Chapter 3
Agathe hatte ein seltsames Gefühl von Scham. Der ekstatische, ja fast irre Blick aus den blaßgrünen Augen des Greises ängstigte sie. De Vriendts beleckte mit der Zunge seine Lippen, faltete die Hände und fuhr mit heiserer Stimme fort: »Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, daß man eine Blüte mit anderen Augen ansieht, als mit bloß neugierigen oder bewundernden, wenn man sie noch in der Knospe gesehen hat? Es mag jetzt vier Jahre her sein, im Herbst, da fuhr ich von Rom nach Deutschland und mußte in Augsburg übernachten. Am Abend ging ich durch die Straßen, traurig und verstimmt, da komm' ich ans Theater und lese auf dem Zettel, daß ›Lucia di Lammermoor‹ aufgeführt wird. Die Vorstellung hat schon angefangen, ich kaufe mir ein Billett, und mit geringer Erwartung geh' ich hinein. Das Theater ähnelt einem Stall, überall riecht es nach Öllampen, kaum hundert Personen sitzen schläfrig herum, und das Orchester macht einen Lärm, daß mir die Ohren weh tun. Nicht viel anders sieht es auf der Bühne aus, Akteure und Aktricen sind mit schmierigen Lappen bekleidet und singen zum Steinerweichen. Auf einmal erscheint da ein Persönchen und erhebt seine Stimme und mir ist, als ob Rom ein böser Traum sei und Florenz eine Hölle und Deutschland ein Grab. Mir ist, als juble der süßeste von allen Engeln über die Auferstehung der Toten, mein Herz wird klein und groß, meine Augen füllen sich mit Wasser, die Hände zittern mir, und als der Vorhang fällt, wanke ich hinaus und lese auf dem Zettel: Gabriele Tannhauser. Ich habe sie dann gesehen. Ein jämmerlicher Bursche, den sie Direktor nannten, hat mich hinter die Kulissen geführt. Sie saß auf einem Pappendeckelfelsen und blickte mich mit großen, grauen Augen fremd an. Sie konnte nicht älter als achtzehn Jahre sein. Ich nahm ihre Hand und küßte sie und sagte: später werden Könige dasselbe tun. Sie erhob sich und ihre Augen leuchteten. Es war etwas Erschütterndes in diesem zuversichtlichen und zugleich demütigen Glanz. Ich ging weg wie ein neuer Mensch, und nicht zwei Jahre hat es gedauert, da klang dieser Name aus der Dunkelheit in die beglückte Welt. Nun möchte ich sie noch einmal hören.«
Agathe schwieg. Sie wußte nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb von ihren quälenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete sich.
* * * * *
Sie aß bei einer alten Verwandten zu Mittag, schrieb dann mehrere Briefe und bestellte den Wagen, um nach Randersacker zu fahren. Als sie der alten Dame sagte, daß sie zu Ursanner wolle, bekreuzigte sich diese und schüttelte entsetzt den Kopf.
Achim Ursanner war der Sohn eines Flußbaumeisters, eines angesehenen und in seinem Fach tüchtigen Mannes. Seine Mutter war eine Französin gewesen, aber gerade diesem Umstand verdankte er eine fast trotzige Liebe für sein Vaterland, für deutsches Wesen und deutsches Leben. Er hatte die Rechte studiert und dem Wunsch seines Vaters gehorsam die Laufbahn eines Staatsbeamten gewählt. Sein Talent, seine Tatkraft wie auch einflußreiche Verbindungen brachten ihn rasch in die Höhe, und mit dreißig Jahren war er bereits Kabinettschef im Ministerium. An dieser Stelle machte er sich zum erstenmal durch ein reformsüchtiges Treiben unliebsam bemerkbar, aber je mehr man diese Eigenschaft bekämpfte, je stärker trat sie hervor. Es erregte Aufsehen, als er nach vielen Bemühungen die Wiederaufnahme eines Prozesses durchsetzte, in dem nach seiner Meinung ein ungerechtes Urteil gefällt worden war; es erregte nicht minder Aufsehen, als er in einer Druckschrift gewisse Mängel der Justiz und der Verwaltung rücksichtslos an den Pranger stellte, und bald begnügte er sich damit nicht mehr, sondern ging dem Schlendrian der Behörden, der Bestechlichkeit der Beamten, dem Servilismus der Hofschranzen, der Verbrüderung der Profitmacher und der Nachlässigkeit in der Führung öffentlicher Geschäfte mit einer solchen Wut und Bitterkeit zuleibe, daß er eines Tages kurzerhand den Abschied erhielt und der König ihm befehlen ließ, die Hauptstadt zu meiden. Seine Frau, eine Münchener Kaufmannstochter, die er ein Jahr zuvor geheiratet und die ihn durch Anmut und leichte Lebensart bezaubert hatte, war bei dieser Nachricht wie aus den Wolken gefallen, denn sie hatte sich um das, was ihn erfüllte und gefährdete, nicht im geringsten bekümmert.
