Der Mann des Schicksals: Komödie in einem Akt

Chapter 2

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(Leutnant wichtig, eher froh, daß er ganz besondere Nachrichten hat, als bekümmert:) Das weiß ich nicht.

(Napoleon traut seinen Ohren nicht:) Das wissen Sie nicht?!

(Leutnant.) Nicht besser als Sie, Herr General. Nun werde ich wohl vor ein Kriegsgericht kommen. Schön! ich habe nichts dagegen, standrechtlich behandelt zu werden, aber (mit feierlichem Entschluß:) ich sage Ihnen, Herr General, wenn ich diesen unschuldig aussehenden Burschen jemals erwischen sollte,--diesen verschmitzten, kleinen Lügner!--dann werde ich seine Schönheit zurichten... eine Fratze will ich aus ihm machen... ich werde---

(Napoleon kommt vom Kamin an den Tisch vor:) Was für einen unschuldig aussehenden Burschen? Raffen Sie sich zusammen, Mensch--ja?--und berichten Sie militärisch!

(Leutnant steht ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches und stützt sich mit den Fäusten auf:) Oh ich bin ganz gefaßt, Herr General--ich bin vollkommen bereit, Rede zu stehen. Ich werde dem Kriegsgericht gründlich klarmachen, daß ich unschuldig bin. Die bessere Seite meiner Natur wurde schändlich ausgenützt, und ich schäme mich dessen nicht. Aber mit allem Respekt vor Ihnen, als meinem Vorgesetzten, wiederhole ich, Herr General, daß, wenn ich diesem Satanssohne jemals wieder begegnen sollte, ich ihn--

(Napoleon ärgerlich:) Das haben Sie schon einmal gesagt!

Leutnant richtet sich auf: Und ich wiederhole es: warten Sie nur so lange, bis ich ihn erwischt habe!--weiter nichts! (Er kreuzt entschlossen die Arme und atmet schwer mit aufeinandergepreßten Lippen.)

(Napoleon.) Ich warte, Herr--auf Ihre Aufklärungen!

(Leutnant zuversichtlich:) Sie werden Ihren Ton ändern, Herr General, wenn Sie hören, was mir zugestoßen ist.

(Napoleon.) Nichts ist Ihnen zugestoßen, Mensch! Sie leben und sind nicht kampfunfähig. Wo sind die Papiere, die Ihnen anvertraut wurden?

(Leutnant.) Mir ist nichts zugestoßen--nichts? Oho! (Wirft sich in Positur, um Napoleon mit seinen Nachrichten zu überwältigen.) Er hat mir ewige Bruderschaft geschworen, war das nichts? Er hat gesagt, daß meine Augen ihn an die Augen seiner Schwester erinnerten--war das nichts? Er hat geweint--wirkliche Tränen--über die Geschichte meiner Trennung von Angelica--war das nichts?! Er hat beide Flaschen Wein bezahlt, obwohl er selbst nur Brot und Trauben gegessen hatte--vielleicht nennen Sie das auch nichts! Er hat mir seine Pistolen und sein Pferd und seine Depeschen gegeben--äußerst wichtige Depeschen--und hat mich damit fortgehen lassen--(triumphierend, da er sieht, daß er Napoleon in sprachloses Erstaunen versetzt hat:) war das nichts?!

(Napoleon schwach vor Erstaunen:) Warum hat er das getan?

(Leutnant als ob der Grund ganz klar wäre:) Um mir sein Vertrauen zu beweisen. (Napoleons Kiefer fällt nicht gerade herunter, aber seine Gelenkbänder werden schlaff. Der Leutnant fährt mit ehrlicher Entrüstung fort:) Und ich habe sein Vertrauen auch verdient: ich habe ihm alles ehrlich zurückgegeben. Aber würden Sie es glauben, Herr General,--als ich ihm meine Pistolen und mein Pferd and meine Depeschen anvertraut hatte...

(Napoleon wütend:) Warum, zum Teufel, haben Sie das getan?

