Der Mensch ist gut

Part 4

Chapter 43,521 wordsPublic domain

Der Kellner, tief leidend unter dem Gesetze, daß die Liebe hart sein muß, weil sie das Herz der Wahrheit ist, redete eindringlich hinunter zum düsteren Gesicht: »Wir haben zugesehen, wie Kampfparteien gebildet wurden; wir haben Kanonen, Schiffe, gewaltige Menschenmordmaschinen erfunden, gebaut. Bezahlt. Bewundert! Trotzdem wir hatten wissen können, daß die von uns bezahlten, bewunderten Massenmordmaschinen eines Tages sich gegen die Menschheit und auch gegen die Brust unserer Männer, Söhne, Väter richten würden. Das war unausbleiblich . . . Dann wird gesagt und geglaubt, von den meinungslosen, gedankenlosen, von den immer noch gedankenlosen Volksmassen geglaubt: wir sind angegriffen worden und müssen das Vaterland verteidigen, unsere Kultur schützen. Es wird von Heldentum und von einem Felde der Ehre gesprochen . . . War alle Ehre nicht schon tot, noch bevor der Krieg begonnen hatte? Ist es eine Ehre, ist es Heldentum, um Besitz und Macht und für falsche Ideale Menschen zu erschlagen? Wenn das Ehre ist, dann wollen wir ehrlos sein, um wieder ehrenvoll leben zu können. Wenn das Heldentum ist, dann wollen wir Feiglinge sein, damit der Mut in dieser Welt nicht aussterbe . . . Man spricht von Zivilisation. Ist das Zivilisation, daß ganz Europa schon vor dem Kriege ein einziger großer Fabriksaal war, in dem nicht Menschen lebten, sondern Maschinen automatisch sich bewegten? Maschinen aus Fleisch und Blut, die nicht mehr denken, keine Meinung haben, keine Erinnerung mehr daran haben, daß sie einmal Menschen waren, sondern wie die Maschinen aus Stahl, die sie bedienen, betrieben werden? Betrieben werden von der Notdurft, von dem Verlangen nach Achtung der Mitmaschinen, vom Verlangen nach Besitz, betrieben von Gewohnheit, Egoismus und Lüge. Lüge, in der die europäische Menschheit ertrunken ist, so daß es keinen Europäer mehr gibt, der eine eigene Meinung hätte, keinen, der das Feuer der Wahrheit in den Augen trüge . . . Wenn das Vernunft ist, dann wollen wir unvernünftig sein, dann wollen wir wahnsinnig sein, damit die Weltvernunft sich in uns am Leben erhalten kann. Wenn das nützlich ist, dann wollen wir unnütze Menschen sein. Wenn das Resultat der Organisation und Ordnung ist, daß die Menschheit verelendet, blutet und sich abwürgt, dann wollen wir diese mörderische Ordnung sprengen mit Unordnung, damit der Sinn des Lebens sich wieder manifestieren kann. Wenn Organisation, Ordnung, Gewalt, Macht, Gewohnheit, Meinungslosigkeit, Lüge, Besitz und Egoismus . . . Zivilisation ergibt, dann wollen wir Wilde sein, wollen wir die Liebe im Herzen tragen und das Gesetz: jeder liebe jeden, so wird jeder von allen geliebt . . . Das wollt ihr nicht? Habt den Mut, Menschen zu erschlagen und nicht den Mut, Menschen zu lieben? Weil ihr lieben würdet, aber die anderen euch nicht lieben, sondern ausnützen und erdrücken würden? Wollt nicht Märtyrer sein? Da Märtyrer ausgenützt, erdrückt, eingesperrt und hingerichtet werden . . ., weil sie lieben? Es fliege die Frage donnernd über den Erdball: was ist menschenwürdiger und ehrenvoller, Menschen, die uns nichts angetan haben, im Kriege zu erschlagen und selbst zu sterben, oder dafür zu leiden und zu sterben, daß der Liebe die Regierung der Erde übergeben werde?«

Der Blick der schweigenden Menge fragte dumpf zurück. Zwei Equipagenpferde, zwischen Menschen eingekeilt, bewegten sich. Die Agentenwitwe fühlte körperlich, wie, von ihrer Seele überglänzt, die Finsternis in ihr zur blendend weißen Fläche wurde. Ihr Gesicht war plötzlich tränennaß.

