Part 6
>Menschen, die einander nie gesehen, einander nichts getan haben, Menschen, die sich lieben, ja, sich lieben, Kameraden, Kameraden erschlagen einander<, fühlte er noch, vom Jenseits schon berührt. Und das schon nicht mehr gedachte, nicht mehr gefühlte, als zerfließendes, jenseitiges Bild geschaute Ahnen besuchte ihn: >Die Seele, die den ganzen Umfang dieser Furchtbarkeiten sähe, müßte sterben; die Seele macht das Auge zu.<
Die Augen des Sohnes, der inmitten von mordenden und fallenden Menschen reglos stehen blieb, waren weit geöffnet.
Das Bajonett fuhr unterm Kinn beim Halse hinein, durch den Kopf: sein Körper schlug, wie der Akrobat, einen Bogen nach rückwärts, daß die Fußsohlen und die Handflächen die Erde berührten, und verharrte tot, von Leichen gestützt, in dieser Stellung, einem Brückenbogen gleich.
Die Mutter, die unter der Haustür stand und auf den Briefträger wartete, baute sich das Glück auf, daß der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise. Er kommt sogar mit einem früheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat. >Gut, daß ich früher da war<, fühlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug eben einläuft. >Entronnen<, fühlt sie, >entronnen<, sieht, wie der Sohn aus dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm grüßend hebt. >Eine kleine, ganz ungefährliche Verwundung, sonst könnte er den Arm ja nicht heben. Glücklich dem Tode entronnen<, fühlt immerzu die Mutter, fühlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, daß ja alles nur ein Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Glück hinein: dem Sohne an die Brust.
Der Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter stürzte in die Wirklichkeit zurück: dem lächelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen und vierzehn Nächten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die Mutter, seine mit Schrecknissen angefüllten Beichtbriefe wirkungslos zu machen versuchte.
>Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt<, schrieb der tote Sohn. >Und wenn ich zurückkomme, dann gehen Du und ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse. Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine Verbindungstür da. Unsere Fenster gehen auf den Fluß hinaus. Hinter dem Flusse sind die Hügel, steht der Wald. Es wird gerade Frühling sein, wenn ich zurückkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie<, wiederholte der Sohn, der, von Leichen gestützt, als toter, verwesender Brückenbogen zwischen den Schützengräben stand.
Das Glück floß breit in der Mutter.
Wie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe, daß sie seine körperliche Anwesenheit fühlte, mit ihm sprach, ihm Ratschläge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorwürfe machte. >Jetzt setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.<
>Nun, also jetzt sitze ich.<
>Sieh mal, du weißt doch, daß der Vater für nichts Interesse hat, als nur für seine Zeitung und für seinen Gesangverein.<
>Aber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist fünfundsechzig Jahre alt und steht seit fünfzig Jahren täglich von früh sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen Gesangverein.<
>Aber er konnte sich doch denken . . .<
>Er hat längst vergessen müssen, daß er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert und totmüde ist er seit fünfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken; denn sonst würde er sich vielleicht daran erinnern, daß er einmal ein Mensch war.<
>Davon wollte ich überhaupt gar nicht reden. Ich wollte ja . . .<
Der Sohn saß nicht mehr in der Kanapee-Ecke. Er war, vom Tode bedroht, in der vordersten Linie.
>Ich wollte ja den einundneunzigsten Psalm beten<, dachte die Mutter, die im Laufe eines Lebens immer sich gleichgebliebener grauer Not und absoluter Aussichtslosigkeit, daß jemals eine Besserung eintreten könnte, ihren Glauben verloren und das Beten verlernt hatte; die fünfundsechzig Jahre unter der Eisenplatte geatmet hatte, unter der die europäischen Träger der Armut stehen und vergehen, und durch die sie hoffnungslos getrennt bleiben vom Geiste, vom Lichte, vom Leben, vom Menschentum. Nur wenn der Sohn auf dem wüsten Wege, der, durch die Eisenplatte, empor zum Geiste führt, von einer Gefahr bedroht gewesen war, hatte die Mutter den einundneunzigsten Psalm gebetet.
Sie mußte nicht suchen: die Bibel, immer nur und oft an dieser Stelle gebraucht, tat sich beim einundneunzigsten Psalm auf. Und die Mutter sah, wie die auf ihren Sohn zusausenden Kugeln, vom Gebete in ihrem mörderischen Fluge aufgehalten, vor des Sohnes Brust senkrecht zu Boden fielen, als sie die mit Bleistift unterstrichenen Stellen wiederholte:
»Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
. . . Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt.
Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen«,
betete die Mutter. Und blieb, in Hoffnung und in düstere Angst gespalten, sitzen und war nicht erlöst.
Denn die Welt war nicht erlöst, da nicht alle Menschen gleich den Müttern und nicht alle Mütter . . . Mütter waren.
