Chapter 7
Adam Hund hatte zahlreiche Gelegenheiten gehabt, mit Anna Ewel zusammenzutreffen und sie die Überlegenheit fühlen zu lassen, die er sich im Weltgetriebe angeeignet. Er hatte in der schwarzen Böhmin eine gläubige Zuhörerin gefunden, und weil der Selbstliebe eines Mannes nichts so sehr schmeichelt, als wenn eine junge Dame seinen moralischen Urteilen wie auch den Erzählungen seiner Abenteuer bewundernd lauscht, so hatte sich die Abrede einer brieflichen Verbindung, die den fruchtbaren mündlichen Verkehr gedeihlich fortspinnen sollte, bald ergeben. Adam belehrte seine Schülerin vornehmlich über den Weg, den sie einschlagen müsse, um einen Gatten zu bekommen. »Zuvörderst ist es geraten, daß man sich eines möglichst geheimnisvollen Benehmens befleißige,« schrieb er; »wenn sich zum Beispiel ein Strumpfband gelockert hat und es steigen einem darüber peinliche Gedanken auf, weil man notabene in guter Gesellschaft ist und nicht wagen darf, den Fehler zu beheben, so empfiehlt es sich, eine melancholische Miene zur Schau zu tragen oder mit tiefsinnigem Schmachten von einem gereimten Gedicht zu sprechen. Es empfiehlt sich überhaupt, wenn ein Frauenzimmer von Sachen spricht, die sie nicht versteht, dann glauben die Männer, sie verstünden noch weniger davon und sagen untereinander: das Weib hat einen ungewöhnlichen Geist. Natürlich genügt solches nicht. Sie müssen auch, teure Anna, trefflich gewaschen und gekämmt sein, gewisse Lücken in der äußern Person geschickt zu stopfen wissen, Salben und Wohlgerüche ohne Zudringlichkeit anwenden, im Beisein anderer wenig essen, auch wenn Sie noch so großen Hunger haben, und ist dann der Gimpel einmal gefangen, so hat's weiter keine Not. Das ist ja das Merkwürdige, daß so selten einer loskommt, und ich will Ihnen auch den Grund mitteilen, warum es so ist. Nämlich wir Männer, wir nehmen die Weiber ernst, wir wollen ihnen etwas beweisen, wir wollen sie widerlegen, wir streiten mit ihnen wie mit unseresgleichen und das, verehrenswerte Anna, ist das Dümmste, was wir tun können. Dadurch haken sie sich an uns fest wie die Schnecke am Bein eines Ochsen, und während wir glauben, daß sie mit uns auf dem Lebenswege wandeln, tun sie nichts anderes als faul an unserem Fleisch schmarotzen.«
Bei einem sonderbaren Anlaß entdeckte Sylvester, daß Adam auch Nachrichten von Erfft erhielt. Seit kurzem kochte Adam seine Mahlzeiten selbst und tischte zuweilen seinem Herrn Klöße in saurer Brühe oder nach fränkischer Art gebratene Kartoffeln auf. Er wich nicht vom Fleck, bis Sylvester seine Kunst belobt hatte, fühlte sich dadurch ermuntert, über die englische Küche zu räsonieren und endete mit einem Preis der heimatlichen Dinge. Sogar sein böses Weib erschien ihm in freundlicherem Licht, und eines Tages verteidigte er sie gegen Sylvester mit einem Eifer, als ob dieser sie der größten Schandtaten bezichtigt hätte. »Das mit den Prinzipien und der männlichen Würde ist ja ganz schön,« redete er auf den immerfort schweigenden Sylvester ein, »aber sie weiß einen Apfelkuchen zu backen, da geht einem das Herz im Leibe auf. Neulich war der Inspektor Marquardt bei ihr und konnte sich nicht daran satt essen. Er hat mir geschrieben, daß sie in Dudsloch musterhafte Ordnung hält, während in Erfft alles drunter und drüber geht. Die gnädige Frau, die doch gewiß eine Ausnahme ihres Geschlechts ist, kümmert sich nur noch wenig um die Wirtschaft und um die Leute und läßt sieben gerade sein. Manchmal kommt der Herr Major herüber, befiehlt, daß man ihm die Haushaltungsbücher zeigt, schimpft über den Verbrauch und verhandelt dann stundenlang mit der gnädigen Frau hinter geschlossenen Türen. Es ist traurig, wenn der Herr nicht da ist.«
Adam hatte sich getäuscht, als er glaubte, mit dieser beredten und vorsichtigen Schilderung unerquicklicher Zustände auf seinen Herrn Eindruck zu machen. Sylvester antwortete nicht, und die Gleichgültigkeit seiner Miene erfüllte den diplomatischen Zwischenträger mit Besorgnis.
