Chapter 10
So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte während dieser Zeit viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung überblicken konnte, in die er die Wirtschaft gestürzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten, mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im Westfälischen lebte und war ernstlich bemüht, seine Torheiten wieder gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, daß er immer die Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er hätte tun sollen. Wartete Agathe nicht darauf, daß er fortging? War sie nicht seinem verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr hatte abkämpfen wollen? Wie kam es, daß er blieb? Er begriff sich selber nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausflüchte. Eine solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bedürfe, um dem unnatürlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung mit Agathe. Er schickte ihr durch den Gärtnerburschen einen Brief, welcher lautete: »Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt. Vielleicht ist dies der Grund eines Zögerns, das dir unerklärlich erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen nächtlichen Brief nicht als einen Abschluß betrachten. Gib mir Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir müssen als Freunde voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies wäre mir vergällt, wenn ich dich entfremdet wüßte. Ich schlage dir vor, daß wir uns morgen nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.«
Agathe trug dem Boten mündlich ihr Einverständnis auf.
Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt. Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von Wäldern umgeben; im Südosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof zu heißen, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen Stallgebäuden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hinüber und wurde von Adam Hund mit schwermütiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit einem mißlungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf repräsentative Manieren. Daß sie eine Megäre war, erkannte man an ihrer hohen Stimme und an ihrem sauersüßen Lächeln, von dem sie sich einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die große Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer Mistgabel. Während auf dem beschneiten Weg, der vom Strom heraufführte, Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch gründlich lüften müssen, denn die Räume seien so lange versperrt gewesen, daß die Atmosphäre dick und muffig geworden sei.
Davon war noch etwas zu spüren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie Käfige, mit gelbgetünchten Wänden und altväterischen Möbeln. Hier hatten sie, weil damals das Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt. Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszulöschen, als sich ihre Blicke begegneten.
Agathe legte Pelzmantel und Pelzhaube ab, strich ihre Frisur glatt, rückte einen der winzigen Lehnstühle zum Ofen und ließ sich darauf nieder. »Was willst du mir also sagen?« begann sie trocken.
Sylvesters Stirn verfinsterte sich. »Das ist eine ihrer Anwandlungen von hölzerner Verstocktheit,« dachte er ärgerlich. Nach einem Stillschweigen versetzte er, indem er ihr gegenüber Platz nahm: »Ich will dir sagen, daß ich … daß ich keine Freude an mir habe.«
»Warum nicht? Ist denn nicht alles in Erfüllung gegangen, was du begehrt hast?«
»Es ist nichts davon in Erfüllung gegangen.«
»Das tut mir leid. Jedenfalls liegt es nicht an mir, wenn deine Pläne fehlgeschlagen sind.«
»Doch, Agathe, an dir, nur an dir.«
»Ich verstehe dich nicht, Sylvester. Was für Opfer soll ich noch bringen?«
»Du willst mich nicht verstehen, Agathe. Ich habe dir ja geschrieben —«
»Du hast mir geschrieben, es sei dir unmöglich, im Bösen von mir zu scheiden. Du legst Wert darauf, daß wir Freunde bleiben. Was soll ich dazu sagen? Ich finde, daß du einen Luxus treibst, der etwas Imponierendes hat. Es genügt dir nicht, für die Befriedigung einer Laune den höchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch, daß diejenige, die hauptsächlich die Kosten zu tragen hat, versichert, es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzückt. Bin ich wie eine Kuh, die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis ans selige Ende?«
Sylvester verfärbte sich. »Jedes Wort, Agathe,« erwiderte er gepreßt, »jedes Wort ist Mißverständnis und Entstellung. Ich befriedige nicht eine Laune, ich habe das Unglück gehabt, eine Katastrophe zu erleben; ich wage kaum, darüber zu sprechen. Meine Stimme versündigt sich an meinem Gefühl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von Anfang der Welt her. Hättest du mich in einen steinernen Sarg gemauert, ich hätte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe. Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir vorgefallen ist, dürfte ich meiner Tochter erzählen. Du warst so gegenwärtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mächtig, daß ich vor dir zitterte und wenn wir beieinandersaßen, dachten wir an dich, und unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und ich habe sie nicht wieder gesehen.«
Agathe senkte den Blick und antwortete lange nicht. »Ich wußte es,« sagte sie endlich wie zu sich selbst, »es ist so, es ist genau wie du es schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?«
Sylvester zuckte zusammen. »Ja, es war so,« gestand er zögernd, »ich will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht, Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.«
»Ach, Sylvester, Mann, Mensch,« rief Agathe bewegt, »das wollte mich alles nicht so kränken, wenn du nur offen gewesen wärest, nicht so schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit verdient?«
»Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen in die — Labyrinthe. Und dann, du warst mir plötzlich so fremd geworden als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen hätte. Was man auch Tiefsinniges über die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht stören. Wer mehr von ihr erwartet, belügt sich und wird grausam enttäuscht.«
»Die bunten Gläser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe, sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden,« sagte Agathe bitter.
