Der Mann von vierzig Jahren

Chapter 5

Chapter 53,661 wordsPublic domain

Erbeuten und wegwerfen; bewahrte das Gedächtnis einen Namen, ein zartes Wort, eine seltene Gebärde, so war die Mühe belohnt; Gestalt und Wesen schwanden hin. Wer Blüten pflückt, will oft kaum riechen; den Strauß in der Hand, mag er ihn schon nicht mehr weiter tragen, und schleudert er ihn fort, ist er sorgloser geworden. Aber Sylvester hatte eine schwere Sorge. Seine Geldmittel verringerten sich schnell. Die dreitausend Taler, die er hatte schicken lassen, waren verbraucht. Er verlangte einen Kreditbrief auf zehntausend Taler und berechnete, daß er ihn nach drei Monaten erschöpft haben würde. Eine gleichgroße Summe lag nicht mehr bereit. Ein Bankier riet ihm, Börsenpapiere zu kaufen, doch er fand das Geschäft zu unsicher und zu langwierig. In der Neujahrsnacht kam er in Begleitung mehrerer junger Engländer in ein Haus, wo Bakkarat gespielt wurde. Er beteiligte sich am Spiel und gewann neunzehnhundert Franken. Acht Tage später ging er wieder hin und gewann über viertausend Franken. Nach einiger Zeit wollte er zum drittenmal sein Glück versuchen, aber da verlor er. Es waren zwar nur dreißig Goldstücke, aber der Verlust ärgerte ihn, und er wollte ihn am andern Tag wieder einbringen. Er verlor. Nun hatte er keine Ruhe mehr und wähnte, das Glück erzwingen zu müssen. Allnächtlich saß er bis gegen die Morgenstunde am grünen Tisch, ruhiger als alle anderen Spieler und von einer seltsamen Neugier erfüllt, zu erfahren, wann das Mißgeschick aufhören wurde, ihn zu verfolgen.

Nach Verlauf eines Monats hatte er zweiunddreißigtausend Franken verloren. Um seine Schulden tilgen zu können, mußte er das ganze Depot erheben, das sich noch in Würzburg befand. Darauf schrieb er an den Inspektor nach Erfft, es müsse eine Anleihe aufgenommen werden, ein ihm bekannter Agent in München, an den er sich gleichfalls brieflich wandte, sollte dazu behilflich sein. Unter großen Schwierigkeiten wurden zwanzigtausend Taler flüssig gemacht. Sylvester spielte trotzig weiter, und in einer Woche verlor er die Hälfte dieser Summe. Nun erkannte er das Vergebliche seines Eigensinns, und da ihn nicht so sehr die Leidenschaft als der Wille beherrscht hatte, das dumme, blinde Ungefähr zu lenken, bedurfte es nur eines Entschlusses, um ihn von seinem verhängnisvollen Weg abzubringen. Freilich trug dazu ein Ereignis bei, das auch wie ein Spiel begonnen hatte, aber mit Trauer und Vernichtung enden sollte.

Durch einen jungen Marineoffizier, den er im Salon der Prinzessin Mathilde kennen gelernt hatte und der ihm eine herzliche Freundschaft entgegenbrachte, war er in das Haus des Lords Albany gekommen. Lord Cecil Albany war ein Mann von ungeheurem Reichtum, der es liebte, die Wintermonate in Paris zu verbringen und sich durch seinen Aufwand in großen Respekt gesetzt hatte. Er hatte in der Rue St. Honoré einen Palast gemietet und sah jeden Abend die vornehme Welt bei sich. Doch geschah dies nur seiner Frau zuliebe, er selbst war ziemlich menschenscheu und die ihn näher kannten, schilderten ihn als einen trockenen, hochmütigen und rohen Patron. Lady Evelyn war eine echte Engländerin, schlank, anmutig, äußerlich kühl, doch in irgendeiner Art heimlich besessen. Es war eine unverhehlte Tatsache, daß sie den Lord wider ihren Willen und nur auf den Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte. Sie hatte erklärt: Wenn man mich zu dieser Ehe zwingt, so werde ich alles tun, um mich zu rächen. Das Zusammenleben mit Lord Cecil bestärkte ihre Abneigung, und es galt für ausgemacht, daß sie ihren Gatten betrog. Doch ging sie dabei mit List und Heimlichkeit zu Werke, und der Lord hatte bis jetzt nicht die geringste Ursache gehabt, sich über sie zu beklagen.