(Leutnant.) Warum?... Um ihm auch meinerseits mein Vertrauen zu beweisen, natürlich. Und er hat mich betrogen, ausgenützt, ist nicht wiedergekommen--der Dieb--der Schwindler--der herzlose, verräterische, kleine Schuft! Und das--das nennen Sie wahrscheinlich "nichts zugestoßen"! Aber sehen Sie, Herr General--(hält sich wieder mit der Faust am Tische, um mit größerer Emphase zu sprechen.) Sie mögen diesen Schimpf von den Österreichern hinnehmen, wenn Sie wollen; aber was mich persönlich anbelangt--ich sage Ihnen, wenn ich ihn jemals erwische--

(Napoleon wendet sich angewidert auf dem Absatz herum, um seine Wanderung wieder aufzunehmen:) Ja, ja, das haben Sie schon oft genug gesagt.

(Leutnant äußerst erregt:) Oft genug?... Ich werde es hundertmal sagen--und mehr als das: ich werde es tun! Ich werde ihm mein Vertrauen zeigen--das werde ich! Ich werde---

(Napoleon.) Ja, ja, Herr Leutnant--gewiß werden Sie das. Was für eine Art Mensch war er?

(Leutnant.) Nun, ich glaube, nach seinem Benehmen sollten Sie schließen können, was für eine Art Mensch das war.

(Napoleon.) Pah--Wie sah er aus?

(Leutnant.) Ausgesehen... Er sah aus wie... nun... Sie hätten den Burschen bloß mal sehen müssen, dann würden Sie einen Begriff davon haben, wie er aussieht. Fünf Minuten, nachdem ich ihn erwischt habe, wird er nicht mehr so aussehen. Ich wiederhole Ihnen: wenn ich ihn jemals--

(Napoleon ruft wütend nach dem Wirt:) Giuseppe! (Zum Leutnant, am Ende seiner Geduld:) Halten Sie jetzt Ihren Mund, wenn Sie können!

(Leutnant.) Ich mache Sie im voraus darauf aufmerksam, daß es umsonst ist, zu versuchen, mir die Schuld aufzuhalsen. (Klagend:) Wie hätte ich wissen sollen, was für eine Art Mensch das ist. (Er nimmt einen Sessel, der zwischen der äußeren Tür und dem Büfett steht, stellt ihn an den Tisch und setzt sich.) Wenn Sie eine Ahnung hätten, wie hungrig und müde ich bin, würden Sie mehr Rücksicht nehmen.

(Giuseppe zurückkommend:) Was befehlen Exzellenz?

(Napoleon mit seinem Temperament kämpfend:) Nimm diesen... diesen Offizier; gib' ihm zu essen; wenn nötig, bring ihn zu Bett; und wenn er dann wieder bei Trost ist, trachte herauszubringen, was ihm passiert ist, und laß mich es wissen. (Zum Leutnant.) Betrachten Sie sich als Arrestanten, Herr Leutnant.--

(Leutnant ärgerlich mit Steifheit:) Darauf war ich vorbereitet. Nur ein Edelmann kann einen Edelmann verstehen. (Er wirft seinen Degen auf den Tisch, Giuseppe nimmt ihn und bietet ihn Napoleon höflich an, der ihn heftig auf das Sofa wirft.)

(Giuseppe mit Teilnahme:) Sind Sie von den Österreichern überfallen worden, Herr Leutnant? O weh, o weh!

(Leutnant verachtungsvoll:) Überfallen! Ich hätte sein Rückgrat zwischen meinem Zeigefinger und Daumen zerbrechen können! Wenn ich es nur getan hätte! Nein! ich bin hineingefallen, weil er an die bessere Seite meiner Natur appelliert hat--und darüber kann ich nicht hinwegkommen! Er sagte, daß ihm noch nie ein Mensch so gefallen hätte wie ich, er schlang sein Taschentuch um meinen Nacken, weil mich eine Mücke gestochen hatte und mein Kragen mich wund rieb--sehen Sie! (Er zieht ein Taschentuch unter seinem Kragen bervor; Giuseppe nimmt und untersucht es.)

(Giuseppe zu Napoleon:) Das Taschentuch einer Dame, Exzellenz! (Er riecht daran:) Parfümiert!