Der Brief, den der Sohn in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, nach einem halben Jahre an der Westfront zurückerhalten und doch noch an die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein, zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wußte, daß der Sohn schon gefallen war. Von den fetten Schützengrabenratten schon halb aufgefressen war.
Der Sohn hatte vergessen, die Überschrift zu ändern; die bebende Mutter las:
»Sehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewiß auch schon widerfahren, daß Sie beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor der letzten Stufe irrtümlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese körperliche Erschütterung, die so plötzlich eintritt, daß Dunkelheit und Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die Höhe und in das überraschte Gehirn hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich vor, Sie würden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diese beständige Seelenerschütterung millionenfach gesteigert vor.
Dagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen vermögen an Stelle ihrer Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten, die dann gewohnheitsmäßig weiterschießen, weiter ihre Gewehrkolben in feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett in weiche Unterleiber hineinstoßen und nicht erschüttert werden, weil der sich Krümmende genau so glotzt wie der, der sich gestern krümmte und fiel.
Es gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang brauche ich Ihnen nicht näher zu erklären; ich brauche Ihnen einstweilen (denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, daß die Träger einer stärkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die Gewohnheit nicht hineinzuretten vermögen und deshalb natürlich wahnsinnig werden müssen.
Ich habe versucht, Ihnen die Seelenerschütterung begreiflich zu machen, die ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empfände, der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe sänke. Und habe gesagt, daß diese beständige Seelenerschütterung beim Frontsoldaten millionenfach gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die Menschenschlächterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein möbliertes Zimmer im vierten Stock und öffnen zum erstenmal die Balkontür, treten hinaus, um sich an der schönen Fernsicht zu erfreuen, und stürzen hinunter, weil hinter der Tür kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem den Moment vor, in dem Ihr überraschtes Bewußtsein in blitzartiger Erschütterung erkennt, daß kein Balkon da ist und daß Sie rettungslos hinunter in die Tiefe stürzen müssen. Da der Mensch Mitgefühl mit seinem Nächsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Unglückliche sind, sondern unten auf der Straße stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten Stocke herabstürzt, ebenfalls diese plötzliche Seelenerschütterung erleben. Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen müßten, wie Menschen aus dem vierten Stocke herabstürzen, würden Sie endlich zu lachen beginnen, das heißt, wahnsinnig werden. Oder Sie würden die Augen zumachen, das heißt, sich allmählich daran gewöhnen, daß Menschen vom vierten Stocke herabstützen.
Vergegenwärtigen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diesen Seelenschlag in unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend, dann werden Sie begreifen, daß die große Mehrzahl meiner armen Kameraden sich in die Gewohnheit und die übrigen sich in den Wahnsinn hinein retten müssen.
Und nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine gewohnheitsmäßig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, göttlich auserkoren, Träger eines beständig wachen Gewissens, Träger einer beständig fließenden Seele ist.
Ich bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige Tätigkeit und beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.
Sollte jedoch Ihre Antwort sein, daß meine Ausführungen die gefühlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe nichts anderes übrig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe Antwort haben, so würde die Erfahrungstatsache, daß unter den Gefallenen immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzmäßigkeit erhoben werden, daß unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein müssen. Daß die erkorenen, jungen Träger der Wahrheit fallen müssen. Daß die jungen, feurigen Träger des ewig unverrückbaren Menschheitsideales >Liebe< fallen müssen. Daß die jungen Dichter nicht zurückkehren können. Daß bei ihnen allen einmal der Augenblick kommen muß, in dem sie ganz bei sich selbst angelangt sind, ihr Körper sich bedingungslos der Seele unterordnet und ohne Gegenwehr den Todeshieb empfängt . . .«
Weiter las die Mutter nicht. Die Möglichkeit, weiter zu lesen, war nicht mehr vorhanden; die Denkfähigkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und ihr Gefühl war abgekapselt. Sie saß ganz unbewegt am Tische und sah interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht geöffnet hatte, weil die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.
Dieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, daß der Sohn gefallen sei. »Auf dem Felde der Ehre«. Die ahnungslose Mutter ließ das Schreiben uneröffnet liegen.
Plötzlich und schnell, als dürfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden, wurde ihr Körper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtkörbchen, das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und las:
>Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt . . . Zurückkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land . . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungstür da . . . Gerade Frühling sein . . .<
Neue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Frühlingswochen hineinzureißen, wo nur noch Glanz und Liebe war.
Ihr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Schützengraben und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: >Das ist mein Sohn. Mein! Mein Sohn!< »Es gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege. Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn verstümmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib zurücknehmen.«
Automatisch öffnete sie das amtliche Schreiben. Las: >Feld der Ehre gefallen<.
»Wer denn? Wer?« Sah auf.