Sylvester fand sogleich den Ton, der ihrem romantischen Wesen zusagte, er gewann ihr Vertrauen, und nach kurzer Zeit standen sie im innigsten Einverständnis. Sie ergötzte Sylvester, und er konnte sie nicht ganz ernst nehmen, obgleich er das Pflanzenhafte an ihr wahrnahm, das allerdings nur in dieser besonderen Atmosphäre eines Treibhauses gedeihen konnte.

Seit sie seine Geliebte war, besuchte sie ihn in seiner Wohnung; nun geschah es aber, daß Lord Cecil nach London reisen mußte und seine Rückkehr erst für das Ende jener Woche in Aussicht stellte. An einem Abend ging Sylvester zu Lady Evelyn, und die Vorsicht vergessend, die sie beide bis jetzt beobachtet, blieben sie bis weit über Mitternacht beisammen. Als Sylvester durch den beleuchteten Flur zum Tor schritt, wurde die Nachtpforte gerade von außen geöffnet, und zu seinem peinlichen Erstaunen sah er Lord Albany hereintreten. Der Lord stutzte, griff aber dann nach seinem Hut und grüßte Sylvester mit außerordentlicher Höflichkeit. Darauf wandte er sich zur Treppe, und Sylvester verließ ziemlich beruhigt das Haus.

Indessen rief der Lord sämtliche Diener und Dienerinnen herbei, bedeutete ihnen, im Vestibül zu warten, forderte von einem der Mädchen ein gewöhnliches Kleid, und nachdem er es erhalten und über den Arm geworfen, betrat er das Schlafzimmer seiner Frau. Er brauchte keinen andern Beweis ihrer Schuld als den Umstand, daß sie im Bette lag. Mit eisigem Gesicht befahl er ihr, sich zu erheben, warf ihr das Gewand hin und hieß sie es anzuziehen. Sie gehorchte zitternd. »Nur wenn Sie augenblicklich das Zimmer und augenblicklich mein Haus verlassen, können Sie sich eine körperliche Züchtigung ersparen,« sagte er. Sie sah ihn an und wußte, daß sie nichts zu hoffen habe. Sinnlos vor Scham und Angst eilte sie hinaus, durch das Spalier der regungslosen Dienstleute hinunter auf die Straße. Lord Cecil sperrte das Tor hinter ihr zu und bewachte es eine Stunde lang, um zu verhüten, daß einer von den Leuten ihr folge und Hilfe leiste.

Erst drei Tage später gelangte die Kunde dieses Vorfalls zu Sylvester; da Lord Albany selbst sich in Schweigen hüllte, konnte das Gerücht nur durch die Mitteilungen der Dienerschaft in die Welt dringen. Man war entsetzt, man schüttelte den Kopf, und die Gespräche erschöpften sich in ausschweifenden Vermutungen. Sylvester war froh, daß nirgends sein Name genannt wurde, aber der Gedanke an das Schicksal der unglücklichen Evelyn verfolgte ihn beständig. Daß sie nicht zu ihm gekommen war und keine Nachricht gab, zeigte, daß auch sie das Spielerische und Haltlose ihrer gegenseitigen Beziehungen empfunden hatte, und seine Sorge um sie verdoppelte sich. Nach einigen Wochen erzählte ihm der Marineoffizier, Lady Evelyn habe Mittel gefunden, nach Essex zu kommen, wo ihre Eltern wohnten, habe sich ihrem Vater zu Füßen geworfen, sei aber von diesem mit großer Härte abgewiesen worden, da in den Augen eines anständigen Engländers ein Ehebruch unauslöschlichen Makel mit sich bringe, und eine Frau, die solcher Sünde überführt worden, von der menschlichen Gesellschaft verstoßen und auf ewig gebrandmarkt werden müsse. Einer ihrer Brüder habe ihr aus Mitleid eine geringe Summe Geldes zugesteckt, und damit sei Evelyn nach London gegangen, wo sie ein unstetes, ja, wenn man den Versicherungen des Sir Randolph Canning, eines Vetters von Lord Albany glauben wolle, verworfenes Leben führe. Sir Randolph behaupte nämlich, sie sei jede Nacht in einer berüchtigten Opiumkneipe im Norden der Stadt zu sehen.