Der Kellner warf die Hand an den Hals, die andere in den Nacken; seine Augen wurden groß und sahen:

»Zehn Millionen Leichen! Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Das fließende Blut dieser zehn Millionen Ermordeten -- vierzig Millionen Liter dampfendes Menschenblut -- könnte einen ganzen Tag lang die riesenhafte Wassermenge des Niagarafalles ersetzen und durch seine Sturzkraft den elektrischen Strom für eine ganze Weltstadt liefern . . . Sämtliches Rollmaterial der Eisenbahnen von ganz Preußen würde nicht ausreichen, allein die losgetrennten Köpfe dieser zehn Millionen Ermordeten auf einmal zu transportieren. Zivilisation! . . . Stellt euch den phantastisch langen Eisenbahnzug vor: es steht der erste Wagen schon in München, im Berliner Hauptbahnhof noch der letzte, und alle sind gefüllt mit blutigen Menschenköpfen. Zivilisation! . . . Man lege die zehn Millionen armen ermordeten Mörder Kopf an Kopf, Fußsohlen an Fußsohlen! Das gibt eine sechzehntausend Kilometer lange, lückenlose Leichenlinie, ein sechzehntausend Kilometer -- nicht Meter -- Kilometer langes Grab, das ganz Deutschland umspannt. Sechzehntausend Kilometer Leichen! Zivilisation!«

Ein wildes Schluchzen, das wie das Bellen eines Hundes klang. Aufgelöste Gesichter drehten sich einander zu. Weit offene Augen. Wortloses Fragen. Die Agentenwitwe sah Farben kreisen. Und taumelte dem Nächststehenden an die Brust.

Das Gesicht der Menge leuchtete wieder weiß auf.

»Ich sage euch: von diesem Zeitalter der Nützlichkeit, Ordnung, Organisation und Vernunft, von diesem Zeitalter des Egoismus, des Geldes, der Macht, Gewalt, Lüge und Autorität wird nichts übrig bleiben als ein Grauen davor und für die noch späteren Geschlechter ein Gelächter.«

Da spannte er weit die Arme aus, daß hinter ihm der von der Abendsonne rosig beleuchtete Kirchturm zum riesenhaften Kreuzespfahl wurde:

»Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern, daß der Mensch gut und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreißen aus unseren Herzen: die Gewohnheit, die Lüge, die Gewinnsucht, die Bewunderung der Gewalt, Autorität und Macht, damit nicht auch der Same der noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde.«

Plötzlich klang Kraft und großes Flehen in seiner Stimme:

»Jeden Tag werden zehntausend Menschen getötet, die so gerne, ach so gerne noch hätten leben wollen. Und doch sitzt der Schuster wie sonst in seiner Werkstatt, besohlt Stiefel, macht der Schreiner Möbel, steht der Fabrikarbeiter vor der Maschine, den ganzen Tag, der Kaufmann hinterm Ladentisch; es schreibt der Beamte Kanzleibogen voll und der Buchhalter rechnet, der Kellner bedient . . ., während jeden Tag zehntausend Menschen fallen und verenden, die vorher selbst Menschen töten mußten. Welch ein wahnwitziger, gedankenloser Egoismus! Wenn wir das Recht nicht verlieren wollen, uns noch Menschen zu heißen, dann müssen wir ohne Besinnen von den Hämmern, Hobeln, Schreibpulten und Maschinen weglaufen auf die Straße, den Nächstbesten am Arme packen, ihn packen, und unsere Stimme muß ihm das Herz durchgellen: >Es werden jeden Tag zehntausend Menschen erschlagen. Was sollen wir tun? Wie dürfen wir arbeiten, unserem Verdienste nachgehen, schlafen, essen, während jeden Tag zehntausend Menschen ermordet werden? Das darf nicht sein. Was sollen wir tun?< . . . Ich rufe euch zu, ich trage die Worte in euere Herzen hinein: wer heute, da täglich zehntausend Menschen grauenvoll verenden, seine Hand hebt zur Arbeit, ist ein Mörder. Denn er läßt Menschen töten und fragt nicht: was soll ich tun, daß sie nicht erschlagen werden.«