(Napoleon.) Wie? (Er nimmt es und betrachtet es aufmerksam:) Hm! (Er riecht daran:) Ha! (Er geht, das Taschentuch betrachtend, nachdenklich durch das Zimmer und steckt es schließlich in seine Brusttasche.)

(Leutnant.) Jedenfalls paßt es zu ihm. Ich bemerkte, daß er Weiberhände hatte, als er mein Genick berührte in seiner schmeichlerisch tändelnden Art--dieser gemeine, weibische, kleine Hund! (Leiser, aber mit schauerlicher Heftigkeit:) Aber glauben Sie meinen Worten, Herr General: wenn ich ihn jemals---

(Die Stimme einer Dame draußen wie zuvor:) Giuseppe!

(Leutnant erstarrt:) Was war das?

(Giuseppe.) Nur eine Dame über uns, Herr Leutnant, die mich ruft.

(Leutnant.) Eine Dame!

(Stimme.) Giuseppe! Giuseppe! wo bleiben Sie!?

(Leutnant mordlustig:) Wo ist mein Degen? (Er stürzt an das Sofa, ergreift seinen Degen und zieht ihn.)

(Giuseppe springt vor und faßt seinen rechten Arm:) Was fällt Ihnen denn ein, Herr Leutnant! Es ist eine Dame: hören Sie nicht, daß es eine weibliche Stimme ist?

(Leutnant.) Ich sage Ihnen, daß es seine Stimme ist--lassen Sie mich los! (Er stürzt fort und will zur inneren Türe; da öffnet sich diese vor seiner Nase, und die fremde Dame tritt ein. Sie ist eine sehr anziehende Erscheinung, groß und ungewöhnlich graziös, mit einem zart intelligenten, empfindsamen, fragenden Gesicht. Auffassungskraft liegt auf ihrer Stirn, Empfindlichkeit in ihren Nasenflügeln, Charakter in ihrem Kinn: im ganzen sieht sie scharfsinnig, vornehm und originell aus. Sie ist sehr weiblich, aber durchaus nicht schwach. Die geschmeidige, schlanke Gestalt ist kräftig gebaut, die Hände und Füße, Hals und Schultern sind keine zerbrechlichen Schmuckstücke, sondern stehen im richtigen Größenverhältnis zu der ganzen Gestalt, die die Napoleons und des Wirtes beträchtlich überragt und der des Leutnants vollkommen gleichkommt; ihre Eleganz und ihr strahlender Reiz verdecken indessen ihre Größe und Kraft. Nach ihrem Kleide zu schließen, ist sie keine Bewunderin der neuesten Mode des Direktoriums, oder sie verträgt vielleicht auf der Reise ihre alten Kleider, jedenfalls trägt sie keine Jacke mit auffallenden Aufschlägen, kein nachgemacht griechisches Unterkleid à la Madame Tallien,--nichts, wahrhaftig nichts, das die Prinzessin von Lamballe nicht hätte tragen können. Ihr Kleid von geblümter Seide mit langer Taille ist am Rücken mit einer Watteaufalte versehen, aber die Puffen sind, da sie für diese zu groß ist, zu bloßen Rudimenten verkürzt. Es ist im Nacken ein wenig ausgeschnitten und dort mit einem cremefarbenen Fichu geschmückt. Sie ist von heller Hautfarbe und hat goldbraune Haare und graue Augen. Sie tritt mit der Selbstsicherheit einer Frau ein, die an die Vorrechte von Rang und Schönheit gewöhnt ist. Der Wirt, der von Natur sehr gute Manieren hat, ist von ihr höchst eingenommen. Napoleon, auf den ihre Augen zuerst fallen, wird sofort verlegen. Sein Gesicht rötet sich, er wird steifer und fühlt sich unsicherer als zuvor. Sie bemerkt dies augenblicklich, und, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, wendet sie sich mit einer unendlich wohlerzogenen Art--um auch ihm die Ehre eines Blickes zu gewähren--zu dem andern Herrn, der mit Gefühlen, die ganz unaussprechlich und unbeschreiblich sind, auf ihr Kleid starrt, als ob es der Erde erstes Meisterwerk an Verräterei und Verstellung wäre. Als sie ihn erkennt, wird sie totenblaß; ihr Ausdruck kann nicht mißverstanden werden. Die Erkenntnis irgendeines schrecklichen, gänzlich unerwarteten Irrtums hat sie jäh erschreckt, inmitten ihrer ruhigen Sicherheit und Siegesgewißheit. Im nächsten Augenblick steigt eine Blutwelle unter dem cremefarbenen Fichu auf und ergießt sich über ihr ganzes Gesicht. Man sieht, daß sie am ganzen Leibe errötet. Selbst der Leutnant, der für gewöhnlich ganz unfähig ist, zu beobachten, und eben im Aufruhr seiner Wut ganz den Kopf verloren hat, kann etwas bemerken, wenn man es ihm rot anstreicht. Da er das Erröten als das unfreiwillige Eingeständnis schwarzer, mit ihrem Opfer konfrontierter Verräterei auslegt, zeigt er mit einem lauten Schrei vergeltenden Triumphes auf sie--dann ergreift er die Dame am Handgelenk, zieht sie hinter sich her in das Zimmer, schlägt die Türe zu und pflanzt sich mit dem Rücken davor auf.)

