Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 63: Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges
Part 1
63. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.)
Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.
Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges.
Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin
Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges.
1. Kapitel. Die Welt in Gefahr.
»Halt, wer da! Antwort -- oder ich schieße!«
Diesen Worten folgte das scharfe Knacken eines Revolverhahns. Sonst umgab Dunkelheit diese nächtliche Szene.
»Schießen Sie nicht,« tönte eine sonore Stimme. »Ich komme zwar zu ungewöhnlicher Stunde, aber ich bin kein Dieb, kein Mörder.«
Im nächsten Moment blitzte das helle Licht einer elektrischen Lampe auf.
Das blendende Licht beleuchtete ein geräumiges, sehr behaglich eingerichtetes Zimmer, an welches ein großes Schlafzimmer stieß.
Der Vorhang, welcher dies Gemach von dem Zimmer trennte, war zurückgeschoben.
Dort stand ein Mann in mittleren Jahren, der in aller Hast einen Schlafrock angezogen zu haben schien.
Er war wohl offenbar aus dem Bett gesprungen, seine bloßen Füße steckten in Pantoffeln und in der rechten Hand hielt der Mann einen scharfgeladenen Armeerevolver.
Die Unruhe dieses Herrn war erklärlich, denn das Geräusch eines zerbrochenen Fensters weckte ihn aus dem besten Schlummer.
Der Fensterladen vor der großen Spiegelglasscheibe war emporgehoben und die Scheibe selbst durch einen anscheinend mit großer Wucht geführten Schlag zertrümmert.
Das elektrische Licht aber hatte nicht der Bewohner dieser Räume entflammen lassen, sondern ein Eindringling, der zur Mitternachtsstunde durch das zerbrochene Fenster hereingekommen sein mußte.
Da stand dieser Mann, dessen athletische Gestalt durch einen grauen Mantel in militärischem Schnitt verhüllt wurde.
Er stand hoch aufgerichtet, in der Linken die elektrische Lampe haltend, eine blaue Mütze mit breitem, goldenem Streifen bedeckte seinen Kopf, während eine schwarze Halbmaske das energische, kühn geschnittene Antlitz bedeckte.
»Da bin ich,« sprach er zu dem schier fassungslosen Bewohner dieser Räume. »Sie haben mich gerufen. Ich habe den geheimnisvollen Hilferuf in einer der größten Zeitungen des Kontinents gelesen. Ich habe die Bedeutung desselben verstanden. Daß ich zur Nachtzeit hierherkommen mußte, ist freilich ungewöhnlich, aber ich kann nicht anders. Kapitän Mors steht vor Ihnen!«
Gleichzeitig hatte der rätselhafte Besucher ein großes Zeitungsblatt unter seinem Mantel hervorgezogen.
»Dieses Inserat stammt von Ihnen, nicht wahr?« fuhr er fort, während der so jäh aufgeweckte Mann vor ihm noch immer nicht wußte, ob er wachte oder träumte. »Hier lesen Sie, das ist das Inserat, in welchem ich, Kapitän Mors, aufgefordert werde, die Welt und deren Bewohner vor einer Katastrophe zu bewahren. Und zwar vor einer Katastrophe, wie sie die Weltgeschichte noch nicht kennen soll. Diese Worte hier sind nur für mich berechnet. Anderen würde dies Inserat als die Eingabe eines Wahnwitzigen erscheinen. Aber Sie haben Ihre Gründe gehabt, dieses Inserat so geheim zu halten. Ich bin dem Rufe gefolgt. Sprechen Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?«
Der Aufgeweckte ließ den Revolver sinken.
Sein Gesicht war ungemein geistvoll und verriet den Denker, zugleich aber auch den Mann, der, wenn er wollte, auch recht energisch aufzutreten vermochte.
