Part 1
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Der Mensch der Zukunft
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen mittels des
=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):
=Wilh. Bölsche, Der Mensch der Zukunft.=
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
=Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der Naturgeschichte der Krebse.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
=Dr. Karl Weule, Urformen der Schrift.=
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno Marx=. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.
Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum =Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen), entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
Der Mensch der Zukunft
Von
Wilhelm Bölsche
Mit einem farbigen Umschlagbild und Zierleisten nach Zeichnungen von _Willy Planck_
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1915
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika:
~Copyright 1915 by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.~
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI HOLZINGER & Co., STUTTGART
1
Unsere frische und gesunde Augenblicksarbeit wird nicht unmittelbar bestimmt durch Vermutungen über ganz ferne Dinge der Vergangenheit oder Zukunft.
Zu jeder Kraft gehört wohl ein gewisser Glaube. Aber dieser Glaube wurzelt in tieferen Erfahrungs- und Gefühlswerten als grübelndem Vermuten. Wenn ein tapferes, kraftbewußtes Volk gegen ein Heer von Gegnern um seinen Platz an der Sonne ringt, so vertraut es im Moment auf sein Geschichtsrecht und seine Zukunftsaufgabe, und daran kann ihm keine Theorie etwa über urälteste Herkunft seiner Rasse oder entlegenste Endschicksale menschlicher Rassen überhaupt rütteln. Und so ist es auch mit der Menschheit im Ganzen.
Jeder echte und einigermaßen tiefe Mensch in unserer Kultur, sei er schlicht oder hoch, gelehrt oder bloß mit dem einfachsten Bildungsanteil, -- er pflegt auf einer gewissen Reife seines Lebens seinen _Menschheitsglauben_ zu haben. Er hat sein Teil Dinge erlebt, gute und schlechte. Viel schlechtes, enges, beschränktes. Er hat das Bruchstück erlebt, das in jedem kurzen Menschendasein inmitten von so viel Nacht und Schwierigkeiten liegt. Er schwelgt nicht in überflüssigem Schönfärben. Dennoch zieht er als Summe den Glauben, daß neben der Nacht auch Licht ist; daß die Dinge nicht bloß im Trüben stecken bleiben und das Gute sich auf die Dauer doch einigermaßen durchsetzt, wenn auch in schwerer Arbeit und nicht als leichtes Geschenk; daß es, mit einem Wort, trotz alledem vorwärts gehe. Ohne diesen Glauben könnten wir nicht leben, -- wir können es aber, denn er gestaltet sich eben als letzter Rückstand aller Erfahrungen immer wieder in uns. Wenn wir durch das Volk gehen und die schlichtesten Leute fragen oder bloß bei ihrem Handeln beobachten, Leute, die eine gewisse Lebensarbeit ernst hinter sich haben und doch still weiterschaffen, so stoßen wir überall auf diesen Glauben; unzählige lebensgeprüfte Männer und Frauen haben nicht die Redegabe, ihm Ausdruck zu verleihen, aber ihre Arbeit ist ihr Ausdruck, und auf dem vertrauenden Geiste dieser Stillen ruht unsere edelste Volkskraft. Zu diesem Glauben gehört aber auch etwas, das über das Bruchstück des Einzellebens hinausgreift. Es gehört der besondere Glaube noch dazu an etwas weiteres, dauernderes, -- Kinder, Nachkommende, Volk, Kultur, zuletzt Menschheit; der Glaube, daß auch da etwas weiter sich durchsetze irgendwie von Nacht zu Licht, ein Aufstieg, eine Fortentwickelung, ein Besserwerden.