Ein äußerster Grad von Sehnsucht kann eine zweite Wirklichkeit erschaffen. Gefesselt in jedem Betracht, flohen Sylvesters Sinne in ein anderes Reich, das kein erträumtes, das wesensvoller für ihn war als die zu ertastende und mit leiblichen Augen zu erschauende Gegenwart. Während er apathisch und regelmäßig dem Trieb bestimmter Gewohnheiten folgte und den Stunden des Tages gab, was sie von ihm verlangten, waren sein Geist und seine Seele ausgewandert, den Körper als eine zufällig bewegte Hülle hinterlassend.
Er fühlte genau, daß in dieser Epoche seines Daseins innerer und äußerer Besitz auf dem Spiele stand: Vernunft, Behagen, Tätigkeitsfreude, Vermögen und Gesundheit, das Ererbte und das Erworbene; er wußte, was er verloren hatte und was ihm jede Minute des tödlichen Brütens raubte: seinen Stolz, sein Selbstvertrauen, die Kraft, zu wirken und dienendes Glied zu sein; er erkannte, daß er sich auf Vorrechte der Jugend nicht mehr berufen durfte, daß der Hinweis auf das Versäumnis höchsten Glückes die Verachtung der Menschenpflichten nicht entschuldigen würde, daß über dem leidenschaftlichen ein sittliches Gebot war, dennoch wühlte er sich mit Begierde immer tiefer in den Schmerz, und die Einsicht, daß seine Jugend vorüber war, endgültig für alle Zeiten vorüber, daß er zum letztenmal erglüht, zum letztenmal erwählt war, zum letztenmal die Seligkeit der Entäußerung, die Lust der Bezauberung, die Süßigkeit der Blutesnähe und den entzückenden Schauer der Wiedergeburt in einem andern Herzen gespürt, daß alles dies dahin war, für ewig dahin, wie durch Todesurteil verwirkt, eben die Einsicht verfinsterte sein Gemüt und zerstörte seinen Willen.
Er lebte zwiefach. Sein eigentliches Leben führte er im Schloß zu Bangor. Halluzinationen, die sich erneuerten und fortsetzten, machten ihm den fremden Bezirk vertraut. Er sah die alte Normannenburg mit ihren efeubewachsenen Höfen, dem stumpfen Turm und den gezackten Mauern. Er ging über die ehemalige Zugbrücke und unterhielt sich mit Sir Randolph, während er zugleich aufs Meer schaute. Einige Herren kehrten plaudernd von einer Segelfahrt heim. Die jungen Leute hatten Kricket gespielt, sie eilten mit heiterem Lachen von der Wiese herüber, und die weißen Kleider der Mädchen flatterten im Seewind. Der Gong ertönte, eine lange Frühstückstafel war gedeckt, und Silber und Porzellan auf dem Tisch hoben sich reizvoll gegen die braungetäfelten Wände ab. Zwei Hunde, ein Spitz und ein Terrier, wirbelten kläffend durch den Saal, und Lady Canning, die ihre Migräne hatte, beschwerte sich darüber beim Kastellan. Miß Holland, ein sehr mageres Mädchen mit Sommersprossen, erzählte, daß sie einen großen Brasiliendampfer gesehen habe, und Monsieur Renard behauptete, in Barrow habe man einen Walfisch gesichtet. Sylvester bestritt die Möglichkeit und Gabriele nahm seine Partei. Ein scherzhafter Wortkampf entspann sich, und Sylvesters Schlagfertigkeit erregte allgemeines Vergnügen. Monsieur Renard, verdrießlich über seine Niederlage, wurde von Mrs. Watch getröstet, die ihm ihre mit Schokolade gefüllte Bonbonniere reichte.