»Sie sind Ingenieur Reymond,« fuhr Kapitän Mors fort. »Sie haben gewußt, daß ich mich stets über alles, was in der Welt vorgeht, auf dem Laufenden halte, daß ich alle großen Zeitungen genau lese. Nun sagen Sie mir alles, denn ich habe Zeit, so lange die Dunkelheit dauert. Beim ersten Morgengrauen muß ich den Rückweg antreten.«
»Aber um Himmels willen, wie sind Sie nur hier hereingekommen?« fragte der Ingenieur, als er sah, daß sich Kapitän Mors ruhig in einem Sessel niederließ. »Dieses turmartige Gebäude ist ja sechs Stock hoch. Da vermöchte nicht einmal eine Katze hinaufzugelangen.«
»Je höher, desto besser,« erwiderte der Luftpirat mit eisiger Ruhe. »Im übrigen gibt es für mich wenig Hindernisse. Doch zur Sache. Ich nehme an, daß die Angelegenheit, die mich hierher geführt hat, eilig ist und daß es sich in der Tat um das Schicksal der ganzen Welt handelt.«
Ingenieur Reymond war gewiß kein Feigling, er gewann bald seine Selbstbeherrschung wieder.
Er betrachtete den berühmten Mann, von dem die Welt so viel erzählte, mit einem Gemisch von heimlichem Grauen und Bewunderung.
Rasch war eine Lampe entzündet und der Ingenieur nahm seinem unheimlichen Besucher gegenüber Platz.
»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Genug, ich bin der technische Leiter eines riesigen Etablissements, welches Maschinenteile liefert. Dort erschienen vor einiger Zeit ein paar Männer, die ich für Amerikaner halte. Sie machten verschiedene Bestellungen und sprachen hauptsächlich mit dem zweiten Leiter der Fabrik, ich hatte zu jener Zeit eine andere, sehr wichtige Arbeit vor und achtete wenig auf die Fremdlinge. Erst durch einen Zufall wurde mein Verdacht rege, nämlich, als ich von meinem Kollegen erfuhr, daß an die fremden Herren Maschinenteile abgeliefert wären, über deren Verwendung man sich gar keinen Begriff machen könnte. Unglücklicherweise war der Auftrag schon ausgeführt und der Rest der Bestellung abgeliefert, ohne daß ich es zu verhindern vermochte. Nun, ich will wenig Worte machen, Kapitän Mors. Jene Fremden, die übrigens über bedeutende Summen verfügten, haben zweifellos einige Weltenfahrzeuge hergestellt, welche möglicherweise dem wunderbaren Fahrzeug ähneln, mit welchem Sie durch die Weltenräume kreuzen.«
»Ihre Ausführungen setzen mich in einige Verwunderung,« erwiderte Mors, nachdem er einen Augenblick nachgesonnen. »Indessen lassen sich ja wenige Geheimnisse bewahren, und so mag es schon sein, daß hier und da etwas von meinem Weltenfahrzeug bekannt wurde, ganz so, wie ja auch mein Luftschiff von vielen gesehen, betrachtet, von einigen sogar photographiert wurde. Aber das alles überzeugt mich noch nicht, ob der Welt auch wirklich Gefahr droht. Angenommen, jene Fremden hätten in der Tat einige Weltenfahrzeuge hergerichtet, was könnte das der Erde für Schaden bringen?«
»Jetzt kommt die Hauptsache,« erwiderte Ingenieur Reymond. »Deshalb habe ich ja auch meinen Hilferuf in der Zeitung erlassen. Nachdem ich Verdacht geschöpft, spürte ich den Fremden nach und es gelang mir eines Abends durch List, über die ich hier nicht näher sprechen will, die Fremden zu belauschen. Genug, ich verbarg mich in ihrer Nähe und hörte ihren Gesprächen zu, die mich mit Entsetzen erfüllten. Diese gefährlichen Männer wollen eine geradezu grauenvolle Katastrophe herbeiführen und sich dadurch zu Herren der Erde machen. Der eine dieser Unmenschen meinte, die Erde sei viel zu stark bevölkert und es würde gar nicht schaden, wenn die Hälfte der Menschheit vernichtet würde. Hierauf wollte er mit seinem Kumpan eine Tyrannenherrschaft über das Weltall ausüben.«
