Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 66: Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen

Part 1

Chapter 13,609 wordsPublic domain

66. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.)

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.

Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen.

Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin

Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen.

1. Kapitel. Der große Feuerstern.

In der sonst so stillen Residenzstadt X. schien offener Aufruhr Platz gegriffen zu haben.

Wüstes Geschrei tobte, hier und da sah man Feuer aus stattlichen Gebäuden emporlodern.

Eine rasende Menge wälzte sich durch die Straßen und versuchte immer wieder nach dem Residenzschloß zu gelangen.

Noch gehorchten die Soldaten den Befehlen der Offiziere, noch drängten sie die Menge zurück, von Zeit zu Zeit hörte man das eigentümliche scharfe Rasseln des Magazingewehrfeuers.

Dann wich die tolle Volksmenge unter Verwünschungen zurück, rannte nach den Vorstädten, überall plündernd, Fenster und Türen zertrümmernd.

Was war denn nur geschehen, daß das Volk meuterte, daß offene Rebellion und Aufruhr herrschte?

Es war ein Naturereignis, welches drohend am Himmel stand, ein Gestirn, das stündlich an Größe zuzunehmen schien.

Ein Komet war es, wie man auf der Erde noch keinen zweiten gesehen. Ein Schweifstern, der einer ungeheuren dahinschwebenden Feuermasse ähnelte.

Als der Komet vor Wochen im Weltenraum auftauchte, war er von den Himmelskundigen bald gesehen, beobachtet, aber durchaus nicht gefürchtet.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich nun die schreckliche Kunde, daß der Komet sich der Erde nahe und mit ihr zusammentreffen werde. Die feurige Gasmasse würde die Luft, welche den Erdball umgibt, verzehren und dadurch alles Leben vernichten. Zu gleicher Zeit würde auch ein schrecklicher Zusammenstoß des Kometen mit der Erde erfolgen.

Als die Nachricht zuerst gehört wurde, lachte man darüber, aber das Lachen sollte bald verstummen.

Der anfangs so unansehnliche Komet wuchs mit unbeschreiblicher Schnelligkeit, je näher er der Erde kam.

Natürlich gab sich die Regierung die größte Mühe, den Schrecken zu bannen, aber vergeblich.

Da half kein Verbot, kein strenger Befehl, daß die Zeitungen keine Berichte über das Fortschreiten des Kometen bringen durften. Umsonst konfiszierte man hier und dort die Blätter; es war unmöglich, die Katastrophe aufzuhalten.

Das war der Grund des Aufruhrs, der in den Straßen tobte, man hörte es von den Leuten, die sich wie toll gebärdeten.

»In zwei Monaten ist alles vorbei,« schrieen die Leute. »Acht Wochen soll es ja noch dauern, dann ist es mit der Erde aus, dann müssen alle sterben. Aber so lange wollen wir noch das Leben genießen. Jetzt hat es ja keinen Zweck mehr, daß man Reichtümer aufstapelt. Alle Schatzkammern müssen geöffnet werden. Es gibt keine Gesetze mehr. Wir wollen leben und genießen, so lange das irdische Dasein noch dauert. Jedes Gesetz muß aufgehoben werden, jeder soll machen, was er will und keiner darf mehr sein wie der andere.«

Wieder drängten die Massen gegen das mächtige Residenzschloß vor, welches, von dem großartigen Park umgeben, einer Insel in tobender Meeresbrandung glich.

Und so wie hier war es meist auf der ganzen Erde. Allenthalben kamen Berichte von Volkstumulten, von Aufständen, von Anzeichen des drohenden Anarchismus, ein Drüber und Drunter, welches schrecklicher als die bevorstehende Vernichtung der Erde durch den Feuerstern zu werden drohte.

Oben in den prunkvollen Zimmern des Residenzschlosses stand der Herrscher. Um ihn standen eine Anzahl Männer, die Minister, die Mitglieder der Regierung. Die meisten zeigten ratlose, geängstigte Gesichter.

Nur der Herrscher, eine hohe, gebietende Gestalt, bewahrte die Fassung.

