Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 66: Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen
Part 2
Somit konnte er dem lenkbaren Luftschiff eine erhöhte Geschwindigkeit verleihen und die Maschinen wurden diesmal bis zum äußersten in Anspruch genommen.
Für längere Zeit wäre diese Schnelligkeit verderblich gewesen, aber für einige Tage machte es dem Luftschiff nichts aus, obwohl das mächtige Fahrzeug allenthalben zitterte und bebte.
Mors mußte jede Stunde benutzen, und so schoß denn der Lenkbare mit einer Schnelligkeit dahin, als ob er mit einem Adler wetteifern wollte.
Endlich erreichte er seine Insel, wo seine unerwartete schnelle Rückkehr freilich wenig Befremden erregte.
Die Zurückgebliebenen wußten, weshalb Kapitän Mors die Reise angetreten, sie hatten unterdessen alles zur Auffahrt des Weltenfahrzeuges vorbereitet.
Mors verlor keine Zeit.
Professor van Halen sollte ihn begleiten, ferner der Ingenieur Terror und eine ausgesuchte indische Mannschaft.
Terror und Star, die beiden Ingenieure des Luftpiraten, waren diesmal auf der Insel zurückgeblieben und erstatteten Bericht.
Sie gaben Kapitän Mors die Versicherung, daß sie das Weltenfahrzeug auf das genaueste untersucht hätten und daß der Koloß sofort die gefahrvolle Reise antreten könnte.
»Und sonst ist nichts Besonderes vorgefallen?« fragte Mors. »Sonst hat sich nichts ereignet?«
»Nichts, gar nichts,« erwiderten die Ingenieure. »Wir haben übrigens, wie Ihr befohlen habt, Kapitän, die Leute auf der Insel aufs sorgfältigste beobachtet. Wir vergaßen es nicht, daß Ihr sagtet, wir müßten die neu angeworbenen Inder, die unsere Verluste ersetzen sollen, erst kennen lernen. Es sind verschlossene Menschen dabei, die aber künftig recht brauchbar werden können. Sie sind fleißig, geschickt und willig und haben tüchtig bei der Arbeit am Weltenfahrzeug geholfen. Wollt Ihr einige von der neuen Mannschaft mitnehmen?«
Mors schüttelte den Kopf.
»Nur die alte Mannschaft,« entgegnete er. »Ich will nicht, daß unser Unternehmen durch irgend eine Störung gehemmt wird. Ich habe manchmal mit neuer Mannschaft böse Erfahrungen gemacht, daher verlasse ich mich auf meine alten Getreuen. Macht alles bereit, in zwölf Stunden beginnt der Aufstieg.«
Die Inder drängten sich um Kapitän Mors, denn es wurde als Ehre betrachtet, den Luftpiraten bei den geheimnisvollen Fahrten in den Weltenraum begleiten zu dürfen.
Mors empfing sie alle, die alten Getreuen und auch die Neuangeworbenen.
Diese sollten die Verluste, welche der Tod in die Reihen der alten Mannschaft gerissen, ersetzen.
Es waren alles stattliche, sehnige Männer aus den indischen Gebirgsgegenden und vor allen Dingen durch die ältere Mannschaft des Luftpiraten empfohlen.
Allerdings konnte man niemand ins Herz sehen, denn die Inder waren verschlossene Menschen. Mors wollte deshalb auch die neu angeworbene Mannschaft erst prüfen lassen.
Wie ein Fürst saß er im Kreise der Männer, die sich mit gekreuzten Beinen nach morgenländischer Art um ihn niedergelassen hatten und aufmerksam den Worten des Geheimnisvollen lauschten.
Sie erkundigten sich nach dem seltsamen Feuerstern, aber Mors hütete sich, davon zu sprechen, daß der Komet mit der Erde zusammentreffen würde.
Dennoch schien es, als ob die Inder so etwas befürchteten, aber nicht davon sprechen wollten.
»Und wie lange wird die Fahrt nach dem Feuerstern dauern, Herr?« fragte einer der Neuangeworbenen, ein großer, etwas finster dreinblickender indischer Gebirgsbewohner.
