Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 56: Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten

Part 2

Chapter 23,558 wordsPublic domain

Die merkwürdigen Verfolger des Weltenfahrzeugs waren verschwunden und irgend wo in den unendlichen Raum des Weltalls untergetaucht.

Möglicherweise hatten jene intelligenten Wesen, welche diese rätselhaften Fahrzeuge leiteten, eingesehen, daß sie das Weltenfahrzeug nicht einholen konnten. Möglicherweise aber waren sie nur der gefahrdrohenden Anziehungskraft des Jupiter aus dem Wege gegangen.

Mors hatte übrigens verschiedenes getan, um dem Bannkreis zu entkommen, aber als er merkte, daß dies keinen Zweck hatte, ließ er die Dinge ihren Lauf gehen.

Er vertraute seinem Glücksstern, er meinte, es würde ihm schon gelingen, wieder von dem Riesenplaneten hinwegzukommen.

Nun schoß sein Fahrzeug mit großer Geschwindigkeit nach dem Planeten Jupiter hinüber.

Es war überraschend, mit welcher Schnelligkeit sich derselbe vergrößerte. Ein Beweis, daß er eine ungeheure Anziehungskraft ausübte.

Schon verschwand die leuchtende Sonne neben der ungeheuren strahlenden Scheibe, die schließlich den größten Teil des Firmaments einnehmen mußte.

Die Mannschaften des Weltenfahrzeuges betrachteten natürlich diese sich fast mit jeder Stunde vergrößernde Scheibe des Riesenplaneten mit gemischten Gefühlen.

Die einzigen, welche kaltblütig darüber dachten, waren die beiden Normannen, die ja schon mehrere Weltenfahrten mitgemacht hatten, dagegen verrieten die neuangeworbenen Inder trotz ihres sonstigen Mutes und ihrer Entschlossenheit jene abergläubische Scheu, die sich beim Anblick von etwas Fremdartigem nie ganz verbergen ließ.

Die Leute sahen alle auf Mors, aber als sie bemerkten, daß dieser ganz ruhig blieb, schienen auch sie ruhiger zu werden.

Vielleicht ergaben sie sich mit jenem Fatalismus, der den Orientalen eigen ist, in das Unvermeidliche. Aber sie meinten wohl im Geheimen, daß ihre Laufbahn hier ein Ende nehmen würde.

An Mors wagte sich niemand heran, denn vor diesem Manne empfanden die Leute bei aller Verehrung immerhin Scheu.

Deshalb gingen sie zu Terror, der freilich auch nicht viel gesprächiger als der Kapitän war.

Die neuangeworbenen Inder hatten einen der ihren zum Wortführer erwählt und dieser Mann wendete sich an Terror mit der Frage, wohin die Reise eigentlich ginge.

»Na, Ihr seht es ja, zu diesem Planeten dort,« erwiderte Terror etwas knurrig. »Bei solchen Reisen, wie wir sie unternehmen, müssen wir immer auf Abenteuer rechnen. Der Kapitän hat übrigens gesagt, daß die Sache nicht viel zu bedeuten hat, und daß auf diesem riesigen Weltkörper dort sicherlich Luft und Wasser existiert. Na und wenn wir da auch ein Weilchen bleiben müssen, das schadet nichts. Der Kapitän hat schon ganz andere Dinge vollführt, der wird auch von da wieder loskommen.«

»Und wenn wir nicht wieder loskommen?« fragte der Inder.

»Dann bleiben wir eben dort,« erwiderte Terror. »Ich bin ganz zufrieden damit, wenn ich nur bei meinem Kapitän bin, alles andere ist mir gleichgiltig.«

Der Inder hatte aber noch eine wichtige Frage auf dem Herzen.

»Werden wir unseren Gott Brahma dort vorfinden?« fragte er feierlich. »Wenn uns der Tod bevorsteht, so wollen wir wenigstens in das Paradies Brahmas gelangen.«

Terror aber war kein Freund von den Heldengöttern, besonders nicht von Brahma, da derselbe, wie er einmal gehört, mehrere Köpfe und eine ganze Anzahl Arme besitzen sollte.

