Der Mensch ist gut

Part 7

Chapter 73,346 wordsPublic domain

Sofort fiel ihm ein, daß er am Tage vorher in einer Gesellschaft gesagt hatte: »Der Hotelkellner, der die revolutionären Friedensdemonstrationen verursacht und dabei den Leuten erklärt, daß militärische Eroberungen menschenunwürdig und militärische Siege nicht maßgebend sind für den inneren Wert einer Nation, leistet für die Zukunft des Volkes mehr als unser berühmtester Heerführer.«

Und jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften, dachte der Rechtsanwalt und öffnete. »Wen suchen Sie?«

»Der bin ich selbst.«

»Sie möchten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist ein Selbstmörder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte gefunden wurde. Sonst nichts.«

»Sonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?«

»Sie möchten feststellen, wer der Selbstmörder ist.«

Noch Morgenstille in Berlin. Dämmerung in den Asphaltstraßen.

Eine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge steht an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer bedrückt.

»Auf was warten die Leute?« fragte der Anwalt einen alten Arbeiter, der zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.

»Es gibt städtische Fische . . . Um ein Uhr mittags beginnt der Verkauf.«

»Und da stehen die Leute jetzt schon hier? Früh um fünf Uhr?«

Wie die Worte klingen in der Stille, dachte er.

»Wir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die Rückwärtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen wahrscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber nicht.«

Der Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. >Man hat diesem wunderbaren, geistig entsetzlich ruinierten Volk die Pflicht, für den Staat zu leben und zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken würgen die siebzig Millionen -- daheim und an den Fronten -- so lange, bis sie erstickt sein werden im Dienste eines Staates, dessen Geist -- vorsichtig gesprochen -- schwer mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen Pflicht erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch für die Freiheit dulden?<

»Hier ist das Leichenschauhaus.«

»Danke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeipräsidium.« >Wenn täglich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht täglich Hunderte in der Stadt für die hohe Idee? Für die Freiheit? Für die Verbrüderung? . . . Wo ist der Idealismus dieses Volkes geblieben?<

Der lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig Selbstmördern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft verlassen hatten.

Ein mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum: große Glasscheiben, große Ventilatoren, große Eisblöcke, die langsam schmolzen und die Leichen frisch erhielten. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,

etwas gestört, dadurch, daß fünf Selbstmörder, für welche Pritschen nicht übrig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, weißen Steinplattenboden lagen.

>Jetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch wilde Mörderei armer Menschen schon wieder begonnen haben<, dachte der Anwalt und betrachtete die zwei Erhängten, die, schief und steif, in der Ecke hockten, nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum Stricke geworden war. Aus den weitaufgerissenen Mündern heraus strotzten die zwei Zungen: dick, steif, lang, blau.

>Und wieviele Mütter, Bräute und Väter Europas liegen in dieser Sekunde wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? . . . Es gibt städtische Fische<, dachte der Anwalt. >So beginnt der Tag.<

Beim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Gedärme, Knochen: ein alter Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster gesprungen war, nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.

Auf dem niedrigen, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung eingebaut war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte Dame, die Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten Jüngling anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.

>Und wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe gelitten, bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Soldaten, bevor sie ins Nichts stürzten?<

Die übrigen sechzehn Kriegsselbstmörder lagen langgestreckt oder krampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weißlackierten Pritschen, über denen die drei großen Horizontalventilatoren kreisten. Auch in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das Wort >Krieg< Tag und Nacht in die Länge zogen.

Der Leichenwärter führte den Anwalt zu dem vierzigjährigen Manne, der, von links gezählt, auf der fünften Pritsche lag und ein ungeheuer klagendes, zart hellblaues Gesicht hatte.

Der Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen Einleitungsband einer >Gegensatzphilosophie< erst kürzlich erschienen war.

Schrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des Anwaltes, beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war in der Klage darüber, daß ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeitalter nicht erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.

»Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?«

»Weiß nicht. Aber gewöhnlich liegt die Einberufung zum Militärdienst auf dem Tische; oder die Nachricht, daß der Mann gefallen ist, der Sohn . . . Bei dem Mädchen dort wars der Bräutigam.« Er deutete auf das Mädchen, das, von links gezählt, auf der sechsten Pritsche neben dem Philosophen lag und wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.

