Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 63: Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges
Part 3
»Ich teile Ihre Ansichten vollständig, lieber Professor,« erwiderte Mors. »Wir werden den einen der Monde und zwar den kleinsten als Beobachtungsposten aufsuchen und von dort aus unseren eigentlichen Kriegszug beginnen.«
Weiter sauste der »Meteor«, während sich der Planet von Stunde zu Stunde vergrößerte.
Riesengroß hing der Koloß am Himmel, an dem pechschwarzen Firmament, während seine Ringe, die sich um die gigantische Kugel drehten, einen geradezu märchenhaften Anblick darboten.
Alles war in eine Flut von Licht getaucht und darüber, daneben und darunter schwebten die acht Monde, von denen allerdings immer zwei oder auch drei durch die riesige Kugel verdeckt wurden.
Der Professor hatte schon mit seinen Instrumenten die Größen dieser Trabanten bestimmt und den kleinsten derselben genau bezeichnet. Dorthin schoß das Weltenfahrzeug, während man noch immer mit dem Fernrohr nach den Fahrzeugen der Amerikaner umhersuchte.
Sie waren nirgends zu sehen und das bereitete Kapitän Mors schwere Bedenken. Vielleicht waren die Unheimlichen schon auf den Ringen angelangt, um sich dort mit dem Sammeln des schrecklichen Stoffes zu beschäftigen, vielleicht kam er zu spät, wurde vernichtet und darauf konnte das Zerstörungswerk auf der Erde beginnen.
Es gab nur eine Lösung, vorwärts, vorwärts. Der Kampf mußte im Weltenraum entschieden werden. Dort auf den leuchtenden Monden, die mit ihrem Erscheinen und Verschwinden die wunderbarsten Bilder darboten.
Jetzt konnte man die Reise schon nach Stunden bemessen, denn die Anziehungskraft des Saturn machte sich seit längerer Zeit geltend.
Immer schneller sauste der »Meteor«, sodaß sich die Zeiger der Instrumente wie flüchtige Schatten drehten. Man hörte, wie die Uhrwerke arbeiteten, und die Schnelligkeit war so groß, daß der Professor schon an die Vernichtung der Geschwindigkeitsmesser glaubte.
Das war keine Fahrt mehr, das war ein Absturz. Aber noch immer wollte Mors die Schnelligkeit des »Meteor« nicht mindern. Noch immer war der Riesenmagnet dem Giganten abgewendet, dem man sich jetzt mit geradezu unglaublicher Schnelligkeit näherte.
Schon meinte Terror, daß eine Katastrophe erfolgen müsse, da griff Mors nach den Hebeln, welche den Magneten regierten.
Ein Ruck und im nächsten Moment ging ein Zittern durch das gewaltige Fahrzeug. Es war kein direkter Stoß, sondern nur ein Empfinden, als ob der »Meteor« plötzlich in eine zähe Masse getaucht sei, die sich von allen Seiten an ihn schmiegte.
Die Zeiger an den Geschwindigkeitsmessern verlangsamten ihren rasenden Gang, sie waren nunmehr deutlich zu sehen. Sie kreisten wie die Zeiger einer Uhr. Der »Meteor« aber schwebte in der Nähe des kleinsten der acht Monde, die mit der Regelmäßigkeit, welche ihnen das Weltengesetz vorschrieb, den Giganten umkreisten.
5. Kapitel. Ein Kampf ohne gleichen.
»Meine Vermutungen haben sich bestätigt,« rief der Professor, der schon seit längerer Zeit diese seltsame Welt beobachtete. »Der Mond, dem wir uns jetzt nähern, befindet sich in einem Zustand der Erstarrung. Das ist eine Wildnis, eine Stein- und Sandwüste, dort ist jedes Leben wohl schon seit Jahrtausenden erloschen.«
Van Halen täuschte sich nicht, denn dieser kleinste der Monde bot in der Tat einen trostlosen Anblick. Man sah Sandwüsten, riesige Gebirgszüge, aber alles starr und tot, keine Spur von Vegetation, kein Ueberrest von Wasser.
