Der Mann des Schicksals: Komödie in einem Akt

Chapter 4

Chapter 43,651 wordsPublic domain

(Napoleon.) Hm! (Er sieht sie an, nimmt das Paket und betrachtet es, spitzt die Lippen und wiegt es in der Hand, sieht sie dann wieder an, nimmt das Paket in seine linke Hand und stellt es hinter seinen Rücken; seine rechte Hand erhebt er, um sich am Hinterkopf zu kratzen, indem er sich umwendet und an die Schwelle des Weingartens geht, wo er einen Augenblick stehen bleibt und, in tiefe Gedanken versunken, nach den Weinreben blickt. Die Dame beobachtet ihn schweigend, mit einiger Geringschätzung. Plötzlich kommt er wieder zurück, voll Kraft und Entschlossenheit:) Ich will Ihre Bitte erfüllen, Madame. Ihr Mut und Ihre Entschlossenheit verdienen einen Erfolg. Nehmen Sie die Briefe, für die Sie so gut gekämpft haben, und erinnern Sie sich hinfort daran, daß Sie den niedrig geborenen, gemeinen, korsischen Abenteurer nach der gewonnenen Schlacht dem Besiegten gegenüber ebenso großmütig gefunden haben, wie er vorher im Angesichte des Feindes unerbittlich war. (Er bietet ihr das Paket an.)

(Dame ohne es zu nehmen, ihn hart anblickend:) Ich frage mich, was Sie wohl jetzt im Schilde führen. (Er wirft das Paket wütend auf den Boden.) Aha! Mir scheint, diesmal habe ich eine Pose verdorben. (Sie macht ihm eine hübsche, spöttische Verbeugung.)

(Napoleon hebt die Briefe wieder auf:) Wollen Sie die Briefe nehmen und dann gehen? (Geht auf sie los und will sie ihr aufdrängen.)

(Dame um den Tisch herum entwischend:) Nein! ich will Ihre Briefe nicht.

(Napoleon.) Vor zehn Minuten wollte Ihnen nichts anderes genügen.

(Dame den Tisch sorgfältig zwischen ihm und sich haltend:) Vor zehn Minuten hatten Sie mich noch nicht über alles Ertragen beleidigt.

(Napoleon.) Dann... (seine Wut hinunterwürgend:) dann bitte ich Sie um Verzeihung.

(Dame kühl:) Ich danke. (Er bietet ihr mit erzwungener Höflichkeit das Paket über den Tisch an; sie tritt einen Schritt zurück, aus seinem Bereich, und sagt:) Aber wollen Sie denn nicht mehr wissen, ob die Österreicher in Mantua oder in Peschiera stehen?

(Napoleon.) Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich meine Feinde ohne die Mithilfe von Spionen zu besiegen weiß, Madame!

(Dame.) Und den Brief--wollen Sie den nicht lesen?

(Napoleon.) Sie haben gesagt, daß er nicht an mich adressiert ist--ich habe nicht die Gewohnheit, anderer Leute Briefe zu lesen. (Er bietet ihr das Paket abermals an.)

(Dame.) Wenn dem so ist, dann ist dagegen, daß Sie ihn behalten, gewiß nichts einzuwenden. Alles, was ich wollte, war: zu verhindern, daß Sie ihn lesen. (Heiter:) Guten Abend, Herr General! (Sie wendet sich kühl nach der inneren Türe.)

(Napoleon wirft das Paket ärgerlich auf das Sofa:) Himmel, gib mir Geduld! (Er pflanzt sich entschlossen vor der Tür auf und verstellt ihr so den Weg.) Fehlt Ihnen jeder Sinn für persönliche Gefahr, oder gehören Sie zu den Frauen, die es lieben, schwarz und blau geschlagen zu werden?

(Dame.) Ich danke schön, Herr General--das müßte zweifellos eine sehr reizvolle Sensation sein, aber ich verzichte lieber darauf. Ich will einfach nach Hause gehn, weiter nichts. Ich war arglistig genug, Ihre Depeschen zu stehlen, aber Sie haben sie zurückbekommen und haben mir verziehen, weil (seinen rhetorischen Tonfall liebenswürdig wiederholend:) Sie nach der gewonnenen Schlacht ebenso großmütig gegen den Besiegten sind, wie Sie vorher im Angesicht des Feindes unerbittlich waren. Wollen Sie mir nicht Lebewohl sagen? (Sie reicht ihm freundlich die Hand.)

