Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 66: Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen
Part 3
»Kapitän,« sprach der Professor mit gedämpfter Stimme, als die Inder durch die klaffende Oeffnung in das Innere des Fahrzeugs hineinstiegen. »Kapitän, ich habe eine seltsame Beobachtung gemacht. Diesmal droht uns Gefahr, und es ist sehr bedauerlich, ja höchst bedenklich, daß die Katastrophe stattfand. Ich kann es nicht verhehlen, daß wir uns in der furchtbarsten Lage befinden.«
Mors sah ihn fragend an.
»Der erste Komet, auf dem wir uns befinden, hat seinen Lauf verlangsamt,« fuhr der Professor fort. »Der Feuerkomet aber kommt rasch heran. Die beiden Kometen haben sich geteilt, scheinen sich aber wieder miteinander verbinden zu wollen. Geschieht dies, während der Zeit, wo wir noch hier liegen und den Schaden verbessern, dann sind wir verloren.«
»Ich dachte es mir,« antwortete der Luftpirat. »Jetzt wollen wir sehen, wer das Spiel gewinnt. Der Schaden wird ausgebessert. Sie, Herr Professor, können Ihre Beobachtungen fortsetzen. Unterdessen werden wir hier unten mit Ablösung fortwährend arbeiten, damit wir diesen Kometen vor dem drohenden Zusammenstoß verlassen können.«
Der Professor warf einen prüfenden Blick auf die klaffende Oeffnung. Offenbar zweifelte er daran, daß dieser fürchterliche Schaden so schnell beseitigt werden könnte und fürchtete das Schlimmste. Er sagte aber kein Wort, sondern begab sich wieder zu den Instrumenten.
Die Inder und Terror brachten allerhand Werkzeuge und Gerätschaften aus dem »Meteor«, Reserveplatten und Panzerrippen, da man von all diesen Dingen für unvorhergesehene Fälle Vorrat mitführte. Mors war der erste, der mit Hand anlegte. Es war ganz zweifellos, daß man sich, um das große Leck zu verstopfen und so schnell als möglich fertig zu werden, größter Eile befleißigen mußte. Die Reparatur war nur ein Notbehelf, aber immerhin konnte er genügen, den »Meteor« zur Erde zurückzuführen.
Man mußte, um an das durch den Sprengstoff geschlagene Leck heranzukommen, die Apparate, welche zur Lufterneuerung dienten, abnehmen. Und hierbei war es Mors, der die Spuren des Verbrechens entdeckte. Er bückte sich plötzlich und hob etwas von der Erde empor. Dieses Ding war freilich durch die Explosion halb zerschmettert, aber man sah noch deutlich die Ueberreste einer großen Metallkapsel, eine Art Zifferblatt und darauf ein paar zerstörte Zeiger.
»Der letzte Zweifel ist geschwunden,« sprach Mors zu seinen Leuten. »Hier seht Ihr es, es war eine Höllenmaschine. Diese Uhr war jedenfalls reguliert, um den Sprengstoff zu einer ganz bestimmten Zeit zur Explosion zu bringen. Ha,« rief er plötzlich. »Jetzt weiß ich es. Jetzt kenne ich den Täter!«
Terror und die Inder sahen den Luftpiraten fragend an.
»Ja, ich kenne ihn,« sprach Mors finster. »Jetzt entsinne ich mich, daß einer der neuangeworbenen Inder kurz vor der Abreise fragte, wie lange es dauern würde, bis wir den Kometen erreichen. Ich gab dem Mann auch ahnungslos Antwort, denn ich hielt diese Frage für bloße Neugierde. Jetzt weiß ich es besser. Der Mann wollte wissen, wann die Höllenmaschine tätig sein sollte. Er hat das Uhrwerk auf den fünfzehnten Tag gestellt. Da seht, dieser zerstörte Zeiger deutet noch auf die Zahl fünfzehn. Dieser neuangeworbene Inder ist ein Verräter und ein Verbrecher! Der ist von meinen Feinden gewonnen worden!«
Die anderen Inder stießen drohende Rufe aus und gelobten fürchterliche Vergeltung.
