Der Mensch der Zukunft

Part 8

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Teils begünstigt der Intellekt das Bessere und merzt das Schlechtere aus, teils bleibt doch auch hier ein Teil einfacher Zuchtwahl im Spiel, die den körperlich gesünderen, edleren, echteren Typus im allgemeinen weiter kommen läßt, als den geschwächten. Zwar gibt unser kulturelles Wirtschaftsleben hier viele Verschiebungen hinein und scheint oft einer rechten Zuchtwahl des körperlich Besseren gradezu entgegenzuarbeiten. Doch wirken soziale Besserungen dem auch umgekehrt wieder entgegen, über deren Fortschritt mit unserer Kultur doch auch kein Zweifel ist. Einzelne speziell menschliche Zuchtwahlfragen wird der Verstand in der Folge noch ganz besonders hier zu regeln haben, er sieht sie dafür aber auch schon jetzt. So ist unser allgemeines Mitleid, diese herrliche Blüte grade unseres edelsten Menschentums, doch immerfort auch ein leiser Anlaß zu einer Art »negativer Zuchtwahl«, indem sie auch den körperlich Minderwertigen durchs Leben zu helfen sucht. Nun kann man zwar sagen, daß viele sonst körperlich Schwache doch geistig noch vieles, selbst Großes leisten können, -- man denke nur an den kranken Spinoza als riesengroßen Denker, und daß sich hier oft schon ein Ausgleich für das Menschheitskapital im ganzen ergeben wird; auch ist Mitleid selber so hohe Gotteskraft in uns, daß es sich auf alle Fälle durchsetzen muß. Aber eine gewisse Verschiebung der Auslese zum Besseren liegt hier körperlich gewiß vor, die unser Kulturverstand im ganzen noch wird wieder korrigieren müssen. Ich sehe auch da einen Hauptfortschritt im Sozialen, das der gesunden Variante immer mehr freie Bahn schafft, sie immer vollkommener zur Entfaltung kommen läßt; dann können wir schon manches Minderwertige um Gottes Lohn mitschleppen, wenn nur das Tüchtige Luft und Licht in jedem Fall bekommt. Vergessen wir nicht, daß auch im Kriege nach der einen Seite eine gefährliche »negative Auslese« dieser Art liegt, das Opfer grade zahlloser körperlich bester Elemente; auch hier muß uns eine tiefe Mahnung liegen, daß auf jeden Krieg, auch den sieghaftesten, eine Zeit verdoppelter sozialer Hilfsarbeit folgen muß, die dem Volke erst wieder auf sein Gleichgewicht heraufhilft, indem sie _jedem_ tüchtigen Element, wo immer es sich bietet, verdoppelt Licht und Raum schafft.

Im ganzen aber wird man, wenn man auf alle diese Dinge blickt, sagen, daß aus diesem individuellen Körperspiel mit seinen kleinen Plus- und Minusvarianten doch noch nicht eigentlich Änderungen oder gar große Fortschritte bei uns herauszusteigen scheinen, sondern es macht den Eindruck, daß es sich dabei im letzten Ausgleich immer nur um eine gewisse Erhaltung des Bestehenden auf einem ungefähr guten Fuß handelt. Wir müssen an dieser Stelle zufrieden sein, daß sich eine ungefähr gesunde, nicht unedel gebildete, ihre alten Körperfügungen in Rasse und sonst mehr oder minder rein ausdrückende Menschheit im ~status quo~ behaupte.

Ich betone dabei auch das Wort Rasse, denn ich bin, wie gesagt, nicht der Ansicht, daß es in absehbarer Zeit eine Notwendigkeit oder ein Vorteil für die Menschheit wäre, wenn grade die Rassenmerkmale sich gegeneinander ausglichen. Wohl muß es geistige Kulturwerte geben, die über allen Rassen stehen, und muß es eine Erziehung aller Rassen geben, daß sie hier eine gewisse oberste Gesetzgebung der Menschheit anerkennen. Auch der Begriff Nation selbst kann eine solche mehr geistige Kultureinheit sein, unter der verschiedene gesunde Rassen in treuer Gemeinarbeit zusammenhalten. Aber der Unterschied, wo er einmal gegeben ist, braucht sich deswegen nicht zu verwischen.

