Chapter 10
Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der Leute wegen? der Rantumer?
"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung angenommen.
Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren Füssen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah, mit einem glücklichen, gerührten Lächeln auf ihn zukam, der Veilchen nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise:
"Wie lieb habe ich Sie."
Ein flammendes Rot überflog sie, verging aber schnell.
Sie lächelte.
"Wie gut Sie sind."
"Weil ich Sie so liebe?"
Sie legte den Finger auf den Mund.
"Seien Sie nicht töricht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein."
Er küsste ihr die Hand.
Nachher gingen sie auf die Dünen hinauf.
Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und musste auf dem Dünenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es.
Da gab er ihr seinen Arm.
Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah.
Die Möwen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Nähe.
"Da drüben liegt Schottland," sagte Helga.
"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er.
Sein Herz war voll. Er spürte den Veilchenduft, der von ihrem Gürtel aufstieg, von dem Sträusschen, das sie dort befestigt hatte.
Er hätte sie an sich reissen mögen.
Drüben liegt Schottland.
Er verstand sie wohl.
"Wir wollen gute Kameraden sein."
Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor.
"Wie denken Sie über Jolanthe?" fragte er.
"Die Ärmste," sagte Helga.
"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers.
"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie leichthin.
21.
Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler. Randers stiess mit ihr an.
"In Schönheit sterben," sagte er.
"In Schönheit leben," antwortete sie.
"Aber dann in Schönheit sterben," beharrte er.
"Wie's kommt."
"Das sagen Sie, Hedda Gabler?"
"Ich bin keine Hedda Gabler."
"Aber möchten Sie denn nicht--"
"In Schönheit sterben?"
Sie lachte.
"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schönes dabei? Kraft und Willen zu neuem Leben haben, das wäre schön. Das andere ist am Ende nur ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der Verzweiflung."
"Unter Umständen--"
"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach sich wegzublasen."
"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist."
"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg räumen. Ich billige das sogar. Aber wir wollen da nicht von Schönheit reden. Er erleichtert sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt."
"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht."
Sie zuckte die Achseln.
"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben."
Es war ein köstlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom Sterben ruhen. Sie gingen in die Dünen und waren still und froh miteinander.
Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schönheit leben!" Ja, mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie lächelte. Sie liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz überzeugt, dass es ihm möglich sei. Und er lachte so laut und fröhlich und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Mütze in den Nacken, dass die ganze, hohe, gebräunte Stirn frei wurde.
Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen sie auf Nora.
"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers.
"Wollt ich?"
"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind wird Ihren Schal fangen, und die Möwen werden Ihren Pas folgen, der Tanz über dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein."
So bat er, beredt und von ihrer Schönheit in einen Rausch versetzt, der ihn zum Dichter machte.
Und Helga erhob sich zum Tanz.
"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora.
Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequältes Weib, das Betäubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und Gleiten und Auf- und Niederschnellen.
Sie ist zu gross für Nora, dachte Randers.
"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga.
"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers.
"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen tanzen möchte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das möchte ich Ihnen tanzen können."
Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte über die Heide, kam in Feuer, ward geschmeidig, verjüngte sich vor seinen Augen, tanzte um den Kopf des Täufers. Und ein Wolkenschatten hüllte sie ein. Und der Wind wehte frischer und rang mit ihr und löste eine ihrer schweren blonden Flechten.
Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an.
Und die Wolke zog vorüber, und die Sonne liess Helgas Schatten über die Heide tanzen. Und eine Möwe wiegte sich, leuchtend, über Salome, umkreiste sie und schoss plötzlich wie ein zuckender Blitz davon.
"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Hände, sprang auf und auf die ihm entgegen Taumelnde zu.
Helga glühte, lächelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Dünenbett und fächelte sich Kühlung zu.
"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich möcht's können. Mit Genie tanzen."
"Sie können's," rief er warm.
"Nein, nein. Es ist nichts."
"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie lächelnd hinzu.
"Meiner steht Ihnen zur Verfügung," sagte Randers.
"Sie sind kein Johannis."
Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fühlte sich verwundet.
"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er.
"Was wollte Salome mit ihm?"
"Sie liebte ihn."
"Nun also. Aber ich müsste diese Liebe empfinden, nicht nur schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie ersetzt."
"Und waren Sie nie--"
"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund."
Er sah sie forschend an.
Sprach sie die Wahrheit?
"Und wie müsste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--"
"Männlich!"
"Ja, wie?"
"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Füssen und Herr über sich."
Randers wurde rot, glühte vor Scham.
"Der ideale Mann," sagte er.
Sie sah sein Erröten, und ein warmes Gefühl für ihn stieg in ihr auf.
"Ideal?" sagte sie. "Solche Männer gibt es genug. In allen Ständen, Gott sei Dank!"
"Aber Sie wollen doch auch etwas höheres, geistigeres. Der brave Mann an sich--"
"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Köstlich! Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natürlich nicht. Sonst könnte man sich unter zehn braven Männern nicht gerade in den einen verlieben."
"Da ist's also doch noch etwas anderes."
"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Dümmste von den zehn.
"Nun werden Sie flach."
