gesprochen. Ihr Gesicht war tränennaß. Durch eine leise Berührung erwachte sie sofort.
Er sprach eindringlich und sanft: »Nehmen wir einmal an, ich käme nur in ein Bureau. Und müßte nur ganz untergeordnete Arbeiten verrichten . . . Vielleicht nur Stellungsbefehle ausfüllen, mit den Namen derer, die daraufhin, meinungslos-pflichtbewußt oder vielleicht gegen ihren Willen, sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen erschlagen oder selbst sterben würden für eine Gemeinschaft, deren Geist schwer mitschuldig ist an diesem Kriege.«
»Ich weiß nichts mehr.« Die Frau hätte schwören können, daß sie diese vier Worte nicht gesagt habe.
»Es könnte aber auch sein, daß ich, eingefügt als meinungsloser Handlanger in die Maschinerie dieses höllischen Geistes, den Befehl schreiben müßte:
>Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehörigkeit, siebzig Jahre alt, nach . . . zu führen und ihn dort zu erschießen.<
Was sollte ich dann tun?«
Nach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: »Was sollte ich dann tun?«
Die Frau wußte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen heraus fragte stumm das ganze Volk: >Was sollen wir denn tun?<
In der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Gewalt, die den Körper töten kann.
Da fühlte plötzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele, im mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst wurde und seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus zu legen, sekündlich verbrannte.
In ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tödlich verzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart anheimzugeben.
Von dieser Stunde an begann der stürmische Pilgergang.
Die schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen aus ihrer Wohnung, in die sie nicht mehr zurückkehrten. Der Stellungsbefehl lag auf dem Tische.
Aus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, daß das unmeßbare Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes ermöglicht habe, wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, den vergewaltigten Menschen zu erklären, weshalb ihr Ausharren und ihre Arbeit Mord und gegen sie selbst gerichtet sei.
Seine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der Armut und des Hungers stand.
Die >Unbekannten<: dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Behälter der Volksseele plötzlich emporgestoßen in die ewige Freiheitsidee, stiegen auf die Straße. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum hochgerissen, stieg auf die Straße.
Und während die Führer des Volkes in blutüberströmter Bescheidenheit weiter über kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen neue besetzte Länder, neue Versenkungen und neue Kriegserklärungen buchten, neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen Dankadressen an die Sieger zustimmten, während so das Volk zu Millionen im Blute ersoff, versuchten in der überreif gewordenen Zeit der Philosoph und seine Anhänger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjährigen, die gequälten, vergewaltigten Herzen für die Idee der Freiheit und der Liebe aufzureißen. Versuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf welcher Seite im Lande der Feind, die Brutalität und die Dummheit waren.
Das Netz maßlosen Leides und dunklen Aufruhrs lag über der Stadt.
Erst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist einiger zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist, der den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er in der Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die Menge hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte; vor dem Leutnant,
der den Befehl zum Feuern gab.
Die Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein in die zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen schon empört, noch in der falschen Pflicht standen. Die vierzig- und fünfzigjährigen Landsturmmänner hatten sich geweigert, ins Volk und damit sich selbst ins Herz zu schießen.
Am andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Repräsentanten des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.
Die Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen Herzen ein.
Der Wärter stand vor dem Paare. Und plötzlich rückte er die zwei Pritschen dicht zusammen. >Man liebt doch die Menschen. Liebt doch die Menschen . . . Die armen Menschen.<
Das Leichenschauhaus war vergrößert, die Wand, die das Zimmer des Wärters und das Wartezimmer für die Angehörigen abgesondert hatte, war herausgebrochen, der weiße Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen um sechzehn Stück vermehrt worden.
Der Bruch war, wie bei Typenmöbeln, die glatt aneinander gefügt werden können, nicht zu bemerken.
Ein vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei alten über den zweiunddreißig Leichen.
