Chapter 9
Ihr dünkte, daß es gut und mutig wäre, hinauszuziehen und ihn zu suchen. Sie war davon überzeugt, daß sie ihn finden würde. Den ganzen Sommer über spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich aufgemacht und war ein Stück Wegs über die Chaussee marschiert, um dann furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter gelangt als vordem, da hörte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie die dicke Österlein auf sich zurennen. Unter Schelten und Küssen schleppte sie den entflohenen Liebling zurück, und erst als Silvia versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie, gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine andere Wirkung, als daß sie sich vornahm, beim nächstenmal pfiffiger zu sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau Österlein mit Argusaugen bewacht, und Silvia grämte sich, daß die Tage immer kürzer wurden und das Wetter immer schlechter.
Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der fälligen Zinsen der von Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren beschlossen hatte. Sie wußte nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten. Silvia schlief noch, als sie ging. Zufällig berührte sie die Stirn des Kindes und sagte zur Österlein, die Stirn scheine ihr heiß, die Frau möge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem Frösteln aus ihrem Bette und ließ sich von der Pflegerin ankleiden, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen sehr selbständig. Darauf ging Frau Österlein ins Bügelzimmer und dachte, das Mädchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es nun der fieberische Zustand oder das erwünschte Alleinsein oder die zu undämmbarem Drängen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verließ auf einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, über den Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder den Mantel angezogen, noch ihre Mütze aufgesetzt, aber sie spürte den rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den Bäumen war. Wie ist das nur, überlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald fühlte sie sich äußerst müde. Sie mußte beständig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob, drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn das dürre Laub unter ihren Füßen raschelte, wollte ihr Herz vor Angst brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren Schritt. Allmählich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt es plötzlich war; es schüttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schließlich fiel sie auf die Seite und verlor die Besinnung.
Gegen Mittag kam ein Holzfäller vorüber. Erstaunt betrachtete er das bleiche, überirdisch schöne Gesicht des anscheinend schlummernden Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das Mädchen aus dem nassen Moos und trug es über eine Stunde Wegs nach Erfft zurück, wo alles in größter Sorge und Bestürzung war. Frau Österlein, der Inspektor, der Gärtner, der Stallbursche und zwei Mägde hatten die Gegend schon nach jeder Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau Österlein war stumm erschüttert, als sie das Kind aus den Armen des Bringers nahm. Sie trug die bewußtlose Silvia in deren Zimmer, riß ihr die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden später begann die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war, kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in den Flur begleitete: »Ich fürchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht mehr erleben.«
* * * * *
Während seiner dreitägigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast gegönnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu müssen, blieb er in Würzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder überraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine ungebührliche Pein der Überlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er wünschte Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu können, um Silvia für sich zu haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des bürgerlichen Daseins gähnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Geschäfte, das Übelwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verhältnis zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage in Erfft zu bleiben. Bis dahin mußte die Entscheidung gefallen und der Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen Widerstand gefaßt, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer bekämpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Gründe gesammelt, die sie zur Nachgiebigkeit bewegen mußten, und so beredt, so mild und so bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er sich die Gespräche mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen Exerzitien überkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.
Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen des Auftritts mit der schönen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen trieb es ihn nach dem Gäßchen, in welchem der Laden des Händlers war. Türe und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran und erzählte, daß seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geöffnet habe. Seine Tochter habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe bloß eine einzige Liebhaberei, man könne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstöre sie dann, ziehe die Feder und die Schräubchen heraus und sei glücklich, wenn alle Bestandteile Stück für Stück vor ihr lägen. Der Alte habe mehrere Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr müsse ticken; wenn sie nicht ticke, lasse das Mädchen sie unberührt. »Finden Sie nicht, Herr Baron, daß das eine lustige Art von Verrücktheit ist?« schloß der joviale Mann seinen Bericht.
Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte für den Nachmittag einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein Bräutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis für die Hinfälligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein halbes Dutzend roter Strümpfe gekauft, und mit diesen Gegenständen in seinem Rucksack dünkte er sich gegen alle künftigen Unbilden an seinem ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und schenkte ihm außerdem noch zwanzig Taler.
Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen sollte, über das holprige Pflaster der Stadt. Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Straße ging es so langsam vorwärts, daß er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es dämmerte bereits, als er die Häuser von Erfft sah. An der Landstraße befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fußpfad ein.
Der Platz vor dem Haus lag öde. In den Stuben brannte noch kein Licht, auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer. Der Lichtschein im Schlüsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer Tür zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester blieb stehen. »Bist du es, Agathe?« fragte er leise. Agathe stieß einen Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte und ihr der Weg abgeschnitten wäre. Die Tür von Silvias Zimmer wurde geöffnet und auf der Schwelle erschien Frau Österlein mit warnend erhobenem Finger. Ihr zum Flüstern schon bewegter Mund erstarrte, als sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur fließenden Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.
Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. »Wie geht es dir, Agathe?« Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fünf Schritte, und er stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau Österlein wollte ihm den Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem dumpfen Lächeln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestürzt war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Züge des Kindes schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswürdige Röcheln vernahm, dem gebrochenen, heißen, suchenden, nicht erkennenden Blick begegnete, krampfte er die Hände in das Linnen und fühlte selbst den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein Bekenntnis, ein Gelübde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet, während es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst, wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!
Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: »Letzte Nacht glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie plötzlich zu schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt zurückgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Läßt das Fieber in einer Stunde nicht nach, so ist sie verloren.«
Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehört. Sie kamen die Treppe herauf und begrüßten ihn.
Anderthalb Stunden lang saß Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat Agathe herein und sagte: »Sie schläft.« Sylvester war es, als löse sich ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Ich bin müde,« flüsterte sie nach einer Weile, »ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst müde sein. Gute Nacht.«
In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefühlt wie an diesem Abend in seinem eigenen Haus.
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Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine, Arbeit die andere, Sättigung die dritte, und wer schlafen will, dem muß das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem muß Speise gekocht werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie durch kleinliche Bedürfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet auf dem Genuß des andern, das Böse, das zwischen ihnen liegt, wird zerstückt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt, entschiedenes Gefühl bleibt nicht bestehen, der Blick verrät die Absicht, das Wort verdunkelt sie, körperliche Nähe gibt der Atmosphäre eine Beschaffenheit, welche Einfluß auf die Gedanken und Entschlüsse nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem Aufschieben.
Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreißen; nun umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind ihn wie außer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Händchen sich stets von neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen, Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden, die sie schürfte, zu spüren, und ratlos fragte er sich, was nun geschehen solle.
Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. »Ich bitte dich nur um eines, Sylvester,« sagte sie; »das Kind darf vorläufig nicht ahnen, wie es um uns steht. Ich will auch nicht, daß zwischen uns etwas besprochen wird, ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es läßt sich nicht vermeiden, daß wir manchmal alle beide bei ihr sind, müssen wir uns sorgfältig hüten, ihren Verdacht zu erregen. Es würde sie vielleicht töten.« Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester fragte sich verwundert: »Was meint sie? Was weiß sie? Will sie mir zu verstehen geben, daß sie es aufs Äußerste ankommen lassen wird und will sie mich mürbe machen durch Ungewißheit?«
Doch erstaunte er über ihre Haltung, über ihre Würde. Sie grüßten einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie unterhielten sich kühl und friedfertig bei Tisch, sie lächelten einander zu, wenn sie an Silvias Bett saßen und spürten, mit wie angestrengter Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, über die durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamität sachlich zu verhandeln, und als der Major und seine Frau herüberkamen, um der Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Komödie einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt großmütig verziehen hat und mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und zurückhaltend; man sah es ihm an, daß er eine Auseinandersetzung wünschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll Spott über die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine verächtliche Kälte.