»Ja, das weiß ich wirklich nicht,« erwiderte er. »Wenn Ihr hinkommt, könnt Ihr Euch ja mal nach ihm umsehen. Vielleicht findet Ihr ihn. Im übrigen laßt mich nun mal in Ruhe, denn ich habe mich um meine Instrumente zu bekümmern. Die Maschinen müssen tadellos funktionieren, wenn es nötig wird. Mit Eurem Brahma hat es noch Zeit, bis wir ankommen. Vorläufig braucht Ihr ihn ja noch nicht, denn Ihr seid ja noch alle am Leben.«

Der Inder schnitt ein verdrießliches Gesicht, denn es gefiel ihm ganz und gar nicht, daß sich Terror in solcher Weise über ihre Gottheit äußerte.

Terror wendete ihnen einfach den Rücken zu und ließ die Inder mit ihrem Brahma machen, was sie wollten.

Die Leute kehrten also wieder an ihre Beschäftigung zurück, aber sie befanden sich offenbar in einiger Erregung.

Man hörte sie öfter flüsternd sprechen und Bemerkungen über das Kommende austauschen. Einige meinten auch, Terror müsse, da er so unehrerbietig über Brahma gesprochen, zur Strafe in die Hölle geschleudert werden.

Der Ingenieur aber kümmerte sich nicht mehr um das indische Paradies, sondern setzte alle seine Maschinen instand, damit sie im Notfalle ihre ebenso furchtbaren als nützlichen Dienste leisten konnten.

Näher kam man dem Riesenplaneten und schon sah man mit bloßen Augen ein höchst merkwürdiges Gebilde.

Dieses war schon vor ungefähr vierzig Jahren auf der Erde entdeckt worden und hatte zu den seltsamsten Vermutungen Anlaß gegeben.

Man bezeichnete es als die rote Wolke. Es war dies ein eiförmiger Fleck, der in der dichten Atmosphäre des Jupiter zu schweben schien.

Einige Astronomen glaubten, es sei eine besonders starke Wolkenbildung, die durch irgend einen Umstand die dunkelrote Färbung zeigte.

Andere Beobachter aber glaubten an fürchterliche Vulkanausbrüche dieses Planeten, der sich noch im Urzustand befinden mußte. Die gleiche Meinung hatte auch der Professor.

Beim Näherkommen gewahrte man übrigens, daß man von der Oberfläche des Planeten so gut wie gar nichts sehen konnte.

Das, was man erblickte, waren alles Wolken, welche den Riesenkörper umhüllten, Wolken, welche die Sonnenstrahlen aufleuchtend grell reflektierten.

Der Professor meinte, es würde schon noch anders kommen und war überzeugt, daß man über kurz oder lang einen Blick auf die Oberfläche des Planeten werfen könne.

Der Gelehrte vergaß jede Gefahr und war nur darauf gespannt, die Rätsel des ungeheuren Weltkörpers enthüllt zu sehen.

Er gönnte sich keine Ruhe, vergaß Speise und Trank, und es kam oft genug vor, daß er bei seinen Fernröhren und Instrumenten, von der Müdigkeit überwältigt, die Augen schloß.

Die rote Wolke verschwand übrigens bald, was nicht verwunderlich war, da sich ja der riesige Planet in noch nicht zehn Stunden um seine eigene Achse dreht.

Diese furchtbare Geschwindigkeit mußte es auch bewirken, daß der Koloß an den Polenden stark abgeplattet erschien. Alles aber, was man sah, verriet eine ungemein dichte, im übrigen aber der Erde sehr ähnliche Atmosphäre.

»Luft werden wir genug haben,« sprach der Professor zu Nelly, als sie ihm wieder einmal mit sanfter Gewalt einige Nahrungsmittel aufnötigte. »Ich glaube sogar, unsere Lungen werden ordentlich Mühe haben, in dieser starken Luftmasse zu atmen. Aber der Mensch gewöhnt sich eben an alles. Wasser ist dort auch zu finden. Es sollte mich übrigens nicht wundern, wenn wir durch die ungeheure Anziehungskraft gezwungen würden, bis zu unserem Ende Bewohner des Jupiters zu bleiben.«

Nelly zuckte mit den runden Schultern und ihre Augen glänzten. Solch Abenteuer war recht nach dem Geschmack der phantastisch veranlagten Schönen.