V. Die Kriegskrüppel
>Die Metzgerküche< ist ein sehr großer Raum, doppelt so lang wie breit, und so niedrig, daß der Stabsarzt, im langen, von frischem und altem Menschenblute steifgewordenen Operationsmantel, die Handfläche an die Decke legen kann.
>Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht<, fällt ihm immer wieder ein. Denn schließlich sind alle seine Wünsche zusammengeflossen in den einen unerfüllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in einem Kino sitzen zu dürfen.
Auf dem Steinplatten-Boden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen übriggeblieben ist. Zugedeckt bis zum Kinn.
Die abgesägten Hände, Arme, Füße, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren Kübel, der bei der Tür in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischengängen und im Mittelgang. Fünf Reihen Strohsäcke.
Der mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.
Die Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten später steht wieder der dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute, Todesschweiß, Schmerzausdünstung, Karbol und Lysol in der Metzgerküche, so daß ein gesunder, kräftiger Mensch, der, an frische Luft gewöhnt, hereintritt, eine Minute später Farben vor seinen Augen kreisen sieht und den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt.
In der Metzgerküche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gewährt. Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die Metzgerküche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die Amputationsbedürftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.
Diejenigen Amputierten, die nicht bewußtlos sind, nicht schlafen und doch reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, glänzende Fieberkugeln im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.
Die andern brüllen, schmeißen sich hoch, krümmen, winden sich, wimmern wie neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn, oder bewegen die verstümmelten Körper ganz langsam, aber ununterbrochen.
Das Leben der Glücklichsten besteht abwechselnd darin, daß sie aus der Ohnmacht erwachen und wieder ohnmächtig werden. Dazu trägt der dicke Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerküche.
Der Stabsarzt muß nach ein bis zwei Amputationen, muß nach jeder halben Stunde hinaus in die Luft, damit ihm während der nächsten Amputation die Säge, das Messer nicht aus der Hand fällt.
Jeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.
Frisches Stroh, frische Leintücher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den Zwischengängen. Ordnung. Der Gliederkübel in der Ecke füllt sich. Und leert sich pünktlich um sechs Uhr abends. Die Strohsäcke liegen genau ausgerichtet in linealgeraden Reihen.
Der Stabsarzt sägt.
In die Metzgerküche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier interessiert man sich nicht für Siegesnachrichten. Hier interessiert man sich für das Bein, das abgesägt wurde und vom Sanitäter eben in den Kübel geworfen wird. Man will sein Bein wieder haben. Es noch einmal in die Hände nehmen. Betrachten. Sehr genau betrachten.
»Mein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein!« Zuerst schreit er nach seinem Beine, dann bettelt er: »Gib her. Komm, gib her. Gib mirs.«
Der Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen Reihe, im vierten Bett, von der Rückwand aus gezählt. Er muß doch wieder schreien, das Schmerzgebrüll, Gewimmer, Geheule überschreien, damit der Sanitäter ihn hört.
»So ein Unsinn! Verfluchter Unsinn!« schimpft der erschöpfte Sanitäter. Und trägt dem Bettelnden ein langes Bein hin, das zwischen dem Knie und der Schnittfläche am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes Loch hat. Legt es ihm wagrecht auf die gierig ausgestreckten Hände.
Der Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm gehört hat, hält es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberkörper immer weiter zurück. Und schmeißt das Bein, plötzlich von tödlichem Ekel geschüttelt, in den Mittelgang. Brüllt: »Das ist nicht mein Bein.«
Es war nicht sein Bein. Der erschöpfte Sanitäter hatte ein falsches Bein aus dem Kübel herausgezogen.
Der Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnmächtig geworden.
Der neben ihm Liegende, der auch nur noch ein Bein hat, dreht das Gesicht zum Ohnmächtigen hin und sagt zu ihm: »Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.« Dabei lächelt er: ein Lächeln, das dafür zeugt, daß die gramvollste Hoffnungslosigkeit mit einem Lächeln ausgedrückt werden kann. »Schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.« Diesen Satz hat er gefunden und sagt ihn immer wieder.