Chapter 12
Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte. »Sylvester,« röchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern den Hals. Ein Unterjäger, vermeinend, daß der feindliche Leutnant seinem verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in Positur gesetzt und stieß dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten durchs Herz. Nun kamen die französischen Soldaten vom ersten Stock und vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel packte den starren Körper Sylvesters und zog ihn über die Stufen auf die Straße, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen blieb. Unterdessen stürmte die erste Jägerkompagnie unwiderstehlich an, und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.
Sylvester war nicht völlig ohne Besinnung. Er wußte, daß er verwundet, schwer verwundet war und daß er wahrscheinlich verbluten würde, wenn keine Hilfe kam. Desungeachtet fühlte er keinen Schmerz; auch Todesfurcht spürte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine Gedanken durch eine ungewöhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet. Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie immer näher an seinen Körper rückten. Zuerst glaubte er, daß er sich in Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm eine Schürze wusch und sie an der Tür einer Badehütte aufhing. Dann aber sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn eigentlich? quälte er sich. Da fiel ihm ein, daß das Gestade zwischen Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte auch die olivenumwachsenen Hänge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er hatte eine Römerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt und fütterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. »Tut nichts,« lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, »wir heißen sie Angiolina.« Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie neugierig betrachtete, sah er, daß das Sattelzeug aus zusammengesetzten Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer unvergleichlich schönen Stirn kniete neben ihm. »Bist du es wirklich, Gabriele?« fragte er leise. Sie ergriff seine Hände und während mit erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu singen. Da hatte er den herzzerreißenden Argwohn, daß sie ihn verachte, ihn zum besten halte, daß sie falsch, listig und selbstsüchtig sei. Sein Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fühlte er sich plötzlich aufgehoben und fortgetragen …
Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Kräfte wieder. Er warf sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunächst sein Schwindelgefühl, dann, von der Hoffnung beseelt, daß noch Leben in dem Körper sei, raffte er sich auf, hob den Bewußtlosen empor und nahm ihn auf seinen Rücken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die Schlacht wütete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stück Feld, das Adam mit seiner Last überqueren mußte, war so vom feindlichen Feuer bestrichen, daß die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf rückten, sich nur kriechend vorwärts bewegten, und obwohl dreimal in seiner unmittelbaren Nähe Granaten krepierten, kümmerte sich Adam darum nicht. Ein Geschoß zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei Sanitätsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verließ ihn das Bewußtsein.
Diese Heldentat eines getreuen Dieners gehört, obwohl sie in bescheidenes Dunkel gehüllt blieb, zu den wunderbarsten eines an rühmlichen und berühmten Heldentaten reichen Tages.
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Das Schloß Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgefährlich und die Pflege bei der großen Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern, auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das markerschütternde Geschrei der Leute, denen Gliedmaßen abgesägt oder Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedrückte Sylvesters Gemüt und machte seinen Lebenswillen stumpf.
Aber nach einer Woche, als es in den schönen alten Gemächern des Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren sorgsamen Händen nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren Verlauf. In den ersten beiden Nächten hatte sie in ihren Kleidern neben dem Lager des Gatten ruhen müssen, später verschaffte ihr der Oberarzt in der Wohnung des Kastellans ein notdürftiges Quartier. Ihre Umsicht, Entschlossenheit und Unermüdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester, sondern auch vielen seiner Leidensgefährten zum Segen. Sie schrieb Briefe für die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim Verbinden, und ein bloßes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick flößte Zuversicht ein, eine Berührung zauberte die Hoffnung in verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft über sie gekommen, eine neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lächelns erregte Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt. War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern Stunden vertraut wie eine Schwester; spürte er gleich für sie nicht das, was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefühl ihrer Gegenwart alle Unzufriedenheit in ihm.
Eine rätselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit Achim Ursanner zu erzählen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dünkte ihr die Fügung so schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer Zukunft verwebt, daß sie ihm während seiner Erzählung den Eindruck eines Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen ist. Da erkannte er, wieviel Märchenhaftes, Wunsch- und Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit ihren beiden Füßen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte er nicht zu ergründen, wollte es auch nicht ergründen. Ihm schien, daß dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage später sagte sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, daß Achim Ursanner in einem Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafür Sorge zu tragen, daß der Leib des unglücklichen Freundes eine würdige Ruhestätte erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfüllung eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmöglich, den Leichnam unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche Grube er eingescharrt worden war.
Obwohl Sylvesters völlige Genesung noch mehrere Monate dauern mußte, erlaubten die Ärzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne üble Folgen durchgeführt. Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der Binde, und es war ziemlich sicher, daß seine Hand lahm bleiben und nie wieder erquickende und nützliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier verewigen würde, es sei denn, sie übertrug dieses Amt an ihre Gefährtin zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen ein majestätisches Benehmen für angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur in angreifbarer Form sich bloßzustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja sie war vielleicht ersprießlich, damit sein Selbstgefühl nicht zu einer Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen Wesens war, daß er sich während des Krieges einen Vollbart hatte wachsen lassen und im Bewußtsein dieses männlichen Schmuckes, dessen ungeahnte Glücksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung für seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen unwillkürlich nötigte, ein so echtes und überzeugendes Gefühl zu teilen. Es heißt, daß sogar Frau Brigitte gegenüber dieser unwiderstehlichen Kriegstrophäe Regungen von Zärtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.
Schon im Frühjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet, kleine Spaziergänge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde, hatte er seine Gesundheit und Kraft zurückgewonnen. Aus Dämmerung und Dunkelheit, aus Zerrüttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans Licht empor und war es Notwendigkeit, daß er sich begnügte, so war es Verdienst, daß er sich bezwingen lernte. Es war schön zu sein, noch schöner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte, wurde durch die vielfältige Mühsal des Tages um so leichter beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fünfzig Jahren wird.
_Ende_
End of Project Gutenberg's Der Mann von vierzig Jahren, by Jakob Wassermann