Die Normannen ergaben sich mit Gleichmut in alles, was ihnen bevorstand. Die Inder dagegen saßen oft zusammen und meinten, wie schrecklich es sein müsse, wenn ihr Gott Brahma nicht auf dem Planeten hauste, denn dann wäre ihnen ja das Paradies für ewig verloren.

Unter einem Teil dieser Leute machte sich bereits Unzufriedenheit bemerkbar, aber da die anderen treu zu Mors hielten, so verbargen die Unzufriedenen ihre Empfindungen auf das Sorgfältigste.

Nach zehn Stunden wurde die rote Wolke wieder sichtbar und da sah man schon mit bloßen Augen, daß sie eine ungeheure Ausdehnung besaß. Ihr Umfang war geradezu ungeheuer und es schien, daß dieser dunkelrote Fleck wohl den zwanzigsten Teil der den Weltenfahrern sichtbaren Jupiterscheibe bedeckte.

Ferner sah man andere ungeheure Wolkenmassen, vor allen Dingen aber jene Ringe, die der Jupiterscheibe ein so merkwürdiges Aussehen verleihen.

Zeitweise glaubte auch der Professor, einen Blick durch die dichte Atmosphäre tun zu können.

Es sah zuweilen so aus, als ob die Wolkenmassen zerrissen und Teile der Oberfläche des riesigen Planeten enthüllten.

Geschah dies, so war der Professor gleich mit seinen Instrumenten zur Hand, aber diese Perioden dauerten immer nur ganz kurze Zeit, sodaß van Halen nur wenige klare Beobachtungen machen konnte.

Mors erkundigte sich übrigens bei dem Gelehrten, was er bemerkt hatte, und der Professor gab bereitwilligst Auskunft.

»Man hatte auf unserer Erde angenommen, daß der Jupiter noch fast flüssig sein soll,« sprach er, als er wieder einmal eine Beobachtung gemacht. »Aber nach reiflicher Ueberlegung bin ich überzeugt, daß dies nicht der Fall ist. Das, was ich durch das Fernrohr sehe, bestärkt meine Annahme. Der Koloß befindet sich in einem Zustande, den man auf Erden als die sogenannte Devon-Zeit bezeichnet hat, als die Zeit der Panzerfische, und der ersten Landpflanzen. Aber ich vermute auch, daß auf dem Jupiter noch ungeheuerliche vulkanische Ausbrüche stattfinden und zwar Ausbrüche, bei denen Wasser und Feuer zusammen in Aktion treten.«

»Und was schließen Sie daraus?« fragte der Luftpirat.

»Nun, das eine, daß wir in eine sehr seltsame Welt kommen,« lautete die Antwort, »in eine Welt, wo alle Augenblicke Katastrophen eintreten, Feuer- und Wasserausbrüche, schreckliche Erschütterungen des Festlandes, kurzum, ein wahres wildes Durcheinander, welches jeder menschlichen Beschreibung spottet.«

»Hauptsache ist, daß ich mein Fahrzeug fliegend erhalte,« bemerkte Kapitän Mors. »Wenn mir das gelingt, so können wir vorerst der Wut der Elemente trotzen. Schlimmer wäre es freilich, wenn wir direkt durch die ungeheure Anziehungskraft an den Planeten gebannt würden, sodaß mein Weltenfahrzeug hilflos wird. Versagt der Magnet dann seine Dienste, so können wir nimmermehr nach der Erde zurückkehren.«

»Nun, wir wollen die Hoffnung nicht sinken lassen,« erwiderte der Professor. »Bei solchen großartigen Naturereignissen kann der Mensch sein Wissen und seine Erfahrungen benutzen. Solche Naturereignisse können uns vielleicht sogar zur Rettung dienen.«

Bei den letzten Worten deutete der Gelehrte auf die geheimnisvolle rote Wolke, welche gerade in der Mitte des Planeten schwebte.