»So, so,« meinte Mors. »Darüber möchte ich noch einige Fragen stellen. Zunächst, war es Ihnen, mein Herr, denn nicht möglich, diese gefährlichen Menschen verhaften zu lassen?«
»Nein,« erwiderte Reymond. »Ich war allein, ein unglücklicher Zufall wollte es, daß sie mich entdeckten. Sie verfolgten mich sofort und hätten sie mich eingeholt, so wäre ich zweifellos ermordet worden. So aber stürzte ich mich in den Fluß und da ich ein ausgezeichneter Schwimmer bin, hielt ich mich lange genug unter Wasser, während sie überall herumsuchten. Sie glaubten, ich sei ertrunken. Glücklicherweise haben sie mich nicht erkannt, denn sonst gehörte ich längst zu den Toten. Wenn sie aber jenes Inserat in der Zeitung gelesen haben, kommen sie auf die Spur. Deshalb habe ich auch, um mich zu schützen, Vorsichtsmaßregeln getroffen und wohne hier in diesem unzugänglichen Gebäude, hoffend, daß ich von Ihnen eine Nachricht erhalten würde. Statt dessen kommen Sie selbst und das ist umso besser.«
Mors überlegte noch einen Augenblick.
»Herr Reymond,« sprach er dann in seiner gewinnenden Art und Weise. »Ich glaube bestimmt, daß jene Unholde das Inserat gelesen haben und daß sie Ihnen möglicherweise nach dem Leben trachten. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wollen Sie mit mir gehen? Wollen Sie meine Heimat aufsuchen, die geheimnisvolle Insel, die ich bewohne, den Ort, wo Ihnen kein Mörder nahen dürfte? Dort sind Sie sicher.«
»Nein, das kann ich nicht,« entgegnete Reymond. »Ich möchte hier in Frankreich bleiben, bei meinen Instrumenten, bei meinen Büchern.«
»Aber dann kann ich Sie nicht schützen,« erwiderte Mors, »und ich fürchte, daß Sie alsdann dem Verderben verfallen.«
»Nun, ich lasse es darauf ankommen,« erwiderte Reymond. »Ich glaube, hier bin ich sicher.«
»So wenig sicher wie vor mir,« erwiderte der Luftpirat. »Sie sehen ja, daß auch ich hier eingedrungen bin, und diese Unholde könnten das gleiche tun. Also ich biete Ihnen nochmals Schutz in meiner geheimnisvollen Heimat an. Wollen Sie?«
»Ich danke Ihnen herzlichst für Ihr Anerbieten, aber ich kann nicht. Ich hänge zu sehr an Frankreich. Hoffentlich haben jene Unholde auch anderes zu tun, als sich mit mir zu beschäftigen. Doch nun zur Hauptsache. Das, was ich Ihnen sagen will, betrifft die Katastrophe, die den Bewohnern der Erde droht.«
»Ganz recht, das interessiert mich,« erwiderte Mors. »Angenommen, jene Menschen hätten einige Weltenfahrzeuge erbaut, so genügt das nicht, um die Bewohner der Erde zu vernichten, dazu gehören noch kolossale Zerstörungsmittel von einer Furchtbarkeit, gegen die unsere irdischen Sprengstoffe als Kinderspielzeug erscheinen.«
Reymond war aufgestanden.
»Das ist es ja, Kapitän Mors,« sprach er mit furchtbarem Ernst und mit gedämpfter Stimme. »Die Unholde wollen sich einen furchtbaren, zerstörenden Stoff verschaffen, den sie mittelst ihrer Weltenfahrzeuge holen wollen und zwar aus ungeheurer Ferne. Haben sie diesen Stoff, der von geradezu vernichtender Wirkung sein muß, so verwandeln sie ihre Weltenfahrzeuge in Zerstörungsmaschinen und dann wird die Erde von einem Schicksal betroffen, wie es in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen ist. Jene unheimlichen Männer müssen große Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und der Physik besitzen. Wunderbare Kenntnisse, die sie allerdings zu Verbrechen anwenden wollen.«
»Woher gedenken jene Elenden den Zerstörungsstoff zu holen?« fragte Mors, jedes Wort betonend.
