Part 6
Einmal praktisch angefochten, hat die Lehre vom Artentod aber auch theoretisch gar keine sichtbare Grundlage. Der Vergleich mit dem persönlichen Tode ist ganz schief. Wenn wir den natürlichen Tod des Einzelwesens, ohne alle tieferen Rätselfragen anzuschneiden, bloß hier auf seinen rein zoologischen Sachverhalt hinaus ansehen, so ist er bekanntlich erst eine nachträgliche Sache der Arbeitsteilung. Nach dem ursprünglichen Prinzip gibt es auch da keinen Tod. Das Einzelwesen ist ursprünglich und in gewissem Sinne auch heute noch immer unsterblich. Die Wesen, die nur aus einer Zelle bestehen, können zwar gewaltsam vernichtet werden, aus innern Gründen aber kennen sie keinen Tod: im Fortpflanzungsakt zerfallen sie in zwei oder mehr Neuwesen, die gleichmäßig fortleben, und in dieser Weise dauern sie ohne natürliche Leiche seit Urtagen. Man hat das gelegentlich bestritten, die feinsten Züchtungsversuche haben es aber in letzter Zeit immer nur wieder bestätigen können. Und erst bei den höheren Wesen, die verwickelte »Zellstaaten« bilden, ist hierin ein Wechsel insofern eingetreten, als ein Teil der Staatsbürger nur noch diese alte Unsterblichkeitsgabe wahrt, nämlich die Fortpflanzungszellen (Eizellen, Samenzellen), während der Rest in staatlicher Arbeitsteilung diese Keimzellen weiteren Lebens zeitweise reifen läßt, schützt, nährt, weitergibt, dann aber nach getaner Arbeit selber von seiner Leistung erschöpft und zerzaust hinstirbt. Man sieht auf den ersten Blick, daß das nicht auf die Art im ganzen angewendet werden kann. Die Einzelwesen einer Art leben nicht in solchem Staat mit Arbeitsteilung, und die ganze Regelung der Dinge hätte hier keinen Sinn. Die Umwandlung einer Art ist nicht gleichzusetzen mit Fortpflanzung. Die Art kann im Ganzen übergehen in eine neue, sie kann aber, wenn kein Anlaß dazu ist, auch ebensogut stehen bleiben, -- sie kann am einen Ort lebend weitergehen, am andern lebend verharren (wie viel Vorstufen anderswo verwandelter Tierarten haben wir nicht noch gleichzeitig auf der Erde vor Augen!), ohne daß das eine das andere ausschließen müßte oder könnte. Und so fort. Und so wird man nicht darum kommen, überall da, wo wir in der Vorwelt auf wirklich ausgestorbene Lebensformen treffen, statt eines inneren Altersgesetzes Ursachen von Fall zu Fall in der äußeren Lage zu suchen.
Der einfachste Fall ist natürlich der, daß eine Art einfach deswegen verschwunden ist, weil sie sich in eine andere hineinentwickelt hatte; das werden wir auch beim Menschen im Sinne des früher Gesagten später sogar einmal erwarten und jedenfalls nicht fürchten. Was aber alle gefährlicheren, wirklich abschneidenden Ursachen betrifft, wie eine Art in solchen Fällen beseitigt sein könnte, so wird man sogleich den Eindruck bekommen, daß keine einzige auch nur mit einiger Sicherheit noch auf die Zukunft des Menschen angewendet werden könnte. Die Überlegenheit dieses Menschen tritt hier eben schon in überwältigender Deutlichkeit hervor. Jene Riesenalke, Dronten, Borkentiere (also ein flugunfähiger Schwimmvogel der nordischen Küsten, eine ebensolche Riesentaube von Mauritius und eine Seekuh des Meeres bei Kamtschatka) sind vom Menschen als dem überlegenen Wesen gewaltsam vertilgt, zum Teil buchstäblich aufgegessen worden bis auf den letzten Kopf, und solche Vernichtungen einer Art durch eine überlegene im »Kampf ums Dasein« hat zweifellos von jeher einen Hauptteil des »Aussterbens« bedingt. Man wird aber doch nicht leicht glauben wollen, daß irgendeine Tier- oder Pflanzenart der Erde (und rückten sie selbst alle zugleich vor) den Kulturmenschen noch einmal zur Strecke bringen könnten. Der Bischof Hatto, den die Mäuse fressen, oder die Abderiten, die griechischen Schildbürger, die flüchten müssen, weil die Frösche ihnen auf den Kopf steigen, sind Scherzbilder. Die großen Diluvialtiere haben schon den Höhlenmenschen, der