Allerdings war dieser Mond ausnehmend klein und es konnte sehr leicht möglich sein, daß man auf den anderen Trabanten Lebensbedingungen entdeckte.
Mors und seine Begleiter aber hatten keine Zeit, darauf zu achten oder die übrigen Monde zu betrachten. Ihre Blicke wurden jetzt von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen.
»Da sind sie,« rief Halen, dessen geübte Augen alles zu sehen schienen. »Dort, dort in der Nähe der ungeheuren Berge. Das sind die von uns Verfolgten. Man kann sie mit bloßen Augen erblicken.«
Die Inder drängten sich heran und blickten durch die große Glasscheibe am Vorderteil des Weltenfahrzeuges.
Man sah geradezu ungeheuerliche Berge, die sich auf der Nordhälfte des Saturnmondes erhoben. Gebirge von einer solchen Größe, daß die höchsten Berggipfel der Erde wie Zwerge erscheinen mußten.
Dort zwischen einem riesigen Gebirgssattel schwebten, dem Auge deutlich erkennbar, zwei graue Kolosse, die sich langsam bewegten, die Fahrzeuge der Amerikaner, welche ebenfalls auf diesem Mond einen Landungsplatz gesucht hatten.
Höchstwahrscheinlich waren die beiden Fahrzeuge auf dem Saturnmond gelandet und erst beim Erblicken von Mors' Fahrzeug wieder emporgestiegen.
Anfangs bewegten sie sich langsam, dann immer schneller und schneller. Man sah, wie ihre Magneten wirkten, wie sie mit rasender Geschwindigkeit die Räume durchfuhren.
Einen Augenblick blieben sie noch bei einander, offenbar, um noch Signale zu wechseln.
Deutlich sah man vom »Meteor« aus blinkende Lichtstreifen in verschiedenen Farben, bald blau, bald rot, bald grün.
Hierauf trennten sich die beiden Kolosse.
Der eine fuhr rechts, der andere links und nun beschrieben sie ein paar ungeheure Halbkreise.
Kapitän Mors blickte finster auf die beiden Gegner.
»Sie haben uns bemerkt,« sprach er nach kurzem Besinnen, »und denken gar nicht daran, uns aus dem Wege zu gehen. Sie rüsten sich zum Angriff und wollen uns von zwei Seiten angreifen, von rechts und von links, um uns alsdann mit ihren spitzen Stahlspornen zu rammen. Sie wollen das Manöver des vernichteten Weltenfahrzeuges wiederholen. Vorwärts, es gilt!«
Mors und Terror eilten nach dem Lenkraum, und dort begann der Luftpirat zu manövrieren.
Seltsamerweise lenkte er den »Meteor« nach den riesigen Gebirgen, wo schon die Amerikaner einen Landungsplatz gefunden hatten.
Terror wunderte sich hierüber, denn er meinte, es sei besser im leeren Raum zu bleiben. Indessen überließ er alles seinem Kapitän, dem er blindes Vertrauen schenkte.
Die Feinde hatten dies nicht erwartet.
Ihre Fahrzeuge schossen bereits in großem Bogen in das Endlose hinaus, während der »Meteor« schnell wie der Blitz dem Monde zustrebte.
Wenige Minuten später waren die funkelnden Bergspitzen in der Nähe des gigantischen Fahrzeuges. Der »Meteor« fuhr bis zu dem Bergsattel und erwartete dort die Angreifer.
Die feindlichen Fahrzeuge trafen auf ihrer Fahrt durch den Raum wieder zusammen, schwenkten und wechselten wieder farbige Lichtsignale.
Dann trennten sie sich von neuem und kamen jetzt ihrerseits mit fürchterlicher Geschwindigkeit auf die Berggipfel zugesaust.
Die Inder standen bereits an den Zerstörungsmaschinen und warteten auf die Befehle ihres Gebieters.
Diesmal hatte man die Waffen, welche großen Gewehren ähnlich sahen, einfach beiseite gelassen, denn man wußte, daß sie keine Wirkungen auf die Gegner ausübten.
Dafür standen die glänzenden Rohre hinter den kleinen, schießschartenähnlichen Oeffnungen.
Es war ein merkwürdiger Kampf, denn es galt ja, gewissermaßen im luftleeren Raum zu fechten.