Von neuem wurde gearbeitet. Mors war der erste an der Spitze. Er legte selbst die schweren Panzerplatten auf das Leck, während die Inder die Bolzen durch die Verbindungsstücke hindurchtrieben und Terror alle Lücken auf das sorgfältigste verlötete. Ueber den Arbeitenden aber stand drohend der Feuerkomet, der sich mit unbegreiflicher Geschwindigkeit dem dunklen Kometen zu nähern schien.
Unablässig nahm er an Größe zu, die Luft schien zu glühen, die dunkle Röte, welche das Firmament erfüllte, gab die Beleuchtung zu der Arbeit, die mit ungeschwächten Kräften zu der Wiederherstellung des schwerverletzten »Meteor« fortgesetzt wurde.
5. Kapitel. Der Zusammenstoß.
Wieder waren sechsunddreißig Stunden verflossen.
Wer den Schaden, den die Höllenmaschine hervorgerufen, betrachtete, hätte gedacht, daß die Besatzung des Weltenfahrzeugs die Hände in den Schoß gelegt haben müsse. Noch immer klaffte das furchtbare Leck, aber das war nur Schein. Mors hatte bereits alle Panzerplatten, die zur Schließung der Oeffnung dienten, zugerichtet. Die Rippen waren schon befestigt, und so brauchten die Inder die Panzerplatten nur aufzulegen. Dann wurde der »Meteor« in den Stand gesetzt, wieder in das Weltall emporzusteigen und dem drohenden Zusammenstoß der beiden Kometen zu entrinnen. Von dem Observatorium kam zuweilen eine Botschaft des Professors. Dieser beobachtete den nahenden Kometen, und die Botschaften mahnten zur höchsten Eile. Sie wurden Mors insgeheim überbracht, damit sich die Inder nicht etwa durch die drohende Gefahr entmutigen ließen. Die Leute ahnten aber wohl, was ihnen bevorstand, auch sahen sie mit ihren eigenen Augen den feurigen Riesen herannahen. Sie gönnten sich kaum die nötigste Ruhe, sie verzehrten ihre Mahlzeit, während sie arbeiteten, sie taten das äußerste, was sie nur vermochten.
Die Luft sah geradezu unheimlich aus. Es schien, als ob man sich in einem Glutmeer befände. Immer dunkler wurde dieser rote Schein, so daß man zuletzt das Gefühl hatte, in einem feurigen Ofen zu stehen.
Mors sprach seinen Leuten unablässig Mut zu, aber er sah, daß die Männer oftmals nach dem Feuerkometen emporblickten. Dort schien eine unheimliche Kraft tätig zu sein, es sah manchmal so aus, als ob sich der Komet drehte und wendete, oftmals glich er einem feurigen Drachen.
Als die Inder gerade beschäftigt waren, die Panzerplatten auf dem Leck zu befestigen, hörte man hoch droben ein furchtbares Brausen und Zischen. Der Metallkörper des Weltenfahrzeuges verdeckte die Aussicht auf den Kometen, Mors sprang rasch zu einem naheliegenden Felsen. Der Anblick, der sich ihm bot, war geradezu unheimlich. Der große Feuerkomet schien sich gedreht zu haben, er glich einer riesigen Flamme, die sich langsam auf den weiten dunklen Kometen herabsenkte.
Einige Inder, die gerade ihre Ruhepause hatten, kamen entsetzt auf die obere Brüstung gestürmt, auch der treue Terror zeigte sich auf der Galerie und betrachtete mit einem Fernglase den ungeheuren Kometen. Zwei der arbeitenden Inder stürzten zu Mors, der wie eine Bildsäule auf dem Felsen stand.
»Der Zusammenstoß erfolgt,« schrieen sie entsetzt, »der Komet wird unser Fahrzeug in Atome zermalmen!«
»An die Arbeit,« tönte die Stimme des Luftpiraten. »Ich komme gleich hinunter.«
Und wieder gehorchten die Inder dem Manne, der solchen Einfluß ausübte. Sie kehrten an ihre Arbeit zurück. Man hörte das Hämmern und Klopfen.
Mors sah übrigens, daß die Inder recht hatten, so daß sich sein »Meteor« in einer geradezu verzweifelten Lage befand. Bei dem Zusammenstoß der beiden Kometen würde er sicherlich vernichtet werden.
Der Maskierte eilte zum Leck und griff mit Riesenkräften nach einer Panzerplatte.
Sie war schon genau hergerichtet und schloß die größte Lücke. Die Bolzen wurden befestigt, das glühende Lötblei gegossen.
»Keiner darf mehr nach oben sehen,« befahl Mors. »Kümmert Euch nicht darum, was dort geschieht. Denkt nur an unsere Rettung. Wir müssen von diesem Weltenkörper hinweg, koste es, was es wolle.«
Die Inder gehorchten.
Da konnte man erst sehen, was es für Leute waren, Männer, denen der Gehorsam gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen war.
Tausend andere hätten jetzt in der Arbeit innegehalten und wären zitternd und bebend in das Innere des »Meteor« geflüchtet, um dort rat- und tatlos das Ende zu erwarten.
Schrecklich war der Lärm, der sich jetzt erhob. Es heulte, brüllte und zischte in den Lüften, als ob Tausende von Dämonen herabkämen.
Das Nahen der feurigen Gasmasse machte sich bemerkbar. Mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit sauste dieselbe auf den zweiten Kometen zu. Der Anprall mußte entsetzlich werden.
Mors hatte schon vorher eine Botschaft an den Professor geschickt.
Dieser gab seine Leute, die ihm bis dahin geholfen hatten, dem Luftpiraten, während er selbst die schweren, astronomischen Instrumente nach dem »Meteor« schleppte.
Die Inder sahen das, meinten aber, es wäre vergebliche Arbeit, sie glaubten nicht, daß nur ein einziger von ihnen mit dem Leben davonkommen könnte.
Dennoch arbeiteten sie mit Feuereifer, mit wildem Ungestüm, sie verloren keinen Augenblick Zeit, sondern dachten nur an ihre Arbeit.
Mitten durch den gräßlichen Tumult, der in den Lüften tobte, hörte man die Stimme des Luftpiraten, befehlend, ermahnend, während er selbst überall Hand mit anlegte.
Unablässig wurden die Panzerplatten über das klaffende Leck geschoben, wobei es sich zeigte, daß die Vorarbeiten nicht umsonst getroffen worden waren.
Die Panzerplatten griffen ineinander und hielten fest, Bolzen wurden zur Befestigung eingeschlagen und dann breite metallene Bänder aufgelötet.
Jetzt dachte niemand mehr an Essen und Trinken, die Inder verlangten nicht einmal einen Schluck Wasser.
Sie bissen die Zähne zusammen und ertrugen alles, sie hielten aus, obwohl die Luft allmählich heiß, ja glühend zu werden schien.
Man arbeitete wie in der Hölle, die Leute benutzten die kurzen Pausen während ihrer Tätigkeit dazu, um sich die Gewänder abzureißen. Sie arbeiteten fast nackt. Auch der Professor half, soviel er nur vermochte.
Eben trat van Halen wieder an die Seite des Luftpiraten.
»Es eilt, Kapitän, es eilt,« sprach er kurz, aber dringlich. »Der Komet kommt herab, die beiden Teile des Weltenkörpers suchen sich wieder zu vereinen. Die gasförmige glühende Hülle wird von neuem den Kern umschließen. Und bei dieser Gelegenheit müssen wir zu Atomen zermalmt werden.«
»Das mag sein,« erwiderte Mors. »Sie, Professor, fürchten ja den Tod so wenig wie ich. Vorläufig denke ich noch nicht daran, mich in das Unvermeidliche zu ergeben. Ich kämpfe bis zum letzten Augenblick und mit mir die Inder. Vorwärts, Leute, vorwärts, Terror! Es handelt sich um Leben und Sterben!«
Mors brauchte die Weisung nicht zu wiederholen. Die Leute arbeiteten mit größter Eile, schweißtriefend griffen sie zu, unterstützten sich und dichteten das gewaltige Leck, ohne auf die Umgebung zu achten.
Von oben senkte sich das furchtbare Ungetüm herab.
Der Komet glich einem feurigen Riesenmantel, der alles, was er erfaßte, mit Vernichtung bedrohte. Schrecklich, grauenvoll sah es aus, wie das Ungetüm näher und näher kam. Kein Zweifel, nun mußte die Katastrophe erfolgen.
»Haltet aus, Leute,« schallte die Stimme des Kapitäns durch den Höllenlärm der Naturgewalten. »Ich will zur Erde zurück, ich will einem Schurken die Larve vom Gesicht reißen. Zeigt, was Ihr könnt. Ihr seid meine Leute, die weder Tod noch Teufel fürchten. Rasch, rasch, es gilt die letzte Lücke zu schließen.«
Das Metall dröhnte unter den Schlägen der Hämmer. Das glühende Blei zischte auf den Fugen und verschloß jede Ritze. Mors war allenthalben der erste, ihm entging nichts, er sah die kleinste Oeffnung, und sofort wurde diese verschlossen, mit Blei überschmolzen.
Das Getöse in den Lüften war jetzt geradezu fürchterlich, aber die Stimme des Luftpiraten war selbst durch diesen grausigen Tumult vernehmbar.
»In den »Meteor«, Leute,« klang es, »rasch hinein. Das Leck im Metallrumpf ist verstopft. Hinein! Terror und ich, wir werden den Luftzufuhrapparat in Ordnung bringen.«
Die Inder gehorchten. Es war auch die höchste Zeit. Die Hitze war bereits erstickend geworden. Alles in der Runde schien zu glühen.
Mühsam erhielten sich die Braven auf den Füßen und schleppten den Professor mit sich, der zusammenzubrechen drohte.
Mors und Terror blieben noch zurück und schoben mit ganzer Kraft den Luftregelungsapparat in die dazu bestimmten Höhlungen und Rinnen.
Noch einmal tönten Hammerschläge, während Terror die Schrauben zuzog. Der brave Ingenieur war dem Ersticken nahe.
Jetzt war die letzte Arbeit getan. Mors faßte seinen treuen Gefährten und zog ihn mit Riesenkraft nach dem Weltenfahrzeug. In wenigen Augenblicken hatte sich die Doppeltür hinter den zwei Männern geschlossen.
Hier drinnen war es gewiß nicht kühl, aber den Männern kam es vor, als ob sie plötzlich in einen Eiskeller geraten wären.
Diese Luft belebte sie wie durch einen Zauber. Die Erschöpften, Halberstickten fühlten neue Kraft. Mors und Terror eilten nach dem Lenkraum.
Es war die höchste Zeit, kaum eine halbe Stunde später, und der »Meteor« wäre vernichtet worden.
Auch jetzt entging das Weltenfahrzeug nur mit knapper Not dem Verderben, indem es gerade noch im letzten Moment durch den Zwischenraum, der sich noch zwischen den beiden Kometen befand, hindurchsauste.
Grauenvoll war der Anblick, alles schien in Feuer getaucht zu sein. Die furchtbare Schnelligkeit des Weltenfahrzeuges aber rettete den Koloß, der jetzt in den luftleeren Raum hinauseilte.
»Gerettet!« sprach Mors, als die furchtbare Glut allmählich nachließ. »Im letzten Augenblick gerettet!«
»Und auch noch etwas anderes ist gerettet,« sprach der Professor, der jetzt eben in den Lenkraum trat. »Der Zusammenstoß oder richtiger gesagt die Wiedervereinigung der beiden Kometen hat es bewirkt. Zurück zur Erde, dort sollen die Menschen eine wichtige Botschaft hören.«
6. Kapitel. Vergeltung.
Ein und ein halber Monat waren seit jenem Tage verflossen, wo der Herrscher mit dem Luftpiraten in stiller Mitternachtsstunde zusammentraf.
Nach den Berechnungen der Gelehrten sollten nur noch fünfzehn Tage vergehen, bis der gefürchtete Zusammenstoß zwischen der Erde und dem Doppelkometen erfolgte.
Auf der Erde hatte man die Wiedervereinigung und den Zusammenstoß des Kometenpaares nicht beobachtet.
Merkwürdigerweise umhüllten gewaltige Wolkenmassen den ganzen Erdball und zwar waren diese Wolkenmassen in allen Zonen aufgetreten.
Nur hier und da entstand eine flüchtige Lücke, die man zur Beobachtung benutzen konnte.
Da kamen denn Botschaften und Depeschen, Nachrichten über das Nahen des Kometen.
Die Zeit zu Beobachtungen war nur kurz, so daß man nichts Sicheres ermitteln konnte.
Dennoch hatte ein berühmter Professor aus der Neuen Welt ein Telegramm geschickt, welches allenthalben verbreitet wurde.
Der berühmte Gelehrte depeschierte, daß mit dem Kometen irgend eine Veränderung vorgegangen sein müßte, im übrigen aber stünde er der Erde recht nahe.
Vielleicht war das eine kleine Hoffnung auf eine Wendung des drohenden Schicksals. Indessen glaubten doch die meisten an den Untergang der Erde.
Der Empörung aber war man jetzt mit dem Aufgebot aller Energie einigermaßen Herr geworden.
Der Janhagel, das Gesindel, welches durch die Aussicht auf Beute aus seinen Verstecken hervorgelockt wurde, erhielt einen furchtbaren Denkzettel, die wankenden Soldaten kehrten zu ihrer Pflicht zurück und schützten so gut als möglich die bürgerlichen Kreise.
Freilich mußte man ganze Horden von Verbrechern und raubsüchtigen Unholden niederschießen, aber das war kein Verlust für die Menschheit.
Dennoch flatterte die Fahne des Aufruhrs immer wieder empor, bald hier, bald dort, hauptsächlich auf dem Lande.
Da kamen Nachrichten von verwüsteten Schlössern, von verbrannten Gehöften, überall trieben sich arbeitsscheue Elemente umher, welche den allgemeinen Schrecken zur Befriedigung teuflischer Lust zu benutzen suchten.
In der Residenz herrschte scheinbar Ruhe.
Man konnte in der Tat diese Ruhe nur eine scheinbare nennen, vielleicht weil die Wolkenmassen den Anblick des nahenden Vernichters verdeckten.
Mit geheimem Schrecken dachten die Machthaber an den Augenblick, wo sich die Wolkenmassen zerstreuten und das nahende Ungetüm sichtbar werden würde.
Vielleicht kam es dann von neuem zum Aufruhr, zur entfesselten Wut der Volksmassen, die sich kurz vor ihrem Tode noch einmal aller Lebenslust überlassen wollten.
Aber im großen Residenzschlosse war es noch etwas anderes, was die Gemüter beunruhigte.
Die junge Prinzessin, welche einst der dämonische Baron begehrt, dieser Gelehrte, der seine Wissenschaft so übel benutzte, sie war es, welche von Zeit zu Zeit beunruhigende Beobachtungen machte.
Es schien, als ob eine unsichtbare, geheimnisvolle Gewalt es auf sie abgesehen, und auch die Dienerschaft im Schlosse hatte Sonderbares bemerkt. Ein paar Lakaien wollten sogar eine schattenhafte Gestalt in dem ältesten Teile des Schlosses gesehen haben.
Natürlich wurde nachgesucht, aber nichts gefunden. Man hielt es für eine Täuschung, manche meinten auch, es sei Gespensterspuk gewesen.
Von dem verschollenen Baron hatte man noch immer keine Nachricht, aber der Herrscher ahnte, daß dieser Mann nicht weit entfernt sei. Er kannte seine Rachsucht, seine Eitelkeit, er mußte von diesem Manne das Schlimmste erwarten.
Möglicherweise hetzte er die Volksmassen noch immer auf, zumal ihm große Mittel zur Verfügung standen. Oefter hörte man des Nachts Tumulte und dann mußten die Soldaten Zusammenrottungen auseinander sprengen.
»Ich wünschte, es wäre erst alles zu Ende,« sprach der Herrscher zu dem Prinzen, der ihm seinerzeit den Luftpiraten zugeführt. »Wenn der Untergang der Welt unvermeidlich ist, so wünschte ich, er wäre schon da, damit meine Augen nicht vorher alle Greuel entfesselter Leidenschaften sehen müßten.«
Aber der Prinz hatte auf alle diese Reden nur immer die eine Antwort:
»Er wird kommen,« sprach er. »Ich weiß es. Kapitän Mors hat gesagt, daß er Botschaft bringen will. Und er hält sein Wort. Ich kenne diesen Mann besser als viele andere. Er kommt, es kann jeden Tag von ihm Botschaft eintreffen.«
»Vielleicht hat er längst den Untergang gefunden,« meinte der Herrscher, auf den die Erscheinung des Luftpiraten gewaltigen Eindruck gemacht hatte. »Vielleicht hat er sich, den Untergang der Erde voraussehend, auf einen anderen Planeten hinübergerettet.«
Der Prinz schüttelte den Kopf und schwieg. Er gab die Hoffnung nicht auf. Er ahnte, daß er Kapitän Mors wiedersehen würde. Die Antwort konnte nicht direkt kommen, sondern sie wurde höchstwahrscheinlich durch Professor van Halen an jenen Gelehrten geschickt, mit dem er von Zeit zu Zeit Nachrichten wechselte.
Dieser Gelehrte weilte in der großen Sternwarte der Residenz, einem ausgedehnten, mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Gebäude.
Dort befand sich auch eine Station für Funkentelegraphie, die aber in der letzten Zeit gar nicht benutzt worden war.
Ein recht unruhiger Tag war vorübergegangen. Gegen Abend trafen neue Nachrichten ein, die einen furchtbaren Aufstand ziemlich gewiß machten. Es war kein Zweifel, unruhige Elemente wurden aufgehetzt, die Unzufriedenheit geschürt. Das kaum unterdrückte Feuer drohte wieder emporzuflammen.
Sorgenvoll hatte der Herrscher die Berichte angehört.
»Es ist nichts mehr zu retten,« sprach er. »Es kommt zur grauenvollsten Katastrophe.«
Da meldete der diensthabende Kammerherr einen neuen Besucher und mit Erstaunen, aber auch Erregung hörte der Herrscher den Namen des gelehrten Mannes, der mit Professor van Halen in Verbindung stehen sollte.
»Ich habe eine Botschaft von meinem Freunde,« begann der Gelehrte, als er die fragenden Blicke des Herrschers gewahrte. »Ich habe sie mit der Funkentelegraphie empfangen. Die Nachricht lautet aber recht sonderbar. Ich kann eigentlich gar nicht daraus klug werden. Jedenfalls erhielt ich die Weisung, sie augenblicklich nach dem Residenzschloß zu bringen.«
»Und wie lautet die Botschaft?« rief der mächtige Mann in gespanntester Erwartung.
Der Gelehrte zog ein Stück Papier hervor.
»Sie lautet folgendermaßen,« begann er. »Melden Sie auf der Stelle im Residenzschlosse, daß sich in dieser Nacht in der Mitternachtsstunde einige treue, zuverlässige und bewaffnete Männer in der Nähe des Pavillons aufhalten sollen. Es gilt jemand festzuhalten, der auf rätselhafte Weise den Schloßpark betreten kann. Es handelt sich auch um die Sicherheit einer hochstehenden Person, der Gefahr zu drohen scheint.«
»Das ist alles,« setzte der Gelehrte hinzu.
Da trat der Prinz hinzu.
»Ich weiß zwar auch nicht, was es bedeutet,« hob er an. »Aber ich bin überzeugt, daß der rätselhafte Maskierte zurückgekehrt ist und daß diese Nachricht etwas Wichtiges bedeutet. Ich werde gleich die nötigen Vorkehrungen treffen.«
»Ja, tue es,« sprach der Herrscher zum Prinzen. »Ich werde auch um Mitternacht im Parke sein. Ich muß wissen, was da vorgeht. Ich will alles erfahren.«
Der Prinz säumte keinen Augenblick, das geheimnisvolle Gebot, welches offenbar vom Luftpiraten ausging, zu erfüllen.