keine Metallwaffen kannte, nicht mehr untergekriegt, Tiger und Schlangen den nackten Wilden nicht, und wenn heute etwas zusammenbricht, so ist es die Tierwelt am Menschen, aber nicht umgekehrt. Vielleicht ist nur ein einziger ernst zu nehmender Feind noch in Protozoen und Bakterien, die uns mit Malaria, Pest und ähnlichen guten Sachen beglücken. Vor ein- oder zweihundert Jahren hätte man noch denken mögen, unser Geschlecht könnte einmal an Pest oder Cholera aussterben, obwohl es schon damals eine Übertreibung war, denn auch die schlimmsten Seuchen von früher haben sich stets nach einer gewissen Wirkung sozusagen von selbst ausgelöscht; heute aber ist unsere Medizin bereits bei so zielbewußtem Gegenangriff auch hier, daß über den Ausgang keinem Einsichtigen mehr eine Frage bestehen kann. Eine andere sehr allgemeine Ursache des Aussterbens war sicherlich zu weitgehende Einzelspezialisierung. Das trifft schon vielfach auf den ersten Fall mit zu. Die Dronte, die sich zu einseitig (z. B. durch Flügelverlust) an die Verhältnisse ihrer bequemen Insel angepaßt hatte, ging unter, als von fern übers Meer ein großes Raubtier (die holländischen Matrosen, die sie massenhaft abschlachteten) kam. Ein Geschöpf, das sich ganz eng mit seinen Organen bloß auf _eine_ Ernährungsart, _eine_ Lebensweise eingestellt hat, muß aber immer besonders leicht bedroht sein, sowie sich im geringsten im Naturhaushalt etwas ändert, auch wenn es sich nicht um einen eigentlichen Feind handelt. Einigermaßen hat die ganze Tierwelt mit ihrer erwähnten einseitigen Organzerspaltung sich hier in die Sackgasse gebracht. Fast alle sind sie Spezialisten, unsere Tierarten, und alle bedroht der rasche Wechsel. Der Mensch aber ist ja mit seiner Technik grade das Universalgenie, das _alles zugleich_ kann, er ist in jedem Sattel gerecht und wird als Gesamtart unmöglich je am Spezialismus zugrunde gehen im Sinne einseitiger Wasser- oder Luft- oder Wärmetiere, einseitiger Grab- oder Lauf- oder Klettergeschöpfe. Ein Fall, über den man auch bei ihm vielleicht noch nachdenken könnte, betrifft das Schmarotzertum. Es ist von je offensichtlich eine besonders gefährliche Form des äußersten Spezialistentums gewesen. Ein Tier gewöhnte sich, ein anderes lebenslang auszunutzen, zu bewohnen, und es war dann in der Regel mit verloren, wenn sein Gastgeber aus irgend einem der andern Gründe ausstarb. So lebt z. B. ein Käfer (~Platypsyllus castoris~) nach Flohart nur im Pelz des Bibers; heute stirbt der Biber infolge menschlicher Verfolgung aus, und der ungebetene Gast muß mit. Nun, der Mensch ist in einem Punkt auch noch Schmarotzer. Gleich allen andern Tieren schmarotzt er an der Pflanze. Ohne sie könnte er trotz aller seiner Kultur noch heute nicht leben, und Untergang aller Pflanzen wäre auch seiner. Eine gewisse Hoffnung besteht ja, daß uns auch davon einmal die Chemie befreien könnte, die uns die Pflanzenarbeit künstlich ersetzte. Inzwischen ist aber auch so schon an dieser Stelle von einer Gefahr keine Rede. Grade die Pflanze ist stärker als irgend etwas in unserer Hand. Wir haben sie längst »kultiviert«, in eine Art Ertragsmaschine für unsern Zweck verwandelt. Wir bestimmen das Pflanzenbild der Kulturländer, wir füttern die Pflanze durch Bodendüngung, wir veredeln ihre Rassen, wir kämpfen gegen ihre Krankheiten, machen sie immun, verteidigen sie gegen das Klima. Wir sorgen nicht mehr, daß sie uns aussterben könnte: wir schaffen längst, daß sie nicht aussterben kann. Und dabei sind wir sogar noch immer bisher nur in den Anfängen gewesen. Man muß eine unserer biologischen Versuchsanstalten von heute besuchen, um zu ahnen, was der Mensch bewußt zum Ziel für sich noch alles aus dieser geduldigen Naturecke herauszüchten wird; die Hauptlast unserer ganzen »sozialen Frage« wird er uns hier noch einmal hinwegzüchten, anstatt daß hier eine Hungersgefahr für ihn läge.