»Vom Planeten Saturn,« lautete die Antwort. »Von jenem mächtigen Weltkörper, der seltsamerweise das einzige Gestirn ist, das von Ringen umgeben wird, und diese Ringe, die den Riesenkörper des Planeten umkreisen, bergen nach genauen wissenschaftlichen Beobachtungen eine Materie, die so fürchterlich wirkt, daß sie imstande ist, die ganze Erde in Trümmer zu zerspalten. Diesen furchtbaren Stoff wollen jene Unmenschen holen und damit zur Erde zurückkehren.«
»Ich verstehe,« versetzte Mors mit großer Ruhe. »Sie wünschen, daß ich mit meinem Weltenfahrzeug dies Vorhaben vereitle? Wenn jene Unholde mit dem Zerstörungsstoff zurückkehren, ist es zu spät. Sie würden zuerst mich und meine Fahrzeuge vernichten. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Herr Reymond, und ich erneuere zum dritten Male mein Anerbieten, mit mir nach meiner fernen Insel zu reisen.«
»Nein, ich bleibe in Frankreich,« erwiderte Reymond. »Ich habe jetzt meine Pflicht getan und das Schicksal der Erde in Ihre Hände gelegt.«
»Aber Sie sind verloren, Herr Reymond,« sprach Mors, indem er sich langsam erhob. »Ich fürcht das Schlimmste.«
Es war umsonst. Reymond gab nicht nach, er hing zu sehr an seiner schönen, sonnigen Heimat. In dieser Beziehung war er ein Starrkopf.
Er gab Mors noch verschiedene Informationen, aus denen der Luftpirat den Ort entnehmen konnte, an welchem die Weltenfahrzeuge erbaut wurden.
»Ich schulde Ihnen wirklich außerordentlichen Dank,« erwiderte der Luftpirat. »Ich habe Ihnen sogar das Fenster zerbrochen und Sie in ihrem Schlaf gestört. Sprechen Sie, Herr Reymond, kann ich Sie nicht in irgend einer Weise für diese wichtigen Mitteilungen belohnen?«
»Nein,« erwiderte der Franzose. »Ich bin selbst sehr vermögend und bedarf nichts. Ich habe jene Pflicht erfüllt, welche das Gebot der Menschenliebe vorschreibt und bin überzeugt, daß Sie alles aufbieten werden, um das Furchtbare zu verhindern. Damit bin ich reich belohnt, das genügt vollkommen.«
»Nun denn, so muß ich handeln,« rief der Luftpirat. »Ich darf keine Zeit verlieren. Hier ist vielleicht jede Minute kostbar. Leben Sie wohl, mein Herr, ich ruhe und raste nicht, bis ich das Furchtbare verhindert habe. Gelingt es mir nicht, dann habe ich meinen Untergang gefunden.«
Er sprach diese Worte mit finsterem Entschluß und schwang sich auf das Fensterbrett.
Außerhalb befand sich eine kleine Brüstung, da glaubte der Ingenieur trotz der Dunkelheit zu sehen, daß sich dort etwas Schattenhaftes bewegte.
Er hörte auch ein leises Sausen und Summen, dann schien es, als ob Kapitän Mors in die Nacht hinausspränge.
Er hörte einen leichten Aufprall, aber unmittelbar am Fenster, dann folgte ein Rauschen und Schwirren und da sah Reymond, als ob durch die Finsternis etwas Schwarzes, Schattenhaftes von dannen huschte.
Vorsichtig ließ er den Fensterladen wieder herab, aber er fand in dieser Nacht keine Ruhe.
Wohl aber fand er sie vierundzwanzig Stunden später, und zwar für immer, denn da wurde der Ingenieur Reymond, dieser wackere, von allen geschätzte Mann, auf unerklärliche Weise ermordet aufgefunden.
