Der Mann von vierzig Jahren

Chapter 4

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Es ist alles aus, dachte Agathe, und sie spürte, wie es in ihrem Herzen dunkel und öde wurde, während sie langsam in den Flur ging, um den Boten zu entlohnen.

* * * * *

In Karlsruhe machte Sylvester Station. Er besuchte mehrere Freunde, ging zu Hofe und wurde zu einer Soiree im Schloß geladen. Vorher hatte er einen ganzen Nachmittag darauf verwendet, sein Gesicht verjüngen zu lassen, und zwar durch Adam Hund, der sich auf diese Kunst meisterlich verstand. Er hatte alle Utensilien in einem schwarzlackierten, länglichen Kasten, der mit seinen silbernen Spangen wie ein kleiner Sarg aussah; es befanden sich in ihm Rasiermesser, Schneide- und Brennscheren, Feilen, Bürsten, Pinsel und Kämme, Puderschachteln und Salbentuben, verschiedene Gläser mit Essenzen, eine Spritze mit kölnischem Wasser, und auf der inneren Seite des Deckels war ein geschliffener Spiegel angebracht.

Adam Hund war ein magerer Mann; dennoch wirkte er fett; alles war hell an ihm, das Haar, das Gesicht und die Augen; dennoch machte er einen finstern und unzufriedenen Eindruck, wenigstens solange er nicht redete; er glich einem Kavalier, dennoch erweckte er ein Gefühl von Fadenscheinigkeit. Diese widerspruchsvolle Person, bei der man an allen Ecken und Enden auf die Gegensätze der menschlichen Natur stieß, hatte sich zu Sylvesters Ergötzen immer mehr als ein unversöhnlicher Weiberfeind entpuppt. Das sechsjährige Zusammenleben mit der bösen Bierbrauerstochter hatte ihn mit tödlichem Haß gegen das andere Geschlecht erfüllt. Er war im Besitz einer Liste, die in alphabetischer Reihenfolge alle schlechten Eigenschaften aufzählte, die er an den Frauen entdeckt hatte; nämlich: Aberglauben, Dummheit, Eifersucht, Eigensinn, Habsucht, Hoffart, Klatschsucht, Launenhaftigkeit, Leichtsinn, Lügenhaftigkeit, Naschhaftigkeit, Neid, Neugier, Prahlsucht, Putzsucht, Rechthaberei, Sinnlichkeit, Spottsucht, Streitsucht, Vergnügungssucht und Verschwendungssucht. »Und in diesen Pfuhl von Qualitäten werfen Millionen von Männern ihre arme Seele,« pflegte er auszurufen, mit einer Gebärde wie Hamlet, wenn er seiner Mutter den Geist zeigt.

Zuerst hatte er nicht recht begriffen, welchen Zweck die Reise seines Herrn verfolgte. Der Zwischenfall mit der schönen Jüdin klärte ihn in einer angenehmen Weise auf. Er war überzeugt, daß sich Sylvester in einer Lage befand, die der seinigen sehr ähnlich war, nur daß er es nicht bei untätigem Groll bewendet sein ließ, sondern tätige Rache übte. Er soll nur möglichst viele von den langhaarigen Satanstöchtern ins Unglück stürzen, sagte sich Adam Hund, damit sie endlich das Kuschen lernen, und er hatte das Gefühl, einer Jagd beizuwohnen, die seine Dienste als Aufpasser und Spurenfinder in Anspruch nahm.