Man verlangt auch da nichts Überschwengliches, verlangt nicht morgen das Paradies; aber doch etwas, das unserer harten Arbeit mit ihren ungezählten Entsagungen noch einen weiteren Sinn gibt. Auch diesen weiteren Blick haben wir nötig, und auch er hat in seiner Weise etwas Felsenfestes, an dem uns nichts rütteln kann. Auf diesen ganzen stillen Zuversichten baut sich unser _praktischer Idealismus_ auf, den man so bescheiden ausdrücken mag, wie man will, so bleibt er doch zuletzt der Herzschlag unseres ganzen geistigen Lebens im einzelnen wie in der Öffentlichkeit. Und diesen Idealismus, soweit er auch an einen Fortgang oder Fortschritt oder, was dasselbe ist, an einen Sinn der Menschheit glaubt, können, meine ich, weder Untersuchungen und Vermutungen über das fernste natürliche Werden dieser Menschheit in der Vergangenheit noch über ihr vielleicht schließliches Schicksal in der Zukunft unmittelbar berühren. Dieser praktische Idealismus hat sich für die entlegenste Vergangenheit lange vertragen mit der Idee, daß die Menschheit zu Anfang der Dinge in einem lichten Sonnengarten schon einmal im ganzen Glück gewesen sei und daß sie dann erst durch ein Verhängnis auf diesen langen, langsamen Arbeitsweg erst wieder von Nacht zu Licht gebracht worden sei; er hat sich damit vertragen, weil auch so doch der praktische Weg durch Nacht zu Licht für ihn blieb und die sittliche Tat eine Fortschrittstat darin blieb, einerlei, wie es nun zu Anfang gewesen war. Er verträgt sich aber meines Erachtens auch damit, wenn heute der Naturforscher ihm zu zeigen versucht, daß dieses langsame Heraufringen und Herauftasten wahrscheinlich noch viel weiter gegangen ist; daß der Mensch selber erst eine Stufe darin war, die in mühsamer Entwickelung erkämpft werden mußte und hinter der schon eine lange, lange Kette natürlicher Werdegestalten noch unterhalb seiner Bildung heraufkam. Am Trost _seiner_ Arbeit kann es ihm wohl kaum rütteln, daß diese Arbeit noch viel tiefer begonnen hat in der Natur, noch viel mehr überwinden mußte und doch zu dem immerhin gekommen ist, was wir heute haben. Im übrigen würde er aber auch auskommen, vertrauen und seine Arbeit tun, wenn er von all diesen entlegenen Dingen nichts wüßte.
Und so und nicht anders steht es mit ihm auch bei der Zukunft der Menschheit. Es genügt ihm, daß sie zunächst vor dem einzelnen weiter dahinflutet, aller Art zäher Lichtarbeit in ihrem Dunkel auch weiter voll. Zu gewissen Zeiten hat dieser praktische Idealismus seine Arbeit getan und seinen Menschenglauben und Menschheitsglauben und Lichtglauben bewährt, obwohl er hörte, es wären dem Wiederaufwärtsringen der Welt nur noch tausend Jahre angesetzt. Man weiß, wie die früheren christlichen Jahrhunderte unter diesem Druck gestanden haben. Als die Tausend aber um war und die Welt doch noch stand ohne Termin, hat der schlichte Tatidealismus einfach rüstig weiter geschafft, auch damit. Und er würde schaffen, wenn ihm heute wieder mit zwingendem Schluß bewiesen werden sollte, daß auch die natürlich gewordene Menschheit nach natürlichem Gesetz in Billionen oder wieviel Jahren wieder in den tieferen Schoß der Natürlichkeit und Naturarbeit irgendwie zurückgenommen werden müßte. Wir haben ihn uns doch errungen aus dem kleinen Bruchstück unseres armen Menschenlebens, -- aus dem winzigen Zuge zum Licht, der in diese Armut hineinbrannte. Wir haben dieses kleine Menschenleben dann angeschlossen an die Arbeit der Menschheit als ein Größeres. Nun, ist auch diese Menschheit zuletzt nur ein Bruchstück, so werden wir den Glauben nicht verlieren. Auch sie ist dann nur wieder ein Symbol gewesen eines wohl noch Umfassenderen, das wir vielleicht im kosmischen Zusammenhang ahnen, wenn zu dieser Menschenerde heute der nächtliche Sternenhimmel mit seinen tausend und tausend Weltenaugen herniederbrennt, -- der aber vielleicht selber auch nur noch ein Gleichnis des ganz Unbeschreiblichen ist.
Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie viele es sein sollen, -- immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.
Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts, noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.
»Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben, Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient die Freiheit wie das Leben, Der _täglich_ sie erobern muß.«
2
Es ist wertvoll, das leichte Schifflein unserer Fahrt zum Menschen der Zukunft zunächst von diesem sicheren Hafen ausgehen zu lassen. Eine gewisse Gewähr gibt er, daß wir heimfinden um jeden Preis. Inzwischen ist aber gewiß, daß, wenn wir uns schon auf die blaue oder graue Weite dieses fernen Meeres hinauswagen sollen, heute _ein_ ganz bestimmter Leuchtturm da draußen uns zunächst am besten leiten kann. Vielerlei Utopien lassen sich ja auf schmuckem oder schwarzem Segel dort hinaustreiben. Alle Weltanschauungen lassen sich einschiffen, goldene wie gallige. Es gibt keinen technischen, keinen sozialen, keinen ethischen Lieblingswunsch von heute, der nicht dort schon verwirklicht gesehen worden ist, -- von den Träumen, daß alle Menschen zu essen haben, bis zu den Menschen, die mit unendlich vervollkommneten Apparaten Wellen auffangen, mit denen die Bewohner anderer Weltkörper zu ihnen reden, oder die selber durch die Sterne reisen. Und es gibt auch keine Angst, die sich nicht schon in einer kalten Nacht dort begraben hätte. Alle diese Wege haben gewiß ihren Wert in ihrer Weise, denn wie der praktische Idealismus, so hat auch die kühnste Phantasie ihre gewaltige Bedeutung, die nur ein ganz Unkundiger verkennen mag. Die Phantasie ist einst vor Kolumbus her auch über den wirklichen Ozean gefahren, und es gibt keinen Wirklichkeitssieg, an dem sie nicht irgendwie still vorschaffend und begeisternd beteiligt gewesen wäre. Selbst wenn sie bange Bilder baut, ist sie ein strenger Zuchtmeister gegen das allzu Bequeme, -- wenn sie aber ins Licht malt, was wir vielleicht durch eigene Kraft noch mehr aus uns machen könnten, ist sie ein heiliger Apostel der Tat zum Ideal. Das alles wohl in Ehren, wollen wir aber so hohen Flug zunächst doch einmal nicht nehmen, -- wollen vielmehr sozusagen etwas mehr von unten anfangen, statt von oben. Wir wollen für unsere Zukunftsfrage nicht davon ausgehen, was etwa noch einmal ganz Neues und Überraschendes aus dem Menschen werden könnte; sondern wir wollen dabei beginnen, was er eigentlich heute _ist_, -- mit seines Schicksals Sternen in der Brust. Und hier erscheint ja eines heute vorweg geklärt.
Seit rund fünfzig Jahren, wenn wir sie mit Darwin anfangen lassen wollen, haben wir jetzt mindestens die große neue Weisheit und Wahrheit in der Welt: daß der Mensch in natürlichem Wachsen und Werden aus der Entwickelungsstufe der organischen Wesen, genauer der Tiere, herausgekommen sei. Man kann den Gedanken auch deutsch und dann schon vor etwas über hundert Jahren anknüpfen, denn damals war er bei uns schon im stillen spruchreif; damals hatte der alte Kant die Idee einer natürlichen Entwickelung in ihrer Anwendung auch auf lebendige Wesen (von Sternsystemen hatte er sie selber gelehrt) als ein »gewagtes Abenteuer der Vernunft« bezeichnet; eben dieses Abenteuer aber vermaß sich kein Geringerer als Goethe ausdrücklich schon zu bestehen, wobei die Nutzanwendung auch auf den Menschen nur eine unvermeidliche Folgerung sein konnte. Jedenfalls aber ist heute über den Beweis der großen Sache im Ganzen naturwissenschaftlich kein Zweifel mehr. Man streitet sich mit gutem Recht noch über Methoden der Entwickelung, nicht aber über sie selbst; und wenn man sie für Pflanzen und Tiere zugibt, kann man den Menschen nicht wohl ausschließen, seit schon der alte fromme Linné schlicht der Wahrheit die Ehre gegeben hatte, daß das Menschenwesen naturgeschichtlich eine Säugetierart sei. Zuletzt ist noch Hader über das Wörtchen »natürlich«, von dem viele noch meinen, es schließe ihr tiefer vertrautes »göttlich« aus; wozu aber auch eben Goethe doch wohl schon das Entscheidende gesagt hat: daß, wer sein Göttliches im rechten Sinn in allem suche, was da ist, es zuletzt auch im Natürlichen finden müsse. Was immer wir über den Menschen der Zukunft uns denken: mit dieser Grundtatsache also müssen wir heute rechnen, von ihr müssen wir ausgehen. Nun aber _mit_ ihr müssen wir uns doch noch ein Zweites klar vor Augen stellen, das mancher nicht so deutlich heute zu sehen pflegt, grade wenn er das andere noch so fest unter seine Überzeugungen aufgenommen hat.