Und so läuft, wo man an diese »Gefahren« herangeht, immer wieder alles zum Triumph des Menschen aus. Gelegentlich scheint es (wir erwähnten schon ein Beispiel), daß Tierarten bedroht worden sind, weil jenes auf rhythmisch-ornamentale Gebilde (»Kunstformen« der Körperbildung) ausgehende Prinzip in Kampfpausen zu sehr das Nutzprinzip überwog, den Tieren allerlei Schmuck anhängte von sich aus, der nachher, bei wieder stärkerem Kampf, störte und unterliegen ließ gegen bessere Schutz- und Trutzausnutzung bei andern. Ins Menschliche gebracht, wäre das, wie wenn ein Volk über lauter Kunst und Schönheit seine Wehrkraft vernachlässigte. Im rechten Volk muß eben beides in richtiger Harmonie sein, denn wenn die Wehr nicht ist, geht im gegebenen Fall alles zugrunde und damit auch die Kunst. Und in der letzten Entscheidung, wenn alles daran zu setzen ist, muß sogar die Kunst immer zurücktreten gegen die Daseinsbehauptung; wenn es um die heilige Not eines Volkes geht, kann keine Kathedrale mehr darüber gehen. Auch an diesem Dilemma wird aber der gesunde Sinn der Menschheit nicht sterben, es ist nur eine Frage der dauernden richtigen Arbeitsteilung in unserm Kulturleben.
Erwähnenswert könnte noch die Frage der Inzucht sein. Man meint, daß lebende Wesen degenerieren und absterben, wenn sie zu gleichartig werden, immer untereinander im Engsten kreuzen ohne Blutauffrischung So gehen abgeschlossene Tierherden in zoologischen Gärten oder die gehegten Tierreste unserer Elche und Wisente in ihren Asylen, vielleicht auch Inseltiere, anscheinend allmählich herunter. Und so hat man gesagt: wenn der Mensch einmal die ganze Erde als sozusagen uniformer Kulturmensch bewohnt, wird er an Gedanken-Inzucht zugrunde gehen und schließlich auch an körperlicher, es wird kein juveniler, auffrischender Einfluß mehr für ihn übrig sein auf seiner Erdeninsel. Ich gestehe, daß mir zunächst die reinen Tatsachen der körperlichen Inzucht und ihrer Folgen immer unklarer geworden sind. Man muß da erst noch neuere biologische Experimente in ihren endgültigen Ergebnissen abwarten. Vielleicht handelt es sich nur um Störungen, die gegebenenfalls leicht auszumerzen wären, wenn unsere Biologie erst einmal die Gesetze mehr beherrscht.
Andererseits hat aber jede Anwendung auf die Menschheitszukunft überhaupt gute Weile. Anstatt zu nivellieren, führt alles, was wir bis jetzt am Kulturmenschen sehen, zu immer stärkerer Ausbildung der einzelnen Persönlichkeit. Je tüchtiger ein Volk ist, desto entschiedener ist unbeschadet allem Volks- und Kulturbewußtsein die Ausbildung der einzelnen Individualitäten. Der Kosmopolitismus kann daran nichts ändern, im Gegenteil bringt er immer neue Wurzeln von Gegensätzen hinzu. Das verschiedene physische »Milieu« der Erde in Zone, Höhe, Erdteil usw. wird keine Kultur an sich je verwischen. Von ihm aber sind schon in der Bildung der Pflanzen und Tiere von je Gegensätze immer wieder geschaffen worden, nicht bloß grob verschiedene Anpassungen, sondern schon landstrich-, stromtal-, gebirgsweise weit darüber hinaus unendlich feine verwickelte Milieu-Abhängigkeiten, deren noch sehr geheimnisvollen Gesetzen von den Biologen heute besonders eifrig nachgeforscht wird. Diesen gleichen Einfluß hat aber auch der Mensch erfahren, er steckt bei uns eben in Rassen, Nationen, Sonderarten der einzelnen Volksteile und so fort, die Zukunft wirds aber mit noch mehr Ausbreitung über die Erde nur immer neu erfahren. Eine Nivellierung von Volks- und Landesgegensätzen in diesem Sinne wäre weder wünschenswert, noch ist sie bei jener »Milieustärke« und ihren geheimen Imponderabilien irgendwie denkbar als Möglichkeit. Die Kultur kann so einheitlich im Ideellen werden wie möglich, so wird sie doch immer die Gegensätze der Erde spiegeln, und wo verschiedene Menschen, da keine Inzucht. Was aber die »Ideen-Inzucht« selber anlangt, so glaube ich an sie erst recht nicht. Wohl wird sich vieles vereinfachen bei uns, was geistig jetzt als zu viel an Neuem auf uns eindringt, vieles in Formeln, Gesetzen Allgemeingut werden, was jetzt Spezialwissen häuft. Das ist sogar gut und nötig, da unser Kopf sonst die Masse nicht aushielte. Man denkt mit einigem Grausen an die Größe unserer Bibliotheken, Museen usw. Ein Segen, wenn da in Zukunft vieles wieder sehr vereinheitlicht und handlich wird, anstatt daß zuletzt unsere Bücher wie eine geologische Schicht über unserer Erde zusammenschlagen.