Er brauchte nicht zu fragen, er brauchte nicht die Berichte der Militärgewalt zu vernehmen. Das dumpfe Brausen und Toben, welches durch die verhangenen Fenster drang, sagte genug und lüftete man die schweren Vorhänge, so sah man den Feuerschein brennender Häuser.

Soeben war ein Ministerrat abgehalten worden.

Hundert Vorschläge wurden gemacht, aber alle als unausführbar befunden. Sie scheiterten an der Wut der Volksmassen, die alles zu vernichten drohten.

Die Minister und die sonstigen Spitzen der Regierung hatten schon seit Tagen und Nächten keine Ruhe gefunden. Eine Beratung war der anderen gefolgt, jetzt waren die Herren mit ihrer Weisheit zu Ende.

Es schien, als ob ein bitteres Lächeln um die Lippen des Herrschers spielte, als er seine Räte und Vertrauten mit einer Handbewegung und einigen kurzen Worten verabschiedete.

In wenigen Augenblicken war der Herrscher allein.

Er blieb am Tische stehen und blätterte mechanisch in den Dokumenten. Dann trat er ans Fenster.

Draußen knatterte wieder das Gewehrfeuer.

Nur ungern hatte der Herrscher den Befehl erteilt, gegen das rasende Volk Gewalt zu gebrauchen. Es ging nicht anders, draußen begann man ja schon zu morden, zu rauben und zu plündern.

»Die Sturmflut naht,« murmelte der Herrscher. »Bald wird sie alles überfluten. Schrecklich, entsetzlich, die Menge wartet nicht, bis die Katastrophe erfolgt, sie macht schon vorher die Erde zur Hölle. Und das alles, alles nur, weil sich der eine an mir rächen wollte. Dieser Mann, der einen solchen Ruf besitzt, der ihn bis zur gehässigsten Vergeltung anwendet. Und dieser Mann, der soviel Unglück angerichtet hat, der hütet sich, vor meine Augen zu kommen. Niemand weiß, wo er sich befindet, er schleudert seine giftigen Pfeile aus der Verborgenheit in die rasende Menge.«

Der Herrscher hatte die letzten Worte unwillkürlich laut gesprochen.

Plötzlich wendete er den Kopf, als ein Geräusch im Saal ertönte. Dort an der schweren Portiere, die zu den fürstlichen Gemächern führte, stand ein stattlicher junger Mann mit geistreichem und zu gleicher Zeit auch energischem Antlitz.

Es war einer der Prinzen des Herrscherhauses, ein Mann, der sich in seinen Mußestunden aus Begeisterung mit der astronomischen Wissenschaft beschäftigte.

Der Herrscher trat in sichtlicher Erregung auf den Prinzen zu.

»Wie steht es?« fragte er hastig. »Ist der Aufenthalt des Gelehrten entdeckt worden?«

Der Prinz schüttelte den Kopf.

»Es ist unmöglich,« erwiderte er. »Der Rachsüchtige hält sich verborgen. Zudem werden die Nachforschungen durch den Aufstand so erschwert, daß ich das Unternehmen schon von Anfang an als hoffnungslos betrachtete.«

Der Herrscher stampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß es dröhnte.

»Wie kann dieser Mann das Unheil verantworten?« rief er in höchster Empörung. »Wie kann er nur solche entsetzliche Rache nehmen! Ich habe bereits Nachrichten erhalten, daß die Soldaten in ihrer Treue wankend werden. Nicht alle, aber doch ein großer Teil. Und wenn das geschieht, wenn auch diese letzte Stütze der Ordnung zusammenbricht, dann kommt es zu einer Katastrophe, so furchtbar, so entsetzlich, wie man es noch nie auf Erden erlebt. Dann sind die fürchterlichsten Revolutionen der Vergangenheit ein Kinderspiel gegen diese Schrecken.«

Der Prinz neigte zustimmend das Haupt.

