Der Mann des Schicksals: Komödie in einem Akt

Chapter 1

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Produced by Michalina Makowska

DER MANN DES SCHICKSALS

Komödie in einem Akt

Bernard Shaw

(Übersetztung von Siegfried Trabitsch)

Diese Komödie wurde zuerst unter dem Titel "Der Schlachtenlenker" veröffentlicht und aufgeführt.

PERSONEN

Napoleon Ein Leutnant Eine fremde Dame Giuseppe Grandi, Gastwirt

Schauplatz der Handlung: Tavazzano, ein kleiner Ort auf dem Wege von Mailand nach Lodi.

(Es ist am 12. Mai 1796 in Norditalien, in Tavazzano, auf der Straße von Lodi nach Mailand; die Nachmittagssonne strahlt hell herab auf die Ebenen der Lombardei. Sie behandelt die Alpen mit Respekt and die Ameisenhügel mit Nachsicht und wird weder durch die sich sonnenden Schweine und Ochsen in den Dörfern belästigt, noch verletzt durch das kühle Verhalten der Kirchen gegenüber ihrem Licht. Verachtungsvoll lacht sie jedoch über zwei Horden schädlicher Insekten, nämlich der österreichischen und der französischen Armee. Vor zwei Tagen, bei Lodi, hatten die Österreicher die Franzosen zu hindern versucht, den Fluß auf der dort befindlichen schmalen Brücke zu überschreiten. Aber die Franzosen, befehligt von einem siebenundzwanzigjährigen General, Napoleon Bonaparte, der die Kriegskunst nicht versteht, überschritten dennoch die von feindlichem Feuer bestrichene Brücke, unterstützt von einer furchtbaren Kanonade, bei welcher der junge General selbst Hand anlegte. Das Schießen mit Kanonen ist seine technische Spezialität. Er ist in der Artillerie unter dem alten Regime ausgebildet und ein Meister in den militärischen Künsten, sich von seinen Pflichten zu drücken, den Kriegszahlmeister um Reisespesen zu beschwindeln und den Krieg mit dem Lärm and Rauch der Kanonen zu verherrlichen, der auf allen militärischen Bildern aus dieser Epoche zu sehen ist. Er ist jedoch ein origineller Beobachter und hat seit der Erfindung des Schießpulvers als erster herausgefunden, daß eine Kanonenkugel den Mann, den sie trifft, unfehlbar töten muß. Dem gründlichen Erfassen dieser bemerkenswerten Entdeckung fügte er eine höchst entwickelte Fähigkeit für physikalische Geographie und für die Berechnung von Zeit und Entfernungen hinzu. Er besitzt eine erstaunliche Arbeitskraft und eine klare, realistische Kenntnis der menschlichen Natur in bezug auf öffentliche Angelegenheiten, die er während der französischen Revolution nach dieser Richtung hin reichlich erprobt hat. Er hat Einbildungskraft ohne Illusionen, und schöpferischen Geist ohne Religion, Loyalität, Patriotismus oder irgendeines der landläufigen Ideale, obwohl er dieser nicht unfähig ware; im Gegenteil: er hat sie alle einmal in seiner Knabenzeit begierig eingezogen, und da er feine dramatische Fähigkeiten besitzt, versteht er sie mit der Kunst eines Schauspielers und Bühnenleiters äußerst geschickt auszuspielen. Dabei ist er durchaus kein verzogenes Kind. Armut, Mißgeschick, die Kniffe einer ärmlich zur Schau getragenen Eleganz, wiederholte Durchfälle als Autor, die Demütigungen eines zurückgestoßenen Strebers, die Verweise und Bestrafungen, die der untaugliche und unehrenhafte Offizier zu ertragen hat, haben das verhindert. Er entging sogar nur mit knapper Not der Strafe, aus dem Dienste gejagt zu werden. Wenn recht Auswanderung der Adeligen selbst den Wert des schuftigsten Leutnants zu dem Teuerungspreise eines Generals gesteigert hätte, würde er mit Verachtung aus dem Heere ausgestoßen worden sein. Alle diese Schicksale haben ihm jede Selbstüberschätzung ausgetrieben und ihn gezwungen, genügsam zu sein und zu begreifen, daß die Welt einem Manne seinesgleichen nichts gibt, was er ihr nicht mit Gewalt abringen kann. Hierin aber zeigt die Welt einige Feigheit und Dummheit. Denn ein erbarmungsloser Kanonier des politischen Kehrichts, wie Napoleon es war, ist der Welt von Nutzen. Man kann sogar heute nicht in England leben, ohne manchmal einzusehen, wieviel dieses Land dabei verlor, daß es nicht von Napoleon ebenso wie von Julius Cäsar erobert wurde.)