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Viel geheimnisvoller als dieses einfache Pendeln um den körperlichen Gesundheitspunkt und Normalpunkt erscheint an unserm gleichen menschlichen Körper aber schon ein tieferes Variieren, das offensichtlich um unsere Organisation herumpendelt, wie sie unsere Vorfahren von der Wende des niederen Tiers zum Menschen uns hinterlassen haben.

Jeder von uns hat vom »Weisheitszahn« gehört, dem letzten unserer drei menschlichen echten Backzähne, der erst spät kommt, individuell aber auch sonst noch ein buntes Spiel treibt, bald gar nicht gebildet wird, bald nicht durchbricht oder verkrüppelt bleibt. An und für sich möchte das ein ziemlich gleichgültiges Variieren sein, da wir bei unserer Kulturnahrung und etwas Zahnpflege auch mit einem Zahn weniger in jeder Kieferseite auskommen und sogar der unruhige Geselle sich häufig selber als ein Ausgangspunkt von Zahnverderbnis herausstellt. Aber bei näherem Zusehen ergeben sich hier doch Überlegungen besonderer Art. Das häufige Fehlen oder Verfallen des Zahns nimmt zu bei den höchsten Kulturrassen, dagegen ab bei Negern und Mongolen, und bei den urtümlichen Australnegern setzt es ganz aus. Die altweltlichen Affen haben stets noch richtige drei Backzähne, während älteste Säugetiere sogar noch vier besaßen; ab und zu kommt sogar beim Menschen selber noch ein Rückschlag auf diese Viererzahl vor, und bei Menschenaffen ist er noch häufig. Hier hat man den Eindruck, daß sich im Menschen _noch unter unsern Augen etwas vollzieht_. Die zunehmenden negativen Varianten des Weisheitszahns mit aufsteigender Kultur scheinen anzudeuten, daß hier nach innerem Gesetz die Zahl der Backzähne bei uns noch weiter im Abnehmen begriffen ist und wir über kurz oder lang überhaupt nur noch zwei Backzähne von Natur besitzen werden. Wir entfernen uns an der Stelle fortgesetzt noch vom Affen. Und wir sehen auch einen Sinn der Sache. Was uns vom niederen Säugetier, aber auch vom Affen immer entschiedener in unserm Skelettbau getrennt hat, ist unsere gewaltige, dem Menschengehirn Platz schaffende Schädelwölbung. Je mehr sich dieser Oberschädel aber auswuchs, desto mehr verkürzten sich die Kiefern. Das ursprünglich ausgedehntere und lückenhaftere Gebiß wurde geschlossener zusammengedrängt. Für unsere Sprache war diese Geschlossenheit zweifellos von großem Wert. Aber auf die Dauer ergab sich dabei noch eine kleine Dissonanz. Wir hatten eigentlich zu viel Zähne für eine solche Kieferform. Nun wäre es in wachsendem Maße aber auch mit einem oder dem andern weniger gegangen. Die diluvialen Menschen hatten für ihre offenbar sehr rohe Kauarbeit noch überhaupt viel derbere Kiefern und Gebisse wie wir nötig. Jetzt haben wir allgemein schon feineres Werkzeug hier am Leibe. Und da mag auch noch ein Zahn weniger mit hingehen. Nun das Seltsame: wir ertappen unsere eigene still waltende Innennatur dabei, wie sie da einen Zahn wirklich durch zunehmendes Variieren nach der Seite des Nichtmehrkommens allmählich eingehen läßt. Als setze sich hier eine noch immer bessere »Balance« der Dinge durch, eine Anpassung des Zahnbaus noch enger an den menschlichen Gehirnschädel, also eine kleine feine Mehr-Vermenschlichung. Es geht nicht auf einmal, es spinnt sich langsam so hin, aber doch unverkennbar zielgerecht. Immer mehr Varianten laufen in gleicher Richtung. Eines Tages wird die Sache gemacht sein bis auf seltene Rückschläge, die den dritten Zahn nur noch einmal sozusagen als altes Gespenst vorbringen, so wie jetzt ganz selten noch einmal der uralte, längst verflossene vierte auftaucht. Der Zahn ist also ein Weisheitszahn nicht, weil er noch kommt, sondern