»Am vierzehnten Tage der Fahrt werde ich dort eintreffen,« erwiderte der Luftpirat.
»Wie ist das möglich, Herr?« erwiderte der Mann. »Wie kann man das so genau berechnen?«
»Dazu haben wir unsere Instrumente und unsere Geschwindigkeitsmesser,« erwiderte Mors, indem er auf Professor van Halen deutete. »Seht den Mann dort, der irrt sich niemals.«
Der hochgewachsene Inder schwieg und sprach auch während der weiteren Beratung kein Wort mehr.
Als er aber aufstand und mit seinen Begleitern das Haus des Kapitäns verließ, da schien es, als loderte unter den langen Wimpern des Inders ein rätselhaftes Feuer, als ob diese dunklen Augen ganz eigenartig, seltsam und unheimlich dreinblickten.
3. Kapitel. Die Fahrt nach dem Kometen.
Als Kapitän Mors auf seiner Insel ankam, war es fünf Uhr nachmittags und um sechs Uhr am nächsten Morgen sollte der Aufstieg des Weltenfahrzeugs erfolgen.
Der Inder, der die Frage gestellt, begab sich nach den kleinen indischen Hütten, die in einem Palmenwäldchen erbaut waren.
Jeder der Männer besaß sein eigenes Häuschen.
Kaum war der hochgewachsene Mann dort angelangt, da begann er auch schon eine seltsame Tätigkeit zu entfalten.
Er ging in das kleine Schlafgemach und versperrte zunächst die Tür. Dann holte er aus seiner einfachen Lagerstätte ein Kästchen, welches er mit größter Sorgfalt öffnete.
In diesem metallenen Kästchen lag ein Instrument, welches einer ungewöhnlich großen Taschenuhr ähnelte.
»Das hat mir der fremde Sahib gegeben,« murmelte der Inder. »Er hat mir alles gesagt, alles gezeigt. Und er hat mir die größte Belohnung versprochen. Mächtig und reich soll ich sein, eine schöne, üppige Fürstentochter als Gattin heimführen können. Ich habe dem fremden Sahib Treue geschworen und sogar meine Freiheit hingegeben. Hier auf diesem Eiland bin ich ja gewissermaßen Gefangener. Aber ich weiß, daß mich dieser mächtige Fremde, wenn ich alle seine Befehle erfülle, später holen wird und mich zum glücklichen, reichen Manne macht. Das hat er mir bei der mächtigen Göttin Kali geschworen.«
Nachdem der Mann das Kästchen auf den Tisch gestellt, begann er eine neue Arbeit.
Vorsichtig hob er einige Bambusrohre empor, welche Boden und Wände der Hütte bildeten.
Dann zog er wieder ein Päckchen hervor, welches aber etwas größer als das erste war und ebenfalls aufs sorgfältigste verhüllt zu sein schien.
Es mußte sich etwas Seltsames darin befinden, denn der Inder zeigte die größte Vorsicht. Er ging damit um, als ob es sich um das zerbrechlichste Ding von der ganzen Welt handelte.
Nun wartete er, bis es dunkel geworden war, und bis die getreuen Anhänger des Kapitän Mors die Runde machten.
Diese Männer sahen ja jeden Abend nach, ob sich die Inder in ihren Hütten befanden, und als sie das Häuschen des Neuangeworbenen betraten, lag dieser auf seiner einfachen Lagerstätte.
Er schien fest zu schlafen, aber es war nur Schein. Er wachte und stellte sich nur schlummernd.
Um Mitternacht aber verließ er die Hütte.
Vorsichtig lauschte er erst und überzeugte sich, daß alles ruhig war. Hierauf schlich er geschmeidig wie eine Katze durch die Gebüsche.
Die beiden Pakete hatte der Inder mitgenommen und trug sie in ein Stück Zeug gewickelt auf dem Rücken.
Immer schneller glitt der Mann dahin, bis er den Ort erreichte, wo das Weltenfahrzeug in seiner Halle stand, der stolze »Meteor«, der in den ersten Morgenstunden die Fahrt in den Weltenraum unternehmen sollte.
Wächter waren aufgestellt, aber der Inder verstand es, die beiden Wachen zu täuschen. Er kletterte wie eine Katze durch die Dunkelheit begünstigt an der Halle empor und schlüpfte durch ein Luftloch in das Innere der Halle.
Da hing der Metallriese in seinem Gerüst, aus dem er jeden Augenblick, wenn das Dach geöffnet wurde, emporsteigen konnte.
Der Inder aber glitt in die Halle hinab und kauerte sich am Vorderteil des Weltenfahrzeuges nieder. (Man vergleiche hier den Plan des Weltenfahrzeuges auf der Rückseite dieses Bandes.)
Der unheimliche Mensch beschäftigte sich an der Vorrichtung, welche das Genie des Kapitän Mors erfunden, nämlich an der vorderen Einrichtung für die Luftzufuhr am Unterteil des Weltenfahrzeuges.
Dort befand sich zwischen den Metallteilen und den Behältern für flüssige Luft eine Oeffnung, eine Lücke, die gerade groß genug für das zweite Päckchen war, welches der Inder auf dem Rücken trug.
Mit äußerster Vorsicht schob er es hinein, er hielt sogar den Atem an, es schien, als würde bei einer Unvorsichtigkeit eine Katastrophe erfolgen.
Als das geschehen war, öffnete der Inder das zweite Päckchen. Da hörte man deutlich, wie er die große Uhr aufzog, die alsbald leise, kaum vernehmbar zu ticken begann.
»Vierzehn Tage hat er gesagt,« sprach der Mann für sich. »Gut, ich werde den Zeiger auf den fünfzehnten Tag stellen. Dann wird er noch dort sein. Dann geschieht das, was der fremde Sahib von mir begehrte. Niemand wird es merken, niemand wird Verdacht schöpfen. Jetzt noch die Drähte.«
Der Inder setzte seine Manipulationen fort.
Wäre es hell gewesen, so hätte man gesehen, wie dieser unheimliche Mensch einige dünne Kupferdrähte hervorzog und diese auf sinnreiche Weise mit der leise tickenden Uhr und dem geheimnisvollen Paket verband.
Auch hierbei ging er mit äußerster Vorsicht zu Werke und prüfte dann nochmals aufs sorgfältigste den sonderbaren Apparat, welchen er in die Lücke zwischen den Metallteilen hineingeschoben.
»Es ist geglückt,« murmelte der Mann befriedigt. »Der fremde Sahib wird zufrieden sein. Niemand hat Argwohn geschöpft, und ich werde von dem fremden Herrn, der bei Kali geschworen, meine Belohnung empfangen.«
Ein paar Minuten später kletterte der Mann wieder aus der Halle heraus.
Die indischen Wächter besaßen scharfe Ohren, aber sie merkten nichts Verdächtiges. Lautlos, wie er gekommen, schlüpfte der neuangeworbene Inder von dannen.
* * * * *
Kurz vor sechs Uhr war alles zur Abfahrt bereit. Mors kam mit Terror, van Halen und seiner getreuen alten Mannschaft, um das Fahrzeug zu besteigen.
Der Luftpirat warf noch einen prüfenden Blick auf den »Meteor« und seine Feueraugen musterten das gewaltige Fahrzeug.
Auch die neuangeworbenen Inder waren mitgekommen, und der Unheimliche, der in der Nacht die seltsame Arbeit verrichtet, schien leise zu zittern.
Wenn nun die scharfen Augen des Luftpiraten etwas Verdächtiges bemerkten?
Der Mann atmete tief auf, als Mors sich von dem Fahrzeug abwendete. Er hatte nichts entdeckt, er gab das Zeichen, daß die Abfahrt erfolgen sollte.
Mors hatte mit den zurückbleibenden Getreuen gesprochen und den beiden Ingenieuren Star und Herbert genaue Weisung gegeben. Die beiden waren es auch, welche in alles eingeweiht wurden.
Jetzt schwang sich Mors als letzter durch die eiserne Tür, die alsbald luftdicht verschlossen wurde.
Dann wurde das Zeichen gegeben, das bewegliche Dach der Halle drehte sich, und majestätisch erhob sich der »Meteor« in die Lüfte.
Der Riesenmagnet drehte sich langsam der Erde zu, immer schneller wurde die Bewegung des Giganten. Im Nu verschwand er in den Wolken, das Weltenfahrzeug befand sich auf der Fahrt nach dem Feuerstern.
* * * * *
Mors hatte gleich von Anfang an die größte Geschwindigkeit eingeschaltet.
Der Magnet war genau der Erde zugekehrt, so daß der »Meteor« blitzartig durch den Weltenraum jagte.
Die Luftzone der Erde war im Nu durchflogen. Der Himmel nahm eine dunkelblaue Färbung an, bis er zuletzt schwarz wurde.
Man sah die Sonne, aber auch die Sterne, man sah den riesigen Kometen, der seinen verhängnisvollen Pfad zur Erde verfolgte.
Mors begab sich nach dem Beobachtungsraum.
Dort saß der Professor am großen Fernrohr und betrachtete aufmerksam den merkwürdigen Himmelswanderer.
»Nun, wie steht es, Professor?« fragte Mors. »Sie haben seit der letzten Beobachtung, die wir im Weltenraum veranstalteten, Zeit genug gehabt. Wie ist es mit Ihren Berechnungen? Ferner möchte ich wissen, ob Sie etwas Neues an dem Feuerstern entdeckten?«
Van Halen war aufgesprungen.
»Ich habe mich in meinen Beobachtungen nicht getäuscht,« erwiderte er mit fester Stimme. »Schon damals erschien mir der Komet als ein höchst merkwürdiges Gebilde. Jetzt, wo er der Erde näher gerückt ist, sehe ich deutlich, was ich damals nur vermutete.«
»Und von dieser Vermutung haben Sie nicht gesprochen, bester van Halen,« meinte der Luftpirat. »Sie sagten damals, Sie seien Ihrer Sache nicht sicher genug, und ich wollte nicht in Sie dringen. Aber jetzt wiederhole ich meine Frage.«
Der Astronom deutete mit der Rechten nach dem flammenden Kometen.
»Es ist ein merkwürdiges Gebilde,« erwiderte er, jedes Wort betonend. »Ein Himmelskörper, wie ihn die Beobachter vielleicht noch nie gesehen haben. Und wenn dies jemals in der Geschichte der Welt geschah, so haben die Astronomen die Natur jenes Himmelskörpers nicht erkannt. Aber wie kann ich nur immer von einem Körper sprechen. In Wirklichkeit sind es deren zwei, und sie nähern sich der Erde, das ist nicht zu leugnen.«
»Was, zwei?« rief Mors erstaunt.
»Ja, zwei Kometen,« erwiderte der Professor mit Nachdruck. »Es ist in der Tat eine seltsame Erscheinung. Von der Erde aus kann man dies nicht erkennen, weil sich die beiden Kometen in einer Linie nähern, so daß der eine immer den andern deckt. Auch mag der feurige Glanz die Beobachtung erschweren. Genug, die Sache ist folgendermaßen: Einer dieser Kometen besteht aus einem dunklen, massigen Körper, der gar kein Licht verbreitet. In einiger Entfernung von ihm folgt dann die eigentliche feurige Gasmasse.«
Mors zweifelte keinen Augenblick daran, daß van Halen richtig beobachtet hatte.
»Und was geschieht, wenn die beiden Körper mit der Erde zusammentreffen?« fragte er.
»Das Schlimmste,« erwiderte van Halen mit eisiger Ruhe. »Der feste, massige dunkle Körper wird mit entsetzlicher Gewalt die Erde treffen und natürlich eine grauenvolle Katastrophe hervorrufen. Dann folgt der zweite Komet, die feurige Gasmasse, welche die Luft der Erde, vor allen Dingen den zum Leben unbedingt notwendigen Sauerstoff aufsaugt. Sollte dann von der ersten Katastrophe noch Leben übrig sein, wird dasselbe nach der zweiten Katastrophe sicher verlöschen.«
Mors blieb ganz ruhig.
»Und wird der Zusammenstoß unabwendbar sein?« fragte der Luftpirat.
»Das kann ich erst sehen, wenn wir oben anlangen,« erwiderte der Professor. »Ich muß erst wissen, wie die Wechselwirkungen sind, in der diese Körper zueinander stehen. Und da sage ich, daß noch eine leise Hoffnung übrig ist, eine geringe Hoffnung, daß das Unheil noch einmal an der Erde vorübergeht. Aber das wird sich da unten auf der Erde entscheiden.«
»Es ist ganz so, wie ich mir gedacht,« erwiderte Mors. »Damit habe ich von Anfang an gerechnet. Also wollen wir so schnell wie möglich den Kometen zu erreichen suchen. Und das wird am vierzehnten Tage unserer Fahrt geschehen. Vorwärts!«
Das war das einzige Gespräch, welches die beiden Männer über die Zukunft führten. Von diesem Zeitpunkte an redeten sie nicht mehr über das bevorstehende Geschick, sondern widmeten sich einzig und allein ihren Arbeiten.
Mors befand sich meist im Lenkraum, während der Professor bei seinen geliebten Instrumenten verweilte.
Die Fahrt selbst ging schnell und ohne Hindernis vor sich. Man kam dem rätselhaften Weltenkörper von Tag zu Tag näher.
Immer furchtbarer, immer drohender war der Anblick dieses Doppelkometen. Er schien allmählich einen großen Teil des Firmamentes zu bedecken.
Ein jeder andere hätte sich besonnen, die Fahrt fortzusetzen, denn man wußte ja gar nicht, welche Gefahren in der Nähe der Kometen drohten.
Aber Mors war nicht der Mann, der sein Unternehmen aufgab. Er setzte seine Reise fort. Mit unverminderter Geschwindigkeit sauste der »Meteor« durch den Weltenraum dahin und näherte sich immer mehr und mehr den Riesen-Kometen, diesen schwebenden Vernichtern, die von der entgegengesetzten Seite kommend, gleichfalls mit großer Geschwindigkeit der Erdenbahn zustrebten.
4. Kapitel. Die Katastrophe.
Tag um Tag verging, Nacht um Nacht, wenn man hier im Weltenraum überhaupt von Tag und Nacht sprechen konnte.
Der Professor hatte übrigens recht, denn eine dunkle Masse flog dem eigentlichen Feuerkometen voran, ein Weltenkörper, den sogar nach den Berechnungen und Beobachtungen des Astronomen eine Lufthülle umgab.
Es war dies ein neues Geheimnis der unerschöpflichen Natur, und der Professor erging sich in allerhand Vermutungen.
Er sprach davon, daß die Kometen möglicherweise die Welten der Zukunft sein müßten, und daß sich nach der Vernichtung der Planetenwelten ein neues Leben auf diesen Himmelswanderern entwickeln könnte.
Das waren allerdings nur Hypothesen, aber sie hatten viel Wahrscheinlichkeit für sich, war doch Professor van Halen einer der geistvollsten aller Gelehrten.
Die Zeit verging, es kam der zwölfte Tag, der dreizehnte, der vierzehnte.
Die Beobachtungen waren genau, der »Meteor« näherte sich dem dunklen Weltenkörper.
»Wir können unbesorgt landen,« sprach der Professor am Mittag des vierzehnten Tages. »Nach meinen Beobachtungen ist die Luft, die diesen dunklen Körper umgibt, zu atmen. Es scheint sich sogar Wasser auf ihm zu befinden, da ich Spuren von Wasserdampf entdeckte. Vor dem zweiten, dem eigentlichen Kometen sind wir vorerst sicher, denn dieser ist von dem dunklen Weltkörper wenigstens tausend Meilen entfernt. Das hat man von der Erde aus nicht bemerkt, weil die beiden Himmelskörper hintereinander standen.«
Mors stimmte dem Professor zu.
Eine Landung war nötig, denn van Halen behauptete, daß man nur bei einer Landung Gewißheit über das Schicksal der Erde erlangen könnte.
Er gab jetzt den Befehl, die Geschwindigkeit des »Meteor« zu mäßigen, und nach wenigen Stunden schwebte das riesige Fahrzeug bereits in der Luftschicht des neuen Weltkörpers.
Der Anblick desselben war allerdings trostlos.
Er mochte halb so groß sein wie der Mond und schien ganz aus einer ungeheuren Steinmasse zu bestehen.
Hier und da gewahrte man freilich Spuren von Wasser, auch sah man einige Sandwüsten, aber der größte Teil dieser neuen Welt war Stein, rauhe wilde Felsen, denen jede Vegetation zu mangeln schien. Allerdings mochten Moose und Flechten hier und da diese starren Felsen bedecken, aber das ganze war doch ein Bild des Todes.
Das war also auch ein Komet, und der Professor meinte, daß dieser Weltkörper der sogenannte Kern eines ehemaligen gigantischen Kometen gewesen sei, und daß also gewissermaßen eine Trennung zwischen der Feuergashülle und dem Kern stattgefunden hätte. Solche Teilung von Kometen war schon in früheren Jahrzehnten beobachtet worden.
Mors schöpfte aus diesen Mitteilungen neue Hoffnung für das Schicksal der Erde. Vielleicht fand durch diese Teilung eine Umwälzung statt, so daß die Vernichter die Erdenbahn früher oder später durchkreuzten. Van Halen zuckte freilich die Achseln und meinte, es sei noch immer wenig Hoffnung vorhanden, die Entscheidung konnte also erst nach der Landung fallen.
Wenige Stunden später berührte der »Meteor« einen von Mors mittels des Fernglases ausgesuchten Landeplatz. Es war noch die am meisten ansprechende Gegend dieser neuen Welt, nämlich eine kleine Sandwüste. Zur Linken und zur Rechten sah man die Klippen emporsteigen, die weiterhin ein wahres Felsenlabyrinth bildeten.
Alles ging nach Wunsch. Der »Meteor« berührte sanft den Boden der neuen Welt, und die Luft erwies sich, wenn auch dünn und etwas absonderlich wirkend, doch immerhin als zum Atmen geeignet. Natürlich war diese Luft sehr klar, weil das Wasser beinahe ganz fehlte, jedoch war das Aussehen dieses Luftmeeres höchst unheimlich. Hier war nichts von jenem schönen Blau zu sehen, welches der irdischen Luft an schönen Tagen ein so unbeschreiblich reizvolles Aussehen verleiht. Dafür sorgte schon die Feuermasse des zweiten Kometen. Der gab eine schreckliche Beleuchtung, und es schien, als ob die Luft hier glühte. Sie war bald dunkelrot, bald violett, bald schwefelgelb gefärbt, so daß man meinte, sich in der Hölle zu befinden.
Kapitän Mors' Gefährten aber betrachteten diese Naturwunder ohne Schrecken. Sie waren schon durch ihre vielen Fahrten mit dem Luftpiraten an die seltsamsten Dinge gewöhnt, nichts in der Welt konnte ihr Vertrauen für ihren geliebten Gebieter erschüttern.
Der Professor überzeugte sich zunächst, daß die Luft geatmet werden konnte, und ließ dann eiligst seine Beobachtungsinstrumente auf ein paar nahe Felsen schaffen.
Es war dies nötig, weil der Metallkörper des Fahrzeugs oftmals störte, namentlich bei magnetischen Messungen.
»Nun muß es sich ja bald entscheiden,« sprach der Professor, ehe er sich nach seinem neu eingerichteten Observatorium begab. »In vierundzwanzig Stunden kann ich sagen, ob die Erde erhalten bleibt oder nicht, dann wird die Entscheidung fallen.«
Van Halen nahm ein paar Inder mit, die er in der Handhabung der Instrumente unterwiesen hatte. Die übrigen blieben beim Weltenfahrzeug.
Wieder vergingen die Stunden. Mors ahnte nicht, daß da vorn an dem Apparat zur Luftzufuhr ein seltsames Uhrwerk tickte, daß diese Uhr unablässig ihren Lauf fortsetzte. Stunde auf Stunde verging, und jetzt war der fünfzehnte Tag zu Ende.
