Chapter 4
Die hochstehende Persönlichkeit wäre vor Schreck beinahe gestorben. Wenn sie in der Kanzlei auch viel Mut besaß und jeder, der ihr männliches Gesicht und ihre Figur ansah, ausrief: O was für ein Kerl! doch jetzt empfand sie gleich vielen Riesen eine solche Angst, daß sie nicht ohne Grund für ihre Gesundheit fürchtete. Sie selber nahm von ihrer Schulter den Mantel und schrie dem Kutscher zu: »Nach Hause, so schnell du kannst!« Da der Kutscher die Stimme hörte, die gewöhnlich so nur in sehr entschlossenen Augenblicken tönte und dann meist von etwas begleitet war, das sehr handgreiflich war, duckte er seinen Kopf, schwang die Peitsche und kehrte wie der Blitz um. In sechs Minuten war die hochstehende Persönlichkeit schon vor der Einfahrt ihres Hauses. Bleich, geängstigt, ohne Mantel fuhr sie also statt bei Katharina Iwanowa bei sich selber vor, stahl sich irgendwie in ihr Zimmer und brachte dort die Nacht in solcher Unruhe zu, daß am nächsten Morgen beim Tee das Töchterchen zu ihr sagte: »Du bist aber bleich heute, Papa.« Doch Papa schwieg und sprach zu niemandem ein Wort von dem, was sich mit ihm zugetragen hätte, wo er gewesen wäre und wohin er fahren wollte. Das Erlebnis machte auf ihn einen starken Eindruck. Er redete schon bedeutend seltener seine Untergebenen an mit dem bekannten: Wie können Sie es wagen? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Und wenn es schon nicht anders ging, so geschah es doch niemals, bevor er nicht gehört hätte, worum es sich handelte.
Aber noch bemerkenswerter erscheint mir, daß sich seitdem das Gespenst nicht mehr gezeigt hat. Anscheinend hatte ihm der Generalsmantel vollkommen gepaßt; zum mindesten hat man nicht mehr von Fällen gehört, daß nachts Mäntel von den Schultern der Passanten gerissen worden wären. Natürlich ließen sich einige geschäftige Leute nicht beruhigen und erzählten, in entfernten Stadtteilen hätte sich das Gespenst des Beamten wieder gezeigt. Und ein Wachtposten hat sogar mit eigenen Augen gesehen, wie die Erscheinung aus einem Hause gekommen sei, doch da er eher schwach von Kräften war -- so daß ihn einmal ein gewöhnliches ausgewachsenes Schwein, das aus einem Hof gestürzt kam, umwarf zum größten Gelächter der umstehenden Droschkenkutscher, von denen er sich dann einen Groschen für Tabak ausbat, weil sie Spott mit ihm getrieben hätten -- ich sage, da er eher schwach von Kräften war, wagte er nicht, es anzuhalten, vielmehr ging er ihm in der Finsternis nach so lange, bis sich das Gespenst plötzlich umdrehte und ihn fragte, was er eigentlich von ihm wolle, und ihm dabei eine solche Faust zeigte, wie man sie an Lebendigen nicht sieht. Der Wachtposten antwortete nur: »Nichts!« und drehte im Augenblick um. Nur war das Gespenst viel größer als der Titularrat und trug einen ungeheuren Schnurrbart. Es ging mit großen Schritten auf die Obuchoffsche Brücke zu und verschwand dort endgültig im Dunkel der Nacht.
Nachwort
Dostojewski schreibt an einen Freund: »Wir alle kommen aus dem =Mantel=.« Aus diesem Satze erhellt deutlich die Bedeutung dieser unvergleichlichen Erzählung. Es handelt sich hier nicht um eine neue Kunstform oder eine neue Stimmung, vielmehr ganz und gar um einen neuen Menschen. Was die Fresken Masaccios für die Renaissance bedeuten, das bedeutet Gogols »Mantel« für die großen Erzähler des russischen Volkes. In Dostojewskis »Karamasows« hat das, was im »=Mantel=« begonnen wurde, sein Ende und sein größtes Maß erreicht. Der Mensch im »Mantel« erst ist die völlige Überwindung des Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, er ist es und nicht die Romantiker oder Edgar A. Poe oder der Mensch Balzacs.