weil er so verspätet und oft gar nicht mehr kommt; er lehrt, daß der Kopf des Menschen auch im Knochenbau immer »weiser« geworden ist oder auch, daß »Weisheit« der Natur dabei ist, diesen Menschenkopf hier noch immer harmonischer zu regeln. Wie die Sache innerlich läuft, ist ja gewiß in manchem auch hier wieder recht rätselhaft. Die Varianten kommen offenbar nicht regellos, sondern schon bestimmt in abnehmender Wirkung gerichtet, als lenke sie bereits eine geheime innere Zuchtwahl. Vielleicht ist es der Kampf der innersten Gerüstteile im Schädel selbst, die sich harmonischer zueinander setzen. Andere mögen an Auslesevorgänge schon in unsern Keimzellen denken, die doch jedesmal unsern Einzelmenschen mit seiner Einzelvariante wieder schaffen. Und was der Theorien mehr sind! Äußere Zuchtwahl ist es jedenfalls nicht, denn unser Lebensglück oder Lebensunglück hat doch wohl nie am Weisheitszahn gehangen oder hängt daran. Irgendwie aber zieht im Körper bei uns eine leise Strömung hier fort, und zwar nicht diesmal bloß einfach auf dem ungefähr Guten erhaltend, sondern im Feinsten doch wirklich auch fördernd, gleichsam die Dinge innerlich noch besser ausbalancierend, indem ein entbehrlich Gewordenes hinauskorrigiert wird. Und Spuren solcher feinen Geheimarbeit kann man nun tatsächlich auch außerdem noch in Menge in unserm Körper gewahren, -- Spuren, um das Wort auch allgemein zu gebrauchen, noch immer fortschreitender innerer »Vermenschlichung«. Deutlich sieht man hier, daß der Mensch wirklich noch jung ist, und daß, man möchte vermuten, ein großer Ruck, den er erfahren, im engeren an seinem Körper immer noch sachte weiter zurechtrückt. Bei unsern Zähnen selbst sieht es fast schon nach noch weiterer Ausmerzung aus, wie denn beispielsweise auch unser zweiter Schneidezahn im Oberkiefer der Europäer schon öfter schwankt und ausbleibt. Im übrigen aber hat wohl jeder schon von sogenannten »rudimentären Organen« bei uns gehört, Organen, die bei unsern tierischen Ahnen ausgeprägt zweckmäßig ausgebildet waren, für die der Forscher aber vergebens noch nach einem weiteren Zweck im Naturhaushalt auch unseres Körpers sucht. Als das Beispiel, das wohl am weitesten bekannt geworden ist, gilt unser Blinddarm mit seinem berühmten Wurmfortsatz. Sicher ist, daß bei rein pflanzenfressenden Tieren, z.B. bei Beuteltieren, die wohl gewiß zu unsern Ahnen gehören, der ganze Blinddarm noch eine gewaltige Rolle gespielt hat und oft riesengroß war; noch bei Halbaffen ist er üppig, bei den Affen geht er aber herunter; Menschenaffe und Mensch zeigen die bewußte Wurmfortsatzbildung. Die Sache sieht in diesem Sinne auch nach Verkümmerung aus, und der Fortsatz variiert auch bei uns auffällig stark hin und her, obwohl leider nicht rein negativ. Denn das Beispiel ist grade hier doch wohl verwickelter. Die vielen Krankheitsfälle scheinen anzudeuten, daß sich hier ganz grob etwas mit unserer Kulturnahrung gegenwärtig nicht zu vertragen scheint. Wie die Dinge liegen, wäre auch eine grobe äußere Auslese auf Leben und Tod hier auf die Dauer beinahe nötig, die das Ding ausmerzte, wenn nicht unser Intellekt schon unmittelbar und ohne Zuchtwahl abzuwarten gleichzeitig operativ eingriffe. Es fragt sich aber, ob grade das ein ganz reiner Fall ist und ob nicht etwa ein neuer Bakterienangriff, der ganz wo anders hingehört, mit im Spiel ist. Jedenfalls haben wir aber eine Menge unscheinbarer, aber dafür deutlicherer anderer Beispiele im Menschenleibe, wo ein Organ langsam vergeht im Moment und die innere reinliche Sichtung offenbar allein stark genug ist, es zu beseitigen, während umgekehrt an andern Stellen die Dinge ebenso »progressiv« steigen.