Sylvester ging zur Küste des Meeres hinunter und gewahrte Gabriele von ferne. Sie gab ihm kein Zeichen, obwohl sie ihn zu erwarten schien. Sie trug einen Reiseanzug und blickte gespannt auf ein Boot, das sich dem Ufer näherte. Er konnte nicht zu ihr gelangen, seine Füße verwickelten sich in Gestrüpp, er bückte sich, um sich frei zu machen, und als er sich aufrichtete, war Gabriele verschwunden und mit ihr auch das Boot. Er rief, die Brandung übertönte seine Stimme; er eilte ins Schloß zurück, suchte sie in der Kapelle und in vielen Zimmern, und es war ihm, als ob sie jeden Raum, den er betrat, kurz zuvor verlassen hätte. Dennoch hatte er beständig das Gefühl, daß sie ihn erwartete. Da wurde es Nacht. Alles schlief im Hause. Sylvester ging durch die langen, finstern Korridore und öffnete Gabrieles Schlafgemach. Es war ein sehr großes Zimmer mit drei riesigen Fenstern, über denen Vorhänge aus scharlachrotem Damast hingen. Auf einer Spiegelkonsole brannte eine Kerze, und weit davon in einer Mauervertiefung stand das Bett, in welchem Gabriele lag. Sie hatte die Türe nicht versperrt, weil sie ihn erwartete. Zugleich hatte sie um seinetwillen gehofft, daß er nicht kommen würde. Er kniete an dem Lager hin und faßte ihre Hand. Sie floh sichtlich, ihre Seele floh vor ihm; sie zitterte wie ein gefangenes Reh. Wenn er sie anschaute, schüttelte sie den Kopf, und ihre Finger preßten flehentlich die seinen. Die Nacht verwandelte sie in ein Naturwesen, doch ihr Blut, ihr Auge und ihre des Widerstandes schon müden Glieder widerstrebten ihm. Da erst empfand er ihren ganzen Wert, die ganze Unschuld ihres Herzens, das Erschütternde und zur Ehrfurcht Zwingende der nie zuvor Berührten, die dem Ansturm des Geschlechts nur im höchsten Schmerz ihrer Liebe unterliegt. Er gab ihr die Namen von Blumen, denen sie verwandt war und dachte an schöne Tiere, an die ihre Grazie erinnerte. Unüberwindliche Scheu verbot ihm, sie zu umarmen, und er liebte sie mit opfernder Inbrunst, die alle sinnlichen Empörungen erstickte. Die Nacht hindurch kauerte er an ihrem Bett, und ehe er ging, beugte sie sich zu ihm, enthüllte furchtlos die Lieblichkeit der Schultern und das edle Spiel jugendlicher Körperlinien, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben außerhalb des Wirklichen. In der Dämmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem Schleier war sehr bleich. Er wußte, was sie hergetrieben hatte, er begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und nun war es beschlossen für ihn, daß er nach Hause reisen und von Agathe seine Freiheit fordern müsse. Von der Stunde an war die Schwäche und traumhafte Schwermut von ihm gewichen.
Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in Kenntnis setzte. Den nächsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe zum Packen und um fünf Uhr saß er in der Eisenbahn, die ihn zur Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder bunt durcheinander.
Genau drei Tage später erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die Würzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie, während des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preußen in Brand geschossen worden war. Novembernebel hüllte die Stadt in flaumigen Dunst, und der an den Rebenhügeln hingleitende Strom war von der untergehenden Sonne blutrot gefärbt.
* * * * *
Die Mühe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu bewahren, die sich notwendig einstellen muß, wenn das anerkannte Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der törichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag. Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse Summe von Arbeit, Überlegungen und Entbehrungen darstellte und die persönliche Unabhängigkeit sicherte. Daran gewöhnt, zu sparen und selbst bescheidene Bedürfnisse nur zu erfüllen, wenn sie unabweisbar wurden, erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das Gespenst der Not und der Schuldbedrängnis heraufbeschworen hatte, ihren Abscheu und ihre Verachtung.
Sie überließ dem Inspektor Marquardt die Aufsicht über beide Güter, anfangs nur der Form nach, schließlich in jeder Weise, denn um tätig zu sein, brauchte sie die Überzeugung der Förderlichkeit und des sichtbaren Gelingens, hier aber konnte sie nur im Geringfügigen nützen, indes ein unersättlicher Vampir das Lebensmark aus dem Besitze sog. Daß die bezahlten Diener den Vorteil der Herrschaft nicht über ihren eigenen stellen würden, war ihr klar, und mit dem Gedanken an Untreue, Fahrlässigkeit und schlechte Führung der Geschäfte hatte sie sich längst vertraut gemacht.