Es hatte begonnen als ein Funken; vielleicht mit einem Ärger, vielleicht mit dem Erstaunen über eine versäumte Handlung der Billigkeit; der Widerstand, den sein männliches Eingreifen erfuhr, hatte ihn erhitzt. Nach und nach mußte er wahrnehmen, daß er einem solchen Widerstand überall dort begegnete, wo er das Unrecht in Recht verwandeln wollte, daß es der Widerstand der Trägen, der Aufruhr der Bequemen war. Jetzt wurde ihm Lebensziel, was vorher nur Wallung gewesen. Sein ganzes Inneres entflammte sich gegen eine zerrüttete, verdorbene, faulende Welt.
Er ging in die Heimat. Seine Frau folgte ihm, mißvergnügt durch die Aussicht auf dauernde ländliche Langeweile und empört durch den erzwungenen Verzicht auf ihre gesellschaftliche Stellung in der großen Stadt. Die Seinen empfingen ihn kalt. Der Vater grämte sich über den Zusammenbruch der Hoffnungen, die er auf den einzigen Sohn gesetzt, zu Tode; die Mutter war verständnislos und den Einflüssen geistlicher Berater unterworfen. Ursanner nahm dies alles hin. Er publizierte eine Rechtfertigung, die eine glühende und beispiellos kühne Anklage gegen die Regierung war. Er nannte sich herausfordernd den Deutschen; die Deutschen, an die er sich wendete, von Mal zu Mal freier, gesammelter, bewußter und beredter, denen er den Wurzelfraß ihres nationalen Haders, ihrer Kleingeisterei, ihrer Verlogenheit und Selbstgenügsamkeit aufdeckte, nannten ihn den Feind. Er war so gefürchtet als gehaßt. Das Brandmal eines Verräters haftete ihm an, in dessen Seele die heißeste Liebe für sein Land und für sein Volk wohnte. Als es gar noch bekannt wurde, daß er mit Ferdinand Lassalle in brieflichem Verkehr stand, dem Erzketzer und Demagogen, verließen ihn selbst die wenigen, die bis dahin wenn auch nicht zu seiner Sache, so doch zu seiner Person gehalten hatten. Damals hatte sich auch Sylvester von Erfft von ihm zurückgezogen — gezwungenermaßen, um nicht selbst von seinen Freunden gemieden zu werden.