(Leutnant.) Habe ich dich erwischt, Bursche! Du hast dich also verkleidet--was? (Mit Donnerstimme:) Zieh diesen Rock aus!

(Giuseppe Verwahrung einlegend:) Aber, Herr Leutnant!

(Dame erschrocken, aber höchst entrüstet, daß er es gewagt hat, sie anzurühren:) Meine Herren, ich wende mich an Sie! Giuseppe! (Macht eine Bewegung, als ob sie zu Giuseppe laufen wollte.)

(Leutnant stellt sich dazwischen, den Degen in der Faust:) Nicht von der Stelle!

(Dame zu Napoleon flüchtend:) O Herr, Sie sind Offizier--General--Sie werden mich beschützen--nicht wahr?

(Leutnant.) Kümmern Sie sich nicht um ihn, Herr General. Überlassen Sie ihn mir.

(Napoleon.) Ihn? Wen, Mensch? Warum behandeln Sie diese Dame in solcher Weise?

(Leutnant.) Dame?... Er ist ein Mann--der Mann, dem ich mein Vertrauen geschenkt habe! (Geht drohend vor:) Hierher--du--

(Dame läuft hinter Napoleon und umklammert in ihrer Aufregung seinen Arm, den er instinktiv vor ihr ausstreckt, um sie zu schützen:) Oh, ich danke Ihnen, Herr General! Halten Sie ihn fern!

(Napoleon.) Unsinn! Das ist ganz bestimmt eine Frau! (Sie läßt seinen Arm plötzlich los und errötet wieder:) Und Sie sind im Arrest! Legen Sie augenblicklich Ihren Degen nieder, Herr Leutnant!

(Leutnant.) Herr General, ich sage Ihnen, er ist ein österreichischer Spion! Heute nachmittag hat er sich mir gegenüber aufgespielt, als gehörte er zum Stabe General Massenas--und nun spielt er sich Ihnen gegenüber als Frau auf. Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht?

(Dame.) Herr General--das muß mein Bruder gewesen sein--der ist beim Stabe General Massenas und sieht mir sehr ähnlich.

(Leutnant den Verstand verlierend:) Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht Ihr Bruder, sondern Ihre Schwester sind... die Schwester, die mir so ähnlich sieht... die meine schönen blauen Augen hat? Es war eine Lüge,--Ihre Augen sind nicht wie die meinen--sie sind genau wie Ihre eigenen! Welche Perfidie!

(Napoleon.) Herr Leutnant, wollen Sie meinen Befehlen gehorchen und dieses Zimmer verlassen, da Sie endlich überzeugt sind, daß diese Dame kein Mann ist?

(Leutnant.) Kein Mann, das will ich meinen! Ein Mann würde mein Vertrauen nie so getäuscht haben--

(Napoleon am Ende seiner Geduld:) Genug, Mensch, genug! Verlassen Sie dieses Zimmer! Ich befehle Ihnen, dieses Zimmer zu verlassen!