Man sagt sich wohl: seit Kopernikus uns gezeigt hat, daß unsere Erde nicht die Achse des Weltenrades ist, sondern als Stern zwischen Sternen geht, und seit wir durch Darwin wissen, daß der Mensch einst vom Tier gekommen ist, -- so mag uns nun diese Erde recht nur ein gleichgültiges Stäubchen sein und der Mensch eine beliebige belanglose Tierart neben anderen. Mancher hat geglaubt, das in möglichst herabsetzender Form als eine Art stiller Entsagung in sein Weltbild aufnehmen zu müssen. Richtig aber ist es deswegen nicht. Wenn es richtig wäre, hätte ja auch unsere ganze Zukunftsbetrachtung, die Betrachtung der Zukunft von etwas so Gleichgültigem, von Anfang an wenig Zweck.
In Wahrheit ist diese Erde -- selbst wenn wir den Naturforscher einmal bloß als prüfendes Auge auf ihr gelten lassen und vergessen wollen, daß er doch selber auch zu Erde und Menschheit mit Heimatsgefühl gehört, -- in Wahrheit ist sie das große Beispiel für uns, an dem wir die wunderbare überbietende Naturstufe des _Lebens_ kennen lernen, diese höhere Stufe, die alles bis dahin von der Natur Geleistete und Sichtbare noch einmal weit hinter sich läßt. Mögen wir annehmen, daß auch dieses Leben seine Wurzel zuletzt in dem allgemeinen tieferen Untergrund der Natur habe. Mögen wir ahnen, daß auch diese Lebensstufe eine kosmische Stufe der Entwickelung sei, die auch sonst tausend- und tausendfach im All erreicht wird nach gleichem Gesetz. So ändert das doch nichts an der Gewalt und dem Reichtum des großen Lebensvorgangs selber und ändert auch nichts daran, daß es für uns eben die Erde ist, die ihn uns offenbart. Wenn auch der Mensch tatsächlich nichts anderes wäre, als bloß ein Teil dieses Lebens auf Erden, dieser Lebensstufe der Natur, so wäre es schon ein Großes auch um ihn, denn nicht auszusagen sind die Leistungen und Geheimnisse, die uns diese Welt des Lebendigen alle Tage noch neu bietet, je tiefer wir mit unserer Forschung in sie einzudringen suchen. Wie in ganze neue Sternsysteme, bloß von noch höherer Ordnung und Einheit, schauen wir hinein selbst in die kleinsten Teilchen des vom Leben erfüllten Stoffs, in die einfache Zelle mit ihrem Wunderbau, in die verwickelten Staaten dieser Zellen, in all ihre geheimen Selbstregulierungen und unendlichen Gestaltungs-, Umgestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten, -- gewiß, daß wir überall erst bei den Anfängen einer wahren Einsicht in diese belebten Systeme stehen, die den ungeheuren Ball unserer Erde nur wie ein zarter Duft seiner Oberfläche überziehen, beständig zu zerfließen, zu vergehen scheinen und sich doch ebenso beständig wieder herstellen, seit so viel Jahrmillionen im ewigen Fluß und doch unzerstört, in unendliche Formen zerspalten, Individuen geteilt und doch auch wieder in ihren Gesetzen ein einheitliches Wesen, das von grauen Urtagen sich heraufringt und in allem Wechsel behauptete bis heute.