Da erbrach, ihre Petroleumkanne schwingend, die robuste Kriegswitwe ein wildes Gelächter.

Und die Sätze: »Man muß doch leben; was bleibt uns übrig; wir müssen doch verdienen, essen«, sprangen, von ihr zuerst geschrien, aus tausend Mündern heraus, dem verstummten Redner entgegen. Es schwoll der Tumult, vom Hasse in ein Ganzes zusammengeschmolzen, und stieß den Schrei ab und zum Himmel empor: »Was sollen wir denn tun! Was? Was sollen wir tun?«

Das war eine furchtbare Frage. Eine Frage, rund umstellt von grinsenden Ungeheuern, die eine Antwort nicht hereinlassen wollten.

>Wenn ich ihnen sage: jede Arbeitsleistung fügt sich in das Getriebe ein, das die Fortsetzung des täglichen Massenmordes ermöglicht, deshalb wird der Schlosser, der heute eine Schraube dreht, praktisch zum Mörder, wie auch der Bäcker, der heute Brot backt, rufen sie: wir müssen doch verdienen, leben, essen und deshalb arbeiten.<

>Aber das dürft ihr nicht. Arbeiten dürft ihr nicht. Arbeiten ist heute Mord.<

Das weiße Gesicht der Menge war eine Frage, die gleich einer Lichtreklame selbsttätig die blutrote Antwort »Revolution« langsam, Buchstabe nach Buchstabe, an den dunklen Himmel schrieb.

Die tödlich bedrohte Liebe, die dem Untergange nahe Menschlichkeit, die den Kellner gewählt, ihn aus dem mörderischen Wahnsinn dieses Zeitalters herausgehoben und ihm das Wort auf die Lippen gegeben hatte, erleuchtete ihn, so daß die ewige Seele, für alle sichtbar, ihm in die weitgeöffneten Augen trat:

»Wir wollen nicht das Unmögliche versuchen: die Gewalt mit Gewalt auszurotten. Wir wollen nicht töten. Aber von dieser Sekunde an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit würde noch im Dienste dieses Zeitalters des organisierten Mordes stehen. Das Zeitalter des Egoismus und des Geldes, der organisierten Gewalt und der Lüge hat in dieser weißen Sekunde, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwischen zwei Zeitalter schiebt sich eine Pause ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wollen über die Erde, durch die Städte, durch die Straßen gehen und im Geiste des kommenden neuen Zeitalters, des Zeitalters der Liebe, das eben begonnen hat, jedem sagen: >Wir sind Brüder. Der Mensch ist gut.< Das sei unser einziges Handeln in der Pause zwischen den Zeitaltern. Wir wollen mit solch überzeugender Kraft des Glaubens sagen: >Der Mensch ist gut<, daß auch der von uns Angesprochene das tief in ihm verschüttete Gefühl >der Mensch ist gut<, unter hellen Schauern empfindet und uns bittet: >Mein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.< Eine Welle der Liebe wird die Herzen der Menschen öffnen im Angesichte der ungeheuerlichsten Menschheitsschändung.