Mors befand sich gerade mit Terror im Lenkraum, als er plötzlich zu Boden stürzte.
Auch Terror lag im selben Moment auf dem Boden, während das Weltenfahrzeug von einer ungeheuren Gewalt emporgehoben wurde. Es schien gerade, als hätte ein Riese das Fahrzeug gepackt und mit einem Ruck in die Höhe geschleudert. Dann schwankte es zweimal hin und her und zu gleicher Zeit hörte man ein dumpfes, unheilverkündendes Prasseln. Im Nu erhob sich der Luftpirat vom Boden. Er hörte die Inder vorn schreien, er vernahm, wie sie nach ihm riefen, wie sie seinen Namen nannten.
»Rasch, rasch, Terror,« schrie er seinem halbbetäubten Gefährten zu. »Hinaus, da ist ein Unglück geschehen.«
Die beiden Männer stürzten durch die Räume nach der Ausgangstür, ihnen folgten die Inder, welche durch den furchtbaren Stoß in alle Ecken geschleudert worden waren.
Mors war der erste, der das Freie erreichte und an dem Metallkörper des gigantischen Fahrzeuges entlanglief. Er eilte nach dem Vorderteil des »Meteor«, denn von dort war der Stoß gekommen. Mors stieß einen leisen Schrei aus, als er die Spitze des Fahrzeugs sehen konnte. Ja, ein Unglück war geschehen. Dort klaffte eine furchtbare Bresche.
»Eine Explosion,« schrieen die Inder. »Die flüssige Luft hat ihre Behälter zertrümmert!«
»Nein,« erwiderte Mors mit Stentorstimme. »Da ist etwas anderes geschehen. Diese Bresche kann nur ein moderner Sprengstoff geschlagen haben. Das ist kein Unfall, der aus der Konstruktion des Fahrzeuges herrührt. Nein, nein, hier ist Verrat im Spiele. Das Fahrzeug ist absichtlich beschädigt worden.«
Der »Meteor« sah aus, als ob ihn ein Torpedo getroffen hätte. Die metallenen Platten, aus denen der Außenrumpf bestand, waren im Vorderteil zersprengt und ein gewaltiges Loch in den Rumpf des Weltenfahrzeuges geschlagen worden.
Mors heftete jetzt seine Augen auf die Inder.
»Das ist eine Höllenmaschine,« klang seine Stimme. »Ich wiederhole es, der durchdringende Dunst, den wir alle spüren, rührt von einem Sprengstoff her. Es ist schmählicher Verrat. Diese Katastrophe ist mit Absicht herbeigeführt worden.«
Vor ihm standen die Inder. Die treuen Männer kreuzten die Arme über der Brust und erwiderten fest und sicher den furchtbaren Blick ihres Gebieters. Die Prüfung dauerte mehrere Minuten, dann hob Mors seine Rechte.
»Ihr habt ein reines Gewissen,« sprach der Luftpirat. »Ihr habt jenen Frevel nicht begangen. Ich weiß nicht, wer es getan hat. Aber ich wiederhole nochmals, es war Absicht, es war auf die Zerstörung des »Meteor« abgesehen. Befanden wir uns noch im Weltraum, als die Explosion stattfand, so waren wir verloren. Jetzt gilt es, die Beschädigungen so rasch als möglich auszubessern. Nach der Rückkehr auf unsere Insel werde ich den Täter ermitteln. Vorwärts, Leute, wir haben alle Materialien zur Ausbesserung des Schadens an Bord. Die Zerstörung ist geschehen, aber wir werden das Leck wieder schließen. An die Arbeit, ich werde Euch helfen!«
Der Professor war mit seinen beiden Gehilfen von den Felsen herabgekommen und betrachtete das Geschehene.
Seine beiden Leute kamen bei dem heimtückischen Anschlag nicht in Betracht, denn sie gehörten zu Mors' getreuesten und ältesten Veteranen.
Es war auch gar keine Zeit, müßigen Vermutungen nachzuhängen, eine Bemerkung des Professors zeigte Mors, daß jetzt Gefahr auch noch von anderer Seite drohte.