Mors aber hatte auch hier seine Vorsorge getroffen, sein Weltenfahrzeug war auf einen Kampf im luftleeren Raume vorbereitet.
Die Schießscharten waren durch eiserne Klappen verschlossen, die sich nur im Augenblick des abgefeuerten Schusses öffneten.
Hierauf schlugen sie blitzschnell wieder zu, sodaß nur sehr wenig von dem Luftvorrat verloren ging. Der Mechanismus selbst wurde durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und funktionierte vorzüglich.
Daß dieser Mond keine Luft besaß, sah man, denn hier war keine Spur einer Hülle vorhanden, hier leuchtete alles in reinstem für die Augen geradezu schmerzlichen Weiß und alle Schatten waren so pechschwarz wie die ägyptische Finsternis. Dieser kleine Mond war eine Welt des Todes.
Jetzt fragte sich nur, ob die Amerikaner ähnliche Vorrichtungen besaßen, ob auch sie im luftleeren Raum zu feuern vermochten. Aber das mußte sich ja binnen kurzem entscheiden.
Jetzt kam das Ungetüm heran, offenbar in der Absicht, den Rammsporn anzuwenden.
Mors beobachtete den Gegner sorgfältig, bis er bemerkte, daß der Feind in Schußnähe war. Nun drückte er auf den Knopf, der das elektrische Signal zum Beginn des Schießens gab.
Unmittelbar darauf hörte man im Weltenfahrzeug ein eigentümliches Geräusch. Ein Krachen und Dröhnen ließ sich aber nicht vernehmen. Kein Wunder, hier fehlte ja die Luft, hier fehlte das Element, welches den Schall hervorbrachte.
Die Inder machten ihre Sache gut und Mors gewahrte deutlich, wie die Geschosse aus den Zerstörungsmaschinen den grauen Rumpf des feindlichen Weltenfahrzeuges trafen.
Mit ungeheurer Wucht schlugen sie dort auf, sodaß das feindliche Weltenfahrzeug hin- und hergeschüttelt wurde.
Das zweite Weltenfahrzeug war noch nicht sichtbar. Mors aber blickte öfters danach aus, es konnte ja möglich sein, daß ihm dieser Feind in den Rücken fiel und den Riesenmagneten und den Lenkapparat zu zerstören suchte.
Deshalb mußte man zunächst mit dem einen Gegner fertig werden. Mors wiederholte das Signal, durch welches er seine Mannschaft zum schnellsten Schießen aufforderte.
Drüben auf dem feindlichen Fahrzeug war man offenbar über den hartnäckigen Angriff erstaunt.
Wenn die Geschosse des Weltenfahrzeuges auf den grauen Rumpf des amerikanischen Weltenschiffes aufschlugen, wurde es immer wieder seitwärts geworfen. Schließlich schien man darüber sehr erbittert zu sein. Der Koloß flog immer wieder empor, um seinerseits zum Angriff übergehen zu können.
Mors aber lenkte sein eigenes Fahrzeug mit geradezu bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, sodaß seine Inder immer ihre Maschinen benutzen konnten. Der »Meteor« wendete und drehte sich, als wäre er ein lebendes Wesen, welches den Feind abwehrte, während sein Riesenkörper immer wieder unter dem Rückstoß der abgefeuerten Geschütze erzitterte.
Drüben blieb man auch nicht müßig, auch dort kamen Geschosse herübergeflogen.
Mors bemerkte aber sofort, daß der Feind keine solche Vorrichtung besaß, wie er sie selbst erdacht. Dies Fahrzeug verlor beim Schießen Luft, die aus den Schießscharten hervorströmte.
Das sah eigentümlich, ja geradezu gespenstig aus. Die Luft verwandelte sich sofort in weiße Dampfgestalten, welche die wunderlichsten Formen annahmen. Sie drehten und wendeten sich eine zeitlang hin und her, bis sie spurlos ins Nichts verschwanden.
Wieder wurde das feindliche Fahrzeug durch den Anprall einiger Geschosse zurückgeworfen.