Der ausgezeichnete Anatom Wiedersheim in Freiburg hat im ganzen über hundert solcher Stellen bei uns aufgezählt, wo zurzeit die stille Ausmerzarbeit mehr oder minder waltet, also Organe »regressiven Charakters« vorliegen. Um ein paar noch zu nennen, die uns gleich dem Weisheitszahn offenbar nichts weiter tun, aber doch geheimen Gleichgewichtsbesserungen langsam zum Opfer zu fallen scheinen oder schon halb und halb gefallen sind, nenne ich: den menschlichen Zwischenkiefer, mit dem sich Goethe schon beschäftigte, ob er noch bei uns am Schädel zu erkennen sei oder nicht; die inneren (manchmal sogar noch äußerlich als verspätete Variante auftretenden) Reste des Schwanzes beim Menschen; unsere unteren Rippen, von denen die dreizehnte schon fast verschwunden ist, die elfte und zwölfte schwanken; die männlichen Milchbrustanlagen und bei der Frau die abnorm nur noch ab und zu hineinvariierenden überzähligen Milchdrüsen tierischer Ahnenstufen; die äußeren Ohrmuscheln, die immer mehr ihren Zweck als Schallfänger schon verloren haben, sich platter dem Kopf anlegen, längst das Spitzohr nur noch stark variierend eben andeuten usw. Was der Mensch alles noch an Resten schleppt, zeigt z. B. die Zirbeldrüse im Gehirn, die noch ein Stück des uralten doppelten Scheitelauges (Parietalauges) der Reptilien ist. Doch muß man bei der Aburteilung auch hier oft vorsichtig sein, da manche dieser Altorgane von der geheimen Umarbeit im Körper nicht einfach auf den Aussterbetat gesetzt, sondern für andere Gebrauchszwecke noch nachträglich wieder umgestellt worden sind; das hat z. B. die Schilddrüse bewiesen, die man für so ein zweckloses Rudiment hielt; als aber unser Intellekt nachhelfen und sie gewaltsam entfernen wollte in Fällen, wo sie erkrankt schien, zeigten sie so gräßliche Nebenwirkungen (Degeneration des Gehirns der Operierten), daß man klärlich sah, hier hatte die Innenarbeit anders eingestellt und ließ sich nicht dreinpfuschen.