R. K.
Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig
Im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen:
TAUSEND UND EINE NACHT. Aus der von _Felix Paul Greve_ besorgten vollständigen Ausgabe ausgewählt von _Paul Ernst_. Doppeltitel, Initialen und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier Bände. In Halbleinen mit Überzug nach Zeichnung von _Marcus Behmer_ 16 M.; in Leder 28 M.
Durch unsere vollständige Ausgabe erhielt der deutsche Leser zum erstenmal einen Begriff von der echten Dichtung der Tausend und ein Nächte, die bisher nur in Bearbeitungen bei uns bekannt war. Auch die neue Insel-Auswahl beruht auf der vollständigen Übertragung und ist wirklich Auswahl, nicht aber Kürzung und Bearbeitung.
* * * * *
DIE ERZÄHLUNGEN AUS DEN TAUSEND UND EIN NÄCHTEN. Erste vollständige deutsche Ausgabe in zwölf Bänden, auf Grund der Burtonschen englischen Ausgabe besorgt von _Felix Paul Greve_. Mit einer Einleitung von _Hugo von Hofmannsthal_ und einer Abhandlung von Professor _Karl Dyroff_ über Entstehung und Geschichte des Werkes. Titel- und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Geheftet 60 M.; in Leinen 72 M.; in Leder 84 M.
* * * * *
TAUSEND UND EIN TAG. Orientalische Erzählungen. Ausgewählt und eingeleitet von _Paul Ernst_. Übertragen von _Felix Paul Greve_ und _Paul Hansmann_. Titel- und Einbandzeichnung von _Marcus Behmer_. Vier Bände. In Leinen 20 M.; in Leder 28 M.
Eine Sammlung, die die besten derjenigen Märchen und Erzählungen enthält, die in 1001 Nacht fehlen. Hermann Hesse im »März«: Wer Tausend und eine Nacht liebt, wird die Aussicht auf weitere vier Bände solcher orientalischer Geschichten mit heller Freude begrüßen.
* * * * *
DOSTOJEWSKI: SCHULD UND SÜHNE. Deutsch von _H. Röhl_. In Leinen 3 M.; in Leder 5 M.
* * * * *
MICHAEL LERMONTOFF: EIN HELD UNSERER ZEIT. Ein Roman. Übertragung von _Michael Feofanoff_. In Leinen 4 M.; in Leder 5 M.
* * * * *
JWAN TURGENJEFF: GEDICHTE IN PROSA. Übertragen von _Th. Comichau_. _Zweite Auflage._ In Leinen 3 M.; in Leder M. 3.50.
* * * * *
JWAN TURGENJEFF: VÄTER UND SÖHNE. Roman. In der vom Dichter selbst revidierten Übertragung. In Leinen 3 M.; in Leder 5 M.
* * * * *
GUSTAVE FLAUBERT: FRAU BOVARY. Rom. Übertrag. v. _A. Schurig_. In Leinen 3 M.; in Leder 5 M.
* * * * *
GUSTAVE FLAUBERT: SALAMBO. Roman. Übertragen von _A. Schurig_. In Leinen 3 M.; in Leder 5 M.
* * * * *
GUSTAVE FLAUBERT: DIE LEGENDE VON ST. JULIAN DEM GASTFREIEN. Deutsch von _Ernst Hardt_. In Pappband M. --.50.
* * * * *
ABBÉ PRÉVOST D'EXILES: GESCHICHTE DER MANON LESCAUT UND DES CHEVALIER DES GRIEUX. Deutsche Übertragung von _Julius Zeitler_. Mit 4 Vollbildern von _Fr. von Bayros_. _2. Auflage._ In Halbleder M. 6.50, in Leder M. 7.50.
* * * * *
HENRI MURGER: DIE BOHÊME. Szenen aus dem Pariser Künstlerleben. Mit Titelzeichnung und fünf Vollbildern von _Franz von Bayros_. _Zweite Auflage._ In Leinen 6 M., in Leder M. 8.50. -- Nichtillustrierte Ausgabe: in Leinen 3 M., in Leder 5 M.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
hängen. Doch kaum hatte er verstanden, warum es sich wieder handle, als hängen. Doch kaum hatte er verstanden, worum es sich wieder handle, als
worum es sich handelte worum es sich handelte. ]