Part 5
Die Mutter -- ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen dachte und sah, deren Gefühl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid, den Jammer ganz Europas trug, die europäische Mutter eilte, das Brot gegen die schlaffen Hautsäcke ihrer Brust gedrückt, nach Hause, den Feldpostbrief zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens -- »vielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch« -- verlassen haben und mit der nächsten Post in der verdüsterten Vorstadtwohnung eintreffen konnte.
Sie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den Briefträger.
Der winkt. >Ich habe etwas für Sie<, sucht, reicht ihr einen Brief. >Halt, noch etwas.< Reicht ihr noch zwei. Noch fünf. Reicht ihr eine Hand voll Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.
Und biegt in die leere Gasse ein. Blickt: >Kein Briefträger.<
Während sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem Leutnant steht.
Der sagt: >Wenn ich noch einmal bemerke, daß Sie absichtlich nicht schießen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.<
Von wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen und fleht: »Schieße!«
Der Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.
Die Mutter sieht die französische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.
Die Mutter schreit: »Schieße nicht!«
Der Leutnant: >Schießen! Oder Sie werden erschossen.<
Fleht die Mutter: »Schieße! O Gott, schieße!« Sieht die französische Mutter. »Nicht! Schieße nicht!«
Läßt das Gewehr sinken. >Ich schieße nicht, Herr Leutnant.<
>Ihn sofort abführen<, befiehlt der Leutnant.
Und die Mutter brüllt: »Um Gotteswillen! Schieße! Schieße!«
Da reißt der Sohn das Gewehr an die Backe, zielt: der Franzose wirft die Hände hoch, krümmt sich und stürzt aufs Gesicht.
Die Mutter preßt die Hand aufs Herz, deutet entsetzt mit der Rechten nach Paris zum Fenster, wo die französische Mutter sitzt, eben den amtlichen Brief öffnet und liest: »Ist gefallen.« Sieht, wie die französische Mutter aufschreit, gläsern glotzt.
Langsam, wie mit einer furchtbaren Mordtat belastet, steigt die Mutter die zweite Treppe hinauf, und ihr sehendes Herz verfolgt den mörderischen Lauf der Kugel, die durch den Franzosen durch und weiter fliegt, nach Paris, der französischen Mutter ins Herz.
Aber der Sohn lebt, wird nicht erschossen, weil er erschossen hat, auf das Flehen der Mutter hin.
Immerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen durchschlägt, weitersaust, bis nach Paris: der französischen Mutter ins Herz.
Schritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell fährt ihr Oberkörper durchs Fenster: >Nicht der Briefträger.<
Ungedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das Gesetz »Schuld und Sühne« auf und stellt die Mutter vor die tödliche Gewißheit: der zum Mörder gewordene Sohn wird ermordet werden.
Ihr Oberkörper fährt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter, die Gasse hinauf. Kein Briefträger.
Und wie sie den Blick zurückzieht: -- Landschaft mit künstlich aufgeworfenen Hügeln. Schutzwehre, Dämme, Hecken. Ausgetretene, lehmige Pfade.
>Wir schleppen die mit Munition gefüllten Bastkörbe an die vorderste Linie. Über uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Weiße Explosionen. Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile. Unermeßlich furchtbar<, hatte der Sohn geschrieben.
Die Mutter sieht, wie weiter rückwärts, noch in Sicherheit vor den einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.
Und kann den Sohn nicht zurückhalten, ihn nicht zurückreißen, ist machtlos.
>Hat es geläutet?< Sie zerrt die Tür auf. Stiert in den leeren Hausflur.
Und als die Wohnungsglocke später wirklich läutete und das Aufreißen der Tür den Briefträger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte, auf der stand: >Den verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat. Der Schriftführer<.
Sie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters. »Nächste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen.« Vom Sohne,
der in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und Machtlosigkeit dachte, im Schützengraben auf einer Munitionskiste saß.
Seine lehmgelbe Hand hielt einen Brief, den er selbst vor länger als einem Jahre in einem Schützengraben in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen Schützengraben der Westfront, zurückbekommen hatte, mit der Aufschrift: Adressat unbekannt.
Als er beginnen wollte, zu lesen, brüllte das tausendfache Brüllen der Geschütze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er könne die Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.
Er hob den Blick: eine weite, öde, gelbliche, leere Fläche, stellenweise dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.