(An jenem Mainachmittag des Jahres 1796 jedoch ist es noch früh in seinem Leben. Er ist erst sechsundzwanzig Jahre alt und erst kürzlich General geworden, teilweise mit Hilfe seiner Frau, die er dazu benutzt hat, das Direktorium (das damals Frankreich regierte) zu verführen, und teilweise durch den bereits erwähnten, infolge der Auswanderung entstandenen Mangel an Offizieren. Aber auch dank seiner Fähigkeit, ein Land mit all seinen Straßen, Flüssen, Hügeln und Tälern wie die Fläche seiner eigenen Hand zu kennen, und vor allem dank seinem neuen Glauben an die Wirkung der Kanonen auf Menschen. Seine Armee war, was die Disziplin betrifft, in einem Zustand, der moderne Historiker, vor denen das folgende Stück aufgeführt worden ist, so sehr entsetzt hat, daß sie, eingeschüchtert von dem späteren Ruhme des "Empereur", sich geweigert haben, an solche Vorkommnisse zu glauben. Aber Napoleon ist noch nicht "l'Empereur", es wurde ihm eben erst der Titel "le petit caporal" verliehen, und er ist im Begriff, durch renommistische Tapferkeit Einfluß auf seine Leute zu gewinnen. Er ist nicht in der Lage, seinen Willen nach orthodoxer militärischer Art mit Hilfe der neunschwänzigen Katze bei ihnen durchzusetzen. Die französische Revolution, die nur durch die monarchische Gewohnheit, den Soldaten den Lohn wenigstens vier Jahre lang schuldig zu bleiben, dem Schicksal, unterdrückt zu werden, entging, hat, wo es irgend anging, diesen Brauch durch die Gewohnheit ersetzt, überhaupt keinen zu zahlen. Statt dessen werden die Leute mit Versprechungen und patriotischen Schmeicheleien abgespeist, die mit dem Militärgeist preußischer Art unvereinbar gewesen wären. Napoleon hat sich daher als ein Befehlshaber von zerlumpten Leuten ohne Geld, die nicht aufgelegt sind, sich viel Disziplin gefallen zu lassen, namentlich nicht von emporgekommenen Generälen, den Alpen genähert. Dieser Umstand, der einen idealistischen Soldaten in Verlegenheit gebracht hätte, ersetzte Napoleon tausend Kanonen. Er sprach zu seinen Soldaten: "Ihr habt Patriotismus und Mut; aber ihr habt kein Geld, keine Kleidung und kaum etwas zu essen. In Italien gibt es all diese Dinge und Ruhm noch dazu für eine ergebene Armee, die von einem General geführt wird, der Plünderung als das natürliche Recht des Soldaten betrachtet. Ich bin ein solcher General. En avant, mes enfants!"--Das Resultat hat ihm vollkommen recht gegeben. Seine Soldaten eroberten Italien, wie die Wanderheuschrecken Cypern erobert haben. Sie kämpften den ganzen Tag und marschierten die ganze Nacht, legten unmögliche Entfernungen zurück, tauchten an unmöglichen Orten auf,--aber nicht etwa, weil jeder Soldat wußte, daß er den Marschallstab in seinem Tornister trage, sondern weil jeder hoffte, am nächsten Tage wenigstens ein halbes Dutzend silberner Gabeln fort zu tragen. Zugleich muß man sich darüber klar sein, daß die französische Armee nicht mit der italienischen Krieg führt. Sie ist nur da, um Italien von der Tyrannei seiner österreichischen Eroberer zu befreien und republikanische Einrichtungen herzustellen, so daß sie, wenn sie gelegentlich plündert, nur ein wenig frei mit dem Eigentum ihrer Freunde umgeht, wofür Italien sogar hätte dankbar sein sollen, wenn Undankbarkeit nicht die sprichwörtliche Schwäche der Italiener wäre. Die Österreicher, die sie bekämpfen, haben eine recht ansehnliche reguläre, gut disziplinierte Armee, von Herren kommandiert, die in der bisher geübten Kriegskunst erfahren sind, an ihrer Spitze Beaulieu, der die klassische Kriegskunst ausübt, nach Befehlen von Wien aus, und von Napoleon fürchterlich geschlagen wird, der auf eigene Faust handelt, ohne Rücksicht auf militärisches Herkommen und Befehle aus Paris. Selbst wenn die Österreicher eine Schlacht gewannen, brauchte man nur zu warten, bis sie nach ihrer Gewohnheit in ihre Hauptquartiere heimgekehrt waren, sozusagen zum Nachmittagstee, um sie dann zurückzugewinnen, ein Verfahren, das Napoleon später mit glänzendem Erfolge bei Marengo anzuwenden wußte. Mit einem Wort, Napoleon