Während er Sylvesters brünettem Haar einen jugendlicheren Schnitt gab, dann den Schnurrbart zurechtstutzte, hierauf das Gesicht mit Fett bestrich, wie einen Teig knetete und wie eine Metallplatte rieb, erzählte er die Stadtneuigkeiten, die er ausgekundschaftet hatte. »Es soll jetzt eine Sängerin hier sein, die das ganze Mannsvolk behext,« sagte er; »der Erbprinz ist jeden Tag im Theater, wenn sie spielt, und es heißt, daß man ihn ins Ausland schicken will, um ein Malheur zu verhüten. Ein Legationsrat soll sich ihretwegen erschossen haben, und in Stockholm, man sollte nicht glauben, daß es dort droben so hitzige Leute gibt, hat sich ein Buchhändlersgehilfe aus Liebe zu ihr ins Meer gestürzt. Gabriele Tannhauser heißt die Kanaille. Das flötet und lockt, bloß damit unsereiner den Verstand verliert. Soll ich ein Billett besorgen, Herr Baron?«

»Also um meinen Verstand ist dir nicht bange?« fragte Sylvester lachend.

»Nein, Herr Baron; wenn einer die Schliche kennt, droht ihm keine Gefahr. Sobald ich merke, daß mich jemand mit einem Köder fangen will, werde ich doch nicht hineinbeißen; ich lauf' auch nicht davon, im Gegenteil, ich nehme mir den saftigen Köder vom Haken und verspeise ihn, dann hat der Angler das Nachsehen und ich hab' meine Freude.«

»Na ja, von dir kann man etwas lernen,« entgegnete Sylvester trocken.

Adam Hund hatte seine Arbeit vollendet. Er zog den Frisiermantel von Sylvesters Schultern, und mit liebkosend gespitzten Lippen blies er einige Härchen vom Halse weg. Sylvester trat vor den Spiegel und halb mit Spott, halb mit Befriedigung betrachtete er sein Bild. Er sah jung und gesund aus. Seine Augen glänzten. Er lächelte, um seine Zähne zu prüfen; sie hatten eine erfreuliche Weiße und Dichtigkeit. Nun vollendete er seinen Anzug und verließ trällernd das Zimmer. Wenn jetzt noch die Sonne schiene, wäre ich ein glücklicher Mensch, dachte er in einem eigentümlichen Zustand von Vergessen und Erwartung.

Er ging ins Kasino und hörte, daß an allen Tischen von dem Konzert gesprochen wurde, das Gabriele Tannhauser an diesem Abend veranstaltete. Er wurde gefragt, ob er eine Eintrittskarte habe und mußte verneinen. »Und Sie haben sie noch nicht gehört?« — »Nein.« — »Nie gehört?« — »Nie.« — »Und wollen abreisen, ohne sie gehört zu haben?« — »Was soll ich tun?« — »Es ist die letzte Gelegenheit, vielleicht auf Jahre; sie geht jetzt nach London und dann, wie es heißt, nach Amerika.« — »Wenn ich Ihnen raten darf, so zahlen Sie jeden Preis für ein Billett.« — »Man hat mir keines angeboten.« — »Lassen Sie mich dafür sorgen, ich werde mich an den Impresario wenden.«

Nach einer Stunde erwies es sich, daß auch dieser Versuch erfolglos gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden. Die allgemeine Erregung berührte ihn peinlich, zumal er auch Leute von ihr angesteckt sah, für die die Kunst nicht mehr war als etwa ein Hanswurst auf dem Marktplatz.

Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht über die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preußischen Landtag gehalten hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde durch vielfach bedingte Verhältnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie in einer Wolke des Zorns, man spürte den Willen eines geborenen Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer Werktätigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er plötzlich die Zeit empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer Gärungen inne ward wie des unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden Dumpfheit sich schämte.

Während er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungestüm zugesetzt hatten, in Begleitung eines älteren Mannes zu ihm, den er als Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank und fuhr ins Hotel zurück, um den Frack anzuziehen.

Vor dem Konzerthaus war große Auffahrt. Um acht Uhr sollte die Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums in der Eingangshalle vor den Türen festgekeilt. Endlich befanden sich alle Zuhörer auf ihren Plätzen. Der Raum war so voll, daß die Köpfe sich auf unbeweglichen Körpern zu drehen schienen. Der Lärm der Stimmen glich dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfsäge, und die Hitze stieg von Minute zu Minute. Sylvester saß in der Mitte des Saals, dessen beide Seiten glatte weiße Wände hatten; in halber Höhe der hinteren Schmalwand war eine Galerie, deren Sitze für die Mitglieder des Hofes und einige bevorzugte Würdenträger bestimmt waren.