Aber es war Achim Ursanner vom Schicksal nicht bestimmt, auf dem geraden und zweifellosen Wege des geistigen Kampfes zu bleiben. Die Umstände rissen ihn ins Kleine und Gemeine und verzehrten dort seine Kraft. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters starb auch die Mutter. Bei der Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß sie einen Teil des Grundbesitzes, einen Weinberg und mehrere Äcker, dem nahegelegenen Karmeliterkloster vermacht hatte. Achim Ursanner bestritt die Gültigkeit dieser Schenkung und strengte einen Prozeß gegen das Kloster an. Sein Einspruch wurde zurückgewiesen; er appellierte; er brachte Zeugnisse bei, die klärlich bewiesen, daß seine Mutter in ihren letzten Lebenstagen in getrübter Geistesverfassung gewesen. Der Prozeß lief von Instanz zu Instanz und kostete Geld über Geld. Indessen hatte sich Jakobe, seine Frau, innerlich von ihm abgekehrt. Ihr Betragen gegen ihn wurde feindselig und sein Schmerz war groß, als sie es nicht mehr vor ihm verbarg, daß sie mit den Karmelitern im Einverständnis war und in ihm, wie die Mönche sie gelehrt, eine Art von bösem Dämon erblickte. Als er eines Tages von der Stadt zurückkehrte, war Jakobe mit den beiden Kindern verschwunden. Er liebte die Kinder bis zur Vergötterung, und von der Stunde ab war sein einziges Bestreben, wieder in ihren Besitz zu gelangen. Er verwandte darauf seine ganze Umsicht und Energie, alle Erfindungsgabe und allen Mut. Die Spuren der Flüchtigen zogen ihn nach den verschiedensten Gegenden des Landes, ja bis nach Tirol und Verona. Diese Reisen, das Aufgebot von Helfern und die Besoldung der Advokaten verschlangen nahezu sein ganzes Vermögen, und obgleich der Kampf, den er im Finstern und gegen die Finsternis führte, sein Herz zermalmte, erlahmte der Wille nicht. Nach dreizehnmonatlichen Fahrten entdeckte er Jakobes Aufenthalt. Sie befand sich in einem Dorf in der Nähe von Nancy, in der Wohnung einer Generalswitwe, und von dort fuhr sie bisweilen nach Paris, um sich zu zerstreuen. Nachdem Achim das Versteck gefunden, traf er alle Vorbereitungen, um die Kinder zu rauben, und als Jakobe wieder einmal von ihnen wegfuhr, wartete er den späten Abend ab, stieg durch ein Fenster in das Haus, nahm die schlafenden Kinder, von denen das eine sieben, das andere sechs Jahre alt war, aus den Betten und entfloh mit ihnen, ohne daß er gesehen wurde. Ein Wagen zum nächsten Bahnhof stand bereit, und zwei Tage darauf befand er sich mit den beiden Kindern wohlbehalten in Randersacker. Aber jetzt erst erhob sich die wahre Hölle gegen ihn. Jakobe rief die Gerichte an. Er konnte erhärten, daß ihn sein Weib ohne Rechtsgrund verlassen, daß sie ihm die Kinder böswillig genommen und daß er in erlaubter Notwehr gehandelt, als er sich wieder in ihren Besitz gesetzt hatte. Neue Prozesse kamen in Gang. Das Schlimmste war, daß die Bevölkerung gegen ihn aufgehetzt wurde. Er konnte kaum mehr wagen, auf die Straße zu gehen. Die Fülle der Verleumdungen, der Beleidigungen und des niedrigsten Unflats machte ihn krank vor Ekel. Sein Haus glich einer Festung. Er mußte von weit her und gegen hohes Entgelt Leute kommen lassen, die ihm dienten und seine Kinder beschützten. Er mußte täglich und stündlich gewappnet sein gegen den Andrang eines verrohten und mißleiteten Pöbels.
So standen die Dinge um Achim Ursanner, als Agathe sich anschickte, ihn zu besuchen.
* * * * *
Das Haus lag auf einem Hügel, und ein Schlangenweg führte hinauf. Agathe ließ den Wagen unten halten. Es fiel ihr auf, daß zwei junge Burschen am Tor oben standen und ein Pfeifensignal gaben, als sie den Weg hinanschritt. Jetzt erschien Achim Ursanner selbst, warf einen spähenden Blick auf Agathe und kam langsam hügelabwärts. Erst als er vor ihr stand, erkannte er sie, lüpfte den Hut und bot ihr zum Gruß die Hand.
Er war ein ziemlich kleiner Mann von gedrungenem Körperbau, kurzhalsig und breitbrüstig; das Gesicht war von einem rötlichbraunen Bart umrahmt, und er trug eine Brille mit dicken Hohlgläsern, hinter denen die Augen bisweilen rasch und erregt aufblitzten. Seine Züge hatten einen träumerischen Ausdruck, und der Mund war von fast frauenhafter Weichheit.