versteht es, ohne heroische Wunder zu vollbringen, einem Feinde gegenüber unwiderstehlich zu sein, der den Nachteil hat, von österreichischer Staatsmannschaft, klassischer Generalsweisheit und den Forderungen der aristokratischen Wiener Gesellschaft geleitet zu werden. Die Welt jedoch liebt Wunder und Helden und ist ganz unfähig, die Handlungsweise solcher Mächte, wie akademischer Militarismus und Wiener Boudoirunwesen sind, zu begreifen. Daher hat sie schon begonnen, das Wort "l'Empereur" zu prägen, und es dadurch hundert Jahre später den Romantikern erschwert, die folgende bis dahin unaufgezeichnete kleine Szene zu glauben, die sich in Tavazzano ereignet hat. Das beste Quartier in Tavazzano ist ein kleines Gasthaus, das erste, das der Wanderer antrifft, der auf dem Wege von Mailand noch Lodi den Ort berührt. Es steht in einem Weingarten, und sein größtes Zimmer, ein angenehmer Zufluchtsort vor der Sommerhitze, ist gegen diesen Weingarten nach rückwärts so weit geöffnet, daß es beinahe einer großen Veranda gleicht. Die mutigeren unter den Kindern, die durch Alarmsignale und die Ausfälle der letzten Tage und durch den Einmarsch französischer Truppen um sechs Uhr in großer Aufregung sind, wissen, daß der französische Kommandeur sich in dieses Zimmer einquartiert hat, und schwanken zwischen dem Verlangen, durch das Vorderfenster verstohlene Blicke hineinzuwerfen, und einer tödlichen Angst vor der Schildwache, einem jungen Soldaten aus vornehmer Familie, der keinen natürlichen Schnurrbart besitzt und sich deshalb einen sehr martialischen mit Stiefelwichse von seinem Feldwebel hat ins Gesicht hineinmalen lassen. Da seine schwere Uniform, wie alle Uniformen seiner Zeit, ohne die leiseste Rücksichtnahme auf seine Gesundheit oder seine Bequemlichkeit, lediglich für die Parade bestimmt ist, schwitzt er fürchterlich in der Sonne; sein gemalter Schnurrbart ist in kleinen Streifen sein Kinn und seinen Hals herabgelaufen, mit Ausnahme von jenen Stellen, wo er zu einer Kruste wie von japanischem Lack getrocknet ist, und wo seine schön geschweifte Linie durch groteske kleine Buchten und Landzungen unterbrochen wird. Alles dies macht ihn unsagbar lächerlich in den Augen der Geschichte hundert Jahre später, aber fürchterlich und schrecklich in den Augen der zeitgenössischen norditalienischen Kinder, denen es ganz natürlich erscheinen würde, wenn die Wache die Eintönigkeit des Postenstehens dadurch zu beleben versuchte, daß sie ein verlaufenes Kind auf ihr Bajonett spießte, um es ungekocht zu verspeisen. Trotzdem hat ein Mädchen von schlechtem Charakter, an dem schon der Sinn für ein gewisses Vorrecht, das sie bei den Soldaten hat, erwacht ist, sich für einen Augenblick verstohlen an das sicherste Fenster geschlichen, bis ein Blick und ein Klirren der Wache es davonjagt. Was die Kleine zumeist sieht, das hat sie schon früher gesehen: den Weingarten mit der alten Kelter dahinter und einen Karren bei den Weinstöcken; die Türe dicht zu ihrer Rechten, die nach dem Eingange des Gasthauses führt, wo des Wirtes bester Schenktisch weiter hinten an derselben Seite nun in voller Tätigkeit für das Mittagessen steht; auf der anderen Seite den Kamin mit einem Sofa in der Nähe und eine andere Tür, die zwischen Kamin und Weingarten in die inneren Räume führt; in der Mitte einen Tisch mit seiner Mahlzeit von Mailänder Risotto, Käse, Trauben, Brot, Oliven und einer großen, mit Weidenzweigen umflochtenen Flasche Rotwein. Der Wirt, Giuseppe Grandi, ist auch nichts Neues für sie; er ist ein dunkelfarbiger, lebhafter, gehörig heiterer, schwarzlockiger, kugelköpfiger, grinsender kleiner Mann von vierzig Jahren. Schon von Natur ein guter Wirt, ist er heute abend in extra guter Laune über sein Glück, den französischen Kommandeur als Gast unter seinem Dache zu haben, dessen Gegenwart ihn vor den Übergriffen der Soldaten schützt. Er trägt sogar ein Paar goldener Ohrringe zur Schau, die er sonst mit seinem kleinen Besitz an Silbergeschirr sorgfältig unter der Kelter versteckt haben würde.)