Plötzlich erschallte eifriges Händeklatschen, dann richteten sich die Operngläser auf die Sängerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester verschränkte die Arme über der Brust, was ein Ausdruck von Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person darbrachte, für die er selbst nichts fühlte und deren Leistungen er aus Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.

Ihr Gang ist zu bedächtig, um auf Temperament schließen zu lassen, nörgelte er; dieses Allerweltslächeln, das jedem Laffen schmeicheln soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine Fähigkeit; wozu flüstert sie mit ihm? Komödie. Im übrigen ist sie gut gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem Schnitt, die Hände könnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu absichtlich eine bescheidene Führung.

Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters übellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, daß es schien, als hätten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib, als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als höre ihr Blut auf zu fließen. Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele Tannhausers herkam, von der Kraft und Fülle des Organs, von der Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer Töne, von der Leichtigkeit des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Natürlichkeit der Übergänge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgenössischen Kennern zur Genüge gepriesen worden sind, in hohem Grade besaß und dabei jene letzte Meisterschaft erst ahnen ließ, die als Versprechen noch köstlicher ist denn als Erfüllung, — es war eine in ihrem Herzen wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewußt Bewußte eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage, Tröstung und Jubel aufzublühen, es war das, was jede Brust fühlt und doch nur vom Genius verkündet werden kann, das schmerzlich Entselbstete, unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Krücke und Behelf ist.

Sylvester sträubte sich noch immer, trotzdem er jene traumhafte Schwäche empfand, die sich bei starken Gemütsaffekten einzustellen pflegt, ja er wehrte sich mit einer Art von Verzweiflung, die ihn später erstaunte und ihm zu denken gab. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als auf den Galerielogen ein störender Lärm hörbar wurde, der eine nachhaltige Erregung und entrüstete Rufe veranlaßte. Viele Leute wandten sich um, auch Sylvester schaute hinauf, und er gewahrte, daß zwei Lakaien einen Mann auf einem Liegesessel bis an die Brüstung trugen und ihn dort niederstellten. Der Mann, der auf dem Sessel lag, war de Vriendts. Es graute Sylvester bei dem Anblick dieses Gesichts, welches dem eines halbtoten Affen ähnelte. Mit überquellenden Augen starrte de Vriendts auf das Podium, und seine Kinnlade schlotterte. Gabriele Tannhauser stutzte; sie schien den tosenden Beifall nicht zu hören; auf ihren Wangen zeigte sich eine zarte, fieberische Röte; sie begann das zweite Lied: _In questa tomba_; ihre Augen waren unausgesetzt auf das ihr gegenüber befindliche Gesicht des Domherrn gerichtet, auf dieses entfleischte Gesicht, dessen fressende, angstvolle und krankhafte Gier, dessen vom Tod gezeichnete Häßlichkeit auf einmal wie ein Alpdruck über dem ganzen Saal lastete. Auch in Gabrieles Augen war Angst; der gespenstische Kopf erschien ihr wie eine Drohung; sie empfand ihre Jugend, ihre Macht, ihre Freiheit als Güter, die sie nur geraubt; sie erinnerte sich dieses Gesichts, sie hatte es irgendwo gesehen, und während sie nachdachte, klang ihre Stimme reiner, rührender und flehender. Das Publikum raste, als sie geendet hatte, aber auf der Galerie war ein bestürztes Zusammenlaufen. Man sah den Domherrn mit den Händen in die Luft greifen; röchelnde Laute drangen herunter. Nach einer Weile kamen die Lakaien und trugen den Sterbenden hinaus. Der Zwischenfall wurde herumerzählt und zu deuten versucht. Im Nu bildeten sich Legenden, die den Enthusiasmus für Gabriele Tannhauser steigerten. Als sie die letzte Note gesungen hatte, glaubte sich Sylvester in einem Haufen von Wahnsinnigen. Auf dem Podium erhob sich ein Berg von Blumen, junge Männer stürmten hinauf, junge Mädchen knieten auf den Stufen, aber Gabriele blickte gelassen in den Tumult; sie hatte den Kopf gesenkt und ihre niedere Stirn war kindlich verzogen.