»Was führt Sie zu mir, gnädige Frau?« fragte er mit tiefer, verwunderter Stimme, während er an Agathes Seite umkehrte. Agathe schüttelte den Kopf, wie wenn ihr die Antwort nicht leicht fiele. Als sie in den Hof getreten waren, schlossen die beiden Wächter das Tor zu. Drei riesige Doggen sprangen herbei und umschnupperten Agathe mißtrauisch. Das Innere des Hauses zeigte Spuren der Vernachlässigung, die dem Auge einer Frau nicht entgehen konnten. Von den Wänden war an vielen Stellen der Mörtel abgefallen, Diele und Treppen waren seit langem nicht gescheuert, und die Türklinken waren rostblind. Ursanner schien die Gedanken Agathes zu erraten; sein resigniertes Lächeln wollte sagen: ein Kranker putzt sich nicht. Er geleitete Agathe in ein großes, niedriges Zimmer zu ebener Erde, zündete, da es schon dunkel wurde, die Hängelampe an und schaute nun seiner Besucherin ruhig forschend ins Gesicht. In seiner Haltung, in seinem Auge war etwas von einem Läufer, der stille steht und sich besinnt, etwas, wovon Agathe ahnungsvoll ergriffen wurde, so daß ihr plötzlich der Grund ihres Hierseins klein und unwichtig vorkam und sie nur mit Überwindung die Frage nach Sylvester über die Lippen brachte. Sie hatte sich niedergesetzt und blickte zaghaft zu Ursanner empor. Da er stumm blieb, fühlte sie das Unzulängliche der bloßen Frage und fügte in mattem Ton eine Erklärung ihrer seltsamen Situation hinzu.
»Ich weiß nichts von ihm,« antwortete Achim Ursanner, genau wie de Vriendts geantwortet hatte. Dann fuhr er fort: »Wir trafen uns eines Tages in der Stadt, als ich ins Pfandhaus ging. Anfangs war er verlegen, aber dann begleitete er mich bis hier heraus. Ich mußte ihm von meinen Umständen berichten, und er hörte mir geduldig zu. Er bot mir Geld an, aber ich schlug es aus. Ein Mann, der Weib und Kind hat, darf keinem andern Mann Geld borgen. Er sagte mir, daß er reisen wolle, und ich beglückwünschte ihn dazu. Und als er fortging, versprach er, mir zu schreiben. Er hat mir wohlgetan, es waren ein paar menschliche Stunden, wir haben uns sogar noch geduzt wie in früherer Zeit, als wir beim Regiment standen.«
»Er wollte Ihnen also schreiben?« unterbrach Agathe den hastig Redenden.
»Ja, er wollte schreiben. Sein Händedruck, als wir schieden, hatte auch etwas Bindendes, und das war nicht der Fall, als wir uns vor Jahren zum letztenmal die Hand reichten. Er hatte vielleicht eingesehen, daß er treulos gewesen, er, gerade er, mit dessen Namen ich den Himmel gegrüßt hätte. Aber was soll mir Reue? Ich hab' ihn ja noch immer gern, doch ein Freund, der vor mir steht und bereuen muß, läßt mein Herz nicht froh werden.«
Wie verändert er ist, dachte Agathe; Achim Ursanner war ihr noch gegenwärtig als eine Gestalt von eigentümlicher Helligkeit, die Wärme mitteilte und Offenheit natürlich machte, als ein Mann, dessen ordnender Verstand jedem Gespräch einen erquickenden Fluß verlieh und dessen Humor und stille Überlegenheit jeden Gegenstand adelte, den sein Wort berührte. So hatte sie ihn vor acht oder neun Jahren gesehen, als Sylvester den Jugendgefährten in sein Haus geführt hatte; jetzt aber schnürte sich in seiner Nähe ihre Brust zusammen, und die ganze Atmosphäre des Hauses erdrückte sie. Sie beugte sich weit vor, stützte beide Ellenbogen auf die Knie, legte die Wangen zwischen beide Hände und mit ernsten Augen, zwangvoll und furchtsam zugleich, bat sie ihn, er möge ihr erzählen, was sich in seinem Leben ereignet hatte; denn obwohl sie vom Hörensagen mancherlei wußte, und Sylvester bisweilen diese oder jene Neuigkeit über Achim aus der Stadt mitgebracht hatte, verlangte sie jetzt doch nach anderm Aufschluß und sie schämte sich, daß sie nur kannte, was die betrügerische Fama verbreitet hatte.