»Und das schlimmste ist,« erwiderte der, »daß dieser rachsüchtige Gelehrte recht hat. Ich war gestern und heute in der Universität, auf den beiden Sternwarten. Ich habe alle Gelehrten auf Ehre und Gewissen befragt, gebeten, mir die volle Wahrheit zu sagen und die Berechnung nochmals durchzugehen. Ich hatte ja immer noch die Hoffnung, daß die Rache jenes Mannes der Grundlage entbehrte, daß er nur Schrecken und Aufruhr verbreiten wollte. Bis vor wenigen Stunden hegte ich noch Hoffnung.«

»Und dann?« fragte der Herrscher.

»Meine Hoffnung ist geschwunden,« erwiderte der Prinz. »Meine eigenen Beobachtungen geben mir die Gewißheit, daß das Schreckliche bevorsteht und das gleiche sagten auch die Gelehrten. Der Riesenkomet trifft mit der Erde zusammen und vernichtet alles Leben. Anfangs hoffte ich noch darauf, daß das nahende Ungeheuer durch andere Planeten in seinem verderblichen Lauf gestört werden könnte, aber auch diese Hoffnung ist dahin. Unsere Instrumente haben es bewiesen, die Planeten können den Vernichter nicht mehr aufhalten. Er saust mit großer Geschwindigkeit auf die Erde zu, er wird mit der Erde zusammentreffen.«

Draußen tobte der Lärm, das Gebrüll der rasenden Volksmenge schallte herüber. Wieder knatterten Schüsse.

Der Herrscher ging mit großen Schritten im Saale auf und ab.

»Warum mußte ich das erleben?« sprach er, sein ergrautes Haar flüchtig im Spiegel betrachtend. »Warum konnte ich nicht in der Gruft meiner Vorfahren ruhen? Jetzt muß ich den doppelten Untergang der Erde mit ansehen. Es ist fürchterlich, es ist entsetzlich. Die Empörung droht nicht allein in unserem Lande, sondern auch in allen Kulturstaaten der Welt.«

Plötzlich blieb der Herrscher stehen.

»Du willst mir noch etwas sagen,« sprach er zu dem Prinzen. »Ich sehe es Dir an, Du hast noch etwas auf dem Herzen. Sprich, ist es etwas Wichtiges?«

»Es ist allerdings etwas Wichtiges,« lautete die Antwort. »Aber ich bin überzeugt, daß der Vorschlag, den ich machen könnte, mit Entrüstung zurückgewiesen wird.«

»Wie -- was?« rief der Herrscher erregt. »Zurückgewiesen? Ist es ein Vorschlag, der die Katastrophe verhindern könnte?«

»Das kann ich nicht sagen,« erwiderte der Prinz. »Aber es würde der letzte Zweifel beseitigt werden. Ich habe ja immer noch eine ganz schwache Hoffnung, daß das Fürchterliche vermieden wird. Aber die Menge denkt nur an den drohenden Untergang der Erde, die Massen sind in Verzweiflung, sie wollen noch einmal ihr Dasein genießen.«

»Rede, rede,« rief der Herrscher, dessen Stimme leise zitterte. »Noch könnte ich mit der Militärmacht den Aufruhr einige Zeit niederhalten, und das wird auch in anderen Kulturstaaten gelingen. Sprich, sprich, was bedeuten Deine geheimnisvollen Worte?«

»Darf ich reden, ohne daß ich in Ungnade falle?« fragte der Prinz mit gedämpfter Stimme. »Darf ich?«

»Alles, alles,« rief der Herrscher, »was Du willst! Ich erlaube es Dir, ich gebiete es Dir sogar. Es ist sicherlich etwas Seltsames.«

»Allerdings,« tönte es zurück. »Es gibt noch einen Menschen auf der Welt, der uns über das letzte Geheimnis Aufschluß bringt, er vermag es. Und dieser Mann, der die Gewißheit bringt, der uns sagt, hier ist entweder Vernichtung oder Rettung, das ist der Luftpirat, Kapitän Mors, der Mann mit der Maske.«

Es herrschte tiefes Schweigen im Saal. Man hörte nur die Atemzüge der beiden Männer.