>Alles geschieht nahe der Erde. Niedrig, tückisch, gefährlich, flächig, farblos, grau . . . Frischfröhliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr<, las er. Und sah hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.
Zwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter und Hände waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden. Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des Verwundeten, der neben dem Toten lag, hörte nie auf. Horte seit drei Tagen und seit drei langen Nächten nie auf.
>Brand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren<, las der Sohn.
Und betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig gegenüber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.
>So weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir heraus, um atmen zu können. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter nicht atmen.<
Ein qualvolles Lächeln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel herunter, bei der Erinnerung, daß er, damit seine seit drei Jahren im Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gefühle nicht ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verhärten sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe. Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der Furchtbarkeiten bewußt zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten gleichgiltig gewordener, maschinierter Mörder zu werden, wie sein neben ihm hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter schoß, schoß, schoß. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.
>Hinter uns, mörderisch genau eingestellt, kracht die Geschützkette, schleudert Granaten über uns weg in die feindlichen Stellungen. Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die den ununterbrochen herüberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind still. Menschen fallen, stöhnen, brüllen, wimmern, bellen. Fernes Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen platzen. Schußwölkchen. Zahllose Schußwölkchen, soweit ich sehen kann . . . Alles flach, grau, farblos, tückisch.<
Der Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer verwundet und lebendig seit fünf Tagen und fünf langen Nächten im Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos. Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, für den noch keine Sprache das Wort gefunden hat.
»Ein Mensch schreit«, fühlte des Sohnes ganzes Wesen. »Ein Mensch schreit.«
>Menschen, Millionen Menschen, Menschen schießen aufeinander, ermorden, erschlagen, erwürgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?<
Interesse und gleichzeitig Staunen darüber, daß er sich für einen Gedanken noch interessierte, berührte den Sohn, als er las:
>Aber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, muß gekämpft werden. Denn diese paradoxe Menschenschlächterei ist nur vordergründlich, ist nur die Oberflächenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser räuberische Geist, der als das lügenhafte Ideal »Nationalismus« gepredigt und gefeiert wird, überwunden ist, verrosten die Geschütze von selbst.
Wir wollen uns opfern, wollen lieben, denkend die Gefühle sieben, daß der Präsident der Erde Präsident der Liebe werde.<
Der Leutnant, den Revolver in der Knabenfaust, schritt gebeugt durch den Graben, vorbei am Sohne, vorbei am Kameraden, der zielte und schoß.
Lautlos, ununterbrochen und qualvoll langsam bewegte der im Stacheldraht hängende Soldat die Glieder.
Der Sohn suchte die Sätze, die er vor einem halben Jahre geschrieben hatte. >Gestern ist ein Kamerad neben mir Mensch geworden. Er legte das Gewehr weg, sah uns an, lächelte beseligt. Und als der Vorgesetzte befahl: »Nicht lachen! Schießen!« lächelte der Mensch ihn an und schüttelte den Kopf. Mit welch kindlicher, grenzenloser Liebe lächelte er uns an. Er hatte durch eine mystische Kraftkurve den Geist der Disziplin, der Knechtschaft, den Geist des Militarismus überwunden, war wieder Mensch: war wahnsinnig geworden. Er wurde ins Irrenhaus gebracht. Es hieß, er würde wieder gesund werden, wieder schießen können. Vielleicht schießt er jetzt auf dem Balkan.<
Das Geschützfeuer war immer wilder geworden, hatte sich vervielfacht, stieg rasend an. Die einschlagenden Granaten rissen Unterstände, Ballen und Menschen auseinander. Trotzdem verließen, vom Befehle vorgestoßen, lange, dichte Reihen lehmiger Gestalten die gegnerischen Gräben, wurden vom flankierenden Maschinengewehrfeuer glatt auf die Erde gestrichen.
Heulen. Schreie. Wimmern, zuckende Körper. Augen glotzten tot. Ungezählte frische Leichen lagen auf den alten Leichen.