Es war hohe Zeit gewesen, da der Gegner eben zu rammen versuchte. Er war dem »Meteor« schon ganz nahe, man sah seinen spitzen, stählernen Sporn in grellster Beleuchtung funkeln.
Die Inder hatten schon geglaubt, daß sich dieser spitze Stahlsporn, den das Weltenfahrzeug nicht besaß, in den Rumpf des »Meteor« bohren würde. Sie strengten alle ihre Kräfte an, sie feuerten so rasch sie nur vermochten.
Acht, zehn Geschosse schlugen fast zu gleicher Zeit auf den Metallrumpf des Feindes, der im rasenden Anlauf dahergeschossen kam.
Der furchtbare Anprall warf den Gegner seitwärts, und da er noch mit gewaltiger Schnelligkeit dahinbrauste, stieß er plötzlich gegen einen weit hervorragenden Felsen.
Es war die Rettung für den »Meteor«, denn beim zweiten Angriff wäre der Koloß sicherlich angebohrt worden.
Wieder hörte man nichts, denn die Luft verhinderte ja, daß das Dröhnen des Anpralls Geräusch verursachte.
Mors sah aber deutlich, daß der Gegner schweren Schaden genommen, daß durch die Vehemenz des Anpralls die eine Wand des Metallrumpfes aufgerissen sein mußte.
Ein furchtbarer Anblick bot sich jetzt dar, großartig und schrecklich zugleich. Das beschädigte Weltenfahrzeug rutschte langsam an den Felsen hinunter.
Sein Magnet mußte in Unordnung gekommen sein, eine der Lenkstangen schleifte.
Unten war ein Plateau, auf welchem der Koloß liegen blieb. Schwerfällig wälzte er sich auf die Seite.
Nun sah man erst die Beschädigung, die sich der Gigant selbst zugefügt. Die rechte Seite der Metallwand war zerstört, dort klaffte eine furchtbare Bresche.
Riesige weiße Dampfwolken stiegen empor, es war die Luft, welche sich einen Ausweg suchte.
Sicherlich führte man auch dort Behälter mit flüssiger Luft mit sich, aber diese waren wohl größtenteils zerstört. Die Luft verflüchtigte sich im Endlosen, das Lebenselement entwich, und nun kamen die Insassen des halbzertrümmerten Kolosses zum Vorschein.
Mors nahm sein Glas und sah hinüber.
Er gewahrte drei Männer, die offenbar der weißen Rasse angehörten, die sich wie toll gebärdeten.
Jedenfalls fühlten sie die ungeheure Kälte, die auf diesem Monde herrschte, da der Mangel an Luft der Kälte des Weltenraums kein Hindernis entgegensetzte.
Mors sah, daß diese Männer etwas trugen, es glich einer großen Kapsel, die vom Rücken herabhing, vielleicht war es ein Kautschuksack mit Sauerstoff. Diese Unholde schienen sich gegen das Verderben zu wehren.
Sie taumelten und wankten, dann rannten sie wieder nach dem halbzerstörten Weltenfahrzeug zurück, als ob sie dort Schutz suchen wollten.
Auch andere Gestalten tauchten dort empor, aber das waren Neger. Mors sah die riesigen Gestalten der Schwarzen, die jetzt offenbar mit dem Tode rangen. Er sah, wie sie auf den Metallrumpf des vernichteten Weltenfahrzeugs kletterten, mit den Armen wild umherfuchtelten und dann leblos auf die glitzernden Steinblöcke rollten.
Dort begann der Kampf mit dem Tod, dem in kurzer Zeit alles Lebende in dem feindlichen Fahrzeug zum Opfer fallen mußte.
Noch blickte er auf das grausige Bild, da schrillte die elektrische Glocke.
Mors fuhr herum und sah sofort eine neue Gefahr. Das dritte und letzte amerikanische Fahrzeug war soeben in Sicht gekommen und mit fürchterlicher Geschwindigkeit auf den »Meteor« losgeschossen.
6. Kapitel. Im Urstoff versunken.
Der Luftpirat hatte gerade noch Zeit, den Hebel des Riesenmagneten herumzuwerfen.
Eine Sekunde später und der »Meteor« wäre von dem Rammstoß getroffen und höchstwahrscheinlich in zwei Teile gespalten worden.