Der Herrscher hatte anfangs eine abwehrende Gebärde gemacht, aber gleich darauf ging er in tiefem Nachdenken umher. Seine Stirn war gefaltet, die Hände verkrampft, ein Kampf schien in der Seele des mächtigen Mannes zu toben.

Plötzlich blieb er vor dem Prinzen stehen.

»Du hast mir noch nicht alles gesagt,« sprach er. »Du bist bereits mit dem Luftpiraten in Verbindung getreten. Du hast ihn aufgefordert, Klarheit zu schaffen, nur um das Entsetzliche zu verhindern. Sage es mir, ich zürne Dir gewiß nicht. O nein, vielleicht muß ich Dir sogar recht geben.«

»Gut denn,« erwiderte der Prinz, während draußen das Wutgeschrei der Menge wie Donnerbrausen ertönte. »Ja, ich habe es gewagt. Allerdings war es nur ein Zufall, vielleicht ein glücklicher Zufall. In dem geheimnisvollen Schlupfwinkel des Luftpiraten befindet sich nämlich ein Astronom, ein treuer Begleiter des Maskierten, der ihn schon auf seinen wunderbaren Weltreisen begleitet hat. Dieser Gelehrte steht mit einem andern Gelehrten unserer Sternwarten in Verbindung. Es ist noch eine alte Freundschaft und die beiden verkehren miteinander. Allerdings selten und geheimnisvoll. Der Zufall hat mir dies Geheimnis enthüllt, ich habe den Gelehrten gebeten, dem Luftpiraten unsere furchtbare Lage zu schildern.«

»Und die Antwort ist schon da?« rief der Herrscher. »Nicht wahr?«

Das geistvolle Gesicht des Prinzen war totenbleich.

»Ja, die Antwort ist hier,« entgegnete er. »Ich habe sie empfangen, ich habe es gewagt, auf die Gefahr der Ungnade, als letztes, verzweifeltes Mittel. Kapitän Mors der Luftpirat wird sich in dieser Nacht um zwölf Uhr an einer genau bezeichneten Stelle des großen Schloßparkes einfinden.«

2. Kapitel. Aus Rache.

Der Herrscher stand wie ein Steinbild, aber das dauerte nur wenige Augenblicke.

Er trat zu dem Prinzen und dieser fühlte, wie die Rechte seines mächtigen Verwandten eiskalt war.

»Zu jeder anderen Zeit hätte ich eine Unterredung mit dem Luftpiraten zurückgewiesen,« klang die Stimme des Herrschers. »Aber jetzt will ich mit ihm sprechen. Ich zürne Dir nicht, nein, im Gegenteil, ich danke Dir. In der verzweifelten Lage, in der wir uns und alle anderen Kulturstaaten befinden, ist Kapitän Mors vielleicht die letzte Hoffnung. Gehe um zwölf Uhr nach dem Schloßpark hinunter, ich gehe mit. Niemand soll sonst dabei sein. Du verbietest den Dienern, daß sie uns folgen. Jetzt ist es zehn Uhr, hole mich ab, wenn die Zeit gekommen ist. Ich will dem Mann mit der Maske gegenübertreten.«

* * * * *

Es war Mitternacht, aber es herrschte keine Ruhe.

Das rasende Volk, welches die Branntweinschenken gestürmt, hatte einen nochmaligen Vorstoß gegen das Residenzschloß unternommen. Das Militär stand aber fest wie Mauern und die rasende und tobende Masse mußte, Tote und Verwundete mit sich schleppend, wieder zurückweichen.

Jetzt grollte der Lärm in der Ferne, wie ein dumpfes Tosen, wie ein fernes Gewitter.

Die Nacht war ziemlich klar und der große Komet stand drohend am Himmel.

Durch den großen Schloßpark eilten zwei Männer in Mäntel gehüllt, der Herrscher und der Prinz, die sich zu dem verabredeten Stelldichein begaben.

Nur einmal wurde gesprochen.

»Wie kann nur der Luftpirat in den Park gelangen?« fragte der Herrscher. »Dieser ist ja von einer hohen, glatten Mauer und außerdem von einem tiefen Wassergraben umgeben.«

»Für diesen Mann gibt es kein Hindernis,« erwiderte der Prinz. »Er kommt und er wird zur Stelle sein.«

Die Kirchturmuhren der Residenz verkündeten die zwölfte Stunde, als sich die beiden Männer einem kleinen tempelartigen Pavillon näherten.

Ringsumher standen Bildsäulen, Marmorgruppen, Götter und Göttinnen, vom Mond gespenstisch beleuchtet.

Hier war es fast unheimlich, der Nachtwind rauschte in den Bäumen und Büschen, ein Käuzchen ließ seine klägliche Stimme vernehmen.

»Der Totenvogel,« murmelte der Herrscher, der sonst gewiß nicht abergläubisch veranlagt war.

Sonst war nichts zu sehen, die beiden Männer schienen sich allein am Pavillon zu befinden.

Aber im Augenblick, wo der letzte Schlag der zwölften Stunde vom Turm der Hauptkirche herüberdrang, trat eine Männergestalt hinter dem Pavillon hervor.

»Da bin ich,« sprach eine sonore Stimme.

Der Mond beleuchtete einen Mann, der einen einfachen braunen Mantel von militärischem Schnitt über den Schultern trug.

Vorn war der Mantel geöffnet, so daß man eine dunkelblaue Uniform erblickte.

Eine Mütze mit Goldtresse bedeckte den Kopf, während eine schwarze Halblarve das energische Gesicht fast verhüllte.

Es war Mors, der Luftpirat, der Erbauer des lenkbaren Luftschiffes und des Weltenfahrzeuges.

Der Herrscher schien noch einmal mit sich zu kämpfen. Dann aber trat er kurz entschlossen auf den geheimnisvollen Mann zu.

»Die Unterhaltung braucht nicht lange zu dauern,« tönte es von den Lippen des Maskierten. »Die Vorgänge in der Welt sind mir nicht unbekannt, und ich weiß, was man von mir will. Ich soll endgültig Gewißheit bringen, ob der große Feuerstern da oben die Erde vernichten wird.«

»Wenn Sie das zustande bringen, Kapitän Mors,« erwiderte der Herrscher, »so können Sie möglicherweise unabsehbares Unheil verhindern. Sie können die letzten Zweifel lösen, tritt die Katastrophe ein oder nicht? In letzterem Falle haben Sie sich die ganze Welt zu Dank verpflichtet.«

»Dank begehre ich gar nicht,« erwiderte der Luftpirat, »ich tue das, was man von mir verlangt, und zwar der Menschheit zu Liebe. Auch ich hege noch Zweifel, ob der Riesenkomet die Erde treffen wird. Ich habe da eine Beobachtung gemacht oder richtiger gesagt, einer meiner Gefährten hat es getan, eine Beobachtung --«

»Wie, was?« rief der Herrscher. »Läßt sich das Verderben vermeiden?«

»Das kann ich nicht sagen,« erwiderte Mors. »Hier gibt es nur eine einzige Möglichkeit, Gewißheit zu schaffen. Ich werde mit meinem Weltenfahrzeug unter Anwendung der größten Schnelligkeit dem Kometen entgegenfahren. An Ort und Stelle will ich mir die Gewißheit verschaffen.«

»Aber das Schreckliche soll ja unabwendbar sein,« meinte der Herrscher. »Darin sind alle Gelehrten einig. Es ist nur ein Unglück, daß einer jener Gelehrten die Kunde zur Kenntnis der Massen gebracht hat. Das Geheimnis hätte verschwiegen bleiben sollen.«

»Deshalb bin ich ja hierher gekommen,« erwiderte Mors. »Sonst wäre ja die Zusammenkunft gar nicht nötig gewesen. Soviel ich gehört habe, stammt dieser Astronom aus einer sehr vornehmen Familie dieses Landes. Er führt einen stolzen Namen. Weshalb hat dieser Aristokrat die Massen aufgehetzt? Warum?«

»Ja, es ist ein Baron,« erwiderte der Herrscher. »In der alten Edelmannsfamilie, der er entstammt, herrscht die Sitte, daß der älteste Sohn die großartige Herrschaft übernimmt. Das ist nun nichts Ungewöhnliches, aber doch scheint dieser Mann dadurch verbittert zu sein. Er besaß Vermögen und besitzt es auch noch. Er war ehrgeizig und obwohl ein ausgezeichneter Gelehrter, strebte er doch nach den höchsten Zielen. Sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, und so suchte er eine Prinzessin des Herrscherhauses als Gattin zu gewinnen. Er, ein schöner Mann, der eine Art dämonischen Einfluß besitzt, wäre fast an sein Ziel gelangt. Schon war er nahe daran, das Herz einer blutjungen Prinzessin zu gewinnen, als ich, noch rechtzeitig gewarnt, dazwischen trat und dem Ehrgeizigen den Besuch des Hofes untersagte. Da kannte sein Zorn keine Grenzen, denn dieser Baron ist rachsüchtig. Vorerst blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, aber als der große Feuerstern erschien, als er durch seine Beobachtungen erfuhr, daß der Komet mit der Erde zusammentreffen würde, da ließ er seiner Rache freien Lauf. Anstatt das Geheimnis zu wahren, brachte er es zur Kenntnis der Massen und zog sich zu gleicher Zeit in ein unauffindbares Versteck zurück. Seine Rache ist gelungen. Der Aufruhr tobt in den Straßen. Opfer sind schon gefallen, und wenn es so weiter geht, wird der Komet, wenn er mit der Erde zusammentrifft, nur noch einen Teil der Menschheit zu vernichten haben. Die Rache dieses Mannes verwandelt die Erde in die Hölle. Die furchtbarste Revolution steht vor der Tür.«

»Das wollte ich wissen,« erwiderte Mors, »das genügt mir. In kürzester Zeit befinde ich mich auf der Fahrt im Weltenraum, auf der Fahrt zum nahenden Kometen. Unterdessen muß alles getan werden, damit sich das Volk beruhigt. Kein Mittel darf gescheut werden, um die Massen glauben zu machen, daß das Verderben noch einmal an der Erde vorübergehen wird. Mit äußerster Strenge muß man die Empörung niederhalten, bis ich zurückkehre. Ist das Verderben unvermeidlich, nun gut, dann wird es sich ja zeigen, ob in den letzten Tagen der Erde die sinnlose Zerstörung Triumphe feiert. Bringe ich aber die Botschaft, daß die Katastrophe vermieden wird, so wird wieder Ruhe eintreten, und dann mag jener Mann, der soviel Unglück angerichtet hat, seine Strafe empfangen. Jetzt ist diese Unterredung zu Ende.«

»Nein, noch nicht,« rief der Herrscher, auf den die Erscheinung des maskierten Mannes gewaltigen Eindruck gemacht hatte. »Noch nicht. Kapitän Mors, wenn es Ihnen gelingen sollte, Klarheit über das Bevorstehende zu schaffen, wenn Sie durch Ihr heldenmütiges Wagnis, ja so muß ich es nennen, die Kunde bringen, daß der Tod an uns vorübergeht, so können Sie alles fordern, was Sie wollen, jede Belohnung und sei es auch die riesigste Summe.«

»Nicht einen Heller,« erwiderte der Luftpirat. »Auch nicht ein Dankeswort begehre ich. Was ich tue, geschieht im Interesse der Menschheit. Wohl habe ich mich gewissermaßen von der Menschheit zurückgezogen, aber ich hasse sie nicht. Ich will das arme Volk beschützen und sein Los zu erleichtern suchen. Bringe ich die Kunde, daß die Erde gerettet wird, nun wohl, so mögen die Regierungen der Kulturstaaten eine ungeheure Summe unter die Armen verteilen. Das wäre für mich die größte Belohnung.«

Der Herrscher war von diesem Edelsinn hingerissen. Er reichte Kapitän Mors die Rechte.

»Ich bin ja der Luftpirat,« erwiderte der Maskierte bitter.