Es kam der Juni, und Sylvester ließ sich von seinen englischen Freunden überreden, mit ihnen nach London zu gehen. Er entschloß sich um so leichter dazu, als er in den Pariser Zirkeln plötzlich eine feindselige Haltung gegen seine Nationalität spürte, eine Gespanntheit und zunehmende Kälte, die er sich nicht erklären konnte und die jedenfalls durch gewisse politische Machenschaften und Hetzereien begründet war. Eines Abends, im Foyer der Oper, stellte er den Herzog von Montmorency zur Rede, der in seiner Gegenwart eine spöttische Bemerkung über die »Prussiens« gemacht hatte, und es wäre zum Duell gekommen, wenn nicht einsichtige Vermittler den Streit geschlichtet hätten. Eben jener Sir Randolph, ein jüngerer Sohn des Lord Winchester, lud ihn ein, die Herbstmonate auf seinem Schloß in Bangor an der Irischen See zu verbringen. Er versprach es.

Schon die ersten Londoner Tage zogen ihn in eine verwirrende Geselligkeit und die Anforderungen wuchsen mit der Bereitschaft, sie zu erfüllen. Eines Morgens nahm er eine Zeitung zur Hand, und sein Gesicht verfärbte sich, als er unter den Todesanzeigen die Nachricht vom Hinscheiden der Lady Evelyn Albany las. Lord Cecil verkündete es in Ausdrücken geziemenden Schmerzes und teilte mit, daß sich die Leiche in seinem Haus am Trafalgar Square befinde und er daselbst die Kondolenzvisiten annehmen werde. Noch am Vormittag erhielt Sylvester den Besuch eines jener Alleswisser, die über die Ereignisse in der großen Welt genau unterrichtet sind und vernahm von ihm, daß man die arme Evelyn vor zwei Tagen gegen Morgengrauen in einem Elendsviertel bewußtlos auf der Straße gefunden habe. Sie sei ins Hospital geschafft worden, habe dort nur noch ihren Namen flüstern können und dann sei ihre Seele entflohen. Lord Cecil wurde verständigt; dem Tod gegenüber zeigte er sich wenn auch nicht versöhnt, so doch der äußeren Pflichten seiner Stellung eingedenk; durch ihren Tod wurde die grausam in den Schlamm des Lebens hinabgeschleuderte Evelyn wieder zur Lady Albany und alles was geschehen war, seit sie sich entwürdigt, wurde einfach als ungeschehen betrachtet.

Sylvester zögerte lange, bis er den Entschluß faßte, in Lord Cecils Haus zu gehen. Aber er glaubte es dem Andenken Evelyns schuldig zu sein, ihrem irdischen Rest einen Abschiedsgruß zu erweisen. Er wählte eine Stunde, wo er sicher war, daß man unter vielen Leuten seine Anwesenheit nicht beachten würde. Jedoch seine Erwartung traf nicht zu. Als er in den Saal kam, in welchem die Tote auf einem mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Katafalk lag, waren die meisten Besucher schon weggegangen, und einige Personen, die flüsternd in einer Ecke des Raumes standen, waren ebenfalls im Begriff, sich zu entfernen. Sylvester trat an den Sarg und blickte in das ergreifend zerstörte, unendlich abgehärmte Antlitz, dessen starre Ruhe zu trügen schien, und dessen Blässe phosphorisch leuchtete. Während er noch niederschaute, sah er plötzlich dicht neben sich Lord Cecil Albany. Der Lord hatte die Hände auf dem Rücken, wandte Sylvester den Kopf langsam zu und sagte mit heiserer Stimme: »Sie war schön, nicht wahr?« Sylvester zuckte zusammen, die Augen des Lords verdrehten sich unheimlich, als er seine Worte wiederholte: »Sie war schön, nicht wahr?«

Da senkte Sylvester die Stirn, kehrte sich um und ging schweigend hinaus.