(Dame.) O, bitte, ich will lieber gehen.

(Napoleon trocken:) Entschuldigen Sie, Madame--bei aller Achtung vor Ihrem Bruder, begreife ich doch nicht, was für ein Interesse ein Offizier aus dem Stabe General Massenas an meinen Briefen haben kann. Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.

(Giuseppe diskret:) Kommen Sie, Herr Leutnant. (Er öffnet die Türe.)

(Leutnant.) Ich gehe, Herr General--aber lassen Sie sich warnen. Hüten Sie sich vor der besseren Seite Ihrer Natur. (Zur Dame:) Madame, Sie entschuldigen, ich hielt Sie für dieselbe Person, nur von entgegengesetztem Geschlecht--und das hat mich natürlich irregeführt.

(Dame süß:) Es war doch nicht Ihre Schuld! Ich freue mich, daß Sie mir nicht länger böse sind, Herr Leutnant. (Sie reicht ihm die Hand.)

(Leutnant beugt sich galant, um die Hand zu küssen:) Oh, meine Gnädige, nicht im gering... (fährt zurück und starrt auf ihre Hand:) Sie haben die Hand Ihres Bruders und denselben Ring wie er.

(Dame freundlich:) Wir sind Zwillinge.

(Leutnant.) Das erklärt alles. (Er küßt ihre Hand:) Bitte tausendmal um Verzeihung. Um die Depeschen war mir's gar nicht so zu tun--das ist mehr Sache des Generals--aber es war der Mißbrauch meines Vertrauens, der besseren Seite meiner Natur. (Er nimmt seine Mütze, Handschuhe und Peitsche vom Tisch und sagt gehend:) Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich Sie verlasse, Herr General--ich bedaure unendlich. (Er schwätzt sich aus dem Zimmer hinaus. Giuseppe folgt ihm und schließt die Tür.)

(Napoleon sieht ihnen mit heftiger Erregung nach:) Idiot!

(Dame lächelt liebenswürdig. Er geht stirnrunzelnd zwischen dem Tisch und dem Kamin auf und ab; jetzt, wo er allein mit ihr ist, ist alle seine Verlegenheit geschwunden:) Wie kann ich Ihnen für Ihren Schutz danken, Herr General?

(Napoleon wendet sich plötzlich zu ihr um:) Meine Depeschen! schnell! (Er streckt die Hand danach aus.)

(Dame.) Herr General! (Unwillkürlich greift sie mit den Händen nach dem Fichu, als wolle sie dort etwas beschützen.)

(Napoleon.) Sie haben sie diesem Dummkopf abgeschwindelt! Sie haben sich als Mann verkleidet! Ich will meine Depeschen haben; sie sind da in den Brustfalten Ihres Kleides--unter Ihren Händen...

(Dame zieht ihre Hände rasch weg:) Oh, wie unliebenswürdig Sie mit mir sprechen! (Sie zieht ihr Taschentuch aus dem Fichu:) Sie ängstigen mich! (Sie berührt ihre Augen, als wollte sie eine Träne wegwischen.)

(Napoleon.) Ich sehe, daß Sie mich nicht kennen, Madame--oder Sie würden sich die Mühe ersparen, so zu tun, als ob Sie weinten.

(Dame tut so, als ob sie zwischen Tränen lächeln wollte:) Doch, ich kenne Sie--Sie sind der berühmte General Buonaparte. (Sie gibt dem Namen eine deutlich italienische Aussprache: Buo-na-par-te.)

(Napoleon ärgerlich, mit französischer Aussprache:) Bonaparte, Madame, --Bonaparte!... Die Papiere, wenn's gefällig ist!

(Dame.) Aber ich versichere Ihnen--(Er reißt ihr das Taschentuch heftig aus der Hand:) Herr General! (Entrüstet.)