(Napoleon das Entgegenkommen mit einer Gebärde maßloser Wut zurückweisend, öffnet die Tür und ruft wütend:) Giuseppe! (Lauter:) Giuseppe! (Er schlägt die Tür zu und kommt in die Mitte des Zimmers. Die Dame geht etwas gegen den Weingarten zu, um ihm auszuweichen.)

(Giuseppe erscheint an den Tür:) Exzellenz befehlen?

(Napoleon.) Wo ist der Narr?

(Giuseppe.) Der Herr Leutnant hat, wie Exzellenz befohlen haben, ein gutes Essen bekommen und erweist mir nun die Ehre, mit mir zu würfeln, um sich die Zeit zu vertreiben.

(Napoleon.) Schick' ihn her--bring ihn herein and komm mit ihm.

(Giuseppe läuft mit unentwegter Bereitwilligkeit hinaus. Napoleon wendet sich zu der Dame und sagt dabei barsch:) Ich muß Sie bitten, noch einige Augenblicke hierzubleiben, Madame. (Er geht zum Sofa. Sie schreitet vom Weingarten an der entgegengesetzten Seite des Zimmers an das Büfett, lehnt sich dagegen und beobachtet ihn. Er nimmt das Paket vom Sofa und knöpft es langsam und sorgfältig in seine Brusttasche, während er sie dabei mit einem Ausdruck betrachtet, der besagen soll, daß sie den Zweck seines Vorgehens bald herausfinden und über diesen Zweck nicht erfreut sein wird. Es wird nichts mehr gesagt, bis der Leutnant hereinkommt. Giuseppe folgt ihm und bleibt bescheiden in Bereitschaft vor dem Tische stehn. Der Leutnant ohne Mütze, ohne Degen und ohne Handschuhe und infolge seiner Mahlzeit in viel besserer Laune und besserer Geistesverfassung wählt die Seite des Zimmers, auf der die Dame steht, und wartet sehr behaglich, bis Napoleon beginnt.)

(Napoleon.) Herr Leutnant!

(Leutnant ermutigend:) Herr General!

(Napoleon.) Ich kann diese Dame nicht dazu bewegen, mir viele Aufklärungen zu geben; aber es besteht kein Zweifel mehr darüber, daß der Mann, der Sie durch seine List dahin brachte, Ihre Pflicht zu verletzen, wie sie es bereits zugab, ihr Bruder ist.

(Leutnant triumphierend:) Was habe ich Ihnen gesagt, Herr General?

(Napoleon.) Sie müssen diesen Menschen finden, Ihre Ehre steht auf dem Spiel, und der Ausgang des Feldzuges, das Schicksal Frankreichs--Europas --der Menschheit vielleicht mag von den Mitteilungen abhängen, die jene Depeschen enthalten.

(Leutnant.) Ja, mir scheint, sie sind wirklich ziemlich wichtig. (Als ob er vorher kaum daran gedacht hätte.)

(Napoleon energisch:) Sie sind so wichtig, Herr Leutnant, daß ich Sie in Gegenwart Ihres Regiments degradieren werde, wenn Sie diese Depeschen nicht wiederfinden.

(Leutnant.) Hu! Ich kann Ihnen versichern, daß dem Regimente das wenig Spaß machen wird.

(Napoleon.) Persönlich bedaure ich Sie; ich würde die Sache, wenn das möglich wäre, gerne unterdrücken. Aber ich werde zur Rechenschaft gezogen werden, wenn ich nicht nach den Depeschen handle--ich werde der ganzen Welt beweisen müssen, daß ich sie niemals bekommen habe, was für Folgen das auch immer für Sie haben mag--es tut mir leid, aber Sie sehen, ich kann mir nicht anders helfen.

(Leutnant gutmütig:) Oh, nehmen Sie sich die Sache nicht zu Herzen, Herr General, Sie sind wirklich zu gütig. Was mir auch zustoßen sollte, ich werde schon irgendwie durchkommen, und wir werden die Österreicher für Sie schlagen--mit oder ohne Depeschen! Ich hoffe, Sie werden nicht darauf bestehen, daß ich ganz umsonst sofort Jagd nach diesem Burschen mache. Ich habe ja keine Ahnung, wo ich ihn suchen soll.