Unzählige Male sagte sich Sylvester: »Ich ertrag es nicht mehr.« Aber es war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gefügig machte. Oft lag ihm ein Wort auf der Zunge, das sie nötigen mußte, ihm Rede zu stehen; es gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund öffnete. Heimlich ging er im Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald; heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, kühner Schritt verfolgte ihn; es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch. Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick fest. Niemals und mit keiner Gebärde rechnete sie auf sein Wohlgefallen und mit Strenge entäußerte sie sich alles dessen, was an weibliche Schlauheit, an weibliche Schwäche und an weibliche Sehnsucht erinnern konnte.
War sie zugegen, so vermochte er den Namen Gabriele nicht einmal zu denken. Der Name enthielt das Fremdeste und zugleich das Vertrauteste, ein auf einem geheimnisvollen Eiland geführtes Märchenleben, Glück und Verzicht, Schuld und Entbehrung. Er liebte sich selbst in diesem aus Herzensangst und Süßigkeit gemischten Gefühl. Sein Geist war in einem beständigen leichten Rausch; er glaubte zu spüren, daß er begehrt wurde, daß sie, die Ferne, mit ihren Träumen an ihm hing und er liebte sich selbst in ihren Träumen. Er sah ihre herrliche Gestalt im dunklen Kleid mit sanft verhaltenen Bewegungen: das junge Mädchen. Sie trauerte. Aber schon nahm die Welt sie auf, der sie angehörte, deren Geschöpf sie war durch ihre Kunst; schon vergaß sie den Mann, der an der Grenze zweier Lebensalter stand und sie um ihre Jugend und ihre Kunst betrügen wollte, vergaß ihre Leidenschaft für ihn, wie man einen Irrtum und die seine, wie man eine schöne Abendröte vergißt. Erste Liebe wählt nicht: das junge Mädchen ist die Kreatur des Liebenden. Kunst ist ein Moloch; sie frißt Seelen und läßt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung: die Sängerin geht zu den Menschen wie in der Sage die Schwanenjungfrauen in mondhellen Nächten ans Gestade gehen und verdammt und ausgestoßen werden, wenn man ihnen das Zauberkleid raubt.
Sylvester fing an, vieles als Gesetz und Notwendigkeit zu begreifen, was er kurzsichtig als Mißgunst des Geschicks beklagt hatte, und voll Resignation folgerte er, daß sein Leben nutzlos, überflüssig und verbraucht sei.
Eines Abends, es war ungefähr eine Woche nach seiner Heimkunft, saß er mit Agathe beim Nachtessen. Sie waren zum erstenmal allein bei Tisch; bisher hatte Agathe immer den Inspektor und dessen Frau eingeladen. Sylvester aß lustlos und in kleinen Bissen und fand das Beisammensein beklemmend. »Marquardt hat gestern eine Andeutung fallen lassen, daß Achim Ursanner nicht mehr in der Gegend weilt,« sagte er endlich; »das ist mir neu. Ich habe vergessen, den Inspektor deswegen zu fragen. Weißt du etwas Näheres?«
Agathe erzählte, wie sie vor einem Jahr Achim Ursanner besucht habe, wie sich aus einem Gespräch ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen entwickelt, und wie er einmal im Sommer in Erfft gewesen; wenige Tage später sei das Anwesen in Randersacker abgebrannt und er habe ihr geschrieben. Den Brief wußte sie beinahe Wort für Wort auswendig.
Sylvester runzelte die Stirn. Es war der blanke Widerspruchsgeist, der ihn zu der Bemerkung veranlaßte: »Es scheint mir aber doch, daß der gute Achim ein wenig wie ein Schwärmer und Starrkopf gehandelt hat. Um mit den Menschen zu leben, muß man sich ihrer zu bedienen wissen, nicht aber sie durch kindischen Trotz in Teufel verwandeln.«
»Findest du?« antwortete Agathe ruhig. »Ich dagegen finde, daß er wie ein Mann gehandelt hat.«
Sylvester blickte jäh in ihr Gesicht. Das hatte messerscharf geklungen. »Es gibt vielerlei Arten, wie ein Mann zu handeln,« versetzte er abweisend.