Und wenn der Zehnmillionenmord, den jeder Einzelne von uns mitverschuldet hat, Martyrium von uns verlangt, wenn die Menschheitsfeinde Gewalt gegen uns anrollen lassen, so wollen wir uns sagen: >Wir haben erschlagen, gelitten, geblutet, gearbeitet für falsche, lügenhafte Ideale, sind schuldig, sind Mörder geworden; wir wollen uns entsündigen, wollen den gegen uns gehetzten Brüdern, dem Heere der Gewalt, uns als stilles, unüberwindlich starkes Heer des Geistes und der Verbrüderung entgegenstellen, bereit zum Leiden für das ewig unverrückbare Ideal der Menschheit: für die Liebe.< Und unsere Brüder werden, bezwungen von unserem Glauben an das Gute im Menschen, in ihren Augen plötzlich die Frage tragen, die zugleich die Antwort ist: der Mensch ist gut.

Der Mensch ist gut. Er ist gut. Geht hin, jeder durch seine Straße, in die Häuser, läutet, klopft an. Und verkündet den Satz des neuen Zeitalters: >Der Mensch ist gut.< . . . Es stehen die Transmissionen! Es stehen die Maschinen! Die Arbeit ruhe! Die Zeit steht. Heutige Gesänge der Liebe durchfliegen die Städte, öffnen die Herzen, die Tore der Paläste, die Magazine. Und Menschenarme, die dem Morde dienten, umfangen jetzt den Bruder . . . Und wenn wir dann in diesem Geiste wieder zu arbeiten beginnen, wird unsere Arbeit nicht mehr Mord sein, sondern Geschenk für den Bruder, und seine Arbeit Geschenk für uns . . . Jetzt ruhe die Arbeit. Die Zeit steht. Die Pause zwischen zwei Zeitaltern ist da.«

Das Gesicht der Agentenwitwe war von wilder Hingabe zerklüftet; das Kind in ihrem Leibe bewegte sich.

Da geschah etwas Unerwartetes: ein bärtiger Herr sprang aus seiner eleganten Equipage heraus, stand auf dem Bock und brüllte: »Landesverräter! Vaterlandsverräter! Herunter mit dem Schuft, der den Sieg, der das Durchhalten unseres Volkes verhindern will!« Wutspeichel spritzte aus seinem Munde heraus.

Das weiße Profil der Menge drehte sich dem Bärtigen zu.

Der warf die Fäuste vor und bewegte sie, in großem Bogen die Menge überdachend, wagrecht über die Köpfe weg, stieß sie himmelwärts und knallte sie auf seine Brust:

»Mein einziger Sohn ist gefallen. Auf dem Felde der Ehre! Ist tot. Und dieser bleiche Schuft wagt es, das Volk gegen das Vaterland aufzuhetzen. Tausendfachen Tod diesem bestochenen Hundsfott, der den Sieg verhindern will! Umsonst wäre mein Sohn gestorben. Umsonst wären alle Söhne und Väter gestorben. Millionen wären umsonst gefallen. Alles Blut würde umsonst geflossen sein, wäre der Sieg nicht unser.« Er riß den Browning aus der Hintertasche.

So still war es auf einem Platze nie gewesen.

Der Kellner sagte: »Mein junger Sohn ist gefallen. Umsonst wäre sein und alles Todesblut geflossen, wenn in diesem dampfenden roten Meere auch diesmal das Prinzip des Egoismus, der Gewalt und der Macht nicht verlöschen würde, umsonst, wenn die Liebe auch nach diesem Kriege das Menschenherz nicht berühren könnte. Umsonst die den Himmel verdunkelnde Menschheitsschändung, wenn aus Lüge, Macht, Gewalt, wenn aus Mord . . . Sieg hervorgeht, der den neuen Krieg in sich tragen muß. Nicht Demütigung für ein Volk sei das Ende und der neue Anfang, sondern Demut aller Völker . . . Demut, die tiefen Glanz, Stille, Menschlichkeit und Lebensfreude in sich schließt.«

Der Bärtige war fassungslos. »Schuft! Und das Vaterland? Unser heiliges Vaterland? Unsere heiligsten Güter? Unser Vaterland!«

Dunkle, unbezähmbare Wut war urplötzlich in der robusten Kriegswitwe entstanden. Da stieg, von ihr entladen, ein vielstimmiger Protestschrei, der erst an seinem Ende in helles Gelächter und in den Hohnruf: »Heiligste Güter!« zersplitterte.