(Giuseppe ehrerbietig:) Sie vergessen, Herr Leutnant,--er hat Ihr Pferd.

(Leutnant auffahrend:) Das hab' ich ganz vergessen. (Entschlossen:) Ich werde nach ihm fahnden, Herr General, ich werde dieses Pferd, wenn es irgendwo in Italien noch am Leben ist, aufstöbern, und ich werde die Depeschen nicht vergessen--seien Sie unbesorgt. Geh', Giuseppe, und sattle eines von deinen schäbigen alten Postkutschpferden, während ich meine Mütze, meinen Degen und die übrigen Sachen hole,--schnell, marsch! fort mit dir! (Drängt ihn hinaus.)

(Giuseppe.) Sofort, Herr Leutnant, sofort! (Er verschwindet im Weingarten, den der Sonnenuntergang rötet.)

(Leutnant auf dem Wege nach der inneren Tür um sich blickend:) Da fällt mir ein, Herr General, habe ich Ihnen meinen Degen gegeben oder nicht? Oh, ich erinnere mich jetzt--(verdrießlich:) Das kommt davon, wenn man einen Menschen in Arrest setzt! Man weiß dann nie, wo man seine sieben Sachen gelassen... (Er schwätzt sich aus dem Zimmer.)

(Dame noch vor dem Büfett:) Was soll das alles bedeuten, Herr General?

(Napoleon.) Er wird Ihren Bruder nicht finden.

(Dame.) Selbstverständlich nicht; weil ich keinen habe.

(Napoleon.) Die Depeschen werden unwiederbringlich verloren sein.

(Dame.) Unsinn! Sie sind in Ihrer Rocktasche.

(Napoleon.) Sie werden einsehen, daß es schwerhalten wird, diese abenteuerliche Behauptung zu beweisen.

(Die Dame fährt auf; er fügt mit treffendem Nachdruck hinzu:) Diese Papiere sind verloren.

(Dame ängstlich, an die Ecke des Tisches vorwärtsschreitend:) Und deshalb soll die Karriere dieses unglücklichen Menschen geopfert werden?

(Napoleon.) Seine Karriere?! Der Bursche ist das Schießpulver nicht wert, das er kosten würde, wenn ich ihn niederknallen ließe! (Er wendet sich verachtungsvoll ab und geht zum Kamin, wo er der Dame den Rücken kehrt.)

(Dame gedankenvoll:) Sie sind sehr hart. Männer und Frauen sind Ihnen nichts als Dinge, dazu da, von Ihnen gebraucht zu werden, selbst wenn sie bei dem Gebrauch zugrunde gehn.

(Napoleon wendet sich zu ihr:) Wer von uns beiden hat diesen Burschen zugrunde gerichtet--ich oder Sie? Wer hat ihm die Depeschen abgelockt? Haben Sie dabei an seine Karriere gedacht?

(Dame naiv bekümmert um den Leutnant:) Oh, daran habe ich nicht gedacht! Es war brutal von mir--aber ich konnte nicht anders, nicht wahr? Wie hätte ich sonst die Papiere bekommen sollen? (Flehentlich:) Herr General, Sie werden ihm die Schande ersparen!

(Napoleon bitter lachend:) Retten Sie ihn, da Sie so gescheit sind! Sie waren es ja, die ihn ruiniert hat! (Mit wilder Betonung:) Ich hasse einen schlechten Soldaten! (Er geht entschlossen durch den Weingarten hinaus; sie folgt ihm einige Schritte mit einer beschwörenden Gebärde, wird aber durch die Rückkehr des Leutnants aufgehalten, der mit Handschuhen und Mütze und umgürtetem Degen marschbereit ist. Er durchschreitet das Zimmer nach der äußeren Tür zu, als sie ihm in den Weg tritt.)

(Dame.) Herr Leutnant!

(Leutnant wichtig:) Sie dürfen mich nicht aufhalten,--Dienst ist Dienst, gnädige Frau.

(Dame flehentlich:) O Herr Leutnant, was wollen Sie meinem armen Bruder tun?

(Leutnant.) Lieben Sie ihn sehr?