»Nein; es gibt nur eine einzige.«
»Und die wäre?«
»Die ist: durch die Tat bekräftigen, daß außerhalb des egoistischen Wohlbefindens noch etwas anderes, etwas Höheres existiert.«
Sylvester zuckte die Achseln. Nach ein paar Minuten stand er auf, verbeugte sich höflich und ging in die Bibliothek. Er warf sich in den breiten Polsterstuhl und dachte über Agathes Worte nach. Er haßte sie, weil sie den Mut besaß, ihm dergleichen zu sagen; er haßte sie, weil diese ihre Äußerung einen so tiefen Eindruck auf ihn übte; er wäre gern zurückgegangen, um ihr zuzurufen: »Ich hasse dich,« wenn er nicht neben dem Haß etwas empfunden hätte, das ihn klein und befangen machte. Regungslos kauerte er einige Stunden hindurch. Plötzlich richtete er sich empor und rief laut: »Es muß noch heute geschehen. Für uns beide ist kein Raum in demselben Haus.«
Im Speisezimmer war es längst finster. Er hatte der Zeit nicht geachtet und wunderte sich, als er wahrnahm, daß die Mitternacht vorüber war. Da er aber den Augenblick benutzen wollte, der seinem Vorsatz den höchsten Schwung verliehen hatte, betrat er Agathes Schlafgemach, entschlossen, sie zu wecken. Er hatte eine Kerze angezündet und trug sie in der Hand. Als er die Türe geöffnet hatte, war er erstaunt, zu sehen, daß mitten im Zimmer ein gepackter Koffer stand. Agathe schlief fest. Ihr Gesicht war blaß, um die Lider war ein Zug von Müdigkeit. Sylvester zauderte. Er hatte stets Ehrfurcht vor dem Schlaf empfunden. Während er noch überlegte, fiel sein Blick auf den kleinen Schreibtisch und auf einen Brief, der, sicherlich kurz vorher geschrieben, noch offen dort lag. Er setzte sich hin und las: »Das Kind ist Gott sei Dank so weit, daß ich für mehrere Wochen zu Martha fahren kann. Bleibe so lange bei ihm, bis du selber Erfft wieder verlässest. Ich gebe dir die Freiheit. Ich hindere dich nicht, dir ein neues Leben zu schaffen, das deinen Hoffnungen entspricht. Ich sehe ein, daß ich dir nicht mehr genügen kann, und du mußt wissen, daß ich dir die Achtung nicht mehr entgegenzubringen vermag, ohne die eine Ehe zur Hölle wird. Laß dich nicht durch die Sorge um mein ferneres Glück oder Unglück beirren. Ich bin gesund und kräftig, und ein Ereignis, auf das ich solange vorbereitet war, kann mich nicht zerschmettern. Gehorche der Stimme deines Herzens. Möge es zum Segen für dich sein. Die innerlich vollzogene Trennung auch äußerlich in aller Form und tunlichst rasch durchzuführen, darf ich dich wohl bitten. Agathe.«
Sylvester las den Brief dreimal. Da hörte er ein Geräusch und wandte sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand gestützt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie herüber; schweigend erwiderte er den Blick. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog Agathe die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines Lächelns war in ihrem Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und sagte: »Gute Nacht, Agathe.« In ihm tobten die seltsamsten, einander feindseligen Gefühle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt hätte, um ihm ein Wort zu entpressen, er hätte nichts anderes hervorbringen können als dieses: »Gute Nacht, Agathe.«
In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er schlug eine Seite auf und las unter den Sprüchen Salomonis: Bewahre dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.
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Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wußte Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor dem sich schwer lügen ließ. Oft betrachtete sie den Vater so forschend, als sei sie von der Sicherheit der gegenwärtigen Umstände keineswegs überzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mußte jedoch, des harten Winters wegen, das Zimmer hüten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater, ihr letztes Lächeln am Abend war für ihn. Er spielte Kugel- oder Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erzählte ihr Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entzücken, das nicht bloß der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen, seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartfühlend erriet sie auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann beschäftigte sie sich auf eigene Faust.