Die Morgenröte einer kommenden Zeit traf das Gesicht des verblüfften Bärtigen; er legte den Browning neben sich auf den Bock.

Der Kellner sagte weich: »Das Vaterland ist eine Gasse, in der wir als Kinder am Abend gespielt haben, ist ein von der Petroleumlampe sanft beleuchtetes Tischrund, ist das Schaufenster des Kolonialwarenhändlers im Nachbarhause; das Vaterland ist im Garten der Nußbaum, auf dessen Früchte wir gewartet haben, ist ein Flußtal, die Biegung eines Flußtales; das Vaterland ist eine altersgraue Holzpforte an der Rückseite des Gartens, ist der Geruch von Äpfeln, die auf dem Ofen brieten, ist Kaffee- und Kuchengeruch im durchwärmten Elternhause, durch Wiesen ein schmaler Pfad, der zur Stadt zurück oder aus der Stadt hinausführt, ist ein Gang auf diesem Pfade, das Verklingen eines Kinderliedes, das Abendläuten an einem bestimmten Tage unserer Kindheit . . . Nicht der Staat -- die Organisation der Lüge, Macht, Gewalt und Autorität -- ist das Vaterland für den Menschen, sondern die Erinnerung an freundliche Minuten der Kinderzeit, die Erinnerung an die von Hoffnung noch verschönten Blicke ins zukünftige Leben.«

In diesem Momente, da er das Gesicht der Menge ansah, erkannte er entsetzlich klar, daß bei der großen Mehrzahl auch diese Erinnerungen vom ununterbrochenen Lebenskampfe, von den Leiden des Krieges, vom Hasse gegen seine Entfeßler aufgefressen worden waren, und fühlte, daß ein Wort der Liebe jetzt noch nicht vordringen konnte bis zu diesen verarmten, haßverkrampften Witwenherzen. Nur bei wenigen war der suchende Kinderblick wieder erwacht und zum Rückblick auf das vergangene Leben geworden.

Und als der Bärtige der Witwen nicht mehr vorhandene Gefühle für das Vaterland erneuern wollte mit dem Worte »national«, stieg aus des Kellners plötzlicher Hoffnungslosigkeit, die Liebe in die Herzen führen zu können, Zorn auf, der zur Menge hinunter den Satz trug: »International ist alles Große: die Kunst, der Gedanke, der Glaube, die Sinne, das Leben, der Tod.«

Und der Zwanzigjährige schrie zurück: »Es gibt National-Banken, National-Speisen, National-Registrierkassen, National-Hymnen.«

Vor Wut verlor der Bärtige die Sprache, konnte das Gegenargument, daß auch die Sprache national sei, nicht finden und griff automatisch zum Browning, um mit dem zu argumentieren.

Der robusten Witwe mit der Petroleumkanne waren der Bärtige und sein Gefährt zu elegant. Noch bevor er den Mund wieder öffnen und den Browning heben konnte, rief sie unwirsch: »Halt's Maul, du!« Und ihr Wort war von einer Armgebärde begleitet, die hundert Fäuste mit in die Höhe riß. Sie stürzte zum Bock, kletterte hinauf.

Sein Wutschrei: »Verräterisches Pöbelpack! Man wird euch einsperren. Alle einsperren!« gab das Signal für alle zum Sturze auf den Bärtigen, so daß der Browningschuß, der dem Kellner gegolten hatte, schräghoch ging und den Kirchturm traf.

Ein Schrei dauerte minutenlang.

