Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 63: Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges
Part 4
Das Fahrzeug lag schräg, sein Vorderteil ragte noch hoch über die weiche Masse hinaus, in welche das Achterteil des »Meteor« bereits eingesunken war.
Ein Blick überzeugte Mors, daß die Türen, die zur Galerie führten, nicht mehr geöffnet werden konnten. Auch dieser Teil des »Meteor« war bereits in dem rätselhaften Urstoff verschwunden.
Weiter rannten die beiden Männer. Jetzt erreichten sie den vorderen Raum, wo die Inder und der Professor standen.
»Das Fenster auf,« schrie Mors mit Donnerstimme. »Rasch, das Fenster geöffnet!«
Vier baumstarke Inder sprangen zu den Kurbeln, welche die Glasscheibe bewegten und rissen aus Leibeskräften daran.
Es schien aber, als hätte sich heute alles gegen Kapitän Mors verschworen.
Ob die starken Männer zu hastig gedreht hatten, ob das Fenster gequollen war, genug, man hörte ein Bersten und Krachen.
Die vier Inder stürzten zur Erde und hielten den eisernen Handgriff noch fest. Die Kurbel, welche die Glasscheibe bewegte, war abgebrochen.
Es war übrigens das einzige Glasfenster auf der Vorderseite des »Meteor«, welches geöffnet werden konnte. Die zweite bewegliche Glasscheibe befand sich im Hinterteil des Fahrzeuges.
»Nun ist alles vorbei,« murmelte Terror, der sich mit eisiger Ruhe in das Unvermeidliche zu ergeben schien. »Jetzt geht es hinunter in diese schauerliche Masse. Da verschwinden wir auf Nimmerwiedersehen.«
Mors warf einen wilden Blick in die Runde.
Er sann auf einen Ausweg, aber er wußte sich keinen Rat mehr.
»Kapitän, die Masse ist doch heiß,« rief jetzt Terror, indem er die Hand an die dicke Glasscheibe legte. »Man spürt es deutlich, hier ist Glut vorhanden.«
Zwei der Inder griffen jetzt nach Werkzeugen und schlugen verzweiflungsvoll auf das dicke Glas.
Es war ganz unmöglich, dasselbe gab nicht nach, ebenso gut hätte man auf einen Felsen schlagen können.
Immer tiefer sank der Koloß inzwischen in die heiße weiche Masse, deren gelb und rot gefärbte feurige Wellen über dem Fahrzeug zusammenzuschlagen drohten.
»Zurück da!« schallte plötzlich die Donnerstimme des Luftpiraten. »Tretet beiseite. Ich schaffe einen Ausweg, koste es, was es wolle!«
Mors hatte eiligst eine jener Zerstörungsmaschinen herbeigezogen, die man bei den letzten Kämpfen nicht mehr benutzt hatte. Es war eines jener Gewehre, die auf einer Lafette standen, die mit Rädern versehen war. Mors richtete die Mündung der kleinen Maschine auf das Fenster und zog den Hebel ab. Es krachte. Im Weltenfahrzeug stürzte alles zu Boden. Aber es war nur der Luftdruck, der die Leute niederwarf, das Geschoß tat seine Wirkung. Es zertrümmerte die starke Glasscheibe.
Die Stücke flogen hinaus, die eisernen Bänder, welche das Glas verstärkten, brachen wie morsche Holzstäbchen.
Halb betäubt richteten sich die Inder empor, aber Mors war ihnen bereits zuvorgekommen. Er stand an der Oeffnung, umfaßte mit seinen Händen die zersplitterten Kanten.
Ein Ruck, ein Schwung und der Luftpirat befand sich auf der Metallwand des Weltenfahrzeuges.
Er warf einen flüchtigen Blick in die Runde, er sah den Planeten Saturn, der scheinbar in greifbarer Nähe schwebte.
Dann aber rannte Mors mit mächtigen Sätzen über die Galerie nach dem Achterteil des Fahrzeuges.
Ein leiser Aufschrei der Erleichterung kam von seinen Lippen. Noch war der Lenkapparat nicht völlig versunken.