(Napoleon jedoch, der ihm gegenüber an der hinteren Seite des Tisches sitzt, und seinen Hut, seinen Degen und seine Reitpeitsche, die auf dem Sofa liegen, sieht das Mädchen zum erstenmal. Er arbeitet hart, teils an seiner Mahlzeit, die er in zehn Minuten zu verschlingen weiß, indem er alle Gerichte gleichzeitig in Angriff nimmt (diese Gewohnheit ist der erste Schritt zu seinem späteren Untergange), und teils an einer Landkarte, die er aus dem Gedächtnis verbessert, wobei er gelegentlich die Stellungen seiner Streitkräfte kennzeichnet, indem er eine Traubenschale aus dem Munde nimmt und sie mit seinem Daumen wie eine Oblate auf die Landkarte drückt. Er hat Schreibmaterial vor sich liegen, unordentlich mit den Gerichten und Flaschen vermengt, und sein langes Haar fällt bald in die Risottobrühe herab, bald in die Tinte.)

(Giuseppe.) Wollen Exzellenz....

(Napoleon blickt gespannt auf seine Karte, stopft sich aber mit der linken Hand mechanisch den Mund dabei voll): Schwatz' nicht, ich habe zu tun.

(Giuseppe in ungetrübt guter Laune:) Wie Sie befehlen, Exzellenz.

(Napoleon.) Bring mir rote Tinte!

(Giuseppe.) Leider habe ich keine, Exzellenz.

(Napoleon mit korsischem Humor:) Töte etwas und bring' mir das Blut.

(Giuseppe grinsend:) Es ist nichts im Hause, als das Pferd Eurer Exzellenz, die Schildwache, die Dame im ersten Stock und meine Frau.

(Napoleon.) Töte deine Frau.

(Giuseppe.) Mit größtem Vergnügen, Exzellenz. Aber unglücklicherweise ist sie stärker als ich--sie würde mich töten.

(Napoleon.) Das wäre ebenso gut.

(Giuseppe.) Exzellenz erweisen mir zu viel Ehre. (Seine Hand nach der Flasche ausstreckend:) Vielleicht kann etwas Wein den Zweck erfüllen.

(Napoleon beschützt die Flasche schnell und wird ganz ernst:) Wein? Nein--das wäre Verschwendung. Ihr seid alle gleich--Verschwendung! Verschwendung! Verschwendung! (Er markiert die Landkarte mit Sauce, wobei er die Gabel als Feder benützt.) Räum' ab! (Er leert sein Weinglas, stößt seinen Stuhl zurück und benützt seine Serviette, streckt dann die Beine aus und lehnt sich zurück, aber noch immer die Stirn runzelnd und in Gedanken.)

(Giuseppe räumt den Tisch ab und stellt die Sachen auf ein Tablett, das auf dem Büfett steht:) Ein jeder denkt, wie es für sein Geschäft taugt, Exzellenz. Wir Gastwirte verfügen über eine Menge billigen Wein; wir finden nichts dabei, ihn zu vergießen,--Ihr großen Generale verfügt über eine Menge billiges Blut: Ihr findet nichts dabei, es zu vergießen. Hab' ich recht, Exzellenz?

(Napoleon.) Blut kostet nichts, Wein kostet Geld. (Er erhebt sich und geht an den Kamin.)

(Giuseppe.) Man sagt, daß Sie mit allem sparen, außer mit Menschenleben, Exzellenz.

(Napoleon.) Ein Menschenleben, mein Freund, ist das einzige Ding, das sparsam mit sich selbst umgeht. (Er wirft sich behaglich auf das Sofa.)

(Giuseppe ihn bewundernd:) O Exzellenz, wie dumm sind wir alle, mit Ihnen verglichen! Wenn ich nur das Geheimnis Ihrer Erfolge erraten könnte!

(Napoleon.) Dann würdest du dich zum Kaiser von Italien machen, was?

(Giuseppe.) Das wäre für mich zu mühsam, Exzellenz, ich überlasse es lieber Ihnen. Überdies, was sollte aus meiner Wirtschaft werden, wenn ich Kaiser würde? Sie sehen mir gerne zu, wie ich mein Gasthaus für Sie verwalte und Sie bediene. Nun, ich will Ihnen gerne zusehen, wie Sie Kaiser von Europa werden und Italien für mich regieren. (Während er schwätzt, nimmt er das Tischtuch ab, ohne die Landkarte und das Tintenfaß wegzunehmen. Er nimmt die Ecken des Tuches in die Hände und die Mitte in den Mund, um es zusammenzufalten.)

(Napoleon.) Kaiser von Europa? Was? Warum bloß von Europa?

(Giuseppe.) Sie haben wahrhaftig recht, Exzellenz, warum nicht Kaiser der Welt? (Er faltet und rollt das Tischtuch zusammen, und bekräftigt seine Sätze mit den einzelnen Phasen dieses Vorgangs:) Ein Mensch ist wie der andre--(er faltet es:) ein Land ist wie das andre, (faltet:) eine Schlacht ist wie die andre. (Als er das letzte Stück gefaltet hat, schlägt er das Tischtuch auf den Tisch, rollt es geschickt zusammen and schließt seinen Redefluß:) Gewinnt man eine, so gewinnt man alle. (Er geht mit dem Tischtuch an das Büfett und legt es in eine Schublade.)

(Napoleon.) Und für alle regieren, für alle kämpfen, jedermanns Knecht sein unter dem Vorwande, jedermanns Herr zu sein, Giuseppe!

(Giuseppe vor dem Büfett:) Exzellenz--?

(Napoleon.) Ich verbiete dir, mit mir über mich zu sprechen.

(Giuseppe geht an das Fußende des Sofas:) Pardon, Exzellenz sind darin so ganz verschieden von andren großen Männern, die lieben gerade dieses Thema am meisten.

(Napoleon.) Gut, sprich mit mir über das, was große Männer als zweitbestes lieben, was es auch sein mag.

(Giuseppe ohne in Verlegenheit zu geraten:) Zu Befehl, Exzellenz. Haben Exzellenz durch irgendeinen Zufall etwas von der Dame da oben zu sehen bekommen?

(Napoleon setzt sich sofort auf und sieht ihn mit einem Interesse an, das die Frage vollkommen angebracht erscheinen läßt:) Wie alt ist sie?

(Giuseppe.) Sie hat das richtige Alter, Exzellenz.

(Napoleon.) Meinst du siebzehn oder dreißig?

(Giuseppe.) Dreißig, Exzellenz.

(Napoleon.) Ist sie schön?

(Giuseppe.) Ich kann nicht mit Ihren Augen sehn, Exzellenz! Jeder Mann muß das selbst beurteilen. Meiner Meinung nach ist sie eine schöne Dame. (Schlau:) Soll ich ihr hier den Tisch für das Frühstück decken?

(Napoleon erhebt sich heftig:) Nein! Deck hier nicht mehr, bevor der Offizier, auf den ich warte, zurückkommt. (Er sieht auf seine Uhr und fängt an, zwischen dem Kamin und dem Weingarten auf und ab zu gehn.)

(Giuseppe mit Überzeugung:) Exzellenz, glauben Sie mir, er ist von den verfluchten Österreichern gefangen worden; er würde es nicht wagen, Sie warten zu lassen, wenn er frei wäre.

(Napoleon kehrt sich beim Schatten der Veranda um:) Giuseppe! wenn sich herausstellen sollte, daß du recht hast, so wird mich das in eine Laune versetzen, daß mich nichts anderes besänftigen kann, als dich und deinen ganzen Haushalt--die Dame dort oben inbegriffen--aufhängen zu lassen!

(Giuseppe.) Wir stehen Ihnen alle gerne zur Verfügung, Exzellenz! mit Ausnahme der Dame. Ich kann für sie nicht bürgen; aber welche Frau könnte Ihnen widerstehen?!

(Napoleon setzt seine Wanderung düster fort:) Hm, du wirst niemals am Galgen enden. Es ist kein Vergnügen dabei, einen Mann zu hängen, der nichts dagegen einzuwenden hat.

(Giuseppe liebenswürdig:) Nicht das geringste, Exzellenz, nicht wahr? (Napoleon blickt wieder auf seine Uhr und wird sichtlich unruhig:) Oh, man sieht, daß Sie ein großer Mann sind, Exzellenz! Sie verstehen zu warten. Wenn ein Korporal oder ein junger Leutnant an Ihrer Stelle wäre--nach drei Minuten würde er fluchen, toben, drohen und das Haus von oben nach unten kehren.

(Napoleon.) Giuseppe, deine Schmeicheleien sind unerträglich. Geh und schwatz draußen. (Er setzt sich wieder an den Tisch, sein Kinn auf die Hände, seine Ellbogen auf die Landkarte gestützt, und starrt mit unruhigem Ausdruck auf sie hin.)

(Giuseppe.) Zu Befehl, Exzellenz, Sie sollen nicht gestört werden. (Er nimmt das Tablett und ist im Begriff, sich zurückzuziehen.)

(Napoleon.) Sobald er da ist, schick' ihn zu mir herein.

(Giuseppe.) Augenblicklich, Exzellenz.

(Die Stimme einer Dame ruft von irgendeinem entfernten Teil des Gasthauses:) Giuseppe! (Die Stimme ist sehr melodisch, und die zwei letzten Buchstaben werden in aufsteigender Skala gesungen.)

(Napoleon stutzig:) Was ist das?...

(Giuseppe stützt das Ende seines Servierbrettes auf den Tisch und beugt sich vertraulich vor:) Die Dame, Exzellenz.

(Napoleon zerstreut:) Ja... was für eine Dame... wessen Dame?...

(Giuseppe.) Die fremde Dame, Exzellenz.

(Napoleon.) Was für eine fremde Dame?

(Giuseppe achselzuckend:) Wer kann es wissen! Sie ist eine halbe Stunde vor Ihnen hier angekommen, in einem Mietwagen, der dem "Goldenen Adler" in Borghetto gehört. Tatsächlich: sie ganz allein, Exzellenz,--ohne Dienerschaft! Eine Handtasche und ein Koffer, das war alles. Der Postillon sagte mir, daß sie im "Goldenen Adler" ein Pferd gelassen habe, ein Chargenpferd mit militärischem Sattelschmuck.

(Napoleon.) Eine Frau mit einem Chargenpferd?--Das ist ungewöhnlich.

(Die Stimme der Dame. Die zwei letzten Buchstaben werden jetzt in herabsteigender Skala gesungen:) Giuseppe!

(Napoleon springt auf, um zu horchen:) Das ist eine interessante Stimme.

(Giuseppe.) Oh es ist eine interessante Dame, Exzellenz. (Ruft:) Ich komme schon! ich komme schon, meine Gnädige! (Er eilt zur inneren Tür.)