Der Luftpirat hatte es geahnt, aber Reymond die Warnung des seltsamen Mannes mißachtet. Er war zurückgeblieben, er hatte den Schutz, den ihm Mors anbot, verschmäht. Der wackere Mann mußte seine Menschenliebe mit seinem Leben bezahlen.
2. Kapitel. Zu spät gekommen.
Kapitän Mors hatte mit einer kleinen Flugmaschine, die sich auf dem lenkbaren Luftschiff befand, den Franzosen besucht.
Das Luftschiff selbst lag auf einer der Felseninseln, an der französischen Küste und in der nächsten Nacht befand sich Mors bereits auf dem Rückwege.
Nach glücklicher Fahrt gelangte er auf seiner Insel an, da war es sein erstes, das Weltenfahrzeug zu inspizieren.
Der »Meteor« war jeden Augenblick zu seinem Flug in den Weltenraum bereit und Mors säumte nicht, das Fahrzeug mit einer ausgewählten Mannschaft zu besteigen.
Auch der Professor nahm daran teil, obwohl ihn Mors vor den Gefahren der bevorstehenden Reise warnte.
»Diesmal werden wir uns der Wissenschaft wenig widmen können, Professor,« sprach Mors zu seinem gelehrten Freunde. »Diesmal gilt es eine entsetzliche Katastrophe zu verhindern. Es wäre besser, Sie blieben hier. Ich glaube, es kommt zu den furchtbarsten Abenteuern, zu gefährlichen Kämpfen. Es geht auf Tod und Leben.«
Der Professor war aber nicht zu halten.
Er wußte ja, daß möglicherweise der Saturn besucht wurde. Mors sprach ja die Vermutung aus, daß jene Unheimlichen bereits die Reise nach dem fernen Weltkörper angetreten haben könnten.
»Wie, eine solche Gelegenheit sollte ich verpassen,« rief Professor van Halen enthusiasmiert, »nimmermehr, der Saturn birgt ja die größten Rätsel, ich bebe förmlich bei dem Gedanken, diesen wunderbaren Weltkörper in der Nähe zu sehen. Nehmen Sie mich mit, Kapitän, ich bitte Sie darum. Sie machen mich unglücklich, wenn Sie mich zurücklassen.«
Mors gab nach, aber er war diesmal ernst und düster wie nie zuvor.
Er nahm nur Terror mit und hinterließ Star und Herbert genaueste Instruktionen für den Fall, daß er von der abenteuerlichen Fahrt nicht mehr wiederkehren sollte.
Diese Instruktionen betrafen das Schicksal der Insel mit allem, was sich darauf befand. Es war kein Zweifel, wenn Mors zu Grunde ging, so würde auch sein ganzes Werk vernichtet.
Inzwischen hatte der Luftpirat die Kunde von Reymonds Tod erfahren.
»Ich habe ihn gewarnt,« sprach er, als er die Nachricht las. »Aber der Unglückliche wollte ja nicht hören. Nun, vielleicht kann ich ihn wenigstens rächen.«
Nach den Angaben des Ingenieurs befand sich der Ort, an dem die geheimnisvollen Amerikaner ihre Weltenfahrzeuge erbaut hatten, irgendwo im Süden der Vereinigten Staaten Nordamerikas.
Dorthin waren die Maschinenteile geschickt worden und Reymond, der sich um diese Angelegenheiten sehr bekümmert, hatte Mors noch Winke gegeben, welche die Nachforschungen des Luftpiraten erleichterten.
Diesmal wendete sich das Weltenfahrzeug nicht nach dem Weltenraum, sondern durchschoß mit Blitzesschnelligkeit die Luftzonen über der Südsee und wendete sich nach den südkalifornischen Landschaften.
Ein Zufall unterstützte Mors, der sein wunderbares Fahrzeug in den wilden Gebirgen der Sierra Nevada landen ließ und von dort aus einige Späher aussandte.
Bald erhielt er die Nachricht, daß an der Grenze des Staates Sonora, der schon zu Mexiko gehörte, merkwürdige Dinge beobachtet worden seien, die auf eine sonderbare Arbeit schließen ließen.