* * * * *

Seiner selbst überdrüssig sein ist schrecklicher als sterben. Jeder Gedanke wird Anklage, das Herz erstickt in Melancholie, der Schritt spottet seines Zieles, nur Ekel saugt das Auge aus den Dingen, die Hand, wonach sie auch greift, sie hält nichts, der Mund mag nicht mehr reden, das Ohr nicht hören. Sich auskleiden am Abend, sich anziehen am Morgen, wozu? Und die Menschen, was soll ihre Eile frommen, ihr Gelächter, ihr Nein und Ja, ihr Schön und Häßlich; wie zwecklos dies Anzünden von Lichtern und Auslöschen von Lichtern, dies Abreisen und Wiederkommen, der Schmuck von Wänden, die Zierat der Städte, all dies Vergebliche, ach, so furchtbar Vergebliche!

Unheilvoller als vor Monaten in der Heimat gewann solche Stimmung Macht über Sylvester. Er blieb tagelang in seinem Zimmer, schloß die Läden zu und lag in der Dunkelheit. Jedes fremde Gesicht war ihm unerträglich und jeder Laut von der Straße verstörte ihn. Wenn der treue und besorgte Adam an die Türe pochte, antwortete er zuerst überhaupt nicht, dann übermannte ihn der Zorn und er befahl ihm unter Schimpfworten, sich zu trollen. In später Nacht ging er aus, um zu essen und kehrte oft hungrig wieder heim. Am liebsten weilte er am Fluß, in später Nacht; beugte sich über ein Brückengeländer und sah zu, wie das Wasser floß und Barken und kleine Dampfer dahin glitten. Er wollte sich nicht Rechenschaft darüber geben, was er unterlassen. Er war nicht gewohnt, über sich nachzudenken. Sein Schmerz hatte nichts mit seinen Handlungen zu schaffen, obwohl er sich klar darüber war, daß er nichts Gutes und Heilsames, sondern nur Schädliches und Schlechtes durch sie hervorgebracht hatte. Erinnerte er sich an die Begegnungen der letzten Zeit, an die Abenteuer und Verstrickungen, so fand er sich um so leerer und kälter, je deutlicher er sie vergegenwärtigte, und Evelyns bleiches Totenantlitz hatte nur einen Flammenschein in die Kälte und Armut seiner Brust geworfen wie eine Fackel in die Ruine eines Hauses. Sein Schmerz strömte aus dem allertiefsten Grund des Lebens, und mit ihm stieg zuweilen eine unermeßliche Sehnsucht empor, in deren Umklammerung er sich ohnmächtig hinschleppte.

Einmal träumte ihm, er sei mit Adam Hund von Erfft aufgebrochen. Sie ritten durch den Wald, Adam mit einer brennenden Fackel voraus. Es ist eine stürmische Nacht, die Zweige krachen und seufzend biegen sich die Stämme. Eine Regenflut prasselt nieder und verlöscht die Fackel. Die undurchdringliche Finsternis tötet alle Hoffnung in Sylvester, und er kann nichts denken als das eine: nur nicht zurück, nur nicht mehr nach Hause. Er spürt den warmen Leib des Pferdes und vernimmt Adams häufigen Zuruf, der sich seiner Nähe versichert. So irren sie viele Stunden lang umher, und als der Morgen graut, fangen die Pferde an zu wiehern, und Sylvester gewahrt durch Nebel und Regen hindurch sein Haus. Darüber empfindet er eine solche Verzweiflung, daß er sich über den Hals des Pferdes beugt und ihm ein Messer in die Brust stößt. Ein Blutstrahl quillt auf, steigt immer höher empor und leuchtet wie Feuer. Adam ist verschwunden, das Haus ist leer, Sylvester sucht und weiß nicht wonach, keuchend läuft er durch unbekannte Räume, die Luft ist rot von der Blutfontäne, er sinkt erschöpft zu Boden und erwacht.

Bei diesem Erwachen faßte er den Vorsatz, wieder unter Menschen zu gehen, damit die in seiner Nähe lebten, nicht das beständige Schauspiel selbstzerstörenden Tuns vor Augen hätten. Er rief Adam zum Rasieren, der schleppte mit heller Freude seinen Kasten herbei und behandelte Sylvester wie einen von Krankheit Genesenden; im übrigen war er schlecht auf England zu sprechen, weil er nirgends Suppe zu essen bekam, und nannte die Engländer traurige Hungerleider. Seine Gefräßigkeit wuchs im selben Maß wie seine zarteren Bedürfnisse schwanden.