Sylvester wurde von mehreren Bekannten um seinen Eindruck befragt. Er zuckte die Achseln. »Ich finde nicht, daß sie das ist, was die Welt aus ihr macht,« antwortete er, »ich vermisse Schwung und Leidenschaft. Sie hat noch nichts erlebt, dessen bin ich sicher. Vielleicht ist sie gar nicht fähig, etwas zu erleben.« Das klang plausibel, und die es vernahmen, machten ein tiefsinniges Gesicht.

Am andern Abend, bei der Soiree im großherzoglichen Schloß, lernte er Gabriele Tannhauser kennen. Sie wechselten nur wenige Worte. Er fragte sie, ob sie im Frühling in London singen werde; er selbst sei im Begriff, nach Paris zu gehen, doch sei es wohl möglich, daß ihn sein Weg auch nach England führen werde.

»Ja, Sie sollten nach London kommen,« erwiderte sie, ohne ihn anzublicken und wahrscheinlich auch ohne an ihn zu denken, »dort ist das Leben unmittelbarer als irgend sonst in der Welt.«

»Was könnte es Ihnen bedeuten, wenn ich käme, einer unter den Millionen,« sagte er lächelnd.

Der Unmut, der über Gabrieles Züge flog, zeigte, wie müde sie solcher Redensarten war. Sie reichte einem Offizier den Arm, der sie zum Tanz aufforderte. Sylvesters Eigenliebe war verletzt, und er suchte eine Gelegenheit, um die Sängerin noch einmal an sein Gespräch zu fesseln. Es war vergebens, und er überredete sich, daß ihm die Meinung, die sie von ihm hatte, gleichgültig sei. Doch war sein Ehrgeiz erwacht, und allmählich bildete sich ein Kreis von Menschen um ihn, die er durch seine Unterhaltung entzückte. Ohne daß er sich darüber klar wurde, entfaltete er diese Gabe nur für das junge Weib, das ihm so schnöde den Rücken gekehrt hatte.

Als er in der Nacht nach Hause kam, berichtete Adam Hund, daß der Domherr noch während des Transports auf der Straße verschieden sei. Wie schade, war Sylvesters erster Gedanke, ich hätte über de Vriendts mit ihr sprechen können. Unzufrieden und voll von Wünschen begab er sich zu Bett.

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Unter demselben Dach wohnte in dieser Nacht Gabriele Tannhauser. Es war spät; zu wissen, daß alle Menschen schliefen, tat ihr wohl. Sie saß mit einem Buch bei der Lampe; auf dem Tisch vor ihr stand eine Schale mit Äpfeln.

Ihr war, als müsse sie die Zeit, die sie in Gesellschaft verlor, dadurch wieder einbringen, daß sie sich dem Alleinsein möglichst lange hingab. Die von keinem häßlichen Gedanken, von keiner unsteten Empfindung getrübte Ruhe ihres Antlitzes bezeugte, wie natürlich ihr diese Gewohnheit war.

Sie bedurfte der Menschen kaum. Sie hatte keine Freundin, keinen Freund. Allen, die sich um sie bemühten, begegnete sie mit Güte, und angeborene Liebenswürdigkeit verurteilte sie dazu, auch gegen die Aufdringlichen Geduld zu üben. In jeder Stadt waren Personen, denen sie für Dienstleistungen und Beweise der Ergebenheit verbunden war, Frauen und Männer, mit denen sie gern verkehrte und für die sie eine lebhafte Anhänglichkeit verspürte, aber in Wahrheit hätte sie sie entbehren können. Seit Sziralsky, ihr wunderbarer alter Lehrer, gestorben war, hatte sie sich an keinen Menschen mehr so innig angeschlossen, um nach seiner Nähe zu verlangen. Mit Anna Ewel, ihrer Zofe, einer Postmeisterstochter aus Gabrieles böhmischem Heimatsdorf, reiste sie umher, an keinem Ort verweilend, von Gasthof zu Gasthof, von Land zu Land, ohne Erregung, ohne sonderliche Neugier, ohne Launen und ohne zu ermüden.