Mors zuckte die Achseln und begab sich in den Lenkraum.

Dort arbeitete Terror wie ein Verzweifelter.

Der Brave machte sich wenig aus dem Jupiter, denn als er hörte, wie es dort aussehen sollte, verstärkte sich die Abneigung gegen diese neue Welt.

»Was soll ich dort unter den Panzerfischen und Stachelpflanzen,« brummte er. »Fische esse ich zwar ganz gern, aber ob die Biester dort zu essen sein werden, möchte ich mit Recht bezweifeln, und die Gemüse aus solchen Pflanzen würden uns zwischen den Zähnen stecken bleiben. Aber was hilft es, wenn wir dort bleiben müssen und unsere Vorräte allmählich zu Ende gehen, müssen wir doch mit dem Vorlieb nehmen, was sich dort befindet. In der Not frißt der Teufel Fliegen.«

Terror ließ den Magneten nach allen Richtungen spielen, aber es war umsonst. Die Anziehungskraft des Giganten spottete seinen Bemühungen.

Sein einziger Trost war nur der, daß die Schnelligkeit, mit der das Weltenfahrzeug dahin sauste, einigermaßen gemildert werden konnte.

Immerhin war mit einem Aufsturz des Fahrzeuges auf den Jupiter zu rechnen.

Geschah dies, so mußte das Fahrzeug in Trümmer gehen und alles menschliche Leben darin vernichtet werden.

Aber das ließ sich nicht ändern und es kam sicherlich die Stunde, wo alle menschlichen Machtmittel versagten.

Immer größer wurde der Planet, dem man mit zunehmender Schnelligkeit näher kam. Allmählich breitete sich die kolossale Scheibe über das ganze Firmament aus.

War es Tag, so blendeten die leuchtenden Wolken derartig, daß man Schutzbrillen tragen mußte. Stand die Sonne aber hinter dem ungeheuren Planeten, so wurde es dennoch nicht dunkel, denn die Atmosphäre des Jupiter schien ein eigenes Licht zu besitzen.

Dies war freilich schwach im Vergleich zu dem reflektierten Sonnenlicht, wenn der Planet ganz beleuchtet wurde, war der Glanz derselben kaum zu ertragen.

Der Magnet wurde auf die Scheibe des Jupiter gerichtet, um so die Anziehungskraft nach Möglichkeit abzuschwächen. Mehr konnte man nicht tun. Das Weitere war dem Walten des Schicksals überlassen.

Der Professor berechnete kaltblütig die Zeit, in welcher der Aufsturz stattfinden würde.

Erst waren es noch Tage, nun wurden es nur noch Stunden.

Man hörte van Halen, der jetzt nicht mehr von seinen Instrumenten ging, zuweilen halblaute Worte vor sich hinmurmeln.

»Vier Stunden vierzig Minuten, vier Stunden dreißig Minuten. Vier Stunden zwanzig Minuten, jetzt nur noch vier Stunden!«

Die Inder machten sich auf ein furchtbares Ende gefaßt.

Da sie sehr religiös waren, so empfahlen sie ihre unsterbliche Seele Brahma, der mächtigen, indischen Gottheit.

Die beiden Normannen dagegen machten sich wenig aus dem, was nach ihrem Ende wurde. Van Halen und Terror, sowie Mors hatten nur Sinn für ihre Instrumente und Maschinen.

Mors blieb so ruhig und gelassen, als wenn er sich auf Erden auf seiner geheimnisvollen Insel befände. Er, Terror und van Halen bewunderten im Stillen Nelly, die eine unglaubliche Entschlossenheit zeigte und keine Furcht zu kennen schien.

Sie besorgte die Mahlzeiten wie gewöhnlich und redete den ziemlich niedergeschlagenen Indern zu, daß sie Speise und Trank zu sich nehmen sollten.

Wieder neigte sich der Professor auf seine Instrumente.

»Noch dreißig Minuten,« sprach er. »Dann haben wir den Planeten erreicht. In einer halben Stunde muß sich unser Schicksal entscheiden.«

4. Kapitel. Wunderbare Abenteuer.

Die dreißig Minuten schienen eine Ewigkeit zu werden.