Und nach dem abschließenden wilden Grabenkampfe las der Sohn: >Hunderttausende überwinden den Militarismus durch den Wahnsinn. Zehn Millionen verwesen. Zehn Millionen sind Krüppel. Und von den übrigen werden die meisten als präzis funktionierende Mordmaschinen heimkehren. Wie den Kindern das ABC, hat man ihnen den Geist der Gewalt eingepflanzt. Der sitzt. Muß weiter wirken. Mein neben mir hockender einfacher Mordkamerad, der reine Repräsentant seiner Millionen einfacher Mordkameraden, wird in der Heimat automatisch jeden niederstechen wollen, der Recht vor Gewalt zu setzen versucht. Auch der wildeste Schmerzensschrei berührt die im täglich gleichen Laufe von drei Jahren gegen alle Entsetzlichkeiten abgestumpften reinen Träger der Gewalt nicht mehr. Wie auch euch in der Heimat das Leid der Menschen nicht mehr trifft, da ihr, ohne den Verstand zu verlieren, in der Zeitung lesen könnt: dreißigtausend sind gefallen.<
Da erlebte der Sohn etwas, dem er sich nicht entziehen konnte: er fühlte, wie seine rechte Körperhälfte dagegen war, diesen Brief doch noch an die Mutter zu senden; und fühlte gleichzeitig, wie die Herzseite ihn zwang, den Brief abzuschicken an die Mutter: das einzige europäische Wesen, das niemals abgestumpft und gleichgiltig werden konnte gegenüber dem Leide der Menschen, die alle von Müttern geboren wurden.
Vergebens versuchte er, das immer noch von Sekunde zu Sekunde rasend ansteigende Artilleriefeuer nicht zu hören. Die Erde knallte. Seine Ohren knallten. Sein Gehirn knallte. Er sah, wie der Hammer des neben ihm hängenden Telephons trommelte, las von des Leutnants Lippen das auf die Membrane gebrüllte Wort »Jawohl« ab. Und wußte, daß die Todesstunde gekommen war für die Grabenbesatzung, die zum Sturmangriffe vorgeschickt wurde.
Fäuste packten die Gewehre. Bajonette starrten. Graue Gestalten, im Graben eng zusammengedrängt. Das waren keine Menschengesichter mehr. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas. Das Denken, jede Überlegung war aus dem Sein der Soldaten hinausgefallen.
Auch der Sohn steckt das Bajonett auf den Rohrlauf, denkt noch: >Und dann kann die Mutter nicht atmen, wenn sie den Brief bekommt.< Denkt: >Falle ich?< Und wurde vom Befehle vorgestoßen,
während die Mutter machtlos am Eßtische stand und des Vaters Suppenteller füllte.
Ihr abwesender Blick traf die farbige Photographie des beliebtesten Heerführers, die der Vater gekauft und an die Wand gehängt hatte. Der lange Perpendikel der höher hängenden Schwarzwälderuhr schwang über dem Gesichte des Heerführers hin und her.
Genau senkrecht unter dem beständig überquerten Heerführergesicht saß der Vater und las zur Suppe >Ein kühnes Patrouillenstückchen< in der Zeitung.
Die Mutter wußte nicht, ob sie sich den Sohn hinter der Front oder in der vorderen Linie denken sollte,
während in dieser Sekunde der Sohn, von geschwungenen Gewehrkolben und wildglotzenden Menschengesichtern überdacht, im feindlichen Graben ins Knie glitschte.
>. . . und machte ihn kurzerhand nieder<, las der Vater zu Ende. ». . . Was gibts denn?«
»Es ist wieder kein Brief gekommen.«
»Nein, was du zu essen hast . . . Wird schon kommen. Ist ja noch immer gekommen.«
Dann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, daß das Volk, in unerschütterlichem Vertrauen zu seiner bewährten Regierung, ausharren und infolge seiner Einigkeit neugestärkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, daß dieser Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und daß das Vaterland in Gefahr war.