»Uns könnt ihr nicht einsperren. Zwei Millionen Kriegswitwen könnt ihr nicht einsperren.«

Der Petroleumstrahl schoß farblos durch die Luft.

Hochgebäumte Pferde. Die Equipage brannte hell und farbig. Wurde von den rasenden Pferden zerstörerisch schnell über den Platz und die Straße hinauf getragen, von der stürmenden Menge verfolgt.

Die robuste Kriegswitwe stand, ringend mit dem Bärtigen, flammenumloht auf dem Bocke.

Eine Anzahl Witwen und Mütter, im Blick noch das große Fragen, blieben zögernd zurück.

Die Agentenwitwe trug im schmerzdurchwirkten, aufgelösten Gesicht den unbegreiflich tiefen Glanz stiller Bereitschaft, als sie zum Kellner trat, der in der Dämmerung erschöpft an der Hausmauer lehnte und auf das in der Ferne verklingende, fanatische Triumphgebrüll der Kriegswitwen lauschte. Er glaubte, den anhaltenden, zündenden Schrei der robusten Witwe herauszuhören.

Teile von Gedanken, für die er vorhin Worte nicht gefunden hatte, kehrten wieder: >Die Gewalt, den Menschen gelehrt und aufgezwungen, untersteht dem furchtbaren Gesetze alles Bösen, muß weiter wirken . . . Wer in dieser Welt der Schmerzen das Leid nicht auf sich nehmen kann, bleibt böse.<

Er blickte zur Agentenwitwe hin, die in ungeheurer Befreiung vor dem neuen Anfang stand, entrückt, wie vor einer Wiege, in der sie selbst lag. Horchte auf das ganz ferne Knallen mehrerer Schüsse. (Das stärker werdende ferne Gebrüll wurde wieder hörbar, schwach, wie das Summen einer Fliege.)

>Revolution steht auf den Stirnen der Menschen; und was auf den Stirnen der Menschen steht, wird Ereignis.<

Von schwarzen Blitzen durchzuckt, brach aus seinem Herzen lautlos donnernd die entscheidende Menschheitsfrage heraus: >Werden Wille und Sehnsucht die Gewalt sprengen, die Finsternis durchstoßen, den Geist befreien und sich von ihm führen lassen in das Land der Seele, wo die tiefste, die radikalste Revolution, die Revolution der Liebe zum Ereignis werden kann? Oder wird auch jetzt die Gewalt weiter bestehen und weiter siegen über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die der Menschheitszukunft in ewigem Flusse immer neu geboren werden vom tiefsten Sinne der Welt: von der Liebe?<

Der Platz, vom Tumulte verlassen, sah verbraucht aus.

Dämmerung, Luft und Sein gebaren auf ihm eine stille Sekunde.

III. Die Mutter

Ihr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.

Wenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten Küche stand. Sah ihn im Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Straße. Immer.

Durch ihren Schlaf schreitet der Sohn durch; er marschiert durch. Wird kleiner, nebelig, verschwindet. Und marschiert trotzdem ununterbrochen durch. Durch jeden Schlaf. Durch jede Nacht und jeden Traum.

Der Sohn sitzt auf einem Stuhle, an der verschwimmenden Peripherie des schweren Angsttraumes, der an ihr Bett den harten Hauswirt stellt: »Jetzt endlich das Geld für die Miete!«

Drohender Hauswirt, alle Qual der Pfennigsorgen, alle Mühe und Not der Täglichkeiten werden gewichtlos, verdunsten; denn der Stuhl mit dem Sohne rückt in den Mittelpunkt des Traumes, ihr auf die Brust.

Sie wischt den Staub von den lackierten Muschelmöbeln; der Sohn steht neben ihr, begleitet sie: vom Schrank zur Kommode, vom Bett zum Tisch.

Sie sieht ihn und sich hinauswandern zur Kaserne. Viele junge Männer, noch in Zivilkleidern. Ärmliche Köfferchen und Pappschachteln. Viele Menschen stehen vor der Kasernenhofmauer: Frauen, Kinder, Bräute, Mütter. Machtlos.