Er willfahrte ihr. Er erzählte. Er ging im Zimmer auf und ab, und es war, als spreche er zu den Wänden. Seine Sätze waren kurz, scharf, schneidend. Jeder einzelne enthielt eine Tatsache und nichts weiter. Es war aufregend, ihn zu hören.
»Nun ist es soweit gekommen, daß Bäcker und Krämer mir nichts mehr verkaufen wollen,« schloß er seinen Bericht; »Leute, denen ich einst geholfen habe, spucken aus, wenn sie mich sehen. Kinder und Weiber laufen vor mir davon. Heute habe ich sieben Drohbriefe erhalten, anonym natürlich. Die Bauern werfen mir Steine auf die Acker, des Nachts demolieren sie den Zaun und wollen meine Hunde mit vergiftetem Fleisch umbringen. Wer mich nur grüßt, der ist schon verfemt, und es war kein kleines Wagnis von Sylvester, zu mir zu kommen. Sie, Frau Agathe, scheinen nicht recht gewußt zu haben, was Sie taten. Ich bin vogelfrei. Wer mich besudelt, verdient sich einen Gotteslohn. Ich bin wie ein Aas, an dem sich die Raben mästen. Nun, wir wollen sehen. Es wird sich ja zeigen, wieweit die menschliche Niedertracht zu gehen vermag; es ist eine wahre Begierde in mir, ihre Grenzen kennen zu lernen; so sonderbar es klingt, ich bin immer wieder überrascht, wenn sie sich in einer neuen Entfaltung zeigt.«
Agathe hatte allmählich die Augen gesenkt und blickte wortlos zur Erde. Hie und da lief ein Frösteln über ihre Glieder, und es kam ihr vor, als hätte sie bis zu dieser Stunde nicht geahnt, in was für einer Welt sie lebte. Ihr ward es dunkel im Gemüt, und so beredt auch ihr Schweigen für Ursanner war, sie selbst nahm es für einen Beweis von Schwäche, ja von Mitschuld. Sie legte die Hand über die Augen. Achim setzte seine Wanderung durch das Zimmer unermüdlich fort. An den Fenstern trug jemand eine Pechfackel vorüber, und die Flamme war wie ein Band gebogen.
»Wollen Sie mich nicht zu Ihren Kindern führen?« ließ sich Agathe endlich vernehmen. Ursanner nickte, sie stand auf und folgte ihm durch den Korridor über den Flur in den ersten Stock. Er öffnete eine Türe und sie blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei blondlockigen Knaben saßen auf der Erde und blickten in ein Bilderbuch. In der Ecke zwischen Ofen und Wand hockte ein alter Knecht mit der Tonpfeife im Mund und schlief. Die Kinder waren blaß und einander ähnlich wie Zwillinge. Sie bewegten kaum die Köpfe, als die Tür aufging, sie schauten nur schief zum Vater und zu der fremden Frau hinüber. Agathe trat zu ihnen, bückte sich und redete zärtlich auf sie ein. Doch sie schwiegen trotzig, und auf den Lippen des älteren Knaben zeigte sich ein sonderbar lauerndes Lächeln. Ratlos sah Agathe Achim Ursanner an, und sie bemerkte, daß seine Züge sich verfinstert hatten und daß sein Mund zuckte. Sie erhob sich. »Ich muß jetzt gehen,« sagte sie, »ich möchte am Abend zu Hause sein. Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Ihnen Sylvester schreibt?«
»Das werde ich, Frau Agathe, das werde ich unbedingt,« versicherte Ursanner in seinem treuherzigen Ton. »Und wenn Sie erlauben, will ich auch Ihren Besuch erwidern, sobald ich aufatmen kann,« fügte er hinzu; »mir ist, als müßte ich Ihnen danken, und vielleicht darf ich's, denn sind Sie auch nicht meinetwegen gekommen, so weiß ich doch, daß Sie ein zweitesmal meinetwegen kommen würden. Stimmt es?«
»Es stimmt,« antwortete Agathe, und sie selbst fühlte etwas wie Dankbarkeit. Er begleitete sie hinunter zum Wagen; die drei großen Hunde standen um ihn her, und ihre Augen glühten aus der Dunkelheit. »Was raten Sie mir zu tun?« fragte Agathe, während ihre Hand schon den Griff der Wagentüre gefaßt hatte.