So aber entging Mors noch durch eine geschickte Wendung seines Fahrzeuges der drohenden Gefahr, obwohl ihn dieses verzweifelte Manöver beinahe gegen die leuchtenden Felsen schleuderte.
Er sah noch, wie der graue Körper des Feindes dicht an der gläsernen Scheibe vorüberglitt und dann zurückprallte.
Der Feind war mit dem gefährlichen Rammsporn gegen die Bergwand gestoßen, aber er hatte mehr Glück als das zweite Weltenfahrzeug.
Der Koloß zerbrach nicht, nur der Sporn wurde etwas verbogen. Deutlich sah Mors, wie dieser spitze, stählerne Sporn in eine Art Papageischnabel verwandelt worden war. Er war bedeutend gekrümmt und deshalb lange nicht mehr so gefährlich.
Unmittelbar darauf wendete Mors sein Fahrzeug, sodaß die Inder ihre Geschütze gebrauchen konnten.
Sie zögerten keinen Augenblick, und überschütteten den Feind mit einem Hagel von Geschossen. Diese trafen gut, und da die Geschosse aus ziemlicher Nähe abgefeuert wurden, merkte der Gegner den Ernst der Lage.
Ferner hatte man dort das zweite zerstörte Weltenfahrzeug gesehen und da mochte man das gleiche Schicksal befürchten.
Genug, der Riese erhob sich und fuhr mit fürchterlicher Geschwindigkeit in die Höhe, Mors aber war gleich hinter ihm her, fest entschlossen, die Entscheidung herbeizuführen.
Das Blättchen hatte sich gewendet. Aus dem Angreifer war ein Flüchtender geworden. Das letzte der feindlichen Weltenfahrzeuge wendete sich und sauste mit unheimlicher Geschwindigkeit ins Endlose hinein.
»Wir dürfen ihn nicht entkommen lassen,« rief Mors seinem treuen Terror zu. »Zwei der Feinde sind vernichtet und auch der dritte muß fallen. Vorwärts, ihm nach, wir müssen das äußerste aufbieten.«
Wieder begann die wilde Fahrt, aber diesmal in die Saturnwelt hinein.
Mors behielt den Feind unablässig im Auge und da sah er, wie derselbe dem größten der acht Saturn-Trabanten zustrebte.
Dieser Mond, der eine eigentümlich gelbrote Färbung besaß, war das nächste Ziel. Dort schien der Verfolgte Schutz suchen zu wollen.
Es war ein großartiger Anblick, wie die beiden Weltenfahrzeuge durch den Raum dahinjagten, dem riesigen Mond zu, der mit jedem Augenblick an Größe zunahm.
Sicherlich besaß dieser Trabant Luft oder wenigstens eine Hülle, die der Luft sehr ähnelte.
Diese Schicht schien aber ungemein dick zu sein und glich einem grauen Nebel, aus dem nur zuweilen die gelbrote Oberfläche des Gestirns hervorleuchtete.
Der Verfolgte strebte unablässig auf diese nebligen Massen zu. Dort wollte er sich vielleicht verbergen, einen Platz suchen, an dem er die Schäden ausbessern und vor allen Dingen den gefährlichen Stahlsporn für einen neuen Angriff bereit machen konnte.
Das mußte Mors vermeiden, aber er sah ein, daß der Gegner vor ihm auf dem Monde des Saturn anlangen mußte.
Immer näher kam die Nebelhülle. Mors sah deutlich, wie der verfolgte Feind hineintauchte.
»Ihm nach, ihm nach,« rief Mors unwillkürlich, als ob er mit sich selber spräche. »Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren. Schließlich benutzt er die Dunsthülle, um die Ringe des Saturn zu erreichen. Das wäre das Schlimmste. Ich muß ihm auf den Fersen bleiben.«
Wenige Minuten später tauchte der »Meteor« gleichfalls in die Dunsthülle.
»Terror, prüfe ob das Luft ist,« rief Mors seinem Gefährten zu. »Sieh zu, ob diese eigenartige Dunsthülle die Elemente enthält, welche zum Leben nötig sind.«
Der wackere Ingenieur ließ sich das nicht zweimal sagen. Hastig begab er sich zu einem Apparat, der in einer Ecke des Lenkraumes angebracht war und zur Prüfung der Außenwelt diente.