Ihre Schwester Martha, die Frau des Majors, redete ihr zu, sie solle doch mit dem Kind nach Eggenberg übersiedeln, der Major würde dann Erfft und Dudsloch von seinem Vetter verwalten lassen, der ein erfahrener Ökonom sei. Agathe weigerte sich. »Ich äße bei dir und deinem Mann doch nur das Gnadenbrot,« sagte sie, »und das paßt mir nicht. Gehen die Dinge schief, so will ich wenigstens dabei sein, obschon ich nichts ändern kann; dem Verderben zusehen ist besser, als es bloß ahnen.«
Um jene Zeit wußte der Major noch nichts von Agathes Geldsorgen, erst der schwatzhafte Inspektor verschaffte ihm Aufklärung. Am folgenden Sonntag kam er und zog Agathe in ein förmliches Kreuzverhör. Sie gab nur zu, was sie nicht leugnen konnte. Sie behauptete, Sylvester sei mit ihrem Einverständnis ins Ausland gereist, sie billige seine Lebensführung und habe zu klagen keine Ursache. »Ich glaube dir nicht,« polterte der Major; »entweder bist du blind, oder du willst mich blind machen.« — »Ich wollte, ich wäre in dem Sinne blind, den du meinst,« erwiderte Agathe mit unfreiwilliger Offenheit. Der Major brauste auf. »Schön; so werde ich deinem Herrn Gemahl schreiben,« rief er, »und wenn er noch einen Funken Ehre im Leib hat, so wird er nicht im Zweifel darüber sein, was er dir und der Familie schuldet.« Da trat Agathe ganz nahe vor ihren Schwager hin, blitzte ihn mit ihren wunderbar energischen Augen drohend an und sagte hart und bestimmt: »Du wirst ihm nicht eine Zeile schreiben, Konrad. Nicht eine Zeile, verstehst du? Weder du noch Martha. Von dem Tage an, wo dies geschähe, hättet ihr mich zur Feindin und ich kennte euch nicht mehr.« Der Major senkte betroffen den Kopf, ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. Agathe aber, indem ihre Stimme tiefer und ruhiger wurde, fuhr fort: »Sylvester schuldet mir nichts und schuldet der Familie nichts. Er weiß, was er tut und tut wahrscheinlich, was er muß. Daß er kein Mensch nach dem Reglement ist, habt ihr immer gewußt, nun beweist er's, und wir müssen uns damit abfinden.« Der Major zuckte die Achseln: »Wenn du dich damit abfindest, hat niemand das Recht zur Einrede,« versetzte er, »aber es freut mich doch, daß in dem Fall wieder einmal mein altes Wort zur Wahrheit wird: ein schlechter Bürger, ein schlechter Mann. Und das, meine liebe Schwägerin, das mußt du schlucken, so eifrig du ihm auch den Anwalt machst.«
Nach ein paar Tagen erschien Martha und versuchte ihre Schwester mit List zu einem entschiedenen Schritt zu bestimmen. Agathe durchschaute sie schnell und wies sie fast verächtlich ab. In nachhaltiger Verstimmung kehrte Martha nach Hause zurück und grollte der Schwester monatelang. Der Major, viel zu gutmütig, um die Erbitterung seiner Frau zu teilen, ritt jede Woche einmal nach Erfft, brachte Silvia eine Puppe oder ein Kleidchen mit und prüfte die Rechnungen, die ihm der Inspektor vorlegte. Agathe war ihm dankbar, trotzdem sie von der Vergeblichkeit solchen Beistands durchdrungen war. Daß der Major auch ein bißchen in sie verliebt sein könne, fiel ihr nicht im Traume ein.
In der Nachbarschaft und unter den Bekannten wurde über die rätselhafte Abwesenheit Sylvesters mancherlei geredet, wie sich denken läßt. Forschenden Blicken zu begegnen, Vertraulichkeiten abzuwehren und taktlose Neugier zufriedenzustellen, hatte Agathe keine Lust; nicht bloß aus diesem Grund, sondern auch, weil ihr die Menschengesichter immer weniger gefielen, mied sie Gespräche und Zusammenkünfte und verbarg sich still in ihrem Hause. Achim Ursanner, der einzige, dessen Gesellschaft ihr bisweilen erwünscht gewesen wäre, gab selten ein Lebenszeichen, und gesehen hatte sie ihn seit ihrem Besuch in Randersacker nicht mehr. Einmal hatte er ein paar Stellen aus einem Brief Sylvesters geschickt, ein anderes Mal die Abschrift einiger kraftvoller Sätze aus der Schopenhauerschen Abhandlung: Von dem, was einer vorstellt. »Die Erde ist von einem heillosen Gezücht bevölkert,« hatte er hinzugefügt, »und was mich vor der Verzweiflung, ja vor dem Selbstmord rettet, ist einerseits die Erkenntnis, daß dieses Gezücht in unermeßlicher Geistesfinsternis begraben ist (denn wir alle, Frau Agathe, wir alle unterschätzen sehr die Macht und Souveränität der Dummheit), anderseits der Trost und Zuspruch aus den Werken der wenigen großen Männer, die in diese üble Welt versprengt sind wie Goldkörner in eine Felsenwüstenei.«
An einem Nachmittag im Juni kam Frau Österlein zu Agathe und meldete, daß ein fremder Mann drunten warte. Sie konnte den Namen des Ankömmlings nur verzerrt wiedergeben, aber Agathe erriet sogleich, daß es Ursanner sei. Sie eilte hinab und begrüßte ihn. Pferd und Wägelchen, die ihn hergebracht, standen am Tor.