(Napoleon nimmt das andere Taschentuch aus seiner Brusttasche:) Sie waren so liebenswürdig, meinem Leutnant eines Ihrer Taschentücher zu leihen, als Sie ihn beraubten. (Er betrachtet die beiden Taschentücher.) Sie sind einander vollständig gleich. (Er riecht daran:) Derselbe Duft! (Er wirft beide auf den Tisch.) Ich warte auf die Depeschen! Ich werde sie Ihnen, wenn Sie mich dazu zwingen, mit ebenso wenig Umständen wegnehmen, wie dieses Taschentuch. (Das duftende Taschentuch taucht achtzig Jahre später in Victorien Sardous Drama "Dora" wieder auf.)

(Dame mit würdevollem Vorwurf:) Herr General, bedrohen Sie wehrlose Frauen?

(Napoleon grob:) Ja!

(Dame verblüfft, sucht Zeit zu gewinnen:) Aber ich begreife nicht--ich ...

(Napoleon.) Sie begreifen sehr gut. Sie sind hierhergekommen, weil Ihre österreichischen Auftraggeber darauf gerechnet haben, daß ich sechs Meilen weit von hier entfernt sei. Ich bin immer dort zu finden, wo meine Feinde mich nicht erwarten. Sie sind in die Höhle des Löwen geraten. Gehen Sie, Sie sind eine tapfere Frau--seien Sie auch eine vernünftige--ich habe keine Zeit zu verlieren--die Papiere! (Er geht drohend einen Schritt vor.)

(Dame bricht in kindischer, ohnmächtiger Wut zusammen und wirft sich in Tränen auf den Stuhl, der vom Leutnant neben dem Tisch stehen gelassen wurde:) Ich--und tapfer! Wie wenig Sie mich kennen. Ich habe den Tag in Todesfurcht verbracht! Ich bekomme Brustschmerzen vor Herzklopfen bei jedem argwöhnischen Blick und jeder drohenden Bewegung. Halten Sie jeden Menschen für so tapfer, wie Sie es sind? Oh, warum vollbringt ihr tapferen Männer nicht die tapferen Taten? Warum überlaßt ihr sie uns, die wir gar keinen Mut haben? Ich bin nicht tapfer--ich schrecke vor Gewalt zurück--die Gefahr macht mich elend.

(Napoleon mit Interesse:) Warum haben Sie sich dann in Gefahr begeben?

(Dame.) Weil es keinen andern Ausweg gab--ich konnte niemandem vertrauen. Und nun ist alles umsonst gewesen--alles, Ihretwegen, der keine Furcht kennt, weil er kein Herz hat, kein Gefühl, kein... (Sie hält inne und wirft sich auf die Knie.) Oh, Herr General, lassen Sie mich gehn! Lassen Sie mich gehn, ohne weitere Fragen an mich zu stellen--Sie sollen Ihre Depeschen und Briefe haben--ich schwöre es!

(Napoleon seine Hand ausstreckend:) Ja--ich warte darauf. (Sie schnappt nach Luft. Von seiner unbarmherzigen Schlagfertigkeit zur Verzweiflung gebracht, gibt sie es auf, ihn durch Schmeicheleien und ihr Gerede zu rühren, aber wie sie starr zu ibm aufblickt, sieht man klar, daß sie ihr Gehirn zermartert, einen Ausweg zu finden und ihn zu überlisten. Er begegnet ihrem Blick mit unbeugsamer Entschlossenheit.)

(Dame erhebt sich endlich mit einem stillen kleinen Seufzer:) Ich will sie Ihnen holen, sie sind in meinem Zimmer. (Sie wendet sich zur Türe.)

(Napoleon.) Ich werde Sie begleiten, Madame.

(Dame richtet sich mit einer edlen Gebärde beleidigten Zartgefühls auf:) Ich kann Ihnen nicht gestatten, mein Zimmer zu betreten, Herr General.

(Napoleon.) Dann werden Sie hierbleiben, Madame, während ich Ihr Zimmer nach meinen Papieren durchsuchen lasse.

(Dame boshaft, ihren Plan offenbar aufgebend:) Sie können sich die Mühe ersparen: sie sind nicht dort.

(Napoleon.) Nein. Ich habe Ihnen schon gesagt, wo sie sind. (Zeigt auf ihre Brust.)

(Dame mit niedlicher Kläglichkeit:) Herr General, ich möchte nur einen kleinen Privatbrief behalten, nur einen einzigen--lassen Sie mir wenigstens den!