»Wenn ich mir den Eindruck zurückrufe, den Sylvester auf mich machte, so muß ich sagen, er ist auf keiner guten Bahn,« entgegnete Ursanner. »Es ist am besten, wenn Sie ganz stille bleiben. Seien Sie großmütig. Es gibt im Leben jedes Mannes eine Zeit, wo er Gott verliert, und wenn er da einen Menschen hat, der ihn liebt, was ist natürlicher, als daß der ein wenig Gottes Rolle übernimmt? Ich hätte nicht gedacht, daß zwischen euch beiden solche Dinge passieren könnten, aber eine Ehe ist für den Dritten so ziemlich das Geheimnisvollste auf der Welt. Und Mann und Weib, was wissen sie voneinander? Die Nähe macht grausam, die Ferne blind, Gefühle sind vergeßlich, Worte Luft. Und trotzdem, glauben Sie mir, wird mit einem Wort oft viel erreicht. Manchmal, wenn ich so zwei Leutchen zanken hörte oder einander stumm zerfleischen, war ich versucht, ihnen zuzurufen: Kinder, warum sagt ihr euch denn nicht das richtige, gute Wort? So geht's mir auch im Theater, wenn die Herrschaften einander Szene machen. Es ist sehr viel Freiwilligkeit in dem Bösen, das Eheleute einander zufügen, und jede Liebestat will sich rächen durch eine Hassestat. Seien Sie großmütig.«
Mit fast ungestümer Bewegung streckte Agathe dem Freunde die Hand hin, und er preßte sie fest in der seinen. Dann stieg sie ein, nickte noch einmal aus dem Fenster, und die Pferde zogen an.
Agathes Herz war schwer. Sie konnte die zwei Kinder nicht vergessen, das sonderbar lauernde Lächeln des einen Knaben, den schlafenden Knecht hinterm Ofen und Achim Ursanners zuckenden Mund. Es lag für sie eine Unheilsverkündigung in dem Bild, und ihr dünkte, sie sei mit dem nahenden Unheil verkettet.
War dies die Ursache, daß sie sich entschlossener als bisher in ihre Lage fand? War es die Vergleichung der Schicksale, die sie geduldiger stimmte, ernster, gesammelter? Sie wandte ihre ganze Aufmerksamkeit der Wirtschaft zu, überwachte die Lieferung des Holzes und der Viktualien, die Ausbesserung der Pflüge und Wagen, die Pflege der Tiere in den Ställen und rechnete jeden Samstag mit dem Inspektor ab. Ihr Einblick wurde tiefer, ihre Kenntnis der Verhältnisse gründlicher und im Umgang mit den angestellten Leuten zeigte sie sich verständig und durchaus fähig zu regieren. Aber ihr war, als ob sie Fleiß und Mühe ans Bodenlose verschwende, als sie eines Tages von dem Würzburger Bankier abermals eine Bescheinigung darüber erhielt, daß an Herrn von Erfft nach Paris dreitausend Taler geschickt worden seien.
So wußte sie also wenigstens, wo er war.