"Liebe ist blind."
"Auch eine Flachheit."
"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen."
"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe wäre Genie."
"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfäden, wach im Traum und immer närrisch."
22.
Randers an Gerdsen.
Lieber Freund!
Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf.
Mir ist es, wie die Witterung eines Verhängnisses. Und hier, wo ich gesunden wollte!
Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe! Kein Mord dieser Liebe.
Sie _müssen_ sie kennen lernen.
Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Grösse, einer Strenge. Rühr mich nicht an! Geist und Verstand. Güte. Schönheitsbedürfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung.
Sie hat wunderbar schöne Hände, gross und voll, aber weich, und hat einen so warmen festen Druck. Hände zum Festhalten: Du bist mein!
Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, überlegt, aber es zittert immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes zittert.
Sie teilt sans gêne mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Träume haben sich erfüllt.
O, diese Stunden am Strand, in den Dünen. Und zu Hause, wenn wir lesen. Sie liest, na, eben als Künstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda Gabler, Rebekka West, Nora. Sie würde keine unwahre Ehe ertragen. Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr aufzwingen wollte.
Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir!
Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie müssen sie Grieg singen hören. Jeder Ton Leidenschaft.
Ihr Randers.
23.
(Tagebuchblätter.)
Strandbegehren.
In stiller, milder Düneneinsamkeit Bin spät am Abend ich dahingegangen, Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid, Und süss im Herzen brannte das Verlangen. Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit, So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen. Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen.
* * * * *
Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage, Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Küssen.
* * * * *
So hat Desdemona zu den Füssen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich imponieren? Ihr, die aussieht, als würde sie das Kühnste mit mir teilen?
Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum Mohren von Venedig.
* * * * *
Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Küsse für sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurückgeschreckt vor jeder unreinen Berührung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich quält, in Reue quält und etwas in sich zerstört fühlt--ob sie es versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist?
* * * * *
Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin überlegen. Sie interessiert sich für mich. Vielleicht, wenn ich auch noch schwarz wäre wie Desdemonas Mohr--
* * * * *
Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung über unser Zusammenleben gemacht. Denken mögen sie ihr Teil und unter sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte: "ist sie denn garnicht ängstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist doch so ganz einsam und weit weg."
Ob er Hintergedanken hatte?
Mannsleute haben immer Hintergedanken.
* * * * *
Ach, lüge dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkämpft sein will.
Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nüchternheit des Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalität. Und doch dies Künstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie würde sich in einem Kreis moralfester Predigerstöchter wohl fühlen können. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend woher hat, das zurückgedämmt, gefangen gehalten wird von der Tabaksfabrikantennüchternheit väterlicherseits in ihr.
24.
Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hören.
Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an Seite durch die Abenddünen gingen, um noch einen letzten Blick auf die See zu werfen.
Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen.
"Bitte! Hier in den Dünen, von den Dünen herab. Da oben, aufs Meer hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond einen silbernen Gürtel geliehen."
"Es ist schön."
Sie stiegen langsam auf den höchsten Kamm.
"Hier," bat er.
Helga lächelte.
Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Füssen geworfen und sah aufs Meer hinaus.
Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse Herzblut:
Ich liebe dich!
Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf.
Sie stand zitternd, wollte wehren.
Aber er umschlang sie, riss sie an sich, küsste sie. Seine ganze Leidenschaft wachte auf. Und sie, überrascht, überwältigt, unter der Glut seiner Küsse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten aneinander, einten sich.
Und sie küssten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung brachte.
Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht erglühten sie aneinander und küssten sich.
Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, küssten den Strand und starben, küssten und starben.
25.
Randers stürmte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen hinaus.
Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie schlafen nach diesem Abend?
Aber es war oben alles still gewesen.
Säe schlief, schlief noch.
Schlief doch.
Aber ihn trieb es hinaus.
Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie, die jetzt sein war, die er nicht lassen würde, nicht wieder von sich lassen. Endlich das Glück, das grosse Glück!
Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken. Nur das eine selige Gefühl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glück, deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst.
In Schönheit leben!
Ja, mit ihr in Schönheit!
Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama erhabener Natur, starre, schweigende Bergöde, Palmenwälder, rauschende Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele. Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte, schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darüber, alles umspannend, der glänzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefühls, tränenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war alles das Glück, das endliche grosse Glück.
Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestürmt. Diese köstliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten Rillen mit glänzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkühle, aber doch glänzend in Erwartung des Tages.
Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde Morgenschönheit. Es kam eine Kraft über ihn, eine Fröhlichkeit und ein Stolz.
Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen über die Sandbank schäumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend.
Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo die Wellen jauchzten, sein Glück ans Meer tragen, es hinausrufen, dem dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den hundert Meermädchen, die sich da lachend ihre nächtlichen Meerträume erzählten und mit den weissen Armen nach den Möwen griffen, die mit ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten.
Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen weichflugigen Seevögel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder, flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder geräuschlos auf den Sand.
Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die Füsse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glänzender Schaum längs des ganzen Wattenrandes.
Und die Sonne kam.
Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Bläschen schillernd und sprühend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Mütze vom Kopf und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob.