(Napoleon kalt und finster:) Ist das eine vernünftige Bitte, Madame?

(Dame weil er nicht kurzweg abschlägt, ermutigt:) Nein--aber gerade deshalb müssen Sie mir sie bewilligen. Sind Ihre eigenen Wünsche vernünftig? Sie verlangen Tausende von Menschenleben für Ihre Siege, Ihren Ehrgeiz, Ihr Schicksal... und was ich verlange, ist eine solche Kleinigkeit! Und ich bin nur ein schwaches Weib, und Sie sind ein tapferer Mann. (Sie sieht ihn mit Augen voll zarter Bitte an und ist im Begriff, ihm wieder zu Füßen zu fallen.)

(Napoleon heftig:) Lassen Sie das, lassen Sie das! (Er wendet sich ärgerlich ab und durchkreuzt das Zimmer, hält einen Augenblick inne und sagt über seine Schulter hinweg:) Sie sprechen Unsinn und Sie wissen es. (Sie erhebt sich und setzt sich, in beinahe teilnahmsloser Verzweiflung, auf das Sofa. Als er sich umwendet und sie dort erblickt, fühlt er, daß sein Sieg vollständig ist und daß er sich jetzt zu einem kleinen Spiel mit seinem Opfer herbeilassen kann. Er kommt zurück und setzt sich neben sie. Sie sieht geängstigt auf und rückt ein wenig fort von ihm, aber ein Strahl wiederkehrender Hoffnung erglänzt in ihren Augen. Er beginnt wie einer, der sich über einen heimlichen Scherz freut:) Woher wissen Sie, daß ich tapfer bin?

(Dame erstaunt:) Sie! General Buonaparte! (Italienische Aussprache.)

(Napoleon.) Ja, ich--General Bonaparte! (Die französische Aussprache betonend.)

(Dame.) Oh, wie können Sie nur so fragen--Sie, der erst vor zwei Tagen an der Brücke bei Lodi stand, um ein Kanonenduell über den Fluß hinweg auszufechten, während der Tod durch die Lüfte sauste! (Schaudernd:) Oh, Sie vollbringen Heldentaten!

(Napoleon.) So wie Sie.

(Dame.) Ich? (Mit einem plötzlichen seltsamen Gedanken:) Oh, Sie sind also ein Feigling?

(Napoleon lacht grimmig und schlägt auf seine Knie:) Das ist die einzige Frage, die Sie an einen Soldaten nie stellen dürfen. Der Feldwebel fragt den Rekruten nach seiner Länge, seinem Alter, seinem Atem, seinen Knochen--aber niemals nach seinem Mut. (Er steht auf und geht, in sich hineinkichernd, mit den Händen auf dem Rücken und vorgeneigtem Kopf, auf und ab.)

(Dame als ob sie nichts Lächerliches dabei finden könnte:) Ah, Sie können sich über die Furcht lustig machen... dann wissen Sie nicht, was Furcht ist.

(Napoleon hinter das Sofa tretend:) Sagen Sie mir eines: Nehmen Sie an, daß Sie diesen Brief nur hätten bekommen können, wenn Sie vorgestern über die Brücke bei Lodi zu mir gekommen wären,--nehmen Sie an, daß Sie keinen andern Weg gehabt hätten und daß dies ein sicherer Weg war--vorausgesetzt, daß die Kanonenkugeln Sie verschonten. (Sie schaudert und bedeckt ihre Augen einen Moment mit den Händen.) Würden Sie Angst gehabt haben?

(Dame.) Oh, fürchterliche Angst! tödliche Angst! (Sie preßt ihre Hände aufs Herz.) Die bloße Vorstellung schmerzt schon!

(Napoleon unbeugsam:) Würden Sie wegen der Depeschen gekommen sein?

(Dame überwältigt von dieser entsetzlichen Vorstellung:) Fragen Sie mich nicht! Ich hätte kommen müssen!

(Napoleon.) Warum?

(Dame.) Weil ich gezwungen gewesen wäre. Weil es keinen andern Ausweg gegeben hätte!