Er sah ziemlich vernachlässigt aus; sein Bart war gewachsen, auf der Stirn und neben den Nasenflügeln hatten sich tiefgehöhlte Furchen gebildet, und sein Blick erhob sich selten bis zu den Augen Agathes. Er hatte nervöse Gesten und oft mitten im Sprechen Sekunden der Gedankenflucht. Der Händedruck, mit dem er Agathes Gruß erwiderte, war eigentümlich klammernd. »Seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihre Freundlichkeit so spät heimzahle,« begann er, »doch was ich wünsche und was ich darf, das ist so verschieden wie Himmel und Hölle.«
Agathe bot ihm eine Erfrischung an, er wollte nichts nehmen und verlangte nur einen Trunk Wasser. Dann fragte er nach Silvia, aber das Kind war mit Frau Marquardt zum Bad gegangen. »Schade, ich hätte das Mädchen gerne gesehen,« meinte Ursanner, und Agathe, indem ein Schatten über ihre Stirn zog, erwiderte, auch sie hätte gern erfahren, wie er über das Kind denke; »sie ist so sonderbar seit einiger Zeit, so verschlossen, so launenhaft, manchmal wird mir angst und bang.« — »Davon kann ich ebenfalls ein Lied singen,« sagte Ursanner halblaut; »an unsern Kindern merken wir immer, wie die Welt zu uns steht, und das gibt meistens ein trauriges Echo. Doch wie wär's,« fuhr er lebhafter fort, »wenn wir einen Spaziergang machten, Frau Agathe? Haben Sie Lust?«
Agathe stimmte zu. Am Mittag hatte es gewittert, jetzt war es schön geworden. Laub und Wiesen glänzten, und die Mücken, die in der Luft schwärmten, sahen aus wie Silberspäne. Agathe begehrte zu wissen, ob sich in Ursanners schlimmen Angelegenheiten etwas verändert habe. Ursanner ging eine Weile nachdenklich neben ihr her, dann sagte er: »Lassen wir das doch, Frau Agathe. Meine Sachen sind dermaßen beschaffen, daß man am besten darüber schweigt. Um mich und in mir wird's schwärzer mit jedem Tag. Letzte Nacht nun, wie ich schlaflos in meinem Bette lag, dacht' ich mir: morgen will ich einmal in ein liebes Gesicht schauen, und ich dachte an Sie dabei und nahm mir vor, zu Ihnen zu gehen. Das gab mir meine Ruhe wieder, und ich konnte einschlafen. Da bin ich also, Frau Agathe, und wenn ich eine Bitte tun darf, ist es die, daß wir nicht von meinem Elend sprechen.«
»Die Bitte muß ich Ihnen schon aus Dankbarkeit erfüllen,« antwortete Agathe, und mit einem Seufzer setzte sie hinzu: »Aber es dünkt mich, wo immer zwei Menschen beisammen sind, sprechen sie von ihrem Elend.«
»Sie trinken das Bittere, weil Süßes drauf folgt, heißt irgendein Vers,« sagte Ursanner. »Bei mir nicht. Sie, Frau Agathe, spüren das Süße schon auf der Zunge, denn Ihr Schicksal, dessen bin ich gewiß, wird sich bald zum guten wenden. Sie gehören nicht zu denen, die niedergetreten werden, dessen bin ich gewiß.«
»Sie haben recht, daß Sie meine Leiden nicht schwer nehmen,« entgegnete Agathe; »was soll's auch weiter? Man hat etwas genossen, was man dann entbehren muß. Das Herz gewöhnt sich so leicht an einen Glückszustand, daß es ihn fordern zu können glaubt und sich ganz ungebührlich benimmt, wenn es verzichten soll. Ich hoffe selbst, daß es mich nicht niederwirft.«
»So war die Meinung mit nichten,« sagte Ursanner, »aber ich sehe schon, Sie ziehen Ihr Mißverständnis meiner Zuversicht vor. Jeder liebt seinen Schmerz, und heute scheinen Sie unversöhnlicher gestimmt als damals.«