Andererseits aber glaube ich nicht, daß das Neue, Anregende, Umschaffende, »Juvenile«, das von außen zukommt, je wieder bei uns an sich abreißen könnte. Man erinnere sich an die zwei Menschenwege: Wiederaufrollen der Vergangenheit und Blick in den Kosmos. Hier liegen, was geistige Blutauffrischung betrifft, unzweideutig Unendlichkeitswege. Dazu aber kommt noch ein anderes. Die Menschheit schafft individuell auch von innen weiter, von innen heraus. Man denke an Kunst. Aber noch an mehr. Die »juvenilen Quellen«, die hier sprudeln, kommen aus einem Grunde, den wir mehr ahnen, als genau kennen, -- daß er aber plötzlich versiege, dazu sehen wir wahrlich keinen Anhalt.
Der letzte Gedanke führt aber ganz von selbst aus dem Degenerations- und Todesgebiet überhaupt hinaus in ein neues, positives, das wir jetzt, nach Erledigung der bösesten Gespenster, doch auch zu wenigstens kurzer Schau betreten müssen.
Wir haben eben in unserm kosmischen Ausblick angenommen, daß der Mensch noch weiter gehe. Ist uns jetzt wahrscheinlich geworden, daß er aus Gründen des allgemeinen Lebens nicht zu degenerieren brauchte, so möchte man die Frage daran schließen, ob aus solchen ursprünglichen Lebenszusammenhängen erwiesen werden könnte, daß er umgekehrt sich noch weiter emporentwickeln _müsse_.
Die Antwort ist in diesem Fall nicht so ganz einfach, sie erfordert Umwege; ihr Ergebnis müßte dafür freilich auch das bedeutsamste sein. Statt des Drachen sähen wir ja hier gleichsam den guten Engel der Urvergangenheit des Menschen auftauchen.
6
Auf den ersten Blick könnte es so einfach scheinen, und es gibt Menschen genug, die sich dabei beruhigen: der Mensch ist die Krone, wenn nicht, wie man sonst sagte, der Schöpfung, so doch der Lebensentwicklung auf Erden; senkrecht ist diese Entwicklung zu ihm heraufgekommen, so wird sie also auch allein über ihn weiter gehen. Hier gibt es aber vonseiten des richtig sehenden Naturforschers sogleich einen scheinbar zwingenden Widerspruch. Das Bild des Lebensheraufgangs ist in den geologischen Zeitaltern und erhaltenen Zeugen keine einfache Leiter. Wenn man eines der bekannten Haeckelschen Bücher oder sonst ein neueres Werk zur Stammesgeschichte aufschlägt, so gewahrt man den wirklichen Stammbaum als riesigen Zweigknäuel, der zunächst wie das äußerste Gegenteil aussieht. Die Einzelheiten habe ich selbst gelegentlich für die Kosmosleser in meinem Bändchen über den »Stammbaum der Tiere« gegeben, wo sie leicht nachgesehen werden können. Sieht man bei der gewöhnlichen Zeichnung darin zwar auch noch etwas wie ein grundlegendes »Empor« grade durchschimmern, so verliert sich der nähere Blick doch immer mehr in einem Astwald. Die Aufzweigungen gehen da, dort in Gabelungen, Tiefenästen, krummen Linien aller Art auseinander, das Alte bleibt massenhaft neben dem Neuen und reckt sich auch bis ins heutige Zeitniveau, zuletzt ist der Affe lebend neben dem Menschen als eigene Astspitze, und der verlorene Blick fragt, wo es denn hier weiter gehen solle. Vielleicht wieder ganz von unten heraus, vielleicht hier, da auf einem Ast. Mag der Mensch auf seiner Ecke auch gehen oder mag er hundert Millionen Jahre dort stehen bleiben wie das alte Lingulatier: beweisen kann man ihm das erstere aus diesem nach allen Richtungen züngelnden Astwirrwarr, scheint es, gewiß nicht. Und es ist wahr, man muß auch dieses Bild erst einmal ganz gründlich geistig verdaut haben, um noch wieder für dritte Züge zugänglich zu werden.
Zunächst ist eins doch wieder ein fester Fleck in dem ganzen Knäuel. Wo immer der Mensch in jenem Baum einmal hängen mag: an seiner Stelle _ist_ er, was er nach der oben gegebenen Wesensskizze eben ist, -- er _ist_ heute jene vollkommenste Anpassungs- und Herrschform des irdischen Lebens, die ganz unzweifelhaft dabei ist, die ganze übrige irdische Lebenswelt unter ihr Zepter zu bringen. Der Mensch saugt, was da noch von anderen Zweigen des Stammbaums um ihn herum blüht, praktisch in sich ein. Was er brauchen kann, läßt er bestehen von all dem Tier- und Pflanzenvolk, was er nicht will, rottet er aus. Das geht schon so und so viel tausend Jahre jetzt und hat schon das allgemeine Bild verwandelt, es ist kaum zu sagen wie. Begünstigte Pflanzen beginnen ganze Erdteile zu überziehen, unerwünschte Tierarten sind zu Massen verjagt, vernichtet. Eine Welle rauscht hier über die Erde, der aber auch nichts mehr standhält. Wie immer die tierische Entwicklung noch gehen wollte, -- gegen diesen menschlichen Ansturm kommt nichts mehr auf. An ein paar erwünschten Ecken, zu Kulturpflanzen, Kulturtieren, hat er selbsttätig umgestaltet in schnellstem Schritt: von eigenen Entwickelungen, wie sie auch kommen möchten, ist praktisch bei _der_ Schnelligkeit des menschlichen Umklammerns, Einsaugens keine Rede mehr. Wenn der Orang-Utan noch so viel Entwicklungszukunft in sich trüge: er käme nie mehr dagegen an, was der Mensch längst über ihn bestimmt hat.
Das Aufsaugen des ganzen noch bestehenden Stammbaums durch den einen Menschen vollzieht sich aber nicht bloß so äußerlich. Es hat noch einen tieferen, innerlicheren Sinn. Wir saugen die ganze übrige organische Welt auch _geistig_ ein. Sie geht ein in unser Bewußtsein, unsere Forschung, erhält dort eine ganz neue Einheit. Indem wir ihren heutigen Inhalt hier zu uns herüberziehen, greifen wir sogar (nach jenem großen uns eigenen Prinzip der Umkehr der Naturprozesse, des Aufrollens der Vergangenheit) auf die früheren, längst vergangenen Stammbaumteile zurück. Nicht bloß, was noch neben uns lebt, lassen wir gleichsam in unser Inneres einwachsen und dort geistig neu auferstehen, sondern auch die ältesten abgetrockneten Seitenzweige der Vorwelt reihen wir wieder ein, ziehen wir auch in unsere Vergeistigung. Viel reiner, viel erhabener noch als in jenem Gewaltprozeß wird hier jedes Tier in unserer Wissenschaft und Erkenntnishelle nachträglich noch einmal »Mensch« bis zum Ichthyosaurus hinab, der einst scheinbar ohne jeden Anschluß nach oben als Nebenzweig verdorrt war. Auch an einen dritten Weg sei wenigstens erinnert. Er klingt schon bei einzelnen Haustieren an. Wir vermenschlichen wenigstens gewisse höhere lebende Tiere auch selbsttätig von uns aus in ihrem Gemütsleben, ziehen sie hier zu uns herauf. Was haben wir da aus dem Hund nicht bereits gemacht! Und vielleicht, wenn wir die Gesetze des Empfindungs- und Seelenlebens überall kennen lernen werden, was wird auch hier für ein Fortgang noch liegen können, der noch wieder anders wäre als Gewaltherrschaft und eigene Menschenforschung, -- der der armen niederen Lebensform nachträglich selber, soweit noch möglich, einen Segen des Geistes gäbe, der da oben an der einen Stelle zu einem immer gewaltigeren Schöpfersturm angewachsen ist.