Das las er der Mutter vor. Und sagte: »Da ist wieder einmal alles ganz klar auseinandergesetzt . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!«
Die Mutter hätte nicht sagen können, weshalb sie unter die Uhr trat und den Perpendikel anhielt, so daß er das Gesicht des beliebten Heerführers in zwei Teile schnitt. Sie sagte müde: »Woher soll denn ein Schulkind wissen, ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gewöhnlichen Leute, was wissen denn wir davon.«
»Das weiß doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., für was sind denn die Schullehrer da. Und wir, wir könnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen . . . Was gibts denn?«
». . . Nur diese Karte ist gekommen . . . Iß halt noch einen Teller Suppe. Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.«
»Hättest eben früher dort sein müssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal ein Ende hätte . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!«
Hungerschwäche und Angst um den Sohn, den sie plötzlich lautlos auf das Gesicht stürzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mußte und stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam, schob sie ihm ihren Teller hin. »Das Vaterland war in Gefahr? Nun und jetzt? Eine größere Gefahr für das Vaterland ist überhaupt nicht möglich. Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich weiß ja nicht -- ich brauche aber nur in seinem Briefe nachzulesen --, wieviel schon gefallen sind, und wieviel Krüppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie nur einmal an. Und daß sie jahrelang nur von Mord reden hören. Was werden denn das für Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und von den Soldaten draußen sollen ja so viele krank sein. Du weißt schon wie.«
»Was der dir immer schreibt.«
»Daß das Volk jetzt in allergrößter Gefahr ist, das kann man leicht wissen. Das weiß jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der Krieg wäre auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewußt hätten, was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um das Blut von Millionen. Um das Blut unserer Söhne. Jetzt würden sie nicht mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: >Der Schuß, der den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.< Und so ist es.«
»Brust getroffen! Wenn wir doch siegen!«
»Was gibts da noch zu siegen, wenn die Lebenskraft, ja, >die beste Lebenskraft des Volkes<, schreibt er, >versiegt ist durch den Tod von Millionen junger Männer; wenn das Volk nur noch aus Verrohten und aus Krüppeln, Kranken, Irrsinnigen, verhungerten Kindern und Frauen und aus ganz alten Leuten besteht<.«
»Ja warum nicht gar.« Er klammerte sich an seine Zeitung an, las die neueste Siegesnachricht des Kriegsberichterstatters: in sein sofort wieder beruhigtes Gehirn ließ sich ein Ausschnitt leichenbedeckte Erde nieder. >. . . in einer seitlichen Ausdehnung von mindestens 500 Metern, bei reichlich achtzig Meter Tiefe . . . Von unseren sturmerprobten Stoßtruppen im Handgemenge unter auffallend geringen Verlusten mit einer Bravour genommen, die . . .<
»Lies das, dann kommst du gleich auf andere Gedanken.«
»Ja, ich will die Zeitung gar nicht mehr lesen.« In der des Denkens ungewohnten Mutter löste sich ein Gefühl los und sank bleischwer in die Worte hinein: ». . . Wenn nur alle einmal nicht mehr daran denken wollten, was in der Zeitung steht; wenn nur alle einmal an die Menschen denken wollten, die jetzt da sterben müssen.«
»Das ist ja Unsinn.« Der Vater packte die Zeitung fester, sah den leeren Suppenteller an, sah die danebenliegende Postkarte. »Und was ist denn das?«
». . . Nur diese Karte ist gekommen.«
. . . »daß der Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat.«
Eine schwarze, durch nichts auszufüllende Lücke tat sich auf in seinem Leben. Er suchte in der Zeitung nach Fettgedrucktem.
»Keinen Zweck mehr hat. Unsinn!«
Plötzlich schrie er wütend die verstört blickende Mutter an: »Warum hältst du denn die Uhr auf«, begann noch einmal, >Ein kühnes Patrouillenstückchen< zu lesen.
»Dann ist ja gar kein Zusammenhalt mehr, wenn die Proben jetzt ganz ausfallen . . . Singen hätten wir immer noch können«, sagte der Vater,
während der Sohn, verdreckt, mit Menschenblut bespritzt und vor Grauen und Entsetzen gläsern glotzend, mit den wenigen noch übriggebliebenen, verdreckten und mit Menschenblut besudelten Kameraden über die gefallenen Kameraden weg, wieder zurück in den Graben taumelte.
Die Artillerie arbeitete weiter. Die Schüsse krachten in rasender Folge. Der Sohn fiel sofort in Schlaf.
Die Mutter trat unter die Uhr: der Perpendikel schwang weiter hin und her über dem Gesichte des beliebten Heerführers. Das sah in dem düstern Hofzimmer aus, als hätte der Heerführer an Stelle des Gehirns eine Maschinerie, die unabänderlich weiterging, wenn nicht ein Mensch vortrat und sie aufhielt.
Wenn nicht ein Mensch oder Gott selbst vortrat.
So eine wunderschöne, unbeschreiblich süße, herrlich durch den Weltenraum schwingende Musik hatte der Sohn noch nie gehört. Wer sie vernahm, wurde gut. Scharfrichter warf das Beil weg, stürzte in die Knie zu dem am Blocke knieenden Mörder. Und beide begriffen ihr früheres Leben nicht mehr.