Nur um die Zeit zu füllen ging Sylvester am Abend ins Coventgarden-Theater, nicht weil Gabriele Tannhauser dort sang. Um so unerwarteter war der tiefe Eindruck, den sie auf ihn machte. Zwei Tage später traf er sie auf einem Rout bei der Herzogin von Devonshire. Sie gewahrte ihn, als er unter die Türe trat, schien sich seiner zu erinnern und lächelte ihm flüchtig zu. Da sie von Bewunderern umlagert war, verschmähte er es, zu ihr zu dringen. Es fiel ihm auf, daß sie sich ganz und gar nicht als Dame gab, ganz und gar nicht als Stern für eine entzückte Menge, aber er vergaß nicht, wie schlank und fein sie dastand, spärlich in Gesten und wachsam hinter ihren besonderen Verschleierungen.

Die vielfachen Wege des gesellschaftlichen Lebens hatten Stationen, auf denen man sich immer begegnete. Schon am andern Tag sah er Gabriele auf einem Ball bei Lady Tankarville wieder, und am darauffolgenden bei einem Diner im Hause des Lord Keith. Sie hatte großen Erfolg in London, alle jungen Männer lagen ihr zu Füßen, und ehrwürdige Granden des Reichs gehörten zu ihren Anbetern. Sie schien es kaum zu merken. Die Last der Verpflichtungen, die ihr der Ruhm auferlegte, bedrückte sie. Sie klagte gegen Sylvester, daß sie unter dem Klima leide. Er riet ihr körperliche Bewegung an, empfahl ihr zu wandern, zu reiten und machte sich erbötig, sie bei Ausflügen zu beschützen. »Ich bin ein armer Sklave,« antwortete sie, »ich kann mein Joch nicht abtun.« Im Herbst wolle sie sich erholen, sagte sie; sie sei von den Cannings eingeladen, nach Bangor zu kommen und habe die Absicht, einige Wochen dort zuzubringen. Es berührte sie nicht unangenehm, als Sylvester ihr mitteilte, daß auch er in Bangor sein werde. Sie fand Gefallen an der Unterhaltung mit ihm. Sein offenes, geistig durchwühltes Gesicht hatte ihre Sympathie erweckt.

Sylvester hatte eine alte Freundin in London, eine Frau von Rhynow, die Gattin eines Konsuls. Sie war förmlich verliebt in Gabriele, der sie in dem fremden Land viele Dienste leistete, und da sie ein Vergnügen daran fand, Menschen zusammenzubringen, die sie gern hatte, lud sie Gabriele und Sylvester häufig zur Teestunde ein. Übertriebenes Zartgefühl ließ sie glauben, daß das harmonische Gespräch der beiden durch ihre Gegenwart gestört werde, und so ging sie meist aus dem Zimmer, nachdem sie ihre Gäste bewirtet hatte. Die Zurückgelassenen mußten ihre Situation scherzhaft nehmen, wenn sie ihnen nicht verfänglich scheinen sollte.

Gabriele war ohne Arg, auch gegen sich selbst. Sie war der Nähe eines Menschen froh, der fest in seiner Welt stand und ihre Empfindlichkeit gegen dieselbe Welt milderte. Sie durfte immer wieder in ihre Einsamkeit zurückkehren, sie hatte die Sicherheit, sich nicht verlieren zu können und als sie erfuhr, daß er verheiratet sei, wuchs ihr Vertrauen gegen ihn, ein mädchenhafter Zug und ein philiströser zugleich. Sylvester betonte sein Gefühl der Freundschaft; er sagte, daß sein Herz müde sei, und er glaubte es. Der Magnetismus, den zu erproben er ausgezogen, er spürte ihn nicht mehr; er hatte ihn verschwendet, in Kleinmünze zerstückt. Er hielt sich für unfähig, zu entflammen und unfähig, entflammt zu werden. Wenn er Gabriele vor sich sah, in der Herrlichkeit einer Jugend, die sie wie eine Bürde trug, wenn er in ihre Augen blickte, in denen unbewußt und ergreifend die Schönheit der Bereitschaft war, dann dünkte ihm Resignation natürlich und anständig.