Beide hatten sich mit Gas vergiftet.

»Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er hätte sich doch sagen können: nicht alle fallen an der Front.«

»So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit vielen Angehörigen gesprochen . . . Es ist bei vielen nicht die Furcht vor dem Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die den Kasernenhof . . . und so weiter, nicht ertragen.« Der Leichenwärter setzte sich, stützte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasserleiche lag: ein schlammiges, grünes Etwas ohne Nase und Augen. Der Bauch war hoch aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmäßig von der reinen, weißen Bahre hinunter auf den reinen, weißen Boden. Die Leiche war drei Wochen lang geschwommen.

>Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen liegen, die gestorben sind für des Reiches Größe und Weltmachtstellung?< ». . . Wer ist dieser Ertrunkene?«

»Das weiß man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin vermißt. Einer von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich.« Der Leichenwärter war stark abgemagert, sah übermüdet und schwindsüchtig aus und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.

»Viel zu tun?« . . . >Weshalb frage ich ihn das?<

»Es geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durchschnittlich acht bis zehn Selbstmörder eingeliefert . . . Vor dem Kriege einer, höchstens zwei im Tage.«

»Jeden Tag acht? Allein in Berlin?« Dabei werden längst nicht alle Selbstmörder ins Leichenschauhaus gebracht, weiß ich aus Erfahrung, dachte der Anwalt. »Elektrisches Licht ist auch hier?« >. . . Weshalb frage ich das?<

Ein paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgendämmerung lag noch über den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer dunklen Masse.

»Ja, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische Weckapparate. Dynamoventilatoren. Überhaupt das Allerneueste auf diesem Gebiete . . . Dieses Luftsaugröhrensystem ist ganz neu.« Er stand müde auf, drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grellweißes Licht:

die zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und wilde Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.

»Auch ein Sauerstoffapparat für die mit Gas Vergifteten ist da. Und ein kleines Wartezimmer für die Angehörigen. Nebenan wohne ich.«

»Wohnen Sie? . . . Alles tadellos.« >. . . Was geschieht mit diesem Volke? Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, fleißige, tüchtige, temperamentlose, gründliche Volk, das protestlos alle Qualen des Daseins trägt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses Duldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken und damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unmöglich gemacht worden ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest geduldig, fleißig, temperamentlos und ungeheuer gründlich, ungeheuer blutig sein . . . falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augenblick nicht freiwillig gehen.<

Ohne gefragt worden zu sein, sagte der Wärter: »Ich führe eine Statistik der Todesarten Berliner Selbstmörder. Momentan habe ich drei Erhängte, fünf Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei, die sich aus dem Fenster gestürzt haben, und nur einen, der sich erschossen hat; einen Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die Pritschen reichen nicht mehr aus. Am häufigsten sind die Gasleichen.«

»Weiß man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?«

»Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehört. Oder er wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . . Der Mann bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen sich um, weil die Männer gefallen sind. So löscht kreuzweise Eines das Andere aus.« Er deutete auf das Mädchen, das neben dem Philosophen lag: »Das ist eine Ladnerin; bei ihr wars der Bräutigam.«

»Das haben Sie mir schon gesagt.« >. . . Und jetzt liegt der Philosoph neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasserleiche neben der Giftleiche. Und am häufigsten sind die Gasleichen. Und an der Front liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und verdient man weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird gespielt. Und darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.< »Haben Sie von der revolutionären Friedensdemonstration gehört?«

Der Leichenwärter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser auf, das von der Leiche heruntergetropft war auf den weißen Steinplattenboden.

Plötzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im Anwalt: er entschloß sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.

Unwillkürlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die Leichen schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.

Die Rechnung des Leichenwärters war einfach: >Da sich in Berlin, das drei Millionen Einwohner hat, in den letzten drei Jahren achttausendfünfhundert Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in ganz Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl hundertneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben . . . Und wieviele sind aus Gram über den Heldentod ihrer Angehörigen allmählich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und wieviele Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Widerstandsunfähige sind krank geworden und eingegangen, bei denen der Befund des Arztes nur hätte lauten können: eigentlich sind sie verhungert?<

Der Wärter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privatzimmer vor dem Tisch und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau ab; er wollte nicht verhungern; er wollte den Krieg überleben; er war interessiert, zu erfahren, welches positive Resultat das Leid und der Tod so vieler Menschen nun eigentlich haben werde.

>Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet, hundertneunzigtausend Kriegsselbstmörder in Deutschland. Macht mindestens eine Million Selbstmörder in allen kriegführenden Nationen zusammen. Kommen hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Millionen Tote . . . Kommen hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeitsunfähig gewordenen Krüppel. Und fünfhundert . . . nein achthundert, nein tausend verpulverte Milliarden, für die den Zins zu erschuften, den arbeitenden Massen überlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch das leider nicht zahlenmäßig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen als unbekannte Pauschalgröße hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das positive Resultat, das dieser ungeheure Gesamteinsatz zeitigen wird, neugierig zu sein.<

Er betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer mächtigen elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das -- wie das Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern -- durch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war. Gift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung löste den Kontakt aus.

Eine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur das Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in einen Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammenfassenden Schlusse: >Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die kompliziertesten, phantastischesten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschengehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, daß man sich keine Grausamkeit, keine Ungerechtigkeit, keine Niedertracht ausdenken kann, die nicht begangen worden wäre, und daß, außer diesem Vorstellbaren zahllose Schandtaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder, der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zuchthause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein robustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch, ein Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und auch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzigtausend Kriegsselbstmördern waren -- und in den Irrenhäusern und Zuchthäusern sind -- die anständigsten, edelsten Menschen unseres Volkes.<

Da riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter aus der Tiefe des Gefühlstrichters heraus. Im selben Moment sah er, daß eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. »Einer aufgewacht!« Stürzte hinüber in die Leichenhalle.

Und wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung: >tot ist tot; und lebendig ist lebendig<, von einem gewaltigen Schrecken in den Türrahmen festgenagelt:

denn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen aufrecht auf den Pritschen.

Schneller, als die Frage: >Sind die Gasleichen vielleicht infolge der ganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?< in seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten Schläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke zwischen die Lippen. »Tief einatmen!« Und rannte zum Apparat zurück, drehte die Kurbel.

Die mächtige Totenglocke läutete weiter.

Ein Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen Ferne des Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halbgeschlossenen Augenlidern des Philosophen.

Die weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder bei Bewußtsein war, noch nicht erlangt.

»Tief . . . gleichmäßig und tief . . . einatmen und ausatmen . . . und einatmen«, bat der kurbelnde Wärter.

Die summenden Horizontalventilatoren bestimmten das Atemtempo. Die achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben -- wie an den Fronten die Heldentoten ihre noch mordenden Kameraden -- bleich und blau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei Atmenden.

Der Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: >Ich hatte die Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war . . . tot im Leichenschauhause gelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie mich wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um ihn für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch Christus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch einmal gekreuzigt.< Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte noch immer zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.

Während er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am Schreibtisch bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und Idee dem Kasernenhofgeist entgegengesetzt waren.

»Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!« Der Wärter schaltete den Strom für den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,

sprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die Wiedererwachten zu kochen.

Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohrenbetäubend.

Elementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als sie die dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasserleiche, den Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte.

Vom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt; sie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das Leben aufrecht auf der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus.

Und plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand in Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: der Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung seiner Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert zu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den Wahnsinn hineinzugleiten.

Der Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Verdienst und Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körperliche Schläge schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder folgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ältlichen Mädchen, die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgenlos und mit äußerlichem Glanze umgeben im Leben stehen können, sich für einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine der ewig gleichen Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre Brautausstattung -- einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen, dann die Matratzen, hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung -- allmählich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon still geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben liegt, dem Bräutigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine folgen.

Dieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der Bräutigam war zerstampft worden.

>Auf dem Felde der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für Kaiser und Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen<, dachte der Leichenwärter.