Der Sohn fragte den guten Herrn, der ihn in den deckenlosen, vom Sternenfirmament blau überdachten Saal geführt hatte, wer diese Musik geschrieben habe.
Der gute Herr mit den traurigen Augen flüsterte: »Diese Musik hätte ein Soldat geschrieben, der gefallen ist.«
»Ach«, flüsterte der Sohn, fühlte aber im selben Augenblicke, wie sein ganzes Wesen sich in weißfließendes Glück verwandelte. Denn plötzlich sah er >Die einfache Stadt<: Gebäude von solch unsäglich durchseelter Architektur, daß, im Angesichte dieser göttlichen Klarheit, alle schweren, dunklen Gefühle aus den Menschen hinaus- und in das Nichts zurückfielen. Der Sohn stand so im Glücke, daß er kaum wagte, es zu betasten mit der Frage: »Wer hat diese Stadt gebaut?«
Die Lippen des guten Herrn bebten.
»Nein! Schweig«, flüsterte der Sohn, entsetzt, wie nie in seinem Leben.
»Wahrlich, diese Stadt hätte ein Soldat gebaut, der gefallen ist.«
Da verschwand die Stadt. Und der Sohn hielt >Das Buch der Menschheitszukunft< in der Hand. Und las in einer Sekunde das ganze Buch von Anfang bis zu Ende. Denn öffnete man es, so flossen alle seine Bilder und Gedanken zusammen in ein einziges Wort. Und wessen Seele von diesem Wort berührt wurde, der war erlöst und gut. Liebe stand auf seinem Angesichte. »Da brauchen wir dieses herrliche, allmächtige >Buch der Menschheitszukunft< ja nur vor das Auge der Menschheit zu legen, und die Welt ist von allem Bösen erlöst und der milden Regierung der Liebe heimgegeben. O, fließende Verschwisterung«, flüsterte der Sohn. »Wer hat denn dieses Buch geschrieben?«
»Das hatte ein junger Dichter geschrieben, der gefallen ist.«
Schwarzer Donner klang von fernher.
Von seiner klagenden Seele getragen, flog der Sohn erbebend vor die dunkle Frage hin: »Welcher Nation gehörten diese Toten an?«
Das Gesicht des guten Herrn wurde zu zwei trostlos weinenden Augen, deren Blick langsam und deutlich die Worte sprach: »Das weiß man nicht.«
Plötzlich sah, mit allen grausigen Einzelheiten, der Träumende, was er vor einer halben Stunde beim Sturmangriff wirklich erlebt und gesehen hatte: das leinenweiß gewordene Gesicht des jungen Franzosen, der in das Bajonett des Sohnes hineingerannt war.
Und er brüllte in der ewigen Sekunde, die zwischen Schlaf und Wachsein stand, dem zum Unteroffizier werdenden guten Herrn in unermeßlichem Entsetzen zu: »Aber ich weiß es. Ich!«
»Auf! Noch ein Sturmangriff!« schrie der Unteroffizier, der den Sohn wachgerüttelt hatte.
»Ich! . . . Ich weiß es.«
»Warum schlafen Sie denn dann?«
Der ganze Himmel donnerte. Von Menschenblut noch durchnäßte Soldaten, im Graben eng zusammengedrängt. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas.
Die Welle entseelter Menschen wurde vom Befehle vorgestoßen. Und das zu einem einzigen ungeheuren, erderschütternden Knall zusammentönende Knallen der mit rasender Schnelligkeit feuernden Geschützkette wurde mild überflüstert von des Sohnes Seele, die ihm gebot, zu sühnen, indem er sterbe, damit er lebe.
Er stand reglos, umtobt von den in wildem Kampfe ineinander Verbissenen. Hier, im Mittelpunkte des Knallens, war es totenstill. Es wurde handwerklich und ganz lautlos gemordet.
Eine nachkindliche, zweite Naivetät beseelte ihn mit der Frage: »Weshalb tun die Menschen das? Das darf kein Mensch befehlen. Kein Mensch darf diesem Befehle folgen.«
Die Sekunde gebar ihm ein letztes, noch irdisches Bild: er sah den ganzen Erdball sich zu einer Trommel ordnen, auf der der Militarismus mit Granaten einen Wirbel schlug.