Diese entsetzlich kalte, mitleidlose Eisenkonstruktion der Bahnhofshalle. Stumme und weinende Mütter und Frauen. Trockene Gaumen. Zerrissenes Lächeln der jungen Soldaten. Wie Leichen mit Blumen geschmückt. Wilde, mit Blumen geschmückte Machtlosigkeit.

Der Zug fährt ab. Er fährt. Fährt. Verschwindet.

Einsames, furchtbares Nachhausegehen.

Zwischen der Mutter Hand und den Deckel des Kochtopfes schiebt sich die graue Gestalt des Sohnes. Die Überlegung, ob das Gemüse noch etwas Salz brauche, wird zerschnitten vom Sohne, der in den Schützengraben springt. Immer wieder rasend schnell in den Schützengraben springt, aus dem heraus die Bajonette nach ihm stoßen.

Jeder Gedanke wurde vom Denken an ihren Sohn durchschnitten.

Während der Bäcker das Brot für sie einwickelte, entdeckte sie in einer von weißen Schußwölkchen bösartig still belebten, öden Flachlandschaft, die sie nie gesehen hatte, den Sohn, wie er mit der ihm eigenen Handbewegung sich über das rechte Auge streicht.

Und in dem Moment, da sie sagte: »Frisches Brot wäre mir lieber gewesen«, streckt der Sohn den Kopf zu weit aus dem Schützengraben heraus.

Entsetzt ließ sie das Brot auf den Ladentisch zurückfallen, preßte beide Fäuste an die Wangen und starrte; sieht, wie der feindliche Soldat auf den Kopf des Sohnes zielt.

»Jesus! Kind, wie kannst du mir . . .«

Sohn beugt sich zum Kameraden hinab.

». . . das antun.«

Der feindliche Soldat senkt das Gewehr.

»Morgen gibt es wieder frisches Brot.«

Die Mutter verließ die Bäckerei, den Blick stier auf der Szene: der gegnerische Soldat lugt, das Gewehr wieder schußbereit an der Backe, zum hinabgebeugten Sohn hinüber.

»Wenn er sich jetzt aufrichtet. Mein Gott, wenn er sich aufrichtet . . . Allmächtiger Gott, lasse den Kameraden eine Geschichte erzählen, damit mein Sohn zuhört, sich nicht aufrichtet. Lasse den Kameraden eine Bitte aussprechen, die mein guter Sohn erfüllen wird, so daß er sich nicht aufrichtet.«

Das feindliche Gewehr sinkt.

Da steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur entsetzlichen Wagrechten.

Ein Schrei der Mutter.

Sie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander losfuhren. Gefletschte Zähne. Ineinander verbissene Mäuler.

(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos über die farblose Fläche. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)

Die Mutter stürzte sich zwischen die zwei kämpfenden Hunde, die der Sohn und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit stumpf gewordenen Händen riß sie die Hunde auseinander, die knurrend in entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen in die Gräben zurück.)

Die Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose Stöhnen, das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt: Mutterliebe.

Die Mutter hat während der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu stöhnen. Denn würde ihr und aller Mütter Stöhnen Ton, ganz Europa würde Tag und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem Stöhnen, für das noch keine Sprache Worte gefunden hat.

Über Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das >Leid Machtlosigkeit<. Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich krümmen. Lebendem Wurme am Angelhaken ist kein Ton gegeben.

Und an den Fronten zucken, in geistschänderischem Kreise aufgestellt, die Rohrläufe der Geschütze vor, gleiten zurück, zucken, vor, zurück, werden heiß: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern. Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille Europa. Grab-Blut-Geschützdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann. Denn sie hört den Schuß krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu, sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht beständig eine Kugel fliegen. Auf den Sohn zu.

Das Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei Ewigkeiten.