Und dann fing er an zu singen, jenes alte dänische Heldenlied, das er damals auf den nächtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und singend wich er vor den Wellen zurück, sang und freute sich der heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurück. Bis es ihn plötzlich überfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Möwen sah, die unruhig wurden und ins Watt zurückzogen. Und er erschrak.
Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefüllt hatte, ganz rot glühte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser Erregung. Er wandte sich seitwärts. Er musste auf dem nächsten Weg den Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der heranrollenden Flut längs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half nichts.
Er zog Schuh und Strümpfe aus, zog die Beinkleider über die Knie hinauf und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis über die Knöchel. Es war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen. Vielleicht musste er nachher noch laufen.
Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste, dass nur grösste Kaltblütigkeit und Umsicht ihn retten würde. Und es war ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man würde vom Strand aus ihn sehen. Und zuletzt, er war ein guter Schwimmer.
Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen füllten sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war.
Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getön. Das Meer kam, um wieder Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehörte das Watt. Es drang in die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbänken, umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem mächtigen, schillernden Leib.
Randers lief an einem breiten Priel längs und konnte keine Furt finden. Er lief zurück, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom wälzte sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken Hans in die gierigen Zähne.
Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis über die Hüften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah.
Drüben lief er weiter, nackt, um erst einen gehörigen Vorsprung zu gewinnen. Er schätzte die Entfernung bis zum Ufer.
Eine Viertelstunde noch.
"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne.
Alles sah so fröhlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen.
Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen Nacht, die nicht endet.
Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das Unheimliche.
Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das strömte von allen Seiten zusammen, überholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein, warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen.
Randers blieb ruhig. Das Terrain längs der Küste kannte er. Es war da noch einmal tief. Das Wasser würde ihm vielleicht bis an den Hals gehen, er würde schwimmen müssen.
Schwimmen bei der Flut?
Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln und werfen. Aber seine Arme waren geübt, und irgendwo würde er festen Fuss fassen.
Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden, rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste er's wagen.
Alles ab! Ganz nackt, die Zähne zusammen, jede Muskel krampfhaft gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen, strandlängs, und wieder zurück, wieder abseits, sah die Entfernung zwischen sich und dem Strand wachsen.
Er warf sich auf den Rücken, schöpfte Atem, warf sich wieder herum und begann den Kampf aufs neue.
Und es gelang ihm. Er fühlte festen Boden unter den Füssen, taumelte mechanisch weiter, fühlte sich ohnmächtig werden und fiel kraftlos vornüber.
Eine blaugrüne, schaumgekrönte, wogende See rollte über dem Watt. Die Möwen kreisten darüber und leuchteten in der Sonne, schossen herab, neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden Laut wieder auf.
Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing schlaff herab, und mit den Füssen spielte noch die Flut und warf sie hin und her.
Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief sie nach Hülfe.
26.
Randers war noch sehr elend nach den Fiebernächten, mit denen er Helga erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn bis ans Herz fror.
"Sie dürfen nicht gehen," sagte er.
"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen."
"Fieberträume," rief er.
"Quälen Sie mich nicht so," sagte sie leise.
Da liess er ihre Hand los.
"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her.
Eine heisse Welle überflutete für einen Augenblick ihr Gesicht.
"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb haben."
"Nie."
"Kennen Sie sich so schlecht?"
"Helga, nun quälen Sie mich."
"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie quälen muss, wo sie beglücken möchte."
"Helga."
Er lag zu ihren Füssen.
"Henning. Nicht. Stehen Sie auf."
Er umklammerte ihre beiden Hände und küsste sie.
"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er.
Sie löste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie tröstend über seinen Scheitel.
Dann beugte sie sich zu ihm und küsste seine Stirne.
"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann."
"Es ist Ihr letztes?"
"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir dürfen nicht einem Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns jetzt auch stark sein."
Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurück und begrub das Gesicht in die Hände.
Leise ging Helga hinaus.
27.
Gerd Gerdsen an Randers.
Lieber Freund!
Ein Geständnis aus melancholischem Herzen. Während ich an Ihrem Roman arbeite und mich mit Ihren Amouren abquäle, stecke ich selbst darin, bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche, verspätete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie empfunden habe. Ein Kind, eine Schülerin, mir in ein paar Jahren heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele zum Klingen bringend, die bisher ruhten.
Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Geständnis in treuem Herzen.
Märchen.
In deiner lieben Nähe Bin ich so glücklich. Ich mein, Ich müsste wieder der wilde Selige Knabe sein.
Das macht deiner süssen Jugend Sonniger Frühlingshauch, Ich hab dich so lieb, und draussen Blühen die Rosen ja auch.
O Traum der goldenen Tage. Herz, es war einmal.-- Abendwolken wandern Über mein Jugendtal.
* * * * *
Fromm.
Der Mond scheint auf mein Lager, Ich schlafe nicht, Meine gefalteten Hände ruhen In seinem Licht. Meine Seele ist still. Sie kehrte Von Gott zurück. Und mein Herz hat nur einen Gedanken: Dich und dein Glück.
* * * * *
Ja, mein tägliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Glücks auf den blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjährigen Kindes! Und das Köstlichste: