Der Mädchenhandel

Part 8

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Nicht unbedenklich erscheint es aber auch, das entscheidende Merkmal in der Gewerbsmäßigkeit zu finden. Gewiß hat die Begründung darin recht, daß es durch die Beschränkung des Tatbestandes auf gewerbsmäßiges Handeln ausgeschlossen ist, manche harmlose Fälle zu treffen, wie z. B. den von der Begründung erwähnten Fall, daß eine Prostituierte ihre Freundin verleitet, sich demselben Gewerbe zuzuwenden. Aber nach dem vorgeschlagenen § 253 wird auch derjenige als Mädchenhändler anzusehen sein, der gegen Entlohnung einem Bordellwirt Prostituierte zuführt, deren eigenes Streben darauf gerichtet ist, in einem Bordell Unterkunft zu finden. Ob ein solcher Fall aber weniger harmlos ist, wie der von der Begründung hervorgehobene, wird wohl mit Recht in Zweifel gezogen werden dürfen. Auf der anderen Seite ist auch zu beachten, daß das Tatbestandsmerkmal der Gewerbsmäßigkeit häufig sehr schwer nachweisbar ist, und daß sich Fälle denken lassen, in denen eine Gewerbsmäßigkeit zweifellos nicht vorhanden ist, ein Strafbedürfnis sich aber trotzdem in hohem Maße geltend macht. Wer in einem Einzelfall, ohne die Absicht, ein gleiches bei anderer sich ihm bietender Gelegenheit zu tun, ein Mädchen verschleppt, um sie der gewerbsmäßigen Unzucht zuzuführen, handelt nicht gewerbsmäßig; er kann daher auf Grund des vorgeschlagenen § 253 noch nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Nach dem vorgeschlagenen § 253 kann auch der Versuch des Frauenhandels bestraft werden. Bloße Vorbereitungshandlungen sind aber unter dem Tatbestand des § 253 nicht zu fassen. Wer sich also mit einem anderen verbindet, um Frauenhandel zu treiben, kann auf Grund des § 253 weder wegen vollendeten, noch wegen versuchten Frauenhandels zur Verantwortung gezogen werden. Der österreichische Vorentwurf hat in seinem § 281 ein Sonderdelikt ausgebildet, das derartige Vorbereitungshandlungen unter Strafe stellt.

Der vorgeschlagene § 253 wird jedenfalls, ehe er Gesetz wird, einer sorgfältigen Revision und Neuredaktion unterzogen werden müssen.“

Auch aus dieser Kritik geht wieder die Schwierigkeit der Aufgabe hervor. Haben nicht vor 50 Jahren bei Beseitigung des schwarzen Sklavenhandels ähnliche Zustände bestanden? Haben nicht auch damals viele sehr kluge Leute erklärt, daß die Beseitigung desselben unmöglich sei? Trotzdem ist es gelungen. Ebenso wird auch der Handel mit weißen Geschlechtssklavinnen verschwinden, sobald der Kampf allgemein aufgenommen wird. Das National-Komitee allein kann diesen Erfolg nicht erreichen. Hier gilt es wie überall: „Vereinte Kräfte führen zum Ziel“. Deshalb wiederhole ich an alle jungen Mädchen die Bitte: daß sie, wenn sie Stellungen im Ausland annehmen, dieses nur dann tun, wenn sie in irgendeiner Weise zuverlässige Erkundigungen eingezogen haben; an alle Eltern, daß sie ihre Töchter nicht abreisen lassen, ohne sie zu diesen Erkundigungen gezwungen zu haben; an alle Behörden, daß sie die gegen die öffentlichen Häuser gegebenen Bestimmungen und Gesetze auch befolgen, und an die gesamte Presse die Bitte, daß sie uns auch in Zukunft in derselben Weise unterstützen mögen wie bisher und die in diesen Zeilen niedergelegten Ansichten nicht völlig totschweige.

Die Tätigkeit der National-Komiteen

Durch die Agitation des Herrn Coote waren in den größeren zivilisierten Staaten National-Komiteen entstanden, welche es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Mädchenhandel aus der Welt zu schaffen.

Im allgemeinen bestanden diese National-Komiteen aus hervorragenden Persönlichkeiten, aus den Vorsitzenden der Sittlichkeits- und Frauenvereine, aus Vertretern der verschiedenen Ministerien und Behörden. In den Versammlungen wurden dann die Mittel und Wege beraten, welche in Vorschlag gebracht werden sollten, um den Mädchenhandel aus der Welt zu schaffen.

Die Regierungsvertreter gaben sofort an, in welcher Weise diesen Wünschen Genüge geleistet und wie die Arbeit am besten in die Wege geleitet werden könne. Diese interne Arbeit mußte aber an die Öffentlichkeit gebracht werden, um das Publikum und vor allem die vielen Vereine, welche sich für die Frage interessierten, auf dem laufenden zu erhalten. Zu dem Zweck fanden jährlich nationale Konferenzen statt, und zwar stets in verschiedenen Teilen Deutschlands, auf denen die Beschlüsse für die gemeinsame Weiterarbeit gefaßt wurden. Diese Beschlüsse bildeten dann gewissermaßen das Programm für die internationalen Kongresse, die alle drei bis vier Jahr, ebenfalls nach Ländern wechselnd, einberufen wurden. Durch diese systematische Zusammenarbeit ist es erreicht, daß die von den Komiteen veröffentlichten Beschlüsse gewissermaßen als öffentliche Meinung gelten, auf welche gestützt, die staatlichen Behörden und die gesetzgebenden Kammern die Gesetze geben, durch welche ein Verbrechen aus der Welt geschafft werden kann, welches durch die Gewohnheit so tief eingenistet ist, daß auch noch heute viele Menschen diese Aufgabe für nicht lösbar halten. Wenn man aber die zehnjährige Arbeit und Entwicklung der National-Komiteen überblickt, so kann man sich doch der Hoffnung hingehen, daß wir das gesteckte Ziel erreichen werden.

Auf dem ersten Kongreß 1899 in London wurde die Prostitutionsfrage offiziell ausgeschaltet, weil sie die Internationalität gefährdete, und im Jahre 1910 auf dem Vierten Internationalen Kongreß in Madrid wurde einstimmig der Beschluß angenommen, die National-Komitees +aller+ Länder sollten intensiv an der Beseitigung der öffentlichen Häuser arbeiten.

Welche Widerstände zu brechen waren, um einen derartigen Beschluß herbeizuführen, kann nur der beurteilen, der die Arbeiten mitgemacht hat. Noch im Jahre 1904 erklärte der italienische Delegierte in einer öffentlichen Versammlung zu Zürich: „Ich würde meiner Frau und meiner Tochter niemals erlauben, in eine Stadt zu reisen, von der mir bekannt ist, daß sich dort keine öffentlichen Häuser befinden.“ Man glaubte also in der Tat, daß die öffentlichen Häuser für die anständigen Frauen und Mädchen eine Art Sicherheitsventil bildeten und deshalb von der Sicherheitspolizei beschützt werden müßten.

Die Arbeit der verschiedenen Komiteen ist allerdings sehr verschieden. Einige beschränken sich darauf, einzelne gefährdete Mädchen zu schützen und zu befreien, andere dagegen, zu denen glücklicherweise auch das Deutsche gehört, legen neben der vorbeugenden und rettenden Tätigkeit im einzelnen den Schwerpunkt darauf, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und hierdurch eine gerechte und praktische Gesetzgebung und Verwaltung zu erzielen.

Hierbei sind wir vom ersten Tage an von der Presse in der wirksamsten und energischsten Weise unterstützt worden. Niemals sind uns von irgendwelcher Seite Schwierigkeiten bereitet. Die Politik hat glücklicherweise mit unserer Arbeit nichts zu tun. Sie ist eine rein humanitäre, und die Erfolge, welche die Nationalkomiteen erzielen, kommen der Allgemeinheit auf sozialem und sittlichem Gebiet zugute. Die Schwierigkeit der Arbeit liegt in dem Überwinden des Widerstandes der oberen Zehntausend und der städtischen Behörden, die ganz im Gegensatz zu den staatlichen Behörden der Prostitution einen Schutz gewähren, den sie nicht verdient. Auf welche Weise es zu erreichen ist, daß der von der Prostitution angerichtete Schaden möglichst gering ist, darüber gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Wir können uns deshalb auch heute noch nicht mit der ganzen Prostitutionsfrage beschäftigen, sondern nur so weit, wie der Mädchenhandel mit ihr zusammenhängt.

Die Aufgaben der Vereine, welche den Mädchenhandel aus der Welt schaffen wollen, sind die folgenden: 1. Bekämpfung des Mädchenhandels durch Bekämpfung seiner sozialen Ursachen; 2. Schutz der volljährigen und minderjährigen weiblichen Personen gegen die Gefahren des Mädchenhandels; 3. Sorge für Unterbringung und weiteres Fortkommen der Geretteten; 4. Auskunftserteilung an alle im Interesse Gefährdeter um Rat und Information bittenden Personen; 5. Verfolgung der Mädchenhändler; 6. Bekämpfung der dem Mädchenhandel dienenden Agenturen und solcher Einrichtungen, die den Mädchenhandel begünstigen und veranlassen; 7. Überwachung der in- und ausländischen Presse; 8. Aufklärung der öffentlichen Meinung durch die Presse und durch Vorträge; 9. Zusammenwirken mit deutschen Vereinen, deren Arbeit sich mit der Bekämpfung des Mädchenhandels berührt; 10. Verständigung und Zusammenwirken mit gleichartigen Organisationen des Auslandes.

Von diesen Aufgaben werden die meisten durch die laufenden Arbeiten des Deutschen National-Komitees gelöst. Die beiden schwierigsten sind: die Bekämpfung der sozialen Ursachen und die Unterbringung der geretteten Mädchen. In der Regel wollen die Angehörigen von den Mädchen nichts mehr wissen. Sie sollen ihr Brot selbst verdienen. Da sie aber infolge ihres Aufenthaltes in den öffentlichen Häusern Papiere und Zeugnisse nicht besitzen, so findet sich sehr selten eine Familie, die ein derartiges Mädchen aufnimmt. Wohin soll sie gehen? Die drei Stellungen, die stets offenstehen: Kellnerinnen, Aufwartemädchen im Hotel und Fabrikarbeiterinnen sind für ein Mädchen, das an Arbeit nicht gewöhnt ist, zu schwer und auch zu gefährlich. Eigene Heime für sie einzurichten ist zu teuer, auch würden diese wegen der geringen Zahl der Mädchen kaum ausgenutzt werden können. Die vorhandenen Zufluchtshäuser nehmen sie mit Rücksicht auf die übrigen Bewohnerinnen nicht auf. Es ist also fast unmöglich, für diese Mädchen zu sorgen. Das sicherste Mittel ist, zu verhindern, daß die Mädchen in derartige Häuser eintreten, und hierfür gibt es auch nur ein sicheres Mittel: die Abschaffung der Häuser.

Man muß sich doch nur einmal in die Seele eines solchen Mädchens hineindenken. Hört sie denn je ein anständiges Wort? Gibt es für sie einen anderen Zweck auf der Welt, als Geld verdienen? Selbst in den Rendez-vous-Häusern in Paris, die sogar von anständigen (??) Frauen besucht werden sollen, gibt es nur einen Gedanken: „Geld verdienen“. Während aber diese Frauen das Sündengeld mitnehmen können, werden die armen Bordellmädchen von jedem, mit dem sie zusammenkommen, ausgebeutet und betrogen. Ein pekuniärer Vorteil, eine Ersparnis für die Zukunft gehört zu den seltensten Ausnahmen. Sie sind lediglich Ausbeutungsobjekte für Mädchenhändler und Bordellbesitzer. Die Gesellschaft macht es ihnen fast unmöglich, zu einem anständigen Leben zurückzukehren. Die Belästigungen durch die Polizei, über welche früher viel geklagt wurde, haben zum großen Teil aufgehört, weil die Polizei sich überzeugt hat, daß dieses Nachforschen mehr Nachteile als Vorteile hat; aber trotzdem ist die Möglichkeit, eine passende Stellung für sie zu finden, fast ausgeschlossen. Durch die Krankheiten, die sie durchmachen, durch die Orgien, zu denen sie gezwungen werden, verlieren sie ihre Schönheit, ihre Gesundheit, ihren moralischen Halt, sie sinken von Stufe zu Stufe, bis sie schließlich im Arbeiterbordell enden. Also auch hier dasselbe Resultat: „Beseitigung dieser Häuser.“

Weshalb diese Forderung, die ja durch unsere Gesetzgebung angeordnet ist, noch immer soviel Gegner findet, ist eigentlich unbegreiflich. Es handelt sich doch um keinen Sprung ins Dunkle. Wir haben mehr Länder, in denen sie verboten, als in denen sie gestattet sind. Die Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Dänemark, Deutschland, England, Holland, Norwegen, Schweden und die Schweiz haben diese Häuser abgeschafft. Sind dadurch die Krankheiten schlimmer geworden, die Sittlichkeitsverbrechen gestiegen, und hat die Zahl der Zuhälter zugenommen? Allerdings kann ich die Gegenfrage: „Sind denn die sittlichen Zustände dadurch besser geworden?“ nicht bejahen. Das liegt daran, daß die statistischen Angaben auf sexuellem Gebiet völlig unzuverlässig sind. Das eine steht fest, daß der Mädchenhandel stets in die Länder geht, in denen sich diese Häuser befinden. Wenn Amerika hierin scheinbar eine Ausnahme macht, so liegt dies an der Bestechlichkeit der Polizei, welche das Vorhandensein der Häuser nicht sehen will. In allen amerikanischen Städten bestehen heimliche Bordelle, welche ebenso zum Mädchenhandel gezwungen sind wie die konzessionierten.

Bei allen Gelegenheiten wird gegen unsere Bestrebungen der Vorwurf erhoben, daß wir an der Oberfläche arbeiteten und die Schwierigkeit der Frage umgingen. Der Hauptgrund des ganzen Mädchenhandels sei die heutige Form der Eheschließung. Durch diese werde die Prostitution und durch diese wieder der Mädchenhandel großgezogen. Glaubt man wirklich, durch die Ehe des Zukunftsstaates gesündere Verhältnisse zu erreichen? Möglich und denkbar ist es, daß der Mädchenhandel abnimmt; aber das Schicksal der Frauen wird viel trauriger werden, als bei der jetzigen Form der Eheschließung. Bei einer allgemeinen Abstimmung würden die Frauen die ersten sein, die sich gegen diese Form der Ehe aussprächen.

Leider ist es bisher noch nicht gelungen, in allen Ländern National-Komiteen zu begründen. Gerade in den Ländern, in denen die schlimmsten Zustände herrschen, sind bisher alle Versuche in dieser Beziehung gescheitert. In der Türkei, Griechenland, Rumänien, Serbien, Bulgarien existiert nichts derartiges. In Warschau ist allerdings ein russisches Zweig-Komitee, seine Tätigkeit ist aber minimal. In Ungarn ist ein Komitee begründet. Dieses scheint aber auch noch mit vielen Schwierigkeiten kämpfen zu müssen, da auch bei ihm die praktischen Erfolge noch nicht sehr hervorgetreten sind. Auf dem letzten Kongreß kamen diese Zustände zur Sprache, und von seiten des Internationalen Komitees in London wurde Abhilfe versprochen. Die Aussicht auf eine baldige Begründung dieser Komiteen ist aber auch noch heute eine geringe.

Deutsches National-Komitee

In Deutschland, und zwar in Berlin, wurde unmittelbar nach dem Besuch des Herrn Coote am 17. Januar 1899 das Deutsche National-Komitee begründet, welches den Kampf gegen den Mädchenhandel mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln geführt hat. Bis zum Jahre 1904 stand der Kammerherr Ihrer Majestät der Kaiserin, Graf Keller, und von da ab der Wirkliche Geheime Rat von Dirksen, Reichstags- und Landtagsabgeordneter, an der Spitze des Komitees. Beide Herren haben es verstanden, sowohl Fühlung mit den staatlichen Behörden zu behalten, als auch die vielen Privatvereine zur Mitarbeit heranzuziehen. Unterstützt wurden sie hierbei dadurch, daß Seine Majestät der Kaiser und Ihre Majestät die Kaiserin wiederholt das wärmste Interesse für die Bewegung und für die Bestrebungen des National-Komitees gezeigt haben, nicht nur durch bedeutende pekuniäre Unterstützungen, sondern durch warme Anteilnahme an den einzelnen Phasen der Entwicklung. Über alle wichtigen Vorschläge hat sich Ihre Majestät Bericht erstatten lassen, und die Aufnahme der Kongreßmitglieder im Schloß zu Homburg (1902) ist eine beispiellose Ehrung des Komitees. Augenblicklich sind 76 große Vereine dem Komitee angeschlossen. Dieses ist intersozial und interreligiös und verfolgt trotz seiner nationalen Zusammensetzung internationale Ziele. Es müßte deshalb vom großen Publikum vielmehr unterstützt werden, als dies bisher der Fall ist. Je größer die Zahl der Mitarbeiter ist, desto größer ist auch die Aussicht auf Erfolg.

Durch die vielen Veröffentlichungen, die gerade in der letzten Zeit erfolgt sind, und die den Beweis liefern, daß es sich um ein aktuelles Thema handelt, wird hoffentlich das Interesse an der Arbeit geweckt werden. Eine Reihe praktischer Arbeiten, z. B. Verbreitung unseres hübschen Plakates in allen Städten Deutschlands an möglichst auffallenden Stellen, war bisher unmöglich, weil uns die finanziellen Mittel hierzu nicht zur Verfügung stehen. Wir hoffen aber, dies in allernächster Zeit nachholen zu können.

Durch die oben angegebene, international gültige Definition und die in Paris angenommenen beiden Protokolle ist die Tätigkeit der Regierungen klar vorgezeichnet. Dadurch ist aber leider die Frage des Mädchenhandels noch lange nicht gelöst. Ohne Mitwirkung des großen Publikums ist an einen erfolgreichen Kampf nicht zu denken. Dieses zur Mitarbeit heranzuziehen, ist eine unserer ersten und schwersten Aufgaben. Dazu gehört aber eine ständige Agitation, damit endlich die Ansicht durchdringt, daß der Mädchenhandel mit unserer Zivilisation und mit der Stellung der einzelnen Individuen im krassen Widerspruch steht. Hierzu ist wiederum eine genaue Kenntnis alles dessen, was mit dem Mädchenhandel zusammenhängt, nötig.

Ausblick

Ich komme zum Schluß. Ich habe in objektiver Weise die Verhältnisse geschildert, die zum Mädchenhandel geführt haben, und die Mittel angegeben, durch welche eine Einschränkung desselben möglich ist. Mir bleibt nur noch übrig, an jeden einzelnen meiner Leser die Bitte zu richten, diesen Kampf nicht als etwas Gleichgültiges anzusehen oder gar zu glauben, daß die Bekämpfung lediglich Sache des Staates sei. Der Staat ist machtlos, wenn nicht die Allgemeinheit hilft. Wir tragen sämtlich Schuld, daß derartige entsetzliche Zustände eingerissen sind. Der Spruch, daß die Männer polygamisch und nur die Frauen monogamisch geschaffen seien, ist ja sehr bequem, aber er ist egoistisch, ungerecht und grundfalsch. Daß Enthaltsamkeit zur Geisteskrankheit führt, ist eine Behauptung, die kein Arzt der ganzen Welt unterschreiben wird. Im Gegenteil ist gerade das berüchtigte „Ausleben“ der Grund, weshalb wir so auffallend viele junge Greise in der Gesellschaft sehen. Daß junge Leute sich an der Arbeit der Bekämpfung des Mädchenhandels beteiligen, ist kaum zu hoffen. Wir sind ja schon zufrieden, wenn sie die Berechtigung unserer Arbeit anerkennen. Daß aber die städtischen Behörden in so vielen Städten von unserer Arbeit nichts wissen wollen, ist mehr als traurig und wirft auf die Sittlichkeitsbestrebungen unserer Zeit ein merkwürdiges Licht. Wir befinden uns in Deutschland mit unserer Moral auf einer schiefen Ebene. Die Erzeugnisse der Pornographie, sowohl auf dem Gebiet der Photographie als auch in der Herausgabe pikanter Lektüre, ist nicht nur bei uns, sondern sogar im Ausland zum großen Teil in deutschen Händen; die Kellnerinnen der ganzen Welt rekrutieren sich aus deutschen Mädchen, die Achtung vor dem Weiblichen Geschlecht ist im Sinken, das Nachtleben in den großen Städten so überschäumend, wie nirgends in der Welt. Gibt es wirklich keine Ideale mehr? Kann der Materialismus uns in der Tat befriedigen? Wird der einzelne nicht stutzig, wenn er sieht, daß sein Leben solche Erscheinungen zeitigt, wie den Mädchenhandel? Wie ist es möglich, daß diese Mädchen, welche das denkbar traurigste Leben führen, Freudenmädchen genannt werden können? Wie ist es erklärlich, daß femmes entretenues hochgestellter Persönlichkeiten durch die Stellung des Mannes gesellschaftsfähig gemacht werden können? Ist dies bloße Gedankenlosigkeit, oder hat nicht in der Tat eine Umwertung aller moralischen Begriffe derartige Folgen gezeitigt?

Wir sind kein eitles Volk, das sich damit brüstet, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren, aber wir waren doch immer ein gesundes Volk, welches stets die Kraft in sich selbst fand, sich aus den schwierigsten Verhältnissen und unglücklichsten Zeiten wieder heraufzuarbeiten. Diese Kraft müssen wir uns erhalten. Dies können wir unter allen Umständen, wenn wir der Unsittlichkeit, welche sich überall breit zu machen versucht, entgegentreten und uns nicht von ihr beherrschen lassen. Ich bin absichtlich nicht auf die Statistik der Geschlechtskrankheiten eingegangen, weil sie völlig unzuverlässig ist. Die französischen Tabellen beweisen, daß durch die öffentlichen Häuser der Gesundheitszustand des Landes sich gebessert hat, während die englischen Listen eine Besserung der Volksgesundheit von der Abschaffung dieser Häuser herleiten.

Die deutschen Listen sind nur von einem Teil der befragten Ärzte aufgestellt. Ein großer Teil der Ärzte hat auf die an sie gerichteten Fragen nicht geantwortet, und die Naturheilkundigen, welche 50% der Kranken behandeln, sind überhaupt nicht befragt. Wie man aus diesen willkürlich zusammengesetzten unzuverlässigen Listen und Zahlen irgendeinen Beweis herleiten kann, ist mir nicht erklärlich.

Der Standpunkt, den die städtischen Behörden in der Frage des Mädchenhandels zum großen Teil einnehmen, ist ein falscher. Daß die Prostitution nicht zu beseitigen ist, weiß jeder, der im öffentlichen Leben steht. Das kann und darf doch aber nicht dahin führen, die Prostituierten zu sanktionieren und aus ihnen womöglich pensionsberechtigte Staatsbeamtinnen zu machen. Das Bordell hat +keinen+ Vorteil, aber tausend Nachteile. Zu diesen Nachteilen gehört in erster Linie, daß durch sie der Mädchenhandel entstanden und großgezogen ist. Diese Ansicht muß in das große Publikum dringen, dann wird die Zahl der Anhänger der öffentlichen Häuser sich verringern, dann wird es möglich werden, strafrechtlich gegen die Inhaber vorzugehen und ihre Häuser zu schließen.

Bei der Begründung der National-Komitees war dieser Kampf nicht vorgesehen, ja, er war sogar direkt verboten. Durch die Vertiefung der Arbeit mußte aber diese Einschränkung fallen und der Kampf aufgenommen werden. Wenn wir hierbei sehen, wie tief bereits die Unsittlichkeit sich eingenistet hat, dann ergibt sich, daß auch auf diesem Gebiet energischer gearbeitet werden muß. Dies ist aber Sache der religiösen und Sittlichkeitsvereine. Ein einzelner Verein ist nicht imstande, alle Übelstände, die auf sittlichem Gebiet vorhanden sind, zu beseitigen, dazu gehört in erster Linie Arbeit an sich selbst und die Erkenntnis, daß man mit schönen Worten eine so traurige Erscheinung, wie den Mädchenhandel, nicht beseitigen kann.

In den letzten Jahren ist in den Zeitungen, Zeitschriften und Büchern so viel über den Mädchenhandel geschrieben, daß es kaum möglich ist, Neues darüber zu sagen. Trotzdem gebe ich mich der Hoffnung hin, daß die vorstehenden Zeilen dem Kampfe gegen den Mädchenhandel wenigstens einige neue Kämpfer hinzuführen und vor allem die Leichtgläubigkeit der jungen Mädchen und besonders ihrer Eltern erschüttern werden.

Alle Wege führen nach Rom. Es werden von anderer Seite andere Mittel zum Kampf gegen den Mädchenhandel angegeben werden. Der sicherste und kürzeste Weg aber ist: Beseitigung aller öffentlichen Häuser. Möge es nicht zu lange dauern, ehe dies Ziel erreicht wird.

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Wir glauben, unsere Ausführungen nicht wirksamer schließen zu können, als durch die Wiedergabe nachstehender Ausführungen in der Sitzung vom 14. Februar 1911 des Preußischen Hauses der Abgeordneten (gekürzt nach dem stenographischen Bericht):