Nun aber ist die weitere Wahrheit, daß der Mensch, wie er uns gegenwärtig vor Augen steht auf der Erde und wie wir selber aus seinen hellen Augen heraus schauen, keineswegs bloß eine beliebige Probe und Dutzendarbeit wieder dieses Lebens ist. Auch er ist vielmehr innerhalb und jenseits der Entfaltung des irdischen Lebensbeispiels noch einmal ersichtlich eine ganz besondere neue Stufe der Naturmöglichkeit im steigernden Sinne, -- entsprungen aus der tieferen allgemeinen Lebensschicht nach natürlichem Gesetz (daran halten wir ja auf alle Fälle fest), aber in einer ganzen Reihe wesentlichster Punkte nochmals über alles weit hinausgewachsen, was selbst das vollkommenste Leben vor ihm zusammengenommen geleistet.
Deutlich sehen wir ja noch (und das Sehen nach dieser Seite war eben die große Errungenschaft der Darwinschen Schule), wie der Mensch auf der einen Seite noch immer in den Linien dieser niedrigeren Lebensleistung hängt. Auch sein Leib baut sich auf aus jener rätselreichen Systemeinheit des ursprünglichen Lebens, der Zelle. Wenn auch er nach dem alten Lebensgesetz seinen Körper individuell immer wieder neu aufbaut, gleichsam immer wieder an früherer Flamme zu neuer anzündet (das Bild hat eine tiefere Bedeutung, denn in der Tat hat das Leben zur sich selber verzehrenden und wieder ersetzenden Flamme einen geheimnisvollen Bezug), so geht er dabei von einer zeugenden Einzelzelle durch Teilung zur Vielheit, deutlich so beweisend, daß auch in ihm der uralte Weg steckt von der bakterisch einsamen Zelle zum Zellenstaat. Ganz genau prägt sich in seinen einzelnen Organen dann ab, durch wieviel Hauptstationen des großen Lebensweges auch er noch weiter mitgegangen sein muß. Seine chemische Körperarbeit verrät, daß er einst die Wende mitgemacht hat von der Pflanze zum Tier. Sein Magen zeigt, daß er durch den allgemeinen Urgrundriß des höheren Tiers gegangen ist, mit seiner Wirbelsäule, die das Rückenmark trägt und schützt, muß er die Straße des Wirbeltiers berührt, mit seiner Lunge den Fisch überwunden, mit seinem Warmblut und der Gebärmutter und Brust seines Weibes die Station des Säugetiers durchschritten haben. An seiner Hand haften noch die Züge des Kletterorgans, während sein Fuß fast wie unfertig erstarrt erscheint auf der Stufe zwischen solchem Greiforgan und der neuen eines aufrechten Ganges. Man glaubt den geschichtlichen Moment noch ungefähr zu ahnen, wo er zuerst mit all diesen Merkmalen äußerlich fertig dastand, -- noch in dem älteren, sehr warmen Teil wohl der Tertiärzeit, nicht allzufern den letzten großen Gabelungen des Säugetierstammbaums. Manche Kleinigkeit ist damals noch urtümlich an ihm geblieben, wie sein Gebiß. Er beteiligte sich an einem Schwund der Nase, doch lange nicht so weit wie die höchsten Affen. Mit Schwanz und Spitzohr fiel gleichsam der Satyr noch von ihm ab, der Waldpan, ohne daß er doch kleine Zeichen auch davon je ganz verloren hätte. Rätselhaft verschwand ganz zuletzt noch sein Haarkleid, er wurde wirklich nackt wie im Paradiese.