Mors hatte keine anderen Werkzeuge als seine Hände, aber die genügten ihm. Er packte die Lenkstangen, welche der unheimlichen Anziehungskraft des Trabanten nachgaben. Ein furchtbarer Ruck und noch einer, dann riß er sie aus den Angeln.
Der Magnet war jetzt nur noch durch die Ketten mit dem Weltenfahrzeug verbunden, denn sowie die obere Lenkstange gelöst war, wurde auch die untere isoliert.
»Bleibt drinnen!« schrie Mors mit donnernder Stimme, als er bemerkte, daß ihm einige der Inder nachklettern wollten. »Bleibt und klammert Euch fest, es geht in die Höhe.«
Gleichzeitig warf sich der Luftpirat auf die Metallwand des »Meteor« und klammerte sich mit beiden Händen an eine Galeriestange.
Es war hohe Zeit, daß er es tat, denn das Fahrzeug erhielt einen Ruck, der jeder Beschreibung spottete.
Es war der Riesenmagnet, der jetzt seine Tätigkeit begann. Der Magnet war es, der das Fahrzeug hob, der den »Meteor« vom sicheren Untergange rettete.
Mors zog sich auf die Galerie hinauf, indem er sich noch immer an den Eisenstangen festhielt. Er sah, wie Terrors Gesicht vorn an der zertrümmerten Fensterscheibe auftauchte.
»Nach dem Lenkraum!« tönte sein Kommando. »Rasch, Terror -- halte den »Meteor« innerhalb der Nebelhülle schwebend, damit wir nicht in die luftleere Zone geraten. Ich komme gleich hinein. Wir müssen die zerstörte Fensterscheibe versperren.«
Terror gehorchte und stürzte nach dem Lenkraum.
Es war hohe Zeit, daß er das mit fürchterlicher Geschwindigkeit emporstrebende Fahrzeug zum Halten brachte, denn sonst hätte Mors oben in dem luftleeren Räume ersticken müssen.
So aber brachte der Ingenieur den Koloß in die Dunstzone zum Halten, wenige Augenblicke später schwang sich Mors durch das zerstörte Fenster.
Dieses ließ sich vorläufig nicht ersetzen, wohl aber luftdicht verschließen. Die Metallplatte war ja noch intakt, und die Inder griffen jetzt nach den Hebeln, um die gesprengte Oeffnung zu versperren.
Hierauf wurde mit flüssigem Gummi alles gedichtet, und eine Masse von Guttapercha darüber geklebt. Stundenlang dauerte diese Arbeit, aber sie war nötig, die zerstörte Stelle ward luftdicht gemacht.
Dann schoß der »Meteor« über die Dunstzone empor und schwebte wieder im Weltenraum, hoch über dem unheilvollen Monde, dessen heiße Gasmassen im urewigen Wellenspiel kochten und brodelten.
Da lag der Saturn, jetzt wieder rein weiß leuchtend, der Saturn mit seinen Ringen, mit dem fürchterlichen Zerstörungsstoff.
Van Halen trat zu dem Luftpiraten.
»Wir sind gerettet,« sprach der Astronom. »Wir sind dem schrecklichen Verderben entronnen.«
»Vor allem ist die Katastrophe von der Erde abgewälzt,« sprach Mors, indem er mit der Rechten auf den glänzenden Planeten deutete. »Dort liegt der höllische Stoff, den die Gegner holen wollten. Dort liegt die furchtbare Materie, die in ungerechten Händen grauenvolles Verderben anrichten kann.«
Höher hob sich der »Meteor«, immer höher.
Ueber dem Trabanten rissen die Nebelschleier; man sah den brodelnden Urstoff, in dessen Tiefen das letzte der feindlichen Weltenfahrzeuge ein schauriges Grab gefunden.
Der unglückliche Ingenieur Reymond war gerächt, die Katastrophe, die der Erde gedroht, beseitigt. Im Weltenraume schwebte das Weltenfahrzeug des Kapitän Mors, das den Heimweg zur Erde suchte.
Anmerkungen zur Transkription
Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 197-231. Moderne Zusätze und Anmerkungen wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.
Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.