Chapter 3
Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn übers Wasser lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass sie das Kommen der Mutter nicht hörte. Auf einmal hatte sie eine kräftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als hätte er sie selbst bekommen.
"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"
Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurück. Dann hörte er Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.
Wie konnte man ein so grosses Mädchen noch schlagen. Er war erbost darüber.
Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Ärger. Christine nahm nicht teil am Frühstück, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Küche.
Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschürzt, mit blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen. Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glühten. Sie grüsste ihn sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.
Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den Schlag empfangen hätte.
Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.
Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschämt dastand. Und er empfand gar nichts für sie.
Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf lag über dem Lehrersacker, über der Waldwiese, die mit einem Zipfel den Landweg berührte, und über der feuchten, schwarzen Gartenerde, den Reseda-, Astern- und Stiefmütterchenbeeten.
10.
(Tagebuchblätter.)
Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine schnurrige Idee.
* * * * *
Mit Petersen beim Lehrer in Süssen gewesen. Unterwegs der jungen Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider nur ihren Rücken.
Wer auch so fahren könnte!
In Süssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hübsche Frau, sauber, appetitlich.
War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein gutmütiger Riese. Streit über das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren dafür.
Der Süssener war für die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jägerlied. Der Koloss polterte dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist ein Stück ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht mehr gelten?
"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vörschriewen, wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rögen. Dat is min Religion. Wat wär dat för'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr mal ännert warden künnt! Häw ik recht?"
Ich hatte den Mann lieb in seinem beschränkten Eifer. Ja, daran soll man nicht rühren, oder es fällt alles zusammen. So was muss alt sein, ehrwürdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch müssen auch äusserlich alt sein, abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesättigt mit dem Parfüm von Familien- und Krankenstuben.
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Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionär? Adel und Kirche. Obgleich ich im tiefsten Grunde (lüge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge nicht glaube. Aber man ist heute so hübsch isoliert damit, so hübsch in der Minorität. Und Minorität ist vornehm, ist aristokratisch. Majorität ist der Pöbel.
Ich könnte aus Opposition gegen den Pöbel in das letzte Kloster gehen.
In andern Zeiten würde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus Opposition, aus angeborenem Bedürfnis, mich von der Masse abzusondern, aus aristokratischen Instinkten. Ich könnte Demokrat werden aus Aristokratismus. Unsinn! Na!
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Heute Nacht von Berta geträumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anständig und so rührend in ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hübsche Direktrice mit kärglichem Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss, was das sagen will. Und sie war in einem jüdischen Geschäft angestellt. Nicht, dass sie jemals geklagt hätte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun mal diese Animosität gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.
Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefühle für das Weib "an den Mann zu bringen" suchte.
Sie hatte sogar Mässigkeitseinfluss auf mich. Es war meine Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten. Es wäre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles Hinsiechen der Liebe.
Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter, eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!
Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!
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Wie wohl fühl ich mich allmählich in diesen einfachen Verhältnissen hier, und täglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um den Hals lag und schnürte und schnürte. Es ist die ganze widerliche Lüge jenes Lebens und Treibens.
Hier ist alles auf Wahrheit gegründet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und der Zweck ehrwürdig, weil notwendig und natürlich. Hier hat jeder noch ein Verhältnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der Kaufmann, der Krämer, für ein Verhältnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm lieber als die gute.
Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stück seines Ichs hingibt, des erhaltenen Lohnes würdig! Da hängt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.
Und hier der Bauer! Welche Tüchtigkeit, welche Natürlichkeit, welche innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!
Und dann sind hier keine Juden.
Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort. Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivität. Wäre Gott ein Jude, wäre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein göttlicher Witz! Widerspruch in sich.
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Ihr verdreht dem Volk nur die Köpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dünkelhaft. Und sind wir nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Überall, in Literatur Kunst, Gesellschaft? Jeder schwätzt über jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen, Bewunderung, Freude?
Alles, das Höchste und Grösste wird auf das Allerweltsniveau von Müller und Schultze herabgeschwätzt, und der Ladenjüngling spricht von Darwin und Ibsen mit derselben Zungengeläufigkeit wie von der neuesten Mode und dem grossen Preis von Hamburg.
Wie kocht es in mir, hör ich so ein Dämchen über die neueste Richtung räsonieren, oder so einen Krämerkommis über die moderne Malerei. Rede einmal so dumm weg über ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrümpfe, gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst, ihr Geschäftchen schädigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf, sein Brot.
Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"
Es gibt überhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser, Halbwisser und--Alleswisser natürlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.
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Gestern rote Grütze, heute rote Grütze, morgen rote Grütze, rote Grütze in alle Ewigkeit. Amen!
Das Leben geht hier seinen höllisch gleichmässigen Gang.