Kleine Röhren führten durch die Metallwand des Weltenfahrzeuges hindurch und in wenigen Augenblicken konnte sich Terror über die Beschaffenheit der sonderbaren Dunsthülle orientieren.
»Es ist Luft, Kapitän,« rief er freudig. »Sie ist zwar dick und schwer, aber sie läßt sich atmen.«
Die Dunsthülle schien sehr dick zu sein und umgab den »Meteor« wie ein leichter Nebel. Man konnte nicht weit sehen, sodaß Mors die Schnelligkeit des Weltenfahrzeuges vermindern mußte.
Da schrie Terror laut auf.
»Kapitän, Vorsicht, Vorsicht!« rief er. »Da seht, unter uns, da ist alles glühend.«
Mors übergab seinem treuen Gefährten die Maschinen, und sprang an das Ausguckfenster.
Ein unheimlicher Anblick bot sich dar.
Es schien, als ob die Oberfläche des Saturnmondes, die man jetzt erblickte, aus einer feurig-flüssigen Masse bestände. Diese Masse glich einem glühenden Ozean und wogte hin und her.
Aus diesem scheinbar glühenden Meere aber ragten hier und dort zackige Kuppen hervor, die kleinen Inseln glichen.
Der »Meteor« schwebte schon dicht über der gefährlichen Oberfläche des Saturnmondes.
Mors legte die Hand an die Glasscheibe.
War das wirklich Glut, so mußte sich die Hitze bemerkbar machen. Wie wunderte sich daher der Luftpirat, als er beim vorsichtigen Berühren der dicken Glasscheibe keine merkbare Veränderung entdeckte.
»Terror,« rief er seinem Gefährten zu. »Das sind keine feurigen Massen, sondern jener Stoff, von dem der Professor gesprochen hat. Der ist noch nicht so dicht wie Wasser und auch kein Gas, es ist der Urstoff, aus dem die Welten entstanden sind. Der ist nur feurig gefärbt, er enthält keine Glut. Von einer unnatürlichen Hitze haben wir nichts zu befürchten.«
»Mag sein,« brummte Terror. »Davon verstehe ich wenig, aber ich habe doch die Empfindung, als ob mit dem glänzenden, funkelnden Zeug da unten nicht zu spaßen ist.«
Mors blickte jetzt durch die Glasscheiben.
Es schien, als ob sich der Nebeldunst verzog, als ob das Himmelsgewölbe wieder sichtbar wurde. Gleichzeitig erblickte er den Riesenplaneten mit seinen Ringen.
»Da ist der Feind,« schrie Terror, als er neben Mors getreten. »Dort, Kapitän, dort -- seht Ihr, da fliegt er eben schwerfällig über die Felsenspitzen.«
»Wirklich, da ist er,« antwortete der Luftpirat, »aber der macht ja ganz sonderbare Bewegungen.«
»So ist es, Kapitän,« versetzte Terror. »Es sieht wahrhaftig aus, als ob das kolossale Ding hüpfte und springt, es scheint, als wollte der Koloß empor und könnte nicht, als würde er von einer unnatürlichen Gewalt immer wieder herabgezogen.«
»Du hast recht,« erwiderte Mors. »So ist es, und er wird auch hinabgezogen. Ganz so wie wir in diesem Augenblick. Betrachte die Instrumente, wir sind am Sinken.«
»Alle Teufel,« rief Terror. »Da müssen wir ja rasch in die Höhe! Rasch, Kapitän, es ist gerade so, als ob die zähe Masse uns hinunterzwingt. Das ist ja unheimlich.«
Mors ergriff die Hebel, die den Riesenmagneten in Bewegung setzten.
Er riß und zog daran, alles gehorchte. Man hörte deutlich, wie sich die Diamanten laut knirschend drehten. Man sah, wie sprühende Blitze aus den großen Edelsteinen hervorfuhren. Aber es war umsonst. Vergebens wurde der Magnet gegen die grauen Felsspitzen gerichtet. Tiefer sank der »Meteor«, immer tiefer.