»Wissen Sie denn nicht, daß er von mir gegangen ist, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, weder ein gutes, noch ein böses Wort?« rief Agathe stehenbleibend; ihre Wangen entfärbten sich, und die Hände hatte sie auf die Brust gedrückt. »Er ist fort wie einer aus einem Garten schleicht, aus dem er Äpfel gestohlen hat, wie einer, der mit Falschspielern am Kartentisch gesessen ist und voll Ekel aufsteht und sich entfernt. Was kann ich aber machen? Bin ich nicht für mein Leben entwürdigt? Hat er mir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, daß ich nur Zeitvertreib und Füllsel für ihn war?«
»Es ist nicht so, es ist nicht so,« beschwichtigte Ursanner die leidenschaftlich Erregte. »Nicht wie ein Apfeldieb, auch nicht wie ein Spieler ist er gegangen, sondern vielleicht wie ein abergläubischer Schatzgräber; solche Leute haben oft eine geheimnisvolle Manier und sind von ihrem Trieb bis zur Sinnlosigkeit besessen. Denken Sie doch einmal mit aller Güte an ihn, deren Sie fähig sind. Erinnern Sie sich seiner besten Augenblicke, und Sie werden Mühe haben, sein Bild so finster zu sehen, wie es Ihnen Ihre beleidigte Empfindung zeigt. Ein sonst vortrefflicher Mensch, und das ist Sylvester doch, der einem teuren Wesen Schlechtes zufügt, leidet mehr als dieses Wesen selbst. Man braucht oft nur ein wenig Einbildungskraft, um dem Häßlichen einer Tat die Qual anzumerken, die sie dem Täter bereitet.«
»Nein, nein,« entgegnete Agathe, »das verwirrt mich. Wer eine einfache Pflicht erfüllt, hat niemals so feine Auslegungen nötig wie der, der sie mißachtet. Was für Geschöpfe sind doch die Männer! Wahllos in ihren Neigungen, skrupellos in ihren Gelüsten, erfinden sie eine neue Weltordnung, um der Schwäche und dem Laster einen großartigen Namen zu geben, und für ein Mysterium der Natur möchten sie gelten lassen, was nur Überdruß und Lüsternheit ist. Hab' ich nicht denselben Anspruch darauf, mein Leben auszuschöpfen? Bin ich nicht auch aus Fleisch und Blut? Ist bei mir Sünde, was bei ihm Not ist? Was ihm erlaubt ist, soll mir verwehrt sein? Warum? Maßt sich ein Weib dergleichen an, so kehrt ihm jeder Mann und jedes Weib den Rücken. Wie, wenn ich ihm eines Tages sagte: ich habe mich vergessen, nur ein einziges Mal, aber ich habe mich vergessen —? Dann wäre ich die Verräterin, und er, der mich im Tiefsten verraten hat, der Gott, der seine Ehre rächt. Ist das billig?« Sie hob einen Zweig vom Boden auf und riß mit heftigen Gebärden die Blätter herunter.
Achim Ursanner lächelte. »Sie könnten es nicht, auch wenn Sie wollten,« antwortete er, »und damit ist alles gesagt. Eine Ehe ist nur äußerlich ein Vertrag zwischen Gleichberechtigten, in Wahrheit hat sie die ganze Bosheit und Gefährlichkeit der natürlichen Einrichtungen, denen wir durch Widerstand und Kampf nichts von ihrer majestätischen Willkür abdingen können. Überall wo im Kosmos Kräfte verteilt sind, streben sie zur Harmonie, und was wir als sinnliche oder sittliche Gebote in uns spüren, sind nur Zeichen für die Elemente einer höheren und meist sehr grausamen Ordnung. Weib und Mann! Es ist, als ob man zwei Sterne im Raum durch eine Brücke verbinden wollte.«
»Ja, sind wir denn los und ledig und ist jeder nur Werkzeug? Muß man alles was geschieht, erdulden, bloß weil es geschieht?«
»Das Weib ist für die Ehe geboren, der Mann muß zu ihr entschlossen sein; das erklärt vieles, scheint mir.«