(Dame.) Ich würde sterben, wenn ihm etwas zustieße--Sie müssen ihn verschonen! (Der Leutnant schüttelt düster den Kopf.) Ja, ja, Sie müssen--Sie werden... Er darf noch nicht sterben! Hören Sie mich! Wenn ich Ihnen sage, wo er zu finden ist--wenn ich es unternehme, ihn als Gefangenen in Ihre Hände zu liefern, damit Sie ihn dem General Bonaparte übergeben können--wollen Sie mir dann als Offizier und Edelmann bei Ihrer Ehre schwören, nicht mit ihm zu kämpfen oder ihn auf irgendeine Weise schlecht zu behandeln?

(Leutnant.) Aber gesetzt den Fall, daß er mich angreift... er hat meine Pistolen!

(Dame.) Dazu ist er viel zu feige.

(Leutnant.) Davon bin ich durchaus nicht so überzeugt--der ist zu allem fähig.

(Dame.) Für den Fall, daß er Sie angreifen oder den leisesten Widerstand leisten sollte, gebe ich Ihnen Ihr Versprechen zurück.

(Leutnant.) Mein Versprechen? Ich habe ja noch nichts versprochen. --Schauen Sie! Sie sind genau so gerieben wie Ihr Bruder.--Sie haben mich auch mittels der besseren Seite meiner Natur übervorteilen wollen. Und wie steht es mit meinem Pferd?

(Dame.) Es ist in unsere Abmachung eingeschlossen, daß Sie Ihr Pferd und Ihre Pistolen zurückbekommen sollen.

(Leutnant.) Bei Ihrer Ehre?

(Dame.) Bei meiner Ehre! (Sie reicht ihm die Hand.)

(Leutnant erfaßt sie und hält sie fest:) Abgemacht! Ich werde mit ihm sanft wie ein Lamm umgehen.--Seine Schwester ist eine sehr hübsche Frau. (Er versucht, sie zu küssen.)

(Dame ihm entschlüpfend:) O Herr Leutnant, Sie vergessen,--es geht um Ihre Karriere--um das Schicksal Europas--der Menschheit vielleicht...

(Leutnant.) Was schert mich das Schicksal der Menschheit! (Ihr nachsetzend:) Nur einen Kuß!

(Dame zieht sich hinter den Tisch zurück:) Nicht, bevor Sie Ihre Offiziersehre wiedergewonnen haben. Bedenken Sie--noch ist mein Bruder nicht Ihr Gefangener!

(Leutnant verführerisch:) Sie werden mir sagen, wo er ist--nicht wahr?

(Dame.) Ich brauche ihm nur ein vereinbartes Zeichen zu senden, und er wird in einer Viertelstunde hier sein.

(Leutnant.) Dann ist er also gar nicht weit?

(Dame.) Nein--sogar ganz nahe. Warten Sie hier auf ihn; sobald er meine Botschaft bekommt, wird er sofort hierhereilen, um sich Ihnen zu ergeben--verstehen Sie jetzt?

(Leutnant an dessen Verstand zu hohe Anforderungen gestellt werden:) Nun, die Sache ist zwar ein wenig kompliziert, aber ich hoffe, es wird schon alles in Ordnung sein.

(Dame.) Und jetzt, während Sie auf den Gefangenen warten, glauben Sie nicht, daß es besser wäre, Sie würden mit dem General die Bedingungen der Übergabe vereinbaren?

(Leutnant.) Sehen Sie, wie fürchterlich verwickelt die Sache ist! Was für Bedingungen?

(Dame.) Lassen Sie sich von ihm zusichern, daß er Ihre Soldatenehre als wiederhergestellt betrachtet, sobald Sie meinen Bruder gefangen haben. Unter dieser Bedingung wird er alles versprechen, was Sie verlangen.

(Leutnant.) Das ist keine schlechte Idee, ich danke Ihnen. Ich glaube, das werde ich doch versuchen.

(Dame.) Tun Sie das. Und vor allem eins: lassen Sie ihn ja nicht merken, wie gescheit Sie sind.

(Leutnant.) Ich verstehe:--er könnte neidisch werden.

(Dame.) Sagen Sie ihm nichts anderes, als daß Sie entschlossen sind, meinen Bruder gefangenzunehmen oder bei dem Versuche zugrunde zu gehn. Er wird Ihnen nicht glauben wollen--dann werden Sie meinen Bruder vorführen...

(Leutnant unterbrechend, da er nun endlich das Komplott begreift:) Und ihn auslachen! Nein, was für eine gescheite kleine Frau Sie sind! (Rufend:) Giuseppe!

