Der Mensch ist gut

Part 12

Chapter 12355 wordsPublic domain

Um fünf Uhr nachmittags fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, daß auch in den großen Provinzstädten das Leid geplatzt ist und die Menschen zusammengeschweißt hat in Züge von Frauen, die ihre Männer, von Müttern und Vätern, die ihre Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre Väter, von Soldaten, die ihre Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die den Verstand verloren haben.

Das ganze vergewaltigte Volk steht.

Die uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt. An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes grinst. Der nackte Rumpf thront erhöht und blickt die Menschheit an.

Der Anblick der hunderttausend Krüppel reißt die Untertanen hoch ins Menschentum. Leidausströmende Freiheitsschreie ordnen sich zu Liebesgesängen. In den Gesängen der Liebe pulst die Ekstase der Verbrüderung und Freiheit.

Die vom Blitze der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene Militärwache des Gebäudes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom Krüppelheere der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.

Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein durch das Tor. In das Gebäude hinein.

In dieser weißen Sekunde wird es vor dem Gebäude totenstill.

Die Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht über den Platz:

die Menge, die Menschheit steht, steil durchstoßen und im Tiefsten berührt von dem Triumphe, das zukünftige Geschehen in das Zeichen der großen Liebe gestellt zu haben, und blickt empor zum Fenster, an dem, neben einer Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und herunterdeutet.

Der Atem setzt aus.

Der Mensch tritt vom Fenster zurück. Die Gesichter verschwinden. Die Uniform verschwindet.

Verschwindet aus der Welt.

Minuten später telegraphieren die vor den Morse-Apparaten sitzenden Beamten, die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle, Zwangsverordnungen in das gemarterte Volk hineingestoßen haben, die Namen der neuen Männer: den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.

Inhalt:

Der Vater 7 Die Kriegswitwe 23 Die Mutter 72 Das Liebespaar 113 Die Kriegskrüppel 146

Von _Leonhard Frank_ erschienen bei Georg Müller, München:

_Die Räuberbande_ Roman, Zehntes Tausend

_Die Ursache_ Erzählung, Zehntes Tausend