Und der Philosoph dachte: >Zwei sehen einander, werden miteinander bekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später kennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der andere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. Denn jeder gibt sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu erfahren, wie und wer er selbst ist. Wie könnte er da die Fähigkeit besitzen, zu erkennen, wer ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im Leichenschauhause zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozusagen als Geschwister von der >Allmutter Nichts< neu geboren werden --<

Der Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwassereinrichtung mit den vernickelten Hähnen und der großen, weißglasierten Schüssel darunter. >Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben in unserer Wohnung.<

Der Wärter kam mit dem Tee zurück. »Sie atmen nicht?«

»Sagen Sie mir«, fragte der Philosoph dagegen, »für was ist denn eigentlich die Dampfheizung nötig in diesem Hause, wo doch für einen glatten Betrieb die erste Grundbedingung ist, daß alles . . . frisch bleibt?«

»Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker muß er getrunken werden . . . Wenn ich in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein Grad über Null nicht beibehalten könnte, müßte ich ja die Wasserleichen von den Pritschen loseisen.«

»Also alles bedacht! Hier wenigstens ist für alles gesorgt, wie?«

»Ja, hier fehlt nichts . . . Die Organisation für die Toten ist bei uns einwandfrei. Und die Organisation für das Massensterben ist, wie wir jetzt zugeben müssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.«

»Sie sind also auch gegen den Krieg?« Der Philosoph betrachtete die achtzehn Selbstmörder, die blauzüngig, starrgesichtig und stumm gegen den Krieg protestierten. ». . . Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein pazifistischer Schlupfwinkel.« Er stieg von der Pritsche herunter.

Die Ladnerin hatte das Mundstück noch zwischen den Lippen, sah aus wie ein Kind, das in ein Spielzeug bläst.

>Am allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und mehr als ihr Selbstmordversuch, rührt mich an ihr die Spitzen-Halskrause: dieses schüchterne, mißglückte Bestreben, schön zu erscheinen<, dachte der Philosoph.

* * * * *

Die Truppen näherten sich im Laufschritt. Der vorauswippende Leutnant, mit geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.

»Ob sie schießen werden?« Der Rechtsanwalt riß den Philosophen in ein Haus. »Hat noch einen Ausgang. Durch die andere Tür kommen wir auf den Platz und näher an das Denkmal heran.«

Eine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand der Kellner.

Die beiden verstanden keines seiner Worte. Hörten nur das fanatische Bravogebrüll von der anderen Seite herüberklingen.

Hoch auf dem Maste, knapp unter dem weißviolett leuchtenden Bogenlampen-Dreistern, hing der Zwanzigjährige. Mit wilder Körpergebärde.

»Den werden sie herunterknallen.«

In der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht überqueren konnten.

Plötzlich hing an Stelle des Zwanzigjährigen hoch am Lampenmaste ein flatternder, roter Fetzen.

Das tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommenden Truppen auseinandergeschnitten. Die Menge -- junge Burschen und hauptsächlich Frauen mit aufgelösten Gesichtern -- wich durch das dreiteilige Tor und in die Parkanlage zurück.

Eine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben. Drohendes Gelächter. Fliehende, dunkle Rücken.

Eine Frau mit loderndem Antlitz trat vor: »Schießt! Schießt!« Sie wurde verhaftet.

Der Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.

Als der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon verlassen hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampenmaste emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.

»Es ist doch nicht unmöglich, daß die revolutionäre Geistigkeit das letzte, entscheidende Wort haben wird«, sagte der Anwalt.

Sie gingen eilig durch eine menschenleere Geschäftsstraße; nur in der Ferne rannte ein dunkler Frauentrupp davon.

»Leider ist die revolutionäre Geistigkeit, bis auf zwei oder fünf halbverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und Lügenmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massengräbern oder in den Zuchthäusern. Das muß zu ihrer Ehrenrettung den kommenden Generationen gesagt werden . . . Hier! Sehen Sie, hier!«

Das Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergeplündert. Frauen hatten die Gelegenheit, daß Polizei und Truppen auf dem Platze beschäftigt waren, schnell benutzt.

»Das ist nackter Hunger. Kein revolutionärer Geist«, sagte der Philosoph. Und hob einen geräucherten Fisch von der Straße auf. ». . . Wegen des Fisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.«

Er schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. »Dieses rapid ins Geldverdienen hineingeratene Volk hat, aus einem öden Materialismus heraus, vor dem Kriege >Hoch< geschrien, bei Kriegsausbruch nichts, als >Hoch< geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr >Hoch<, weil der Magen schreit.«

»Wenn aber in jenem entscheidenden Moment die Führer nicht abgeschwenkt wären, in das Lager, das sie bis dahin bekämpft hatten? Dann würden wenigstens die . . . organisierten Massen schon lange in den Protest hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg marschiert sind.«