Es gab noch zuverlässige Leute genug, auf die man sich unbedingt verlassen konnte, vor allen Dingen auf die Schloßwache, eine aus altgedienten Soldaten bestehende Leibgarde.
Es waren erprobte Männer, tapfer, entschlossen, jeden Augenblick bereit, ihren letzten Blutstropfen für das Herrscherhaus und dessen Angehörige herzugeben.
Der Prinz beorderte diese Leibwache bei eintretender Nacht in den Schloßpark und wies den Bewaffneten selbst die Verstecke, in denen sie die Entwicklung der Dinge abwarten sollten.
In kürzester Frist hatte sich jeder der Männer ein Versteck ausgesucht, und nun schien der Schloßpark so einsam und verlassen zu sein wie sonst in der Nacht. Nirgends sah man einen Menschen.
Auch der Prinz und der Herrscher hüllten sich in ihre Mäntel und suchten sich einen Platz aus, wo sie vielleicht fünfzig Schritte vom Pavillon stehend, die Umgebung beobachten konnten.
Zu sehen war freilich nicht viel. Die Umgebung des Pavillons war kaum in ihren Umrissen zu unterscheiden. Die dichten Wolkenmassen, welche den Himmel schon seit Wochen verhüllten, brachten große Dunkelheit zu Wege.
Allerdings war ein Teil der Bewaffneten mit elektrischen Laternen versehen, aber diese sollten erst in Funktion gesetzt werden, wenn es nötig wurde.
Noch war alles still, aber mit einem Male faßte der Prinz den Arm des Herrschers. Man vernahm verworrene Geräusche unter der Erde. Man hörte Schreie, dann etwas wie einen dumpfen Knall, der sich mehrmals wiederholte. Jetzt wurde das Geräusch deutlicher, und mit einem Male klang es vom Pavillon her. Dort wurde es lebendig. Man hörte ein Knicken und Knacken in den Gebüschen und es schien dem Herrscher, als ob dunkle Gestalten zum Vorschein kämen. Unmittelbar darauf wurde es hell.
Die Lichtstrahlen glichen der grellen Beleuchtung eines Scheinwerfers und irrten nach allen Richtungen in die Runde. Dieser Lichtschein beleuchtete bewaffnete Männer, die in großer Hast durch die Büsche rannten.
»Haltet sie fest,« schallte plötzlich eine mächtige Stimme, die dem Herrscher sofort bekannt schien. »Laßt keinen entrinnen. Sie haben Böses im Sinne. Haltet sie fest und wenn sie Widerstand leisten, so macht sie nieder.«
In diesem Augenblick wurde es überall hell. Die Leibgarden des Herrschers setzten ihre elektrischen Leuchten in Funktion und stürzten den bewaffneten Männern entgegen. Bei der Leibwache befand sich aber auch der Polizeichef, den der Prinz im Schlosse zurückbehalten.
»Das sind ja langgesuchte Verbrecher,« rief er den Soldaten zu. »Gefährliche Schurken, die plötzlich spurlos verschwanden und schon seit längerer Zeit gesucht werden.«
Die Leibgarden stürzten sich auf die bewaffneten Verbrecher, die sich jetzt, als sie sich umringt sahen, verzweifelt zur Wehr setzten. Sie hatten offenbar nichts zu verlieren und kannten das Los, das ihrer wartete. Es war umsonst, denn die Soldaten machten kurzen Prozeß und wendeten ihre Waffen ohne Rücksicht an. Man hörte die Hiebe der blanken Waffen, das Knattern von Schüssen. Das Gefecht setzte sich durch die Gänge des Schloßparkes fort, aber von den Männern, die da so plötzlich aus den Gebüschen hervorstürzten, entkam keiner, sie wurden alle erreicht und nach wütendem Widerstand zusammengehauen oder zusammengeschossen.
Der Prinz und der Polizeichef stellten sich schützend vor den Herrscher, damit ihn nicht etwa eine verirrte Kugel erreichte, während der mächtige Mann, der großen, persönlichen Mut besaß, durchaus an dem Abenteuer teilnehmen wollte.