Wenige Tage später wurde der Verdacht bestätigt, dort hatten die geheimnisvollen Amerikaner gearbeitet, dort hatten sie ihre Weltenfahrzeuge, zu denen sie sich die Materialien in verschiedenen Ländern bestellt, zusammengesetzt.
Ob die Pläne zu diesen wunderbaren Fahrzeugen von ihnen selbst ausgesonnen worden waren, ob sie einiges über Mors' Weltenfahrzeug durch Verrat vernommen, blieb in Dunkel gehüllt. Genug, die Geheimnisvollen hatten derartige Fahrzeuge zusammengestellt, montiert und für die Fahrt in den Weltenraum bereit gemacht.
In der nächsten Nacht befand sich Mors mit seiner ganzen Mannschaft wieder im »Meteor«, der ihn mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit nach der bezeichneten Gegend brachte.
Das war eine Einöde, die selten oder nie von Menschen betreten wurde. Dort hatten die Unheimlichen mit Muße arbeiten können.
Als der Morgen graute, war Mors an Ort und Stelle, fest entschlossen, alles, was er an Zerstörungsmaschinen besaß, zur Vernichtung dieser gefährlichen Menschen und ihrer Werke aufzubieten.
Schon sah er in der Einöde große Wellblechhallen, die zum Schutz gegen die Witterung gedient hatten.
Regen gab es hier selten, deshalb dienten diese Wellblechhallen wohl nur als Schutz gegen die glühende Sonne.
Der »Meteor« erhob sich über diesen Hallen, alles war bereit, um das Zerstörungswerk auszuüben.
Der Luftpirat aber ballte grimmig die Fäuste, denn er sah von oben in leere Räume. Die drei großen Hallen bargen nichts mehr als einige Gerätschaften und Werkzeuge. Die Flugmaschinen aber, die man drin montiert, die waren verschwunden.
Mors ließ den »Meteor« zu Boden sinken und verließ mit einigen Indern das Weltenfahrzeug.
Plötzlich begannen einige der Inder zu rennen und zu laufen und sausten wie Antilopen hinter einer Gestalt her, die mit wilden Sprüngen zu entkommen suchte.
Bald darauf vernahm Mors lautes Gekreisch, die Inder kehrten zurück und führten in ihrer Mitte einen Mischling, einen sogenannten Mulatten.
Der Mann war halbtot vor Angst und glaubte, daß es ihm an den Kragen ginge. Beim Anblick des Luftpiraten schnappte er beinahe über und flehte mit jämmerlicher Stimme, ihm das Leben zu schenken.
Mors beruhigte den Zitternden. Es stellte sich heraus, daß der Mulatte zu den Arbeitern gehörte, die an dieser Stätte für die Fremdlinge tätig gewesen waren.
Die Unheimlichen hatten die Arbeiter reichlich belohnt und sie dann entlassen. Der Mulatte aber war dem Trunke ergeben und hatte sich zur Feier, daß die Arbeit beendigt, so bezecht, daß er in einer Felsenspalte zurückblieb.
Als er erwachte, fand er sich allein und war gerade im Begriff gewesen, den Weg nach der nächsten Ansiedlung zu suchen.
»Wo sind die Leute, die hier gearbeitet haben?« fragte Mors hastig.
»Sie haben drei wunderbare Maschinen gebaut,« erwiderte der Mulatte zaghaft. »Damit sind sie in den Himmel hineingeflogen.«
»Also zu spät gekommen,« erwiderte Mors. »Aber der Vorsprung kann nicht allzugroß sein. Ich muß ihnen nach. Ich muß das Schreckliche verhindern! Freilich, es wird im Weltenraum zum Kampf auf Tod und Leben kommen.«
Dem Mulatten wurden noch einige Fragen vorgelegt, und Mors entnahm daraus, daß jene unheimlichen Amerikaner einen Vorsprung von sechsunddreißig bis vierzig Stunden besitzen müßten.