Bald sah man nichts mehr, denn das Weltenfahrzeug befand sich zwischen den ungeheuren Wolkenmassen, die den Jupiter verhüllten.

Mors warf noch einen letzten Blick durch die Gucklöcher, welche durch starke Gläser verschlossen wurden.

Er sah nichts als eine wirbelnde Masse, graue, weiße, braune Wolken, zuweilen auch ein rötliches Aufleuchten.

Jedenfalls befand sich die Atmosphäre des Riesenplaneten in ungeheurer Erregung.

Was da aber vorging, konnte kein Sterblicher sagen.

Die letzten Minuten vergingen.

»Jetzt kommt der Luftprall,« sprach der Professor zu Mors, der mit der Uhr in der Hand die kommenden Dinge erwartete.

Nelly war auch da und sah mit ihren feurigen Augen auf den Luftpiraten.

Wenn es zum Sterben kam, wollte sie wenigstens in seiner Nähe den Tod erleiden.

Jeden Augenblick erwartete man die Katastrophe.

Der Luftpirat war darauf gefaßt, daß das Fahrzeug in Stücke zerschellen würde.

Mit einem Male verspürte man eine seltsame Berührung.

Es war, als hätte das Fahrzeug etwas Weiches, Widerstandsfähiges berührt und dann vernahm man deutlich, wie etwas gegen die gepanzerten Wände schlug.

Der Professor sprang empor.

»Wir sind angelangt,« rief er. »Aber wir sind nicht auf festem Boden, sondern auf Wasser angekommen. Kein Zweifel, der »Meteor« ist mit großer Geschwindigkeit in eine ungeheure Wasseransammlung hineingetaucht.«

Das Meer oder der See oder was es nun sein mochte, mußte sehr tief sein.

Plötzlich richtete sich das Fahrzeug, welches bis dahin eine schräge Lage gezeigt, wieder auf und schoß so schnell empor, daß Nelly und der Professor sich festklammern mußten.

Es schoß direkt aufwärts, aber nun verlangsamte sich die Bewegung nach vorwärts, dafür aber geschah etwas anderes, was nicht minder merkwürdig war.

Das Weltenfahrzeug geriet nämlich in schaukelnde Bewegungen, es war gerade so, als ob irgend etwas Geheimnisvolles, Starkes mit dem »Meteor« spielte.

»Was ist das?« rief Nelly, die sich tapfer festgehalten.

»Wir schwimmen,« sprach Mors, »wir sind wieder aufgetaucht und da der »Meteor« trotz seines ungeheuren Gewichtes, dank seiner Innenräume und der Behälter mit flüssiger Luft, leichter ist als Wasser, so schwimmen wir höchstwahrscheinlich auf der Oberfläche eines Jupiter-Gewässers.«

»Da mag es aber toll hergehen,« meinte Terror, der eben an der Tür erschien. »Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht ein fürchterlicher Sturm diesen Jupiter-See von Grund auf aufwühlt. Wir werden ja hin- und hergeschleudert, als ob unser Koloß eine Seifenblase ist.«

Mors sah wieder durch die kleinen Gucklöcher.

In wenigen Augenblicken überzeugte er sich, daß Terror Recht hatte.

Der »Meteor« schwamm auf einer empörten See, die durch einen fürchterlichen Sturm aufgewühlt wurde.

Da sah man Wellen, gegen die die der irdischen Gewässer harmlos erschienen, Riesenwellen, die das sonderbare Fahrzeug wie einen Spielball hin- und herwirbelten.

Terror und der Professor waren jetzt auch an die Gucklöcher getreten, ebenso Nelly, die mit glänzenden Augen das Naturschauspiel einer unbekannten Welt bewunderte.

Die Schwester Ned Gullys besaß scharfe Augen, und sie war es auch, welche zuerst etwas Ungewöhnliches bemerkte.

»Kapitän,« rief sie plötzlich. »Da ist etwas Dunkles. Das ist Land!«

Wenige Augenblicke später erhielt das umhergeschleuderte Fahrzeug einen gewaltigen Stoß.