Wenn man aber den Menschen so ungeheure Macht bewähren sieht, rückwärts ein Herr und Gärtner und Neuschöpfer des ganzen Entwicklungsbaumes in der Praxis zu werden, so sinnt man doch, meine ich, verständiger- und auch rein naturwissenschaftlicherweise darüber nach, ob die Art, wie dieser Mensch selber aus dem Baum gewachsen ist, nicht doch noch wieder eine etwas andere gewesen sein müßte. Wohl, der Baum ist keine grade Leiter. In seiner Verzweigung scheint eine Art Methode des Entwicklungshergangs wirksam zu sein, die uns ja nicht wundern kann, wenn wir auch nur in einigen Zügen die Darwinsche natürliche Zuchtwahl, die aus verschiedenen Varianten die besten weitersteigert, für etwas richtig halten; diese Zuchtwahl wird bis zu gewissem Grade immer Spielräume verschiedener Varianten erwarten lassen, also eine gewisse Breite der Dinge, ohne daß sie doch eine Hauptlinie, die triumphierte, ausschlösse. Und so werden wir, meine ich, doch überlegen, ob nicht durch den ganzen Astwald die Linie des Menschen eine _zentrale_ bildet.
Er war zum Schluß die zweifellos beste, allumfassende Anpassung auch in Darwins Sinn, -- sollen wir meinen, daß sie bloß eine Zufallsblüte ganz jäh wie aus dem Nichts gewesen sei -- oder ist es nicht wahrscheinlicher, daß sie eben doch schon auch vorher Schritt für Schritt auf ihre universale Höhe geführt wurde? So wie wir uns das aber fragen, fragt der nächste Augenblick: ja, aus was für einer Organbildung erwuchs denn unser Schlußerfolg? Und dann sind wir ohne jede Mystik bei einem Organ oder Organsystem, mit dem allerdings das ganze scheinbare Wirrsal des Gesamtstammbaums der Lebewesen sich in der einfachsten Weise in eine entscheidende durchhaltende Zentrallinie und so und so viel Seitenbiegungen umzugliedern scheint, -- wofern man nur ein klein wenig den Tatsachen schlicht ins Gesicht sehen und sich nicht aus lauter Angst vor künstlich hineingetragener »Mystik« die Augen zuhalten will.
Das Organ unseres Sieges, das Organ, das uns selber über das Organbilden hinausgeführt hat zu der überorganischen Stufe des Werkzeugs, ist das Gehirn. Dieses Gehirn oder, allgemeiner gesagt, das Zentralnervensystem, ist vom Augenblick an, da es für uns erkennbar an der Wurzel des Stammbaums auftritt, immer und überall das Organ des _Fortschritts_ gewesen. Man versteht aus dem Zusatzwörtchen »zentral« bei ihm selber, was es in einer Steigerung von »Organismen« dazu machen mußte. Von Anfang an ist es nicht bloß ein Organ unter Organen gewesen, sondern eines _über_ allen. Nicht bloß der Orientierungsapparat nach außen war es, sondern vor allem das Organ der _inneren Einheit_ im Lebewesen. In diesem Sinne hat zweifellos seine älteste Vorstufe schon die persönliche Einheit der einzelnen Zelle geschaffen und steht somit unmittelbar schon an der Wiege des Lebens überhaupt. Wo es aber dann weiter wirkte, in die vielzelligen Wesen, die Zellstaaten, hinein, da straffte es fortgesetzt die Einheitsarbeit aller Organe erst recht eigentlich zum immer vollkommeneren »Organismus«. Wo es sich vertiefter einlebte in diesem Sinne, da mehrte sich mit ihm nicht das bunte Variationsbeiwerk, sondern es steigerte sich die _Organisationshöhe_. Ging das Leben sonst in unendliche Breite, so ging es hier _empor_. Was in den Ästen des Stammbaums ein Stück weit emporgeht, steigt unverkennbar stets mit ihm. Wo es aber frei durch das Ganze in immer weniger gehemmter Linie herauskommt, da ist der zentrale Fortschrittsstamm des Ganzen. Und nun kann praktisch nicht zweifelhaft sein, wo das ist.