In dieser stolzen und ergebenen Stimmung schrieb er an Achim Ursanner, an den er sich jetzt zuweilen wie an einen heimlichen Boten wandte: »Daß ich in meiner Zeit lebe, ist mein Schicksal; daß ich sie betrachte, enthält schon einen Triumph über das Schicksal. Vor ihr stehe ich wie vor einem Spiegel. Sie atmet mir die Welt entgegen, sie zeigt mir die Menschheit in dem Augenblick, wo ich es vermocht habe, mich ihr zu entziehen. Meine Selbstbesinnung ist mein Sieg über die Zeit. Ich kann die Augen schließen, und Welt und Zeit strömen in mich hinein, kein einzelnes hat mehr Gewalt über mich, ich habe die Gewalt des Träumers über das Ganze. Ich möchte mich mit einem Trauernden vergleichen, der in unzugänglicher Abgeschlossenheit haust, dennoch sich gehetzt, bedroht, aufs äußerste beunruhigt fühlt, und der gerade in der Sekunde der letzten Hoffnungslosigkeit einen zauberhaften Trost empfängt, so daß seine Stirn, von der neuen Morgenröte berührt, einen Schein mystischen Entzückens ausstrahlt, während die Brust noch in einer poesielosen Finsternis begraben ist.«

Aber Sylvester irrte sich. Die ganze Weisheit war gewünschtes Mißverständnis dessen, was in ihm vorging. Lockte ihn nicht die Gebärde, mit der die Freundin nach einer Notenrolle griff? Und jene, mit der sie die Arme hob, um den Schleier zu binden? Und jene halb fürstliche, halb zaghafte, mit der sie eine Tür öffnete? Gab nicht ein schelmisches Lächeln, ein verstohlener Blick Stoff zu Grübelei? Folgte nicht die Phantasie der schlanken Gestalt in ihr Alleinsein? Belauschte sie nicht die Gedanken hinter der eigentümlich gefesselten Stirn des Mädchens? War nicht sein Gleichmut erheuchelt, spürte er nicht, wie er sich wandelte, seinen Bindungen entfloh, seiner Gewißheit entschlüpfte?

Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses Lied, in dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von leidenschaftlichem Kummer verdüsterten Begleitung emporsteigt wie eine Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen heimlichen Besitz zum öffentlichen Gut werden sieht, und er hatte Mühe, sein eifersüchtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, geschändeten Herzens, sie, die das züchtigste besaß. An jenem Abend ging er nach Hause wie ein Betrunkener, ließ die Lampe brennen, bis es Tag wurde, hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.

Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann, der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine Rücksicht lahmt; er hatte sich losgelöst von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum gedacht und zehn Monate lang ein Leben geführt, wie wenn die zehn Jahre vorher nur die Episode einer Nacht gewesen wären. So tief sein verspätetes Staunen war über das mondsüchtige Dahinstürmen, das Freveln ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne Güte, so scharf erkannte er auch, daß der Wille zur Rückkehr ihn trotzdem beherrscht hatte, das Bewußtsein, daß der dunklen Wanderung ein unverrückbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach wirklicher Freiheit. Er kämpfte gegen Agathe. Er bäumte sich auf gegen ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue, sondern seinen Haß. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte, erbitterte und die Macht, die sie plötzlich von fernher über sein Gemüt ausübte, erzürnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins Zimmer fiel, erfaßte ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betrügt, ich will diesen Augenblick nicht versäumen; ich will abreisen, ich kann es noch, ich würde lügen, wenn ich einen Zwang vorschützte, wo nur Schwäche ist.

Er sprang auf mit dem Entschluß zu packen. Adam zu rufen war es noch zu früh; doch wollte er alles für ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim Öffnen einer Lade erblickte er den Schuh der schönen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gelöscht worden ist, überhaucht die Vergangenheit mit Todeskälte. Mutlos warf sich Sylvester aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von häuslichen Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Frühstückszimmer raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der Jagd zurück und muß warten, weil die Köchin einen Streit mit dem Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebstähle verübt und man muß die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so nüchtern, so wohlbekannt, so langweilig, so häßlich. Seufzend schlief er ein.

Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da. Sylvester kannte Gabrieles große, eckige Schrift noch nicht, aber mit klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, daß sie sich für den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit ihm unternehmen möchte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die sei jedoch verhindert.

Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn Sylvester hatte schon Kleider und Wäsche aus den Behältern genommen. »Bring' nur alles wieder an seine Stelle,« befahl Sylvester kurz.

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