(Dame.) Sch! Kein Wort zu Giuseppe über mich! (sie legt ihren Finger auf die Lippen, er tut dasselbe; sie blicken einander warnend an; dann ändert sie mit einem entzückenden Lächeln die Gebärde dahin, daß sie ihm einen Kuß zuwirft, und läuft durch die innere Tür hinaus. Elektrisiert, bricht er in ein kicherndes Frohlocken aus. Giuseppe kommt durch die äußere Tür zurück.)

(Giuseppe.) Das Pferd ist bereit, Herr Leutnant.

(Leutnant.) Ich gehe noch nicht gleich. Lauf! suche den General und sag ihm, daß ich ihn zu sprechen wünsche.

(Giuseppe den Kopf schüttelnd:) Das ist ganz unmöglich, Herr Leutnant.

(Leututnant.) Warum?

(Giuseppe.) In dieser bösen Welt kann ein General zwar nach einem Leutnant schicken, aber ein Leutnant darf niemals nach einem General schicken.

(Leutnant.) Ah, du meinst, das würde ihm nicht passen. Nun, du hast vielleicht recht. Man muß in diesen Dingen jetzt ungemein vorsichtig sein, seit wir eine Republik haben. (Da erscheint, vom Weingarten kommend, Napoleon, seinen Rock auf der Brust zuknöpfend, bleich und voll nagender Gedanken.)

(Giuseppe der sich der Nähe Napoleons nicht bewußt ist:) Sehr richtig, Herr Leutnant, sehr richtig! Ihr seid jetzt in Frankreich alle wie die Wirte. Ihr müßt gegen jedermann höflich sein.

(Napoleon seine Hand auf Giuseppes Schulter legend:) Und das nimmt der Höflichkeit ihren ganzen Wert--nicht wahr?

(Leutnant.) Ah, da ist mein Mann!--Herr General, gesetzt den Fall, daß ich Ihnen den Burschen stelle--

(Napoleon mit ironischem Ernst:) Sie werden ihn mir nicht stellen, mein Freund!

(Leutnant.) Aha! das glauben Sie--aber Sie werden schon sehen, warten Sie nur ab! Wenn ich ihn aber doch fangen und Ihnen übergeben sollte, werden Sie dann sagen: wir sind quitt!? Werden Sie dann die Geschichte von der Degradierung in Gegenwart meines Regiments fallen lassen? Nicht meinetwegen, wissen Sie!--aber kein Regiment läßt sich gerne dem Gelächter der andern Regimenter preisgeben.

(Napoleon ein kalter Schimmer von Humor huscht über sein düsteres Gesicht:) Was sollen wir mit diesem Offizier beginnen, Giuseppe, --alles, was er sagt, ist falsch.

(Giuseppe schlagfertig:) Machen Sie ihn zum General, Exzellenz; dann wird alles, was er sagt, richtig sein.

(Leutnant triumphierend:) Haha! (Er wirft sich in Ekstase auf das Sofa, um den Witz auszukosten.)

(Napoleon lacht und nimmt Giuseppe bei einem Ohr:) In diesem Wirtshaus kommst du nicht zur Geltung, Giuseppe. (Er setzt sich und stellt Giuseppe vor sich hin, wie ein Schulmeister seinen Schüler:) Soll ich dich mit mir nehmen und einen Mann aus dir machen?

(Giuseppe schüttelt wiederholt rasch den Kopf:) Nein, ich danke Ihnen, Herr General. Mein ganzes Leben lang haben Leute versucht, aus mir einen Mann zu machen.

Als ich ein Knabe war, wollte unser guter Pastor einen Mann aus mir machen, indem er mich lesen und schreiben lehrte; dann wollte der Organist zu Melegnano einen Mann aus mir machen, indem er mich im Notenlesen unterwies. Später würde der rekrutierende Korporal einen Mann aus mir gemacht haben, wenn ich ein paar Zoll größer gewesen wäre, --aber immer hätte das für mich Arbeit bedeutet; dazu bin ich aber zu faul, dem Himmel sei Dank! So lernte ich statt alldem kochen und wurde Wirt, und nun halte ich Dienerschaft für die Arbeit und habe selber nichts zu tun, als zu schwatzen, was mir ausgezeichnet bekommt.

(Napoleon ihn gedankenvoll anblickend:) Bist du zufrieden?