Es war aber sicherlich kein Felsen, gegen den es stieß, sondern eine Sandbank.

Man vernahm deutlich, wie das Fahrzeug sich auf der Sandbank hin- und herschob und wie es sich allmählich immer höher auf das Land hinaufwühlte.

Der Sand türmte sich zur Linken und Rechten empor und bildete allmählich einen Schutzwall. Die von dem Sturm gepeitschten Wogen schlugen noch zuweilen über das Achterteil des Weltenfahrzeuges, bis es zuletzt still und unbeweglich im weichen Triebsand ruhte. -- -- -- -- --

Es vergingen viele Stunden, ehe sich der Aufruhr der Elemente legte.

Der Sturm schien schon längst zu Ende gegangen zu sein, aber die Wellen gingen noch immer hoch. Man sah durch die Gucklöcher, wie die Wogenberge über die Oberfläche des unbekannten Meeres hinüberfegten.

Dann kam ja die Nacht, da ja bekanntlich der Tag auf dem Jupiter kaum zehn Stunden lang dauert.

Aber dunkel wurde es nicht, denn der Jupiter besaß ja vier Monde, die eine großartige Beleuchtung spendeten.

Bei diesem Schein sah man die noch immer außerordentlich unruhige Oberfläche der See, auch hörte man das Donnern einer entfernten Brandung.

Mors glaubte auch zuweilen durch die Gucklöcher Umrisse von Felsen und Hügeln sehen zu können, aber die Atmosphäre war sehr wenig durchsichtig.

So blieb denn vorläufig nichts weiter übrig, als daß man die Ruhestätte aufsuchte, aber Mors sorgte dafür, daß stets einige Wachen Ausguck hielten.

Als die Nacht zu Ende ging, gewahrte Mors, daß sich die Oberfläche des Jupitermeeres bedeutend beruhigt hatte.

Da drängte es ihn, hinauszugehen und die Luft dieser neuen, unbekannten Welt zu atmen.

Das war nicht unbedenklich, indessen hatte der Professor schon einige Beobachtungen gemacht und die feste Ueberzeugung ausgesprochen, daß die dicke Luft des Jupiter, wenn auch mit einigen Beschwerden, geatmet werden konnte.

Das Weltenfahrzeug lag ungefähr zur Hälfte in den Sand gebettet, aber die luftdicht schließenden Türen, welche nach außen führten, waren freigeblieben.

Mors öffnete die innere Tür und schloß sie wieder sorgfältig. Er wies jede Begleitung zurück, obwohl Nelly und van Halen ihn nicht verlassen wollten.

Hierauf öffnete der Kapitän vorsichtig die äußere Tür und versuchte, die Luft zu atmen.

Sie war dick, schwer, aber zu ertragen. Sie schien nur eine ungeheure Menge Kohlensäure zu enthalten. Dies verursachte die Empfindung eines leichten Rausches. Da aber der menschliche Organismus sehr anpassungsfähig ist, meinte Mors, daß sich seine Mannschaft auch daran gewöhnen würde.

Jetzt stieg der Luftpirat langsam an der eisernen Treppe hinan, die zur oberen Plattform führte.

Er hatte ein merkwürdiges Empfinden, denn es war ihm zu Mute, als ob sein ganzer Körper aus Blei bestände.

Das war erklärlich, da der Planet Jupiter um soviel mal größer als die Erde war, mußte naturgemäß alles, was sich da befand, auch bedeutend schwerer wiegen.

Immerhin erwies sich dies nicht hinderlich, wenn man Bewegungen mit den Gliedern machte. Mors kam es so vor, als besäße er jetzt die Kraft, einen Felsen zertrümmern zu können.

Jetzt stand er auf der Plattform.

Zur Rechten lag das Meer, dessen Oberfläche noch immer in ziemlicher Bewegung war. Zur Linken aber sah man das Land, welches freilich ein höchst sonderbares Aussehen besaß.

An den Ufern des Meeres dehnte sich ein mächtiger Sandstrand aus, weiterhin stieg das Land empor. Da sah Kapitän Mors Felsen, Hügel und Klippen.