Bisweilen kam die Inspektorin mit ihrer Geige, Agathe setzte sich ans Klavier, und sie spielten eine Mozartsche Sonate. Bisweilen las sie, doch selten mit Anteil. In manchen Stunden war Schwermut unabweisbar, und wenn man nach innen weinen kann, sie spürte solche Tränen; dann floh sie den Anblick aller Menschen, die auf dem Gut um sie waren, stieg in das Turmzimmer über dem Hause und schaute regungslos in die winterliche Landschaft, bis es Abend wurde.
Einmal erspähte Silvia, wohin die Mutter ging und folgte ihr. Das kluge Kind stand lange vor der Türe und wagte nicht, sie zu öffnen; schließlich setzte es sich nieder, und seine schönen Augen füllten sich mit Traurigkeit. Es war kalt da oben, der Wind heulte im Sparrenwerk, und wenn der Schnee über die Ziegeln rutschte, klang es, als ob Geisterfüße über das Dach trippelten. Es wurde dämmerig und Silvia schien es, daß sie ganz allein auf der Welt sei. Sie lehnte den Kopf an einen schrägen Balken und gedachte ihres Vaters. Sie malte sich aus, wie er in der Fremde unter vielen Menschen herumirrte und wie er den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte, weil überall der Schnee zu hoch war. Da knarrte die Tür, und Agathe, den Pelzmantel um die Schultern, trat heraus. Sie erblickte das Kind sich zu Füßen, erschrak und kniete nieder. Silvia umhalste die Mutter, ohne zu sprechen; Agathe bedeckte die Frierende mit ihrem Mantel, hob sie auf und trug sie hinab. Am Kamin in der Bibliothek setzte sie das Kind auf ihren Schoß und erzählte ihm das Märchen vom Wacholderbaum.
»… und als ein Monat vorbei war, da war der Schnee vergangen, und zwei Monat, da war es grün, und drei Monat, da kamen die Blumen aus der Erde, und vier Monat, da drängten sich alle Bäume in dem Holze und die grünen Zweige waren alle ineinander gewachsen. Dort sangen die Vöglein, daß das ganze Holz erschallte, und die Blüten fielen von den Bäumen. Da war der fünfte Monat vorbei und die Frau stand wieder unter dem Wacholderbaum, dort sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie. Und als der sechste Monat vorbei war, da wurden die Früchte dick und stark und sie wurde ganz still und im siebenten Monat, da griff sie nach den Beeren und aß sich satt und wurde traurig und krank. Der achte Monat ging hin und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: wenn ich sterbe, begrabt mich unter dem Wacholderbaum. Da war sie getrost, und im neunten Monat kriegte sie ein Kind so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, und als sie das sah, freute sie sich so, daß sie starb.«
Silvia schaute drein wie eine Frau, und Agathe fuhr in ihrer Erzählung fort.
Am andern Tag kam ein reitender Bote von Achim Ursanner. Er brachte einen Brief des Inhaltes, daß Sylvester aus Paris geschrieben habe. »Ich will Ihnen die Epistel nicht schicken,« schrieb Ursanner, »wozu auch? Er versteckt ja nur sein Gesicht. Er berichtet von der Schönheit einer Tänzerin, und daß irgendeine Gräfin eine Liebschaft mit ihrem Kutscher hat, daß der Marquis de Luzon aus Indien zwei Tiger mitgebracht hat, daß einer gewissen Kreolin ganz Paris zu Füßen liegt, und daß man beim spanischen Gesandten auserlesene Weine trinkt; er schwärmt von den exotischen Blumen, die das Fräulein von Feurquiéres züchtet und von der Juwelensammlung des Herzogs von Praslin; von dem Bild eines berühmt gewordenen jungen Malers, von einer Begegnung im Versailler Schloß, von einer Bootsfahrt in Passy, von lustiger Gesellschaft auf dem Montmartre und von einem Feuerwerk im Luxembourg. Genug an dem, es ist Schaum. Mancher setzt sich einen bunten Kranz aufs Haupt, wenn ihn das schlechte Gewissen nicht schlafen läßt. Ich denke viel an Sie, aber ich kann nicht kommen, damit ist alles gesagt. Letzten Sonntag ist von der Kanzel herunter gegen mich gepredigt worden. Leben Sie wohl. A. U.«