(Giuseppe in froher Überzeugung:) Vollkommen, Exzellenz!

(Napoleon.) Und du hast keinen verzehrenden Teufel im Leibe, der Tag und Nacht mit Taten und Siegen gefüttert werden muß--der dich mit dem Schweiße deines Körpers und deines Gehirnes, mit Wochen von Herkulesarbeiten zehn Minuten des Genusses bezahlen läßt, der gleichzeitig dein Sklave und dein Tyrann ist, dein Genius und dein Verhängnis--der dir mit der einen Hand eine Krone reicht und das Ruder eines Galeerensklaven mit der andern--der dir alle Königreiche der Erde zeigt und dich zu ihrem Herrn zu machen verspricht unter der Bedingung, daß du ihr Diener wirst?--Von alledem hast du nichts im Leibe?

(Giuseppe.) Nichts dergleichen. Aber ich versichere Ihnen, Exzellenz, mein verzehrender Teufel ist weit schlimmer; er bietet mir weder Kronen noch Königreiche: er erwartet alles umsonst von mir zu bekommen--Würste, Omeletten, Trauben, Käse, Polenta, Wein--täglich dreimal, Exzellenz, nichts Geringeres will ihm genügen.

(Leutnant.) Hör' auf, Giuseppe!--Deine Worte machen mich wieder hungrig. (Giuseppe verbeugt sich, sich entschuldigend und zieht sich von dem Gespräche zurück. Er macht sich am Tische zu schaffen, staubt ihn ab, legt die Landkarte zurecht and rückt Napoleons Stuhl, den die Dame zurückgestoßen hat, wieder an seinen richtigen Platz.)

(Napoleon wendet sich zum Leutnant mit sardonischer Feierlichkeit:) Ich hoffe, daß ich nicht ehrgeizige Gefühle in Ihnen erweckt habe.

(Leutnant.) Durchaus nicht. Ich fliege nicht so hoch,--überdies ist es besser, daß ich so bleibe wie ich bin. Männer wie ich werden gerade jetzt in der Armee gebraucht. Die Revolution paßte nämlich ganz gut für Zivilisten, aber für die Armee taugt sie nichts. Sie wissen, wie Soldaten sind, Herr General: sie bestehen darauf, Männer von Rang zu Ihren Offizieren zu haben. Ein Leutnant muß ein Edelmann sein, weil er mit den Soldaten soviel in Berührung kommt; aber ein General oder selbst ein Oberst kann aus dem schlechtesten Ausschuß entnommen werden, wenn er sein Geschäft gut genug versteht. Ein Leutnant ist ein Edelmann, alles andere ist Zufall. Was glauben Sie, wer hat die Schlacht bei Lodi gewonnen? Ich will es Ihnen sagen: mein Pferd.

(Napoleon erhebt sich:) Ihre Dummheit führt Sie zu weit,--nehmen Sie sich in acht!

(Leutnant.) Durchaus nicht. Sie erinnern sich doch an die heftige Kanonade von einem Flußufer zum andern: die Österreicher bombardierten Sie, um Ihren Übergang zu verhindern, und Sie bombardierten die Österreicher, um sie davon abzuhalten, daß Sie die Brücke in Brand setzten. Haben Sie bemerkt, wo ich während dieser Zeit gewesen bin?

(Napoleon mit drohender Höflichkeit:) Ich bedaure--ich glaube, ich war in diesem Augenblick zu sehr beschäftigt.

(Giuseppe mit eifriger Bewunderung:) Man erzählt sich, daß Sie von Ihrem Pferde abgesprungen sind und die großen Kanonen mit eigenen Händen abgeprotzt haben, Herr General!

(Leutnant.) Das war ein Mißgriff: ein Offizier sollte sich nie dazu hergeben, die Arbeit seiner Untergebenen zu verrichten. (Napoleon sieht ihn gefahrdrohend an und beginnt wie ein Tiger auf und ab zu gehen.) Aber Sie könnten noch jetzt ganz zwecklos auf die Österreicher feuern, wenn wir Kavalleristen nicht die Furt gefunden hätten, über den Fluß gesetzt wären und Sie dadurch unterstützt hätten, daß wir Beaulieus Flanke von Ihnen abwendeten. Sie würden es nicht gewagt haben--und Sie wissen das selbst sehr genau--den Befehl zu geben, die Brücke stürmen zu lassen, wenn Sie uns nicht auf dem jenseitigen Ufer gesehen hätten. Deshalb sage ich, daß nur der Entdecker jener Furt die Schlacht bei Lodi gewonnen hat.--Nun, und wer hat sie entdeckt?--Ich war der erste Mann, der sie überschritt, und ich weiß es--mein Pferd hat sie gefunden. (Mit Überzeugung, während er sich vom Sofa erhebt:) Eigentlich hat mein Pferd die Österreicher besiegt.