Da deutete Terror wieder auf das Fenster.
»Kapitän, seht, seht,« rief er.
Der Luftpirat vergaß einen Moment sein eigenes bedrohtes Fahrzeug. Der Anblick, der sich ihm darbot, war geradezu grausig.
Dort war das verfolgte amerikanische Weltenfahrzeug, aber es hüpfte und sprang nicht mehr. Es befand sich bereits über der wogenden, scheinbar glühenden Masse. Der Urstoff leckte daran empor wie die feurigen Zungen.
Jetzt tauchte der Riese ein, langsam, ganz langsam, drüben machte man offenbar verzweifelte Anstrengungen, um der Katastrophe zu entgehen.
Es war vergebens, das feindliche Fahrzeug sank tiefer und tiefer, die seltsame Masse brodelte um das dem Verderben geweihte Werk von Menschenhand herum.
Jetzt ragte nur noch der Aufbau auf der Galerie empor, noch einmal funkelte der stählerne Sporn, welcher Kapitän Mors bald verhängnisvoll geworden.
Nun schlugen die leuchtenden Massen hoch empor, ganz wie das Wasser, wenn etwas Schweres hineinstürzt. Das dritte und letzte Weltenfahrzeug der Amerikaner war spurlos verschwunden.
»Die Natur hat selbst gerichtet,« sprach Mors. »Die Elemente haben ihr Zerstörungswerk ausgeübt. Sie haben das getan, was uns vielleicht nicht möglich gewesen wäre. Terror, die Erde ist von einer ungeheuren Katastrophe gerettet.«
»Und das hat sie Euch zu verdanken, Kapitän,« erwiderte der treue Mann. »Wäret Ihr nicht gewesen, so würde eine geradezu entsetzliche Katastrophe über die irdische Welt hereingebrochen sein. Aber ich bezweifle, ob man Euch dafür danken wird.«
»Ich begehre auch gar keinen Dank,« erwiderte der Luftpirat finster. »Ich habe das, was ich getan, nur aus Menschlichkeit vollbracht. Das ist meine Befriedigung, das ist mir tausendfacher Lohn.«
»Ganz recht, Kapitän,« brummte Terror. »Aber ich fürchte, Ihr müßt Eure Aufopferung teuer bezahlen und wir mit Euch. Seht auf die Instrumente. Wir sinken tiefer und tiefer. Der Magnet wirkt nicht mehr, wir werden von diesen Massen da unten mit unwiderstehlicher Kraft angezogen. Wir teilen das Schicksal der Amerikaner!«
Terror hatte recht.
Der »Meteor« begann jetzt ebenfalls mit jenen hüpfenden und springenden Bewegungen, die man vorher bei dem versunkenen Fahrzeug gewahrt. Er begann sich ebenfalls in ganz eigentümlicher Weise zu bewegen.
Das Vorderteil strebte empor, das Hinterteil mit dem Magneten wurde unablässig hinabgezogen.
»Jetzt ist es aus, Kapitän,« meinte Terror. »Jetzt kommt das letzte.«
»Noch nicht,« erwiderte Mors. »Ich sehe jetzt, woran es liegt, daß wir nicht in die Höhe kommen können. Die brodelnde Masse da unten übt nur einen Einfluß auf die Lenkstangen aus, die aus einem Metall bestehen, welches der Anziehung nicht widerstehen kann. Wir müssen die Isolierketten einschalten, dann wird sich der »Meteor« wieder erheben.«
Terror sprang schon nach der Maschinerie, welche diese Aenderung bewerkstelligte.
»Zu spät, Kapitän,« rief er tonlos, »wir tauchen schon ein. Wir haben die Oberfläche dieses unheimlichen Weltkörpers erreicht, wir sind im Sinken!«
»Nein, noch ist es nicht zu spät,« rief Mors. »Wir müssen hinauf und die Lenkstangen von der Galerie aus lösen. Wenn die Ketten den Magneten allein halten, kommen wir hoch. Rasch, rasch, es ist kein Augenblick zu verlieren.«
Die beiden Männer stürmten nach vorn.