Der beständige Wechsel ihres Aufenthalts verhinderte die Menschen, sich ihrer zu bemächtigen und sie mit Forderungen zu quälen, die sie nicht erfüllen konnte. Ihre anmutige, immer gleiche Freundlichkeit war wie eine Lichtflut um sie gebreitet, die es schwierig machte, sie genau zu sehen, und so wußte niemand auf der Welt, wie es eigentlich mit ihr beschaffen und welch ein merkwürdiges Kind Gottes dieses junge Geschöpf war, das mitten im Strom des Lebens und im Glanz des Ruhmes sein Glück in der Einsamkeit suchte.

Sie hatte keine Familie. Vater und Mutter waren tot, ein Bruder war vor zwei Jahren bei Königgrätz gefallen. Wenn sie ihrer Heimat gedachte, sah sie ein karges Hügelgelände, eine Straße, die in dunkle Wälder führte, einen regungslosen Teich, auf dem Gänse und Enten schwammen, gelbhäutige Kühe, arme Häuser, ein armes gedrücktes Volk, und über alldem einen blassen Himmel bei Tag und am Abend funkelnde Sterne. Schwermütige Abende, wenn aus den Schenken die Tanzmusik klang oder in einem Zigeunerlager eine Geige fiedelte, Licht um Licht in den kleinen Fenstern erlosch und der Mond wie eine glühende Glocke aus den geheimnisvollen Tiefen der Erde emporstieg. Erinnerte sie sich während des Singens daran, gewahrte sie dies Bild, das im Frühlingswerden oder in der Herbstesneige die Seele mit Frieden und Trauer erfüllt hatte, so zerflossen die vielen, ihr zugewandten Gesichter in Dunst, und nur die Augen strahlten ihr noch entgegen, fremd und fern.

Sie war nicht von der Art jener Künstlerinnen, denen ihr Auftreten zur festlichen Gefahr wird. Sie gehörte nicht zu denen, die ein Publikum schmähen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der Vorstunde und die großen Gebärden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie war ein junges Mädchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und keine Ernüchterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine Pflicht. In ihr war ein Quell, der überströmte und überströmen mußte, wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete täglich viele Stunden, doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz, aber nicht den zerstörenden und herztötenden; ihr Ehrgeiz glich dem jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in ihr; den Gang aufs Podium oder auf die Bühne trat sie mit einem für ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein Verständnis für die Ränkesucht und das würdelose Treiben mancher Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.

Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte, die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft für Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte ihnen, daß sie solchem Zweck dienen mußten. Der Gedanke an Liebe hatte nichts Befeuerndes für sie, er besaß nicht einmal die Kraft, sie zu erwärmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, höchstens in seltenen Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, daß sie über sich selbst erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so kühl, so sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte wünschen, eine Stimme zu vernehmen, die sie noch nie gehört und einen Blick zu spüren, der noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die heiß sein konnte, zu viel das Wort, das lügen konnte. Ihr war dunkel zumute, als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl empfangen, niemals Flamme zu werden für eine andere Seele. Jugend und Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal preisgegeben sein wollte.

Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von einer gleichsam nur geträumten Unruhe erfüllt war, wo ihre Augen sich groß öffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer bin ich? Was wird aus mir?

* * * * *

In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn getrieben, darüber herzustürzen. Da es die ersten Trauben des Jahres waren, hatte auch die Freude am Anblick der schönen Dolden, das Entzücken, sie greifen zu können, seine Gier erweckt. Er war niedergekniet, hatte jauchzend zwei Hände voll gepackt und dann das Gesicht, den Mund, die Zähne förmlich in die Trauben vergraben, so daß der ausgepreßte Saft nicht nur über den Gaumen hinab, sondern auch über das Kinn und die Kleider träufelte.