(Napoleon zornig:) Sie Idiot, ich werde Sie erschießen lassen, weil Sie die Depeschen verloren haben! Ich werde Sie vor die Mündung einer Kanone binden and in die Luft sprengen lassen! Andere Maßregeln sind ja nicht imstande, Eindruck auf Sie zu machen. (Ihn anbrüllend:) Hören Sie! verstehen Sie! (Ein französischer Offizier tritt unbeachtet ein, seinen in der Scheide befindlichen Degen in der Hand.)

(Leutnant uneingeschüchtert:) Wenn ich ihn nicht erwischen werde, Herr General, nur dann! Bedenken Sie das Wenn!

(Napoleon.) Wenn! wenn!... Esel! dieser Mann existiert überhaupt nicht!

(Der Offizier tritt plötzlich zwischen sie und spricht mit der unverkennbaren Stimme der fremden Dame:) Herr Leutnant, ich bin Ihr Gefangener! (Sie bietet ihm ihren Degen.--Sie sind sprachlos vor Erstaunen. Napoleon start sie einen Augenblick, wie vom Donner gerührt, an, reißt sie dann am Handgelenk rauh zu sich hin, betrachtet sie wild aus der Nähe, um ihre Identität selbst festzustellen, denn es beginnt rasch zu dunkeln und der rote Schein über dem Weingarten weicht einem hellen Sternenlicht.)

(Napoleon.) Pah! (Er läßt mit einem Ausruf des Widerwillens ihre Hand fahren und wendet ihr düster blickend den Rücken zu, seine Hand in den Brustfalten des Waffenrockes.)

(Leutnant nimmt triumphierend den Degen:) Dieser Mann existiert überhaupt nicht--was, Herr General? (Zu der Dame:) Ich frage Sie: wo ist mein Pferd?

(Dame.) Es wartet gesund in Borghetto auf Sie, Herr Leutnant.

(Napoleon sich zu ihnen wendend:) Wo sind die Depeschen?

(Dame.) Das würden Sie niemals erraten--die sind an dem unwahrscheinlichsten Orte von der Welt. Hat jemand von Ihnen meine Schwester hier gesehen?

(Leutnant.) Ja! sehr hübsche Dame! Sie sieht Ihnen ganz wunderbar ähnlich, aber natürlich ist sie viel hübscher.

(Dame geheimnisvoll:) Nun--wissen Sie aber auch, daß sie eine gefährliche Hexe ist?

(Giuseppe läuft auf sie zu und bekreuzigt sich:) O nein, nein, nein! Es ist gefährlich, mit solchen Dingen zu scherzen! Ich kann das in meinem Hause nicht dulden, Exzellenz!

(Leutnant.) Ja, lassen Sie das. Sie sind mein Gefangener, das wissen Sie. Selbstverständlich glaube ich nicht an so einen Unsinn; aber es ist doch kein Ding, mit dem man spaßen sollte.

(Dame.) Es ist aber so, ich spreche vollkommen ernst. Meine Schwester hat den Herrn General behext. (Giuseppe und der Leutnant weichen von Napoleon zurück.) Herr General, öffnen Sie Ihren Rock, und Sie werden die Depeschen in Ihrer Brusttasche finden. (Sie legt ihre Hand rasch auf seine Brust.) Ja, hier sind sie--ich kann sie fühlen... Nun? (Sie sieht ihm ins Gesicht, halb schmeichlerisch, halb spöttisch.) Wollen Sie mir gestatten, Herr General--? (Sie faßt einen Knopf, als ob sie seinen Rock aufknöpfen wollte, und wartet auf Erlaubnis.)

(Napoleon unergründlich:) Wenn Sie es wagen.

(Dame.) Ich danke Ihnen. (Sie öffnet seinen Rock und nimmt die Depeschen heraus.) Da sind sie! (Zu Giuseppe, ihm die Depeschen zeigend:) Sehen Sie?