Alle diese Züge geben den unzweideutigen Anschluß nach _unten_, an die große übrige Lebensschicht. Keiner aber würde noch darüber hinaus führen. Auch die höchsten Wirbeltier- und Säugetierzüge geben nur eben Züge eines einzelnen stark spezialisierten Astes im Stammbaum der Tiere, der neben andern dort steht. Nichts tritt in Gegensatz zu _allen_ Tieren bisher, allen andern Lebewesen überhaupt. Aber wir alle wissen auch, daß der Mensch nicht erschöpft, nicht fertig beschrieben ist mit diesen Zügen allein. Und die andere Seite beginnt bei dem uns allen ebenso geläufigen Satz: der Mensch steht geistig turmhoch über jedem Tier. Mit diesem Satz müssen wir uns aber noch einen Augenblick beschäftigen, um ihm den ganz richtigen Sinn zu geben.
Es ist zunächst nicht so, daß etwa der Mensch bloß Geist hätte und selbst die ihm nächsten Tiere nur geistlose Maschinen wären. Mit dieser Auslegung ist vielfältig der außernatürliche Zusammenhang des Menschen zu begründen versucht worden, es gibt aber immerhin auch Naturforscher, die sie naturwissenschaftlich für möglich halten. Ich glaube aber, daß sie kaum ernsthaft widerlegt zu werden braucht. Man kann sie sich in der Studierstube aushecken, jeder praktische Tierkenner aber wird über sie lächeln. Er weiß, daß eine Unmenge geistiger Regungen -- Leidenschaften, Freude und Schmerz, die verschiedenartigsten Gemütsbewegungen -- bei unsern Hunden, Pferden, Affen so vollkommen den gleichen Ausdruck finden wie bei uns, daß jeder Zweifel voreingenommene Künstelei bleibt. Wenn die Behauptung aufgestellt worden ist, der Ausdruck sei beim Tier zwar der gleiche wie bei uns, wir hätten aber keinen Anhalt dafür, daß auch dort wirklich Gefühle dahinterständen, so tritt die Spitzfindigkeit wohl genügend hervor, um sich selbst zu widerlegen.
Die allgemeinen Anzeichen für Empfindungsprinzipien gehen aber durch die gesamte Welt des Lebens bis zu ihren Anfängen hinab, und auch in jeder allereinfachsten Empfindung liegt schließlich im Kern bereits das ganze Geistige, wie ja jede Empfindung auch schon ein einfaches Bewußtsein voraussetzt, von dem etwas »empfunden« wird. Also in diesem Sinne hat der Mensch zweifellos auch seinen Geistesodem schon auf tiefster Urstufe mit eingeblasen bekommen, sofern es sich nur um Geistiges überhaupt handelte.
Nun könnte man aber weiter meinen, der menschliche Geist stelle bloß eine gewisse Spezialisierung und Häufung des tierischen Geistes dar. Bekanntlich sehen wir bei gewissen Tieren selbst schon Geistesorgane, Gehirne, auftreten, die auch dort auf ziemliche Häufung nach dieser Seite schließen lassen, so bei Insekten und in anderer Gestalt bei Wirbeltieren. Ein Affengehirn sieht einem Menschengehirn schon überaus ähnlich, und wenn man diese beiden Gehirne bloß vergliche und sonst vom Menschenwesen als Tat nichts wüßte, so würde man ja wohl raten, daß dieses Geschöpf mit dem noch ein Teil größeren und verwickelteren Gehirn wohl noch etwas mehr Geisteshäufung bewähren müßte, aber im übrigen doch nur glatte Fortsetzung ohne Änderung wäre. Die wirkliche »Tat« des menschlichen Gehirns aber erweist uns, daß auch das so nicht richtig ist.
In das menschliche Gehirn ist zwar nicht etwas Übernatürliches eingefahren, aber es hat ein ganz bestimmter _Systemwechsel_ darin stattgefunden, den der einfache Begriff der Häufung nicht enthält. Das ist kurz so zu verstehen.