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"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man för't Füer wohren und sik man in acht nähmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr to weten. All könt wie doch nich klook waren."
Hest recht, oll Jürs. Wat schall all dat Lihren.
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Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.
"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."
Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnügen daran, wie sie sich balgten, übereinanderkollerten, Buben und Mädel im Staub der Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.
Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die Dorfjugend. Köstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!
Müssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Süssigkeiten aus dem Schmutz klauben? Und die grösste Süssigkeit (?), die Liebe, ist sie nicht eine Sumpfpflanze?--
Gott muss keinen Ekel kennen.
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Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fürstenberg. Aber zum Teufel, ich will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstürme und jede Art Kletterei, um möglichst viel auf einmal zu sehen.
Wenn es noch ein Leuchtturm wäre. Oder meine alte Pappel zu Hause.
Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige. Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vögel gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und wieder Wald und Feld, Kühe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von einem Knick zum andern. Und das ganze läuft nur darauf hinaus, dass man so weit sehen kann, so weit, bis nach Lübeck hin. Und dann die Herzen und Pfeile, und die Müllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein Fremdenbuch mit albernen Versen.
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Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darüber geht doch nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefühl, Einsgefühl mit der Natur!
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Diese dumme Küsserei! Es kam so über mich. Und so tolpatschig, wie nur ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der Zärtlichkeit.
Mancher küsst im Vorbeigehen jedes Mädel, das ihm gerade gefällt, und sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so naiv, harmlos, wie Blumenpflücken. Bei mir wird immer eine Haupt- und Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfällig, nicht leichtherzig, nicht leichtsinnig genug.
Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der Missdeutung.
Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.
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Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.
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Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam expellas furca ...
Ich habe zu lange gefastet!
Übrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen.
Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur einen Tropfen Blutes vergiessen.
O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns nur einmal im Traum beschert.
Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt. Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.
Armer Mumm!
Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.
* * * * *
Übrigens zur Notiz für Gerdsen:
Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art Gräberliebe, Gruselliebe.
Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder da.
Ob sie nun tot ist?
11.
Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.
Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.
"Der Graf ist oben," sagte Petersen.
"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.
"Ei gewiss!"
Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.
Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer.
"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.
"Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mütig," sagte Petersen.
Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform betraten.
"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten Blicken.
Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!
Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen?
Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran.
"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."
Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg.
"Ah, Sie sind es, mein Lieber."
Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte Verbeugung.
"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."
"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen zuzustimmen.
"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich gegen den Grafen.
"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein wichtiges Versäumnis gut zu machen.
"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"
"Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen Lebhaftigkeit fort.
"Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land."
Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den Horizont ab.
Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, immer reserviert.
Aber wo blieb denn die Dame?
Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.
Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.
Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird sie schon zum Vorschein kommen.
Aber Petersen zupfte ihn am Arm.
"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"
"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.
"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock."
"Ja, ja, ich sehe," log Randers.
Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch einen Damensattel.
"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.
"Die Komtesse," belehrte Petersen.
Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.
Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme!
Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein flüchtiger, musternder Blick.
Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.
Wirst du mich vorstellen?
Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.
Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können. Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen. Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein norwegisches Berglied.
"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu Petersen.
Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte:
"Norwegische Augen?"
"Ja, Fjordaugen," erklärte Randers.
In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte, seinen Hut lüftend, freundlich Abschied.
Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo Steine liegen.
Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen.
Fjordaugen!
Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf.
Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten darüber.
Fjordaugen!
Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell darüber hin.
Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!
Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn.
Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe, unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine Stürme.
Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief und feierlich wie das ruhige Meer.
"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.
Randers schreckte auf.
"Ja, ja," sagte er hastig.
Unten musste Randers durchaus etwas trinken.
Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur Schnaps und Bier.
Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers trank hastig.
"Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter.
"Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal."
"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.
"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.
"Zu Pferde?"
"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter.
Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm Bescheid tun.
Nach dem dritten Glas sagte er:
"Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"
"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein, twintig."
"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."
"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.
"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch."
Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant.
"Äh, ich lach auf die Welt!"
Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een?
"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers. "Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."
"Ja, es hat was f--f--f--für sich," stotterte Petersen.
Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie einen, dem nicht zu trauen ist.
"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, "hab ich nicht recht?"
"Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."
"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber eine Sache für sich."
"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der Lehrer ins Mittel.
"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl, dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe--na ja, du versteihst mi, Petersen."
Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte an ihm herum.
"Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einer Pause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können."
Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals.
"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de Botter dorbi to hebben."
Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort zu kommen.
"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.
Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:
"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"
* * * * *
Zweites Buch
1.
Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehörte zu Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fünf Minuten von einander entfernt.
Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelöhnerkaten. In Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte sich gesträubt. Aber Randers hatte ihn überredet, mit Worten und mit Geld.
Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was wollte er hier bei ihnen?
Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.
Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfälschte Seeluft. Baden müsse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren gäbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.