(Napoleon hält ihn mit starker Hand an der Schulter fest:) Halt! Sie soll hierher kommen.

(Die Stimme ungeduldig:) Giuseppe!

(Giuseppe flehentlich:) Lassen Sie mich gehn, Exzellenz. Es ist meine Ehrenpflicht als Wirt, zu kommen, wenn man mich ruft. Ich wende mich an den Soldaten in Ihnen!

(Eines Mannes Stimme ruft draußen vor der Tür des Wirtshauses:) Ist jemand da? Hallo! Wirt! wo sind Sie? (Es wird heftig mit dem Knopf einer Peitsche auf eine Bank in der Einfahrt geschlagen. Napoleon der plötzlich wieder kommandierender Offizier wird, stößt Giuseppe fort:) Da ist er endlich! (Auf die innere Tür weisend:) Geh, kümmere dich um dein Geschäft. Die Dame ruft nach dir. (Er geht zum Kamin und steht mit dem Rücken dagegen, mit entschlossenem militärischem Gesichtsausdruck.)

(Giuseppe atemlos, reißt sein Tablett an sich:) Gerne, Exzellenz! (Er eilt durch die innere Tür hinaus.)

(Die Stimme des Mannes ungeduldig:) Schläft hier alles? (Die dem Kamin gegenüberliegende Tür wird heftig mit dem Fuße aufgestoßen, and ein staubbedeckter Leutnant stürzt in das Zimmer. Er ist ein törichter, junger Bursche von vierundzwanzig Jahren mit der hellen, zarten, reinen Haut des vornehmen Mannes und mit jener Selbstsicherheit des Aristokraten, welche die französische Revolution nicht im geringsten erschüttern konnte. Er hat eine dicke, dumme Lippe, ein eifriges, leichtgläubiges Auge, eine eigensinnige Nase und eine laute selbstbewußte Stimme.--Ein junger Mensch ohne Furcht, obne Ehrfurcht, ohne Einbildungskraft, ohne Verstand und hoffnungslos unempfänglich für die napoleonische oder irgendeine andere Idee. Fabelhaft egoistisch, im höchsten Grade dazu geeignet, dort geräuschvoll hereinzustürmen, wo selbst ein Engel sich fürchten würde, nur den Fuß aufzusetzen, doch von einer starken geschwätzigen Lebenskraft, die ihn mitten in das tollste Gewirr der Dinge hetzt. Er kocht eben vor Wut, anscheinend, weil er empört ist, nicht schnell vom Gesinde des Gasthauses bedient zu werden, aber ein schärfer beobachtendes Auge kann eine gewisse moralische Niedergeschlagenheit in ihm entdecken, welche andeutet, daß er unter einem anhaltenderen und wichtigeren Verdruß leidet. Als er Napoleon bemerkt, kommt er genügend zu sich, um sich zusammenzuraffen und zu salutieren. Aber er verrät auf keine Weise durch sein Benehmen etwas von jener prophetischen Voraussicht von Marengo und Austerlitz, Waterloo und St. Helena oder der Napoleonbilder von Delaroche und Meissonier, die die moderne Kultur instinktiv bei ihm voraussetzen würde.)

(Napoleon scharf:) Nun, Herr, sind Sie endlich angekommen? Ihr Befehl lautete, daß ich um sechs Uhr hier sein würde, und daß Sie mich mit meiner Pariser Post and meinen Depeschen erwarten sollten! Und jetzt fehlen nur noch zwanzig Minuten an acht. Sie wurden als guter Reiter für diesen Dienst ausersehen, mit dem schnellsten Pferde, das wir im Lager haben. Sie kommen hundert Minuten zu spät und kommen zu Fuß--wo ist Ihr Pferd?

(Leutnant zieht verdrießlich seine Handschuhe aus und wirft sie mit seiner Mütze und Peitsche auf den Tisch:) Ja, wo ist es? Das gerade wüßte ich selber gern, Herr General. (Mit Bewegung:) Sie wissen nicht, wie ich dies Pferd geliebt habe.

(Napoleon ärgerlich, sarkastisch:) Wirklich! (Mit plötzlicher Besorgnis:) Wo sind die Briefe und Depeschen?