Die meisten aber besaßen eine höchst eigentümliche Form, denn sie waren kegelförmig und auf ihren Höhen befanden sich kreisrunde Öffnungen.

Ferner sah Mors merkwürdige Felsenringe, die fast riesigen Springbrunnenbecken glichen. Das Sonderbarste aber war, daß sie mit Wasser angefüllt waren, welches zuweilen aufbrodelte.

Mors sah sich um, ob er nicht irgendwo Pflanzenleben entdeckte. Es dauerte einige Zeit, ehe er dieses bemerkte, aber endlich gewahrte er solches zwischen den Hügeln.

Diese Flora war sehr spärlich, aber immerhin sah Mors hier und da üppige Pflanzen stehen.

Es waren eine Art Gräser, aber wie der Professor vorausgesagt, ungemein stachelig, alles schien von Dornen förmlich zu starren und das Ganze besaß direkt ein unheimliches Aussehen.

Als Mors in das Wasser blickte, gewahrte er, daß es recht klar und durchsichtig war.

Da unten war ein ganz anderes Leben und da sah Mors zunächst eine Menge Algen und Tang, er sah auch lebende Geschöpfe, die dort ihr Wesen trieben. Fischartige, anscheinend mit Knorpeln und Horn gepanzerte Ungetüme.

»Van Halen hat recht gehabt,« murmelte der Luftpirat. »Das ist hier eine Epoche, die man auf Erden längst überwunden hat. Eine Zeit, die noch der Steinkohlenperiode voranging. Vor allen Dingen eine Welt, in der fürchterliche, vulkanische Erscheinungen zu den alltäglichen Ereignissen gehören. Aber es hilft nichts, wir müssen uns damit abfinden.«

Er erprobte noch einmal die Luft und ging dann hinunter, um seine Gefährten von seinen Beobachtungen zu benachrichtigen.

Mors forderte alle Insassen des Weltenfahrzeuges auf, nach der Plattform zu kommen und die fremdartige Umgebung zu betrachten.

Der Professor und Nelly waren natürlich die ersten, welche diesem Rufe folgten und sich nicht wenig über die bleierne Schwere in den Gliedern wunderten. Mißtrauischer benahm sich schon Terror, der bedächtig die neue Luft einsog und nach allen Richtungen umherschnüffelte.

Er brummte auch allerlei Bemerkungen in den Bart, die keine Schmeicheleien für die neue Welt sein mochten.

Dann kamen die Normannen, die ziemlich gleichgültig die fremdartige Umgebung betrachteten.

Die Inder waren die letzten, die sich auf die Plattform hinauswagten.

Mors beobachtete diese Leute aufmerksam, denn er hatte schon bemerkt, daß die Inder ein wenig verzagt schienen.

Der Luftpirat staunte aber, als die Bewohner der indischen Gebirgswelt, nachdem sie kaum ein paar Blicke auf die Umgebung geworfen, sichtliche Freude verrieten.

Ihre Augen begannen zu glänzen, sie deuteten bald hier hin, bald dorthin, und machten sich auf die sonderbaren Formen der Hügel und Felsen aufmerksam.

Mors trat zu den braunen Leuten.

»Nun, was sagt ihr zu dieser neuen Welt?« forschte er, die Inder betrachtend.

»O Herr,« erwiderte der eine, der das Wort führte, »dieses Land ist uns schon bekannt. Das haben wir schon früher gesehen.«

»Nicht möglich,« erwiderte Mors mit flüchtigem Lächeln. »Ihr habt doch noch keine Reise nach dem Planeten Jupiter unternommen?«

»Wir haben dieses Land auf den Bildern in unseren Tempeln gesehen,« lautete die Antwort. »Es ist das Land, in welchem unser Gott Brahma wohnt. Es ist seine Heimat und deshalb sind wir glücklich. Dort aber, jene wassergefüllten Ringe sind die Eingänge zur Hölle, in welche die grasgrünen Teufel alle die hinabziehen, welche nicht an Gott Brahma glauben.«