Ist aber das Ausmerzen, wo es wirklich von innen her erfolgt, allemale schon eine gewisse Besserung, so müssen doch daneben für jede Zukunftsbetrachtung noch interessanter die wirklichen Körperecken wirken, wo es im positiven Sinne noch ersichtlich vorwärts zu gehen scheint. Von wesentlichsten Sphären unseres lieben Körper-Ich seien auch hier genannt: die feinere Differenzierung und Ausgestaltung unserer Daumenmuskeln; die allgemeine wachsende Leistungsfähigkeit unserer Hand; noch mehr Raumgewinnung für das Gehirn bei der seitlichen Schädelwand; Festigung des Gehfußes; Besserung des Beckens beim weiblichen Geschlecht mit Rücksicht auf den riesigen Kopf schon des kleinen Menschenkindes; feinere Ausgestaltung der Gesichtsmuskeln bei Auge und Mund in Verbindung mit vergeistigtem Mienenspiel und Sprache, im Gegensatz zu den wachsend verkümmernden Muskeln der Ohrbewegung, -- mit den Ohren lernen wir immer weniger »sprechen«, mit den Augen immer mehr; endlich Vervollkommnung der äußeren Nase, die (nach Hans Friedenthals lichtvoller Deutung) bei Klettertieren in staubfreier, feuchter Waldluft als Staubfilter überflüssig war, beim aufrecht gehenden Menschen aber als Anpassung an rasche Laufbewegung und Aufenthalt in staubiger Luft wieder sehr wichtig wurde und von der Innennatur bei uns noch heute in zahlreichen Versuchen offenbar weiter »ausbalanciert« wird. Friedenthal ist der Ansicht, daß die vollkommenste Nasenform für diesen Zweck (mit Nasenlöcherstellung, durch die der Luftstrom nach oben geht) in der Richtung des griechischen Statuenideals liege, -- ein Hinweis, der sehr lehrreich noch für sich ist. Er deutet darauf hin, daß der _Künstlerblick_ von je es intuitiv verstanden hat, etwas schon vom »Menschen der Zukunft« zu sehen auch im Sinne praktisch verbesserter Harmonie der Körperteile. Wenn das griechische Schönheitsideal den nackten Menschen mit nicht mehr vergrößertem, aber in sich noch weiter durchgebildetem Kopf und mit etwas verlängerten Beinen, wenn es ihn auch im männlichen Körper zwar voll nervöser Kraft, aber nicht mehr als Muskelberg mit ungeheurem grobem Energieballast, sondern eher sogar mit einem leise vermittelnden Zug zu den herbschönen Formen auch des jungen Weibes gebildet hat, so folgt man gern diesem Hellblick, der in seiner Weise vielleicht schon etwas von den wirklichen Naturwegen zukünftiger Vervollkommnung geahnt hat. Und man glaubt den gleichen Zug der Dinge, der mit stiller, uns unbewußter Naturarbeit die Muskeln um unser Auge in ihrem Spiel noch immer verfeinert, wiederzufinden in der Kunstverklärung der Augen, die uns aus Raffaels Madonna und ihrem Christuskinde mit solcher heute noch fast übermenschlichen Herrlichkeit anschauen. Wenn uns (im Traum wieder) spätere bewußte Eingriffe des Menschen auftauchen, mit denen er noch selbständig nachschaffend das Naturwerk auch am lebendigen Menschenkörper hier weitertreiben, diesen Körper noch von manchem mangelhafteren Abstammungserbe bewußt befreien und gleichsam zu immer höherer Idealmenschlichkeit hinaufbringen könnte, so werden wir daran denken müssen, daß bei all diesen Versuchen nicht nur der Arzt, sondern auch der Künstler eine entscheidende Stimme wird haben müssen.