Die glänzende Kante des lackierten Kleiderschrankes, das Gesicht des beliebtesten Heerführers, der hin- und herschwingende Perpendikel stürzten auf sie zu.
Ohne den Bruchteil einer Sekunde zu warten, machte sie eine blitzschnelle Drehung türwärts. Und flog schreilos aus dem Zimmer, den dunklen Gang vor, aus der Wohnung hinaus, die Treppe hinunter, die Gasse hinunter, die breite Asphaltstraße hinunter. Immer in der Mitte: schwarz, vornüberstürzend, lautlos. Sie hatte Filzschuhe an.
Passanten blieben stehen; es bildeten sich Gruppen. »Was hat sie?« Das selten berührte Gefühl gedankenlos lebender Menschen wurde von etwas Unbegreiflichem getroffen. Kein einziger wußte, daß es die absolute Ziellosigkeit war, die sie erschüttert aus dem Rennen der Mutter herausfühlten. Und als ein junger Arbeitet das amtliche Schreiben, das er gefunden und aufgehoben hatte, vorlas, sanken die Worte in die aufspringenden Herzen hinein. Junge Leute galoppierten der Mutter nach.
Sie hetzte durch Stadtviertel, dem Schrei entgegen, der zusammengeballt in ihrem Halse saß und nicht durch konnte.
In allen Straßen bildeten sich Gruppen betroffener Menschen, die von den Nachspringenden über das Unglück der Mutter aufgeklärt wurden, sich ihnen anschlossen.
Eine Kompanie junger Soldaten, feldmarschmäßig ausgerüstet, blumengeschmückt, singend auf dem Wege zum Bahnhof, sauste auf die Mutter zu und im Fluge an der Rasenden vorbei.
». . . dir die Hand nicht geben . . .«
Ein Lastfuhrwerk. Ein Schutzmann zu Pferde.
». . . dieweil ich eben lad' . . .«
Schon weit hinter ihr verklingend.
Erst Minuten später sprengte das von ihrer Seele im Fluge aufgenommene Mordlied den Schrei, der sich im Halse zusammengeballt hatte.
Der Schrei platzte. Die Mutter schrie und rannte. Schrie länger als ein Atemzug reicht. Stolperte. Fiel nicht. Holte Atem. Schrie weiter.
Das war kein Klagegeschrei. Rennen und Schrei kamen aus einer Quelle und verschmolzen in Eins. Stille auf der ganzen Erde. Nur die europäische Mutter schrie. Schrie jetzt die unterdrückten Schreie dreier Jahre.
Niemand wagte den Versuch, sie aufzuhalten. Denn hier schrie nicht ein Mensch; hier schrie die Menschheit. Alle fühlten das.
Und eher könnte es einem neben dem Geleise Stehenden gelingen, den heransausenden D-Zug mit dem Zeigefinger aufzuhalten, als daß es aller Macht der Welt zusammen gelänge, Schweigen zu erzwingen, wenn die getroffene Menschheit schreit.
Der Schrei wurde gehört. In Paris, London, Rom, in Amerika, in Kasernen und in Dachkammern. Er wurde in Petersburg gehört. Er sauste hinein in die Herzen. Und er riß die Herzen der Menge auf, die der springenden Mutter straßenentlang folgte.
Die ganze Stadt fühlte zum ersten Male plötzlich den Tod der Millionen Söhne, das Leid der Millionen Mütter, da sie das Leid dieser einen Mutter sah.
Ihr Schrei war schon nicht mehr der einer Frau; er war tief und rauh geworden, geschlechtlos: ein Menschenschrei, unterbrochen von kurzen Atempausen, in denen das horchende Herz der Menschheit stockte.
Ein junger Schutzmann überholte galoppierend die gewaltige Menge und packte den Arm der schreienden Mutter, die mit dem Schutzmann weitersprang, als habe sie einen brüderlichen Leidensgenossen bekommen. Seine Hand wurde lahm und sank, als er, beim Blick in ihr Gesicht, fühlte, daß er dem Schmerze der Menschheit ins Gesicht sah.
Jetzt erst stieg der tausendstimmige Entrüstungsschrei der Menge, getragen wie ein Choral, und der junge Schutzmann ahnte, von diesem Tone tief getroffen, daß hier nicht Sensation, sondern der unbesiegbare Geist der Menschlichkeit sich kundtat.
Hemmungslos, blind für alle Hindernisse, sprang die vornüberstürzende Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstraße, die vom Dome abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein, lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,
über dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von Kindheit an in der Lüge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten Gesicht empor log:
». . . der du unseren Waffen deinen göttlichen Beistand schenktest, Lob und Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekrönet hast.«
Sie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.