Daran mußte er manchmal während seines Pariser Aufenthaltes denken. Es war dieselbe Lust an der Fülle, dasselbe unbedachte, gefräßige Ansichreißen. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde glänzend aufgenommen und führte das Dasein eines großen Herrn. Er wußte sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, daß man sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als hätten seine besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner Fähigkeiten jetzt erst sicher und brauche nur zu wählen unter den Zaubermitteln, durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf und künstlichem Feuer in seiner Lebensführung. Was an ihm gefiel, war seine kräftige Männlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet und andere witzig macht.

Eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen hielt ihn gefangen. Die körperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen täglich spürte, besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewußtsein der Leichtigkeit und mühelosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch sie auch sein mögen.

Sie waren hoch. Nicht gewillt, sich mit äußerer Repräsentation und einem oberflächlichen Gesellschaftstreiben zufriedenzugeben, suchte er ohne Scheu Gebiete auf, wo die menschliche Existenz nicht bloß wie ein harmloses Wasser flutet, wo nicht gefälliger Schmuck und leer verpflichtende Worte über den Mangel ernsthafter Verbundenheit hinwegtäuschen, sondern wo aus tieferen Schlünden die Elemente rauschen und der sich bewahren möchte, zur Entscheidung aufgefordert wird. Er lernte das Paris des zweiten Kaiserreichs gründlich kennen. Ein Schauder erfaßte ihn, wenn er dieser aus trunkenen Mänaden und wahnsinnigen Silenen gemischten Tänzerscharen inne wurde; wie da alles nur noch Schall war, was sonst ein Volk aus seinem Taumel riß, wie jeder nur von Gnaden des Momentes lebte, aus hohlem Überschwang Freude saugte und seinen dürftigsten Götzen zum Idol aufputzte; wie die Schatten vergangener Größe umherschlichen, um Almosen der Ehre zu erbetteln, wie jedes Fest zum Bacchanal wurde und Schönheit und Unschuld flüchtiger waren als der Seufzer eines Ertrinkenden, dies erfuhr Sylvester nicht ohne Zurückbesinnen und Zukunftsfurcht. Aber er wollte nicht Beobachter sein, er wollte mit diesen leben.

So blieb ihm keine Stätte des Lasters unbekannt, kein Ort, wo die Ausgestoßenen von lüsternen Jägern gestellt wurden, keiner von den Sümpfen, auf deren Grund das Verbrechen wie giftiges Reptil hauste und auf deren buntem Spiegel mancherlei bewimpelte Fahrzeuge schwimmen. Er knüpfte Beziehungen mit einer Italienerin an, die berühmt kleine Hände und Füße hatte; nach einer Woche verabscheute er sie; er machte auf einem öffentlichen Ball am Boulevard St. Michel die Bekanntschaft einer Strumpfwirkerstochter, die ein unstillbares Verlangen danach hatte, ein Diamanthalsband zu besitzen; er kaufte ihr nur einen Ring, und ihr Gewissen schwieg bei seiner Werbung. Sie glich einer Nordländerin und hatte das Blut einer Wilden. Ihre Launen ermüdeten ihn, und er verließ sie. Hinter einer kleinen Kirche im Quartier latin wohnte ein Arzt, dessen junge Frau so fromm war, daß das ganze Viertel darüber spottete. Ein Student, der hoffnungslos in sie verliebt war, erzählte Sylvester von ihr. Um sie zu sehen, ging er in jene Kirche, besuchte dann eines erfundenen Leidens halber den Arzt und war bald häufiger Gast im Hause. Er umstrickte die Frau, sie verfiel ihm, aber der Gatte war nicht blind; was sich zwischen den beiden ereignet hatte, wußte kein Mensch; eines Tages waren sie aus Paris verschwunden.