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Einstweilen bleibt es aber auch bei diesen unmittelbaren Naturwegen offenbar dabei, daß sie zwar in bestimmter Richtung gehen, wesentlich aber auch noch nicht _ganz_ Neues suchen, sondern nur das Gegebene noch immer besser (um das Wort noch einmal anzuwenden, das hier als ein technisches so wirklich gut paßt) ausbalancieren. Hier aber muß nun wieder von neuem Interesse werden, wie es mit dem Variieren unseres Gehirns und damit recht eigentlich erst unserer entschiedensten Geistesgrundlagen selber sei. Zweifellos ja variiert auch dieses Gehirn mit all seiner Freiheit, seiner Kultur im einzelnen. Nicht bloß die Linien der Hand oder das Auftauchen oder Nichtauftauchen des Weisheitszahns trennen jeden von uns individuell vom andern, sondern auch die angeborene Geistesvariante. Unzählig sind gleich auf den ersten Blick die verschiedenartigen gegebenen Mischungen unseres Temperaments. Am Glück und Leid unseres persönlichen Lebens haben sie schon reichlich ihr Teil. Immerhin würden sie sich im Menschheitsbilde doch wohl immer ergänzend ausgleichen, wenn man von oben auf den ganzen Maskenzug menschlicher Leidenschaften sehen dürfte. Eine etwas stärkere Frage könnten schon die einfachen Plus- und Minusvarianten des Verstandes sein, -- nach klügeren oder dümmeren Menschen. Wir wissen ja, daß die Dummen nicht alle werden, hoffen es aber im stillen doch auch von den Guten. In dieser Allgemeinheit gibt aber auch diese Fragestellung schwerlich schon ein greifbares Ergebnis. Viel wichtiger scheint mir dagegen das Auftauchen ganz bestimmter erkennbarer Plus-Varianten bei uns in ganz bestimmte einzelne Kulturwerte hinein. Hier ist hochbedeutsam, daß überhaupt Plus-Varianten, also genau passende Treffer, in solche engeren Furchen unseres obersten Menschentums sich immer wieder einsäen. Tatsächlich gibt es von den oben gestreiften großen Menschenerrungenschaften keine, in die wir nicht solche Treffer mit Regelmäßigkeit fallen sähen. Ich meine jetzt, was man gewöhnlich Gaben oder »Talente« nennt. Man muß das Wort Talent nur weit fassen. Da gibt es z. B. beständig bei uns schon so und so viel angeborene verstärkte Plus-Varianten, die auf das Mitleid entfallen. Wer kennte sie nicht unter uns aus, die von Jugend an mit dem impulsiv gutmütigen Gemüt schon Gezeichneten, die ewig Hilfsbereiten, ewig für Mitleid Wachen, denen, wo ein anderer zögert, das Herz einsetzt mit einer unhemmbaren Naturgewalt. Ich sagte, Mitleid wahre stets auch bei uns noch einen leise triebhaften Zug. Das wichtige aber ist auch hier, daß es angeboren grade auch schon auftaucht in der spezifisch menschlichen Oberform des Allgemeinmitleids, der Menschenhilfe, Menschenliebe schlechtweg. Eine prachtvoll fördernde Kulturvariante! Dann noch in anderm Sinn ethische Plus-Varianten: ethische Charakter-Varianten in der Form angeborenen Talents für entschiedenen Rechtssinn. Wer Kinder beobachtet, weiß, wieviel auch da schon vor aller Erziehung liegt. Nicht, daß instinktiv hier schon mit auf die Welt gebracht würde, was das rechte _ist_, -- also bestimmte Moralsätze, die nur blind befolgt zu werden brauchten. Das fiele ja zurück in starre tierische Instinktzüchtung, die stets das Gegenteil allen Menschenfortschritts bleiben muß. Sondern ich meine, daß innerhalb der Freiheitssphäre der feine Sinn für Recht und Unrecht in der Wahl bei dem ethischen Talent angeboren verstärkt sei. Die erlernte ethische Formel kann wechseln: das Instrument ihrer Anwendung in jedem Falle aber ist bei hier Gezeichneten verfeinert. Auch hier reicht die Variante offenbar nach der einen Seite schon in das echteste obere Menschenwesen der freien Erkenntnis und Wahl von Gut und Böse hinein, auf der andern aber ist das Feingefühl der Wahl auch schon nicht bloß auf das grob Nützliche des Augenblicks gestellt, sondern auf die Bevorzugung von höherem, Idealerem, eben Ethischem, das über den einzelnen steigt, ohne daß es doch deshalb wieder grober Herdentrieb würde. Wer fühlte nicht, daß der Volksgeist, der im Augenblick Tausende und Tausende bei uns mit stolzer Bewußtheit in furchtbarste Gefahr, ja in Qual und Tod ziehen läßt, im innersten Mark getragen wird von der Zahl dieser ethischen Plus-Varianten bei uns und nicht vom Herdeninstinkt.