Durch alle Türen drängte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen, von denen die meisten ihrer Söhne beraubt waren. Mütter, die, von tödlicher Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die Lügenmauer, die der um Sieg und Segen für unsere Waffen und um Verderben und Tod für den Feind bittende Priester vor ihren Seelen auftürmte.
Die Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt, eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort »Lüge!« durch die Kirche und zerriß die ungeheure Spannung.
Sie warf in einem wilden Schwung die Hände empor zum schmerzverzerrten Sohne. Der geängstigte Priester wollte die Mutter wegreißen. Während des kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:
der Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden Arme der Mutter.
Der entsetzte Priester trat zurück.
Ein Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Geflüster und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch ansteigenden Vorspiele verband.
Die erhöhte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, daß sie das persönliche Leid hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die Stadt in dieser Sekunde den dunklen Mächten entronnen und eingetreten war in die weißfließende Liebe.
Ganz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verklärte die drei Stufen herunter, ging langsam durch den Mittelgang.
Und die unglücklichen Mütter brachen, vom Unnennbaren berührt, los von der Lüge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb zurück.
Nur noch der Priester stand seitwärts neben dem Altare, die weitgeöffneten Augen auf die einmütig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte
dem Zuge, der schweigend und mit göttlicher Selbstverständlichkeit die Stadt durchzog und von Minute zu Minute mächtiger anschwoll, beständig vergrößert durch die plötzlich Sehendgewordenen.
Drei Jahre, gefüllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem Morde, mit Glauben an die Lüge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte keinen Ausweg.
Jetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erklärung. Die Neuhinzukommenden fragten nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die Wahrheit ist still.
Der für die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem Kriege vor das Mordgesicht gehalten, öffnete von neuem die Herzen für die Liebe, deren weißglühender Strom den kilometerlangen Zug beständig durchfloß und allen Widerstand der noch von dunklen Mächten Gefesselten verbrannte.
Aus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach plötzlich das innere Licht. Er stieg ab.
Und das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen, schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.
Stumpfe Menschen, vom Leide ausgehöhlt, empfingen den Keim neuen Lebens. Väter, Mütter, Kriegswitwen, Krüppel, in den mildglänzenden Augen die unmeßbar tiefe Freude von Menschen, die alles hingegeben und verloren hatten und nun plötzlich zusammen mit Brüdern gingen.
Von Zweifel und Frage nicht berührt, dicht hintereinander, fast am Platze marschierend, dem Ziele zu, das alle im Herzen trugen.
Ein endloser, schweigender Zug von Brüdern, dem Menschheitsziele entgegen, über den Untergang hinaus, hinein in das neue Zeitalter, das im Zeichen der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe steht.
Sie schritten ganz langsam eine breite, unabsehbar lange Asphaltstraße hinunter und nahmen, tief vertraut mit der Atmosphäre der großen Zeitwende, in der die Ereignisse ohne Frage und Antwort begriffen werden, mit göttlicher Selbstverständlichkeit wahr, daß ihrem Zuge ein gewaltig langer Bruderzug entgegenkam. Ganz langsam und schweigend.
Voran der Kellner, auf dessen von Mund zu Mund getragenes Wort Millionen horchten.
Neben ihm die Versicherungsagentenwitwe, die vom Kellner dem Hasse entrissen und in den tieferen, in den radikalsten Protest gegen den Mord: in die Liebe gestellt worden war.
Der von diesen beiden angeführte Revolutionszug der Liebe traf mit dem unabsehbar langen Revolutionszug der Liebe, den die Mutter und der Gekreuzigte anführten, bei einer asphaltierten, breiten Querstraße zusammen.
Keine Frage. Keine Erklärung. Kellner und Agentenwitwe und die Mutter mit dem gekreuzigten Sohne blieben voreinander stehen, Auge in Auge.
Die Seitwärtsgehenden beider Züge bogen links und rechts in die Querstraße ein: ordneten sich zu einem riesenhaft großen, schwarzen Menschenkreuz, zu dessen Mittelstück das neben der Mutter stehenbleibende, reiterlose Pferd des Schutzmannes wurde.
Unvermittelt kam die Erleuchtung über abgearbeitete, vom Hunger geschwächte Menschen. Sie lösten sich los, standen plötzlich auf Balkonen.
Und sprachen hinunter zum schwarzen Menschenkreuz, in dessen Mitte der gekreuzigte Sohn ragte.
Das zu den Rednern emporgerichtete Gesicht der verbrüderten Menge leuchtete weiß. Und die Worte des neuen Zeitalters sanken, wie vor zweitausend Jahren, hinein in die durch mörderisches Leid wieder für die Liebe bereit gewordenen Menschen.
IV. Das Liebespaar
Früh um fünf Uhr läutete die Wohnungsglocke langgezogen in den Traum des Rechtsanwaltes hinein.
Der Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur verschlossenen Tür. »Wer ist da?«
»Die Polizei.«