»Nein, Sie sind ein edler Mann,« rief der Herrscher, indem er die Rechte des Maskierten faßte. »Früher habe ich Uebles von Ihnen geglaubt, aber diese kurze Unterredung hat mich überzeugt, daß Sie ein Mann sind, den man verleumdete. Kapitän Mors, wer Sie auch sein mögen, vergessen Sie nicht, daß Sie in diesem Lande, wenn das Unglück an der Erde vorübergeht, einen Mann finden, der Sie immer aufnehmen wird, komme, was da wolle.«

Ein Händedruck folgte, der Luftpirat trat rasch zurück, er winkte dem Herrscher und dem Prinzen zu.

»Ich bringe die Botschaft,« rief er, »ich fahre zum Kometen.«

Im nächsten Augenblick verschwand die stolze Gestalt des Mannes im Gebüsch, während der Herrscher und der Prinz den Rückweg antraten.

Einsam war es beim Pavillon, das Käuzchen schrie wieder, aber es flog plötzlich erschreckt von dannen.

Im Gebüsch raschelte es und da wurde etwas Schwarzes, Schattenhaftes sichtbar. Der Kopf eines Mannes, der vorsichtig aus dem Dickicht herausspähte.

Es war ein schöner Kopf, aber die Augen besaßen etwas Fürchterliches. Darinnen schien ein höllisches Feuer zu brennen.

Bald darauf ballte der Versteckte die Faust und schüttelte sie nach der Richtung hin, wo der Prinz und der Herrscher gegangen waren.

»Geht, geht,« klang es leise von den Lippen des Versteckten. »Ihr habt wieder Hoffnung. Aber sie soll enttäuscht werden. Mag der Mann mit der Maske seine Fahrt antreten, er wird nicht mehr zurückkommen, denn dafür habe ich gesorgt. Der Mann mit der Maske, er ahnt es nicht, was ihm droht. Der weiß nicht, daß ich schon früher an ihn dachte. Ich kenne den Luftpiraten, ich wußte, was er tun würde. Deshalb will ich seine Rückkehr unmöglich machen. Der Volksaufruhr muß toben und alle Bande der Ordnung zerreißen. Und wenn dann die Soldaten ihrer Pflicht abtrünnig werden, wenn alles drunter und drüber geht, wenn man die Häuser der Vornehmen und Vermögenden plündert, das Residenzschloß stürmt, dann werde ich zur Stelle sein. Dann erreiche ich doch mein Ziel. Dann hole ich mir die Prinzessin, ich führe sie mit mir fort nach meinem Schlupfwinkel, dem Herrscher zum Trotze. Ich will mich rächen für die Stunde, in der man mich aus dem Schloß wies, mir den Zutritt untersagte. Rache will ich nehmen, Rache! In ohnmächtigem Zorn soll sich der Herrscher verzehren, wissen, daß sich die Prinzessin in meiner Gewalt befindet. Die Wissenschaft, der ich mich einst gewidmet, die wird das Werkzeug meiner Rache sein.«

Und wieder schüttelte der Mann die geballte Faust bald nach dem Schlosse hin, bald nach der Mauer. Ein unheimliches Lachen klang von seinen Lippen.

Dann schlossen sich die Gebüsche, aber nach einiger Zeit hörte man einen sonderbaren dumpfen Schall. Es klang so, als ob sich in dem Park im dichtesten Gestrüpp eine schwere Falltür geschlossen hätte.

* * * * *

Auf welche Weise Mors in den Schloßpark gelangt war, wußte niemand. Möglicherweise hatte er eine kleine Flugmaschine benutzt, die er an Bord des Luftschiffes mitzunehmen pflegte.

Jedenfalls befand sich der geheimnisvolle Mann noch vor Anbruch des Tages auf dem riesigen lenkbaren Luftschiff, das sich auf der Stelle in ungeheure Höhen erhob. Dann fuhr der Koloß mit äußerster Maschinenkraft nach Osten.

Kapitän Mors hatte an seinem lenkbaren Luftschiffe noch einige Verbesserungen angebracht.

Er war ja nie müßig, sondern stets beschäftigt, seine Wunderwerke zu vervollkommnen.