Mors gab dem Erschrockenen noch einige Goldstücke und bestieg mit seinen Mannschaften das Weltenfahrzeug, welches der Mulatte dumm und blöde anstarrte.
Seinen Aussagen nach hatten die Weltenfahrzeuge der Amerikaner ein anderes Aussehen besessen, als der »Meteor«; sie waren etwas kleiner, aber auch mit flüssiger Luft und mit Riesenmagneten ausgerüstet.
Mors gab den Befehl zur Abfahrt, die Türen schlossen sich, der »Meteor« hob sich.
Dann hörte man das eigentümliche Surren, welches die Tätigkeit des Riesenmagneten verkündete. Der »Meteor« hob sich, und schoß mit furchtbarer Geschwindigkeit in die Lüfte, den Augen des nachschauenden Mulatten im Nu entschwindend.
* * * * *
Mors hatte den Professor und Terror von allem, was er erfahren, in Kenntnis gesetzt.
»Es handelt sich darum, die Erde vor einer Katastrophe zu schützen,« sprach er kalt. »Wir haben es mit drei Gegnern zu tun und wenn dieselben auch etwas kleiner sind, als unser Fahrzeug, so könnten sie doch durch ihre Ueberzahl einen Vorteil gewinnen. Es handelt sich also darum, daß wir nicht allein diese drei Weltenfahrzeuge einholen, sondern sie einzeln vernichten, vor allen Dingen aber verhindern, daß sie vor uns nach dem Planeten Saturn kommen. Erreichen sie diesen Planeten vor uns und gelingt es ihnen, sich des zerstörenden Stoffes, der in den Ringen zu finden ist, zu bemächtigen, so ist die letzte Hoffnung geschwunden. Jene Schurken sind Verbrecher, obgleich sehr gebildete Verbrecher. Sie werden ihre Wissenschaft und ihre Kenntnisse zum Unheilstiften anwenden. Zunächst würden sie uns vernichten und dann nach der Erde zurückkehren, um daselbst ein Blutbad anzurichten, gegen welches die fürchterlichsten Kriege der Weltgeschichte als Spielerei erscheinen. So steht es. Wir haben auf keine Schonung zu rechnen. So wenig wie wir solche selbst ausüben werden. Vorerst bleibt uns nichts übrig, als die ganze Schnelligkeit des »Meteor« zu benutzen und Ausguck nach den drei Weltenfahrzeugen zu halten.«
Letzteres übernahm der Professor, der ja am Fernrohr die größte Uebung besaß. Mors und Terror teilten sich in die Handhabung der Maschinen.
Noch nie hatte der »Meteor« so schnell die Luftzone der Erde durchschnitten wie dieses Mal. Noch nie war er mit so furchtbarer Schnelligkeit in den Weltenraum hinausgefahren.
Mors schien die Gefahren, die der Weltenraum barg, diesmal gar nicht zu beachten. Er kümmerte sich nicht einmal darum, daß er bei dieser Gelegenheit eine Meteorsteinzone streifte.
Terror war gewiß ein Mann von Eisen, aber ihm grauste beinahe, als er sah, mit welcher Rücksichtslosigkeit Mors diesmal das Fahrzeug handhabte.
Bei einem Zusammenstoß wäre das Weltenfahrzeug in Atome zermalmt worden, aber Mors pochte auf sein Glück, welches ihm schon so oft in den gefährlichsten Tagen seines Lebens beigestanden.
Er trotzte den Gefahren, er steigerte die Schnelligkeit des »Meteor« bis ins Unglaublichste.
Selbst der Professor beobachtete manchmal kopfschüttelnd die Instrumente, welche die Schnelligkeit des Fahrzeuges anzeigten.
»Kapitän,« sprach er zu dem Luftpiraten. »Wir fahren mit einer geradezu entsetzlichen Geschwindigkeit. Stoßen wir bei dieser Gelegenheit mit einem Weltkörper zusammen, so werden von unserem »Meteor« nicht einmal Atome übrig bleiben.«