Des weiteren kommen die eigentlichen »Talente« im strengeren Sinne, die reinen Intellektbegabungen für bestimmte Arbeitsgebiete unseres Kulturverstandes. Es sind die ausgesprochenen Begabungen für Einzelfächer, die besonders auf unsern höheren Schulen jedem einsichtigen Erzieher, der sich des individuellen Guten freut, wo es sich gibt, und nicht bloß Normales herauspauken will, so deutlich werden und oft so erstaunlich die Arbeit erleichtern. »Talent für Mathematik« gehört dahin als allbekannte Erscheinung. Es gibt aber auch solche entgegenkommenden Plus-Varianten, die sich beim deutschen Aufsatz, bei Sprachen usw. bewähren. Bei Musikstunden kommt (nicht aus der reinen Verstandessphäre) musikalisches Ohr und Taktgefühl so entgegen. Auch hier ist es beileibe nicht so, daß Tatsachenmaterial schon angeboren überliefert würde. Der Lehrsatz des Pythagoras wird nicht schon mit auf die Welt gebracht oder fertige Feuilletons. Das wäre ja wieder Rückfall in böseste Instinktform. Bei jedem besseren Zusehen wird ersichtlich, daß es sich auch hier stets um Intellektvarianten als solche handelt, von denen diese allerdings mehr so, jene mehr so methodisch entgegenkommt. Der Intellekt variiert sozusagen als Feinmechanik seines Instruments bald mehr für die mathematische Art der Verknüpfung, bald mehr für bildliche Assoziation, bald mehr für Beherrschen gedanklich nicht verbundener Reihen. Kein Zweifel: in all diesen Dingen, die jeder sich leicht selbst weiter durchdenken kann, haben wir nicht regellose Varianten aus einem indifferenten Dunkelgrunde auch über uns fort, -- sondern wir haben sozusagen unsere Kultur selber schon auch unten, die Treffer wirft. Wie man sich die Entstehung dieser Richtungs-Varianten denken will? Nun, da mag wieder jeder seine biologischen Theorien anlegen. Nahe genug liegt wahrlich, daß eben doch fortgesetzte äußere Übung auch schon das innere Instrument bessert, und wer will sich verhehlen, daß diese Auslegung pädagogisch erfreulicher ist, da sie uns den inneren Gewinn nicht als Zufallstreffer, sondern als Erfolg grade unserer rastlosen oberen Edelarbeit erkennen läßt. Gewiß aber ist auf jeden Fall: auch diese Varianten haben alle einen Zug zur Erblichkeit. Ferner sind sie durchweg im letzten Erfolg äußerst nützlich, werden in jeder Weise in unserer Kultur begünstigt, haben also eine Tendenz, sich zu erhalten, zu vermehren, wenn sie einmal da sind. Auf die Dauer muß auch durch sie das allgemeine Kulturniveau in seinem besten Geistesinhalt unbedingt gesteigert werden. Durch wachsende Ausbreitung dieser »Talente« zeigt sich eine schöne Zukunftsmöglichkeit, daß allmählich die Mehrzahl der Menschen oder alle verstärkt würden in ihrer impulsiven Gemütskraft, in ihrem veredelten Rechtsbewußtsein, in der Feinarbeit ihres Intellekts für gewisse einzelne Tagesaufgaben der wissenschaftlichen Kultur, in ihrem musikalischen Gehör und so fort. Auch alle diese Anlagen geben nichts schlechtweg Neues, sie spiegeln ja nur schon unsere Arbeit selbst. Aber sie verbreitern die Basis des Kulturellen unablässig, heben die Masse, erleichtern, vereinfachen die Handhabung des wachsenden Kulturstoffs, setzen auch geistig das Vorhandene dort für uns in eine immer glattere Balance, -- so die beste Bahn für ein _wirklich Neues_ ebnend.