»Das Unheil der Ehe besteht darin, daß sie vieles zur Pflicht macht, was freie Gabe sein soll,« erwiderte Sylvester. »Wird dadurch nicht jede Gabe verdächtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf Beständigkeit erzeugt Abtrünnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er aufrichtig sein, wenn er fürchten muß, daß Aufrichtigkeit ein Verhältnis zerstört, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas Mysteriöses, wovor meine ganze Weisheit verstummt,« fuhr er grüblerisch fort; »ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurückgekommen, um mit deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg, Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«
In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein feiner Schleier abgerissen würde. »Wie kannst du denn bei mir bleiben mit der andern im Herzen?« entgegnete sie. »Sie würde dir immer engelhafter und ich immer unzulänglicher erscheinen. Eine solche Rivalität zu ertragen, ist keine Frau fähig. Ich denke, du bist jetzt nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmütig. So schön eine Brücke ist, so schauderhaft sind mir Notbrücken, besonders wenn sie über stürmisches Wasser führen. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinüber ans andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben Land.« Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen, besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drückte es auf den Mund.
»Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt,« sagte Sylvester. Von allem, was ihm hätte widerfahren können, war ihm das standhafte Sträuben Agathes, das er anfangs dem Gefühl verletzter Würde zugeschrieben, das Unerwartetste. Daß sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne die Denkbarkeit eines Aufhörens, daran hatte er nicht im mindesten gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverständlich gewesen wie die Luft, die er atmete; er hatte niemals die Möglichkeit erwogen, daß dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgültiger Gewißheit für unerschöpflich gehalten, vergeudet werden könne; wie ein gesunder Körper seine inneren Organe nicht spürt, so hatte er die Kraft und Ausdauer dieser Liebe als etwas Gesetzmäßiges und ein für allemal Geregeltes hingenommen. Die Einsicht, daß dem nicht so war, weckte ihn förmlich auf; er begann anders zu sehen und zu hören; plötzlich erblickte er in Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. »Was soll nun werden?« fragte er stockend, »willst du es nicht mehr mit mir versuchen?«
»Du bist Herr in deinem Haus, und ich kann unser Kind nicht im Stich lassen, also muß ich mich deinem Beschluß fügen,« antwortete Agathe hart, und ohne auf Sylvesters beschwörende Gebärde zu achten, sprach sie weiter: »Versuchen? Was heißt das? Du traust mir eine Überlegenheit zu, die ich nicht besitze. Ich bin nicht rachsüchtig, aber ich kann nicht hindern, daß das Erlittene auf mein Gemüt wirkt. Ich glaube nicht mehr an dich, Sylvester. Liegt dir an Verzeihung? Gibst du mir ein Recht, gibt es überhaupt ein Recht zu verzeihen? Dann habe ich dir verziehen seit dem Tag, an dem du kamst. Aber ich glaube nicht mehr an dich. Gern will ich zugeben, daß es von tiefer Bedeutung für dich war, was du erlebt hast. Aber gerade daß du es erlebt hast und daß es eines solchen Erlebnisses bedurfte, um dich zu beflügeln und deiner Seele Schwung zu geben, das macht dich klein in meinen Augen, weil etwas so Unreifes, etwas so Spielerisches und etwas so Zuchtloses darin liegt. Wenn ich dir weh' tue, so vergib; ich mußte es sagen, und ich bin froh, daß es nun gesagt ist.«
»Was aber müßte geschehen, damit du den Glauben an mich wieder gewinnst?« fragte Sylvester tonlos.
»Was geschehen müßte? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch. Vielleicht müßtest du — es ist schwer, das auszudrücken; ob du mich nur recht verstehst — vielleicht müßtest du Achim Ursanners würdig werden.«
»Achim Ursanners würdig? Wie meinst du das?«
»Es ist mein Gefühl so. Ich finde kein anderes Wort dafür.«
Sylvester erhob sich und ging im Zimmer umher. Es dämmerte schon, und das blaue Schneelicht wurde violett. Die Stille war so groß, daß das Knistern der draußen von den Zweigen fallenden Flocken hörbar war.
»Willst du nicht gleich jetzt mit mir nach Erfft gehen?« wandte sich Sylvester an Agathe. »Martha kann ja deine Sachen morgen hinüberschicken, und Silvia freut sich, wenn du kommst.« Er war bemüht, seiner Haltung und seiner Stimme Ungezwungenheit zu verleihen, jedoch es gelang ihm nicht. Agathe stand ebenfalls auf, sah ihn forschend an und nickte.
Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd ließ er in Dudsloch und sagte, er werde es am nächsten Tag holen lassen. Dann folgte er Agathe, die vorausgegangen war.
In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend nach Hause.
* * * * *
Mit Hilfe eines mäßig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westfälische Onkel vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrütteten Finanzen einstweilen in Ordnung. Er hatte mancherlei Pläne im Kopf, wollte eine Winzerschule gründen, Dudsloch in eine Zuchtanstalt für Mustervieh umwandeln, studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher Maschinen und beschäftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei für die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden während des Tags im Freien, und sein Trachten war, am Abend so müde zu sein, daß er nicht mehr denken konnte.
Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gütig, er hingegen wortkarg und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen wunderlich bittend nach. Es kam vor, daß sie allein in den Wald spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie wieder in der Nähe der bewohnten Stätten wußte. Einmal blieb sie auf einer Lichtung stehen, schaute zurück und sah ihn, der eben in die Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte, ob er zufällig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.
Es war Ende Februar, einer jener milden und tückischen Tage, an denen die ganze Natur um den Frühling zu ringen scheint. Da war es Sylvester, als müsse er von Gabriele sprechen, und er erzählte der stumm lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten. Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat Agathe, sie möge allein nach Hause gehen. »Ach du,« murmelte er verstört, als sie fort war, »du Hochmütige, du Selbstgewisse, du Quälerin, du Zuschauerin. Ließest mich erzählen, zu Ende erzählen, damit es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.« Er blieb sitzen, bis die Nacht anbrach.
Hypochondrie trat in seinem Wesen immer stärker hervor.
Sylvester gehörte zu jenen Männern, die mit zunehmenden Jahren vereinsamen. Er war der Freundschaft fähig gewesen wie wenige, und er hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen abgespeist. Mit der Zeit begriff er, daß nichts in der Welt ärmer macht als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zärtlichkeit, brüderliche Übereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begnügen, wirkte er herrschsüchtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttäuscht wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenüber, und die Sylvester eigene Empfindlichkeit war die Ursache, daß er die Menschen gerade dann am meisten abstieß, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er erkannte zu spät, daß er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor der Hingebung fürchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand fast alle Männer nüchtern, leer, gemütsroh und hoffnungslos banal; so hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen glücklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm Phantasiespiele, und während er eroberte, hatte er die Illusion, zu besitzen. Auch dies war nun vorüber, denn sein Haar zeigte graue Fäden.
Im Lauf des Frühjahrs machte er häufig Besuche in der Nachbarschaft. Er langweilte sich tödlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe billigte die Urteile nicht, die er über die Leute fällte; sie erinnerte sich des einen als eines anständigen Kaufmanns, des andern als eines verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie. Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.
Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten könne. Sie hütete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war ihr zumute, als hielte sie den Mann mit äußerster Anstrengung ihrer Kraft und als müsse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken von ihm abließ. Was sie von ihm erwartete, darüber hatte sie nicht die geringste Klarheit, dennoch wußte sie, daß die Glut, mit der sie eine geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfüllung gelöscht werden konnte. Eher hätte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als daß sie einem Anruf der Sinne nachgegeben hätte, um in den schwächlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglücks zurückzukehren. Kein körperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig, finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr von instinkt- und charaktervoller Kälte verborgen war, konnte sie beirren.
Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer saß und sie in französischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief überbracht. Beim Anblick der Schriftzüge auf der Adresse verfärbte er sich, erhob sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend öffnete er den Umschlag und las:
»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe, daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre. Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe, was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist, als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.
Ihre Gabriele.«
Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst spät in der Nacht wieder heim.
Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen könne, und ihr Treiben ekle ihn an.
Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht, die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt. Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu. Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen wird.
So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«
Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot, daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,« antwortete er.
»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen. Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine Untertanen beschäftigen.«
»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik schmeckt nach der Stammtischkneipe.«
»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«
»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«
»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.
»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann stehen.«
Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um einen Krieg